Warum ist Gebet wichtig? Sechs Sichtweisen auf das Gebet

Chris­ten haben ganz unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen vom Gebet. Die­ser Arti­kel stellt sechs unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven vor, die zusam­men ein rei­che­res Bild des Gebets erge­ben als jede ein­zel­ne für sich könnte.

Gebet ist wichtig. Aber warum überhaupt?

Beten gehört zum Christ­sein wie das Atmen zum Leben. Jesus selbst zog sich immer wie­der zum Gebet zurück (Mk 1,35). Über die Wich­tig­keit des Gebets sind sich Chris­ten aller Kon­fes­sio­nen einig. Doch sobald wir fra­gen, wie Gebet eigent­lich funk­tio­niert und was das Wich­tigs­te dar­an ist, gehen die Ant­wor­ten aus­ein­an­der. Bewegt unser Beten Gott zum Han­deln? Oder bewegt es haupt­säch­lich uns? Ist Gebet in ers­ter Linie Bit­te, Kampf, Kla­ge, Gespräch oder Gottesdienst?

Die­se Fra­gen sind kei­ne aka­de­mi­schen Spitz­fin­dig­kei­ten. Wie wir über Gebet den­ken, prägt, wie wir beten, und ob wir es aus­hal­ten, wenn Ant­wor­ten aus­blei­ben. Die­ser Arti­kel stellt sechs unter­schied­li­che Sicht­wei­sen vor, die sich jeweils auf eine bestimm­te Funk­ti­on des Gebets kon­zen­trie­ren. Wich­tig dabei: Die­se Posi­tio­nen schlie­ßen ein­an­der nicht aus. Die Autoren, die hier zu Wort kom­men, leug­nen die ande­ren Funk­tio­nen nicht, sie set­zen nur einen bestimm­ten Schwer­punkt. Jede Sicht­wei­se beant­wor­tet aus ihrer Per­spek­ti­ve drei Fra­gen: Was ist Gebet? War­um ist es wich­tig? Und wie funk­tio­niert es? Das Ziel ist nicht, einen Gewin­ner zu küren, son­dern Ver­ständ­nis für die Viel­falt des Gebets zu schaffen.

1. Gebet unter Gottes souveräner Regie: vorherbestimmt und trotzdem wichtig (Johannes Calvin)

Was ist Gebet?

Das Gebet, wie wir es nun­mehr fas­sen, zer­fällt in zwei Tei­le: Bit­te und Dank­sa­gung. Im Bitt­ge­bet legen wir die Wün­sche unse­res Her­zens vor Gott nie­der, indem wir von Sei­ner Güte zunächst erbit­ten, was aus­schließ­lich zu Sei­nem Ruh­me dient, sodann, was auch unsern Bedürf­nis­sen zugu­te­kommt (1 Tim 2,2). (Cal­vin, Insti­tu­tio 3.1.6)

Wie funktioniert Gebet?

Gott hat ver­spro­chen, unser Gebet zu erhö­ren, wenn wir im fes­ten Glau­ben beten, unser Herz mit dem, was wir beten, über­ein­stimmt (denn rei­ne Lip­pen­ge­be­te sind ihm ein Gräu­el) und wenn das Gebet Gott ver­herr­licht (Insti­tu­tio 3.1.3). In die­ser Sicht­wei­se ist Gott völ­lig sou­ve­rän und kann daher jedes Gebet, das sei­ne Ansprü­che erfüllt, erhören.

Warum ist Gebet wichtig?

Die refor­mier­te Tra­di­ti­on betont Got­tes umfas­sen­de Sou­ve­rä­ni­tät. Johan­nes Cal­vin ver­trat die Auf­fas­sung, dass Got­tes Vor­se­hung so voll­stän­dig ist, dass nicht nur Him­mel und Erde, son­dern auch „die Gedan­ken und der Wil­le der Men­schen so gelenkt wer­den, dass sie sich genau auf der Bahn bewe­gen, die er ihnen bestimmt hat“ (Davi­son, S. 19). Hier drängt sich die Fra­ge auf: War­um über­haupt beten, wenn ohne­hin alles vor­her­be­stimmt ist?

Die klas­si­sche refor­mier­te Ant­wort hat zwei Sei­ten. Ers­tens: Gott hat nicht nur die Zie­le für alles, was geschieht, fest­ge­legt, son­dern auch die Mit­tel. Er hat ver­ord­net, dass bestimm­te Din­ge nur als Ant­wort auf Gebet gesche­hen, wobei auch die­se Gebe­te selbst in sei­nem Plan ent­hal­ten sind (Davi­son, S. 19). Unser Beten ist also ein Teil von Got­tes fest­ge­leg­tem Plan. Gebet ver­än­dert in die­ser Sicht weder Gott noch sei­nen ewi­gen Rat­schluss. Aber es ist das von Gott selbst gestif­te­te Mit­tel, durch das er wirkt.

Zwei­tens: Gebet ver­än­dert uns. Beim Gebet ent­sa­gen wir unse­ren eige­nen Wün­schen, indem wir sie dem Herrn über­ge­ben und dar­um bit­ten, dass er unse­re Nei­gun­gen, die sei­nem Wil­len wider­spre­chen, umwand­le, sodass nur rei­ne Über­ein­stim­mung mit sei­nem Wil­len in uns wir­ke (Insti­tu­tio 3.2.4). Das Gebet trans­for­miert also nicht nur unse­re äuße­ren Umstän­de, son­dern auch unse­re inne­re Aus­rich­tung. Wir wer­den von Men­schen, die ihre eige­nen Zie­le ver­fol­gen, zu sol­chen, die sich Got­tes Wil­len unter­ord­nen. Damit ist das Gebet zugleich eine Gabe für uns (wir erhal­ten, was wir erbit­ten) und eine Hin­ga­be an Gott (wir ord­nen unse­ren Wil­len dem Sei­nen unter).

2. Gebet als echte Kooperation: Fürbitte als Intervention (Dutch Sheets)

Fast das Gegen­teil der refor­mier­ten Sicht betont der cha­ris­ma­ti­sche Leh­rer Dutch Sheets in sei­nem Klas­si­ker „Für­bit­ter – die in den Riss tre­ten“. Sein Aus­gangs­punkt ist die Über­zeu­gung, dass Gott uns als sei­ne „Statt­hal­ter oder Ver­wal­ter“ auf der Erde ein­ge­setzt hat. Was auf der Erde geschieht, hängt nach Got­tes eige­ner Ent­schei­dung vom Men­schen ab (Sheets, Für­bit­ter, Kap. 2). Die­se Ent­schei­dung Got­tes ist so umfas­send und end­gül­tig, dass Gott nichts auf die­ser Erde tun kann, wenn wir als Men­schen ihm nicht eine Tür zum Wir­ken öffnen.

Obwohl Gott sou­ve­rän und all­mäch­tig ist, sagt uns die Schrift klar, dass er sich in den Ange­le­gen­hei­ten der Erde dar­auf beschränkt hat, durch Men­schen zu wir­ken. (Kap. 2.)

Was ist Gebet?

Gebet ist in die­ser Sicht ein unver­zicht­ba­res Werk­zeug, durch das wir die­se Welt im Namen Got­tes als sei­ne Ver­wal­ter regieren.

Wie funktioniert Gebet?

Als von Gott ein­ge­setz­te Ver­wal­ter die­ser Welt öff­nen wir durch unse­re Gebe­te Gott gewis­ser­ma­ßen eine Tür, um in die­ser Welt wir­ken zu kön­nen. Nach Sheets funk­tio­niert Gebet wie ein Rechts­akt: Weil Gott dem Men­schen bei der Schöp­fung die Voll­macht über die Erde anver­traut hat, bin­det er sich selbst dar­an, nur durch mensch­li­che Bit­te und Zustim­mung auf der Erde zu han­deln (Kap. 2).

Das hebräi­sche Wort für Für­bit­te, paga, bedeu­tet wört­lich „begeg­nen“ oder „auf­ein­an­der­tref­fen“ und trägt oft eine mili­tä­ri­sche Note: Der Für­bit­ten­de tritt im Gebet buch­stäb­lich zwi­schen die Not und den Him­mel, wie ein Sol­dat, der einen Riss in der Mau­er ver­tei­digt (Kap. 12). Gebet öff­net damit gewis­ser­ma­ßen eine Tür, durch die Gott sei­nen längst vor­han­de­nen Wil­len in eine kon­kre­te Situa­ti­on hin­ein­wir­ken las­sen kann. Dem­nach geben unse­re Gebe­te Gott recht­mä­ßi­gen Zugang, um in die­ser Welt wir­ken zu kön­nen (sie­he auch Hes 22,30–31).

Warum ist Gebet wichtig?

Weil ohne Gebet vie­les schlicht­weg nicht geschieht. Sheets zitiert zustim­mend John Wes­ley: „Gott tut nichts auf der Erde außer als Ant­wort auf gläu­bi­ges Gebet“ (Kap. 2). Unser Bit­ten „öff­net ihm gewis­ser­ma­ßen die Tür“; es gibt Gott Raum, das zu tun, was er längst tun will. Von allen sechs Sicht­wei­sen betont die Per­spek­ti­ve von Sheets damit ver­mut­lich am dra­ma­tischs­ten, wie not­wen­dig unser Gebet wirk­lich ist. Die­se Ver­ant­wor­tung ist zugleich eine tie­fe Wür­di­gung, denn sie schenkt uns ech­te Frei­heit, mit­zu­ge­stal­ten, was in die­ser Welt geschieht.

3. Gebet als Klage: der Weg durch den Schmerz (Ottmar Fuchs)

Der katho­li­sche Theo­lo­ge Ott­mar Fuchs betont eine ganz ande­re Funk­ti­on des Gebets: das Klagegebet.

Was ist Gebet?

Für Fuchs ist Gebet zual­ler­erst der ehr­li­che Aus­druck des­sen, was in uns vor­geht, auch wenn es Schmerz, Zwei­fel oder Ankla­ge ist. Kla­ge ist dabei kein Unglau­be, son­dern ein Akt des Ver­trau­ens: Man klagt nur dem, dem man noch etwas zutraut. Dass Jesus selbst am Kreuz mit den Wor­ten von Psalm 22 betet (Mk 15,34), eta­bliert die Kla­ge end­gül­tig als christ­li­ches Gebet.

Wie funktioniert Gebet?

Am Bei­spiel von Psalm 22 („Mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen?“) zeigt Fuchs die genia­le Struk­tur der bibli­schen Kla­ge: Sie beginnt mit der fra­gen­den Anre­de Got­tes und der Kla­ge, geht über in die Bit­te und die Schil­de­rung der Not, erin­nert sich an Got­tes frü­he­re Ret­tung (Ver­trau­en) und mün­det erstaun­lich oft in das Lob­ge­lüb­de und den Lob­preis (Fuchs, Kap. 4). Das Ziel ist die­ser soge­nann­te „Stim­mungs­um­schwung“, jene Wen­de von der Ver­zweif­lung zum Lob.

Warum ist Gebet wichtig?

Weil sich die Kla­ge als seel­sorg­li­cher Pfad erweist. Wer den Schmerz vor Gott aus­spre­chen darf, statt ihn fromm zu über­spie­len, fin­det oft gera­de dadurch zum Trost. Wer die Kla­ge über­springt, blo­ckiert die­sen Weg der Hei­lung. Fuchs kri­ti­siert dar­um eine Fröm­mig­keit, in der die Kla­ge all­mäh­lich ver­stummt und ganz in die bra­ve Bit­te ein­ge­eb­net wird (Fuchs, Kap. 5). Wo Men­schen ihre Not vor Gott nicht mehr aus­spre­chen dür­fen, ver­stum­men sie am Ende ganz, gegen­über Gott und gegen­über sich selbst.

4. Gebet als Gemeinschaft mit Gott (Dallas Willard)

Für den Phi­lo­so­phen und geist­li­chen Leh­rer Dal­las Wil­lard ist Gebet haupt­säch­lich eines: geleb­te Beziehung.

Was ist Gebet?

Für Wil­lard heißt Beten, „mit Gott über das zu reden, was wir gemein­sam tun“ (Wil­lard, The Divi­ne Con­spi­ra­cy, Kap. 7). Gebet ist damit kein reli­giö­ses Ritu­al und kei­ne Not­fall­tech­nik, son­dern das lau­fen­de Gespräch inner­halb einer Freund­schaft, in der Gott und Mensch ein gemein­sa­mes Leben tei­len. Das Bit­ten, Dan­ken und Fra­gen sind dann so etwas wie die All­tags­spra­che die­ses gemein­sa­men Lebens.

Wie funktioniert Gebet?

Nicht pri­mär durch Ergeb­nis­se, son­dern durch Prä­senz. Wer regel­mä­ßig betet, lernt, das gan­ze Leben in Got­tes Gegen­wart zu füh­ren. Erhör­te Bit­ten sind dann kei­ne Trans­ak­tio­nen, son­dern Erfah­run­gen inner­halb einer wach­sen­den Freund­schaft. Wil­lard hält dabei dar­an fest, dass Gebet etwas bewirkt. Aber die Bit­te steht nicht iso­liert. Sie ist ein­ge­bet­tet in ein Leben in Got­tes Gegen­wart, in dem das Reden mit Gott so natür­lich wird wie das Gespräch mit einem ver­trau­ten Freund.

Warum ist Gebet wichtig?

Weil der Mensch für die Gemein­schaft mit Gott geschaf­fen ist und die­se Gemein­schaft sich im Gespräch voll­zieht. Die Bezie­hung zu Gott steht für Wil­lard auf dem Spiel, wenn Gebet zur blo­ßen Pflicht­übung erstarrt. Wo das Gespräch ver­stummt, ver­küm­mert auch die Freund­schaft, aus der es eigent­lich lebt. Des­halb ist Gebet für ihn kein Anhäng­sel des geist­li­chen Lebens, son­dern des­sen Herz­stück, denn eine Freund­schaft, in der nicht gere­det wird, ist auf Dau­er kei­ne wirk­li­che Freund­schaft mehr. Wer betet, hält die­se Bezie­hung leben­dig, ganz gleich, ob eine kon­kre­te Bit­te erfüllt wird oder nicht.

5. Gebet als Transformation des Beters (Mark G. Karris)

Mark Gre­go­ry Kar­ris setzt in „Divi­ne Echo­es“ noch ein­mal anders an. Geprägt von der schmerz­haf­ten Erfah­rung unzäh­li­ger uner­hör­ter Gebe­te für sei­nen psy­chisch schwer erkrank­ten Bru­der und von Tho­mas Jay Oor­ds Theo­lo­gie der „unkon­trol­lie­ren­den Lie­be Got­tes“ kommt er zu dem Schluss: Gott ist immer schon maxi­mal lie­bend am Werk.

Was ist Gebet?

Beten ver­än­dert nicht Got­tes lie­ben­de Natur. Gott als Lie­be liebt immer und wird wei­ter lie­ben und das Wohl der gan­zen Schöp­fung suchen, auch ohne dass unse­re Gebe­te ihn dazu brin­gen müss­ten. (Kar­ris, Divi­ne Echo­es, Kap. 7)

Gebet ist für Kar­ris dar­um kein Hebel, mit dem wir Gott bewe­gen, son­dern ein Dia­log, in dem wir uns selbst für Got­tes Lie­be öff­nen, um die­se dann auch wei­ter­ge­ben zu kön­nen. Bitt­ge­bet soll sich vom Mono­log zum Dia­log wan­deln, vom Beten zu Gott hin zum Beten mit Gott, damit Gott und Mensch gemein­sam arbei­ten, um Scha­lom in die Welt zu brin­gen (Kar­ris, Ein­lei­tung und Kap. 8).

Wie funktioniert Gebet?

Nicht indem es Gott ver­än­dert oder ihm ermög­licht, etwas zu tun, was er ohne Gebet nicht tun kann, son­dern indem es uns ver­än­dert. Kar­ris zitiert den Psy­cho­lo­gen David Ben­ner: „Ich bete, um Gott ver­wan­deln­den Zugang zu mir zu geben, nicht um Gott zu beson­de­ren Gefäl­lig­kei­ten zu bewe­gen“ (Kap. 7). Und er greift das bekann­te Wort auf: „Ich glaub­te frü­her, dass Gebet die Din­ge ver­än­dert, aber jetzt weiß ich, dass Gebet uns ver­än­dert und wir die Din­ge ver­än­dern“ (Kap. 7). Statt „Gott, mach du!“ beten wir dar­um: „Gott, wie kön­nen wir es gemein­sam tun?“ (Kap. 9). Gebet zieht uns so in Got­tes Wir­ken hin­ein, gera­de weil Gott nie­man­den, auch uns nicht, gegen unse­ren Wil­len verändert.

Warum ist Gebet wichtig?

Weil es uns für Got­tes Lie­be öff­net und zu Werk­zeu­gen die­ser Lie­be in einer gefal­le­nen Welt macht. Ohne Gebet, so Kar­ris, blie­be unser Glau­be from­me Theo­rie. Erst indem wir uns im Gebet selbst ver­än­dern las­sen, wer­den wir zu Men­schen, durch die Got­tes Lie­be tat­säch­lich in die Welt hineinwirkt.

6. Gebet als Liturgie: Beten mit der ganzen Kirche (James Smith)

Die letz­te Sicht­wei­se blickt weni­ger auf das ein­zel­ne Gebet als auf das gemein­sa­me Beten der Kir­che und des­sen for­men­de Kraft. Ein moder­ner Ver­tre­ter ist der refor­mier­te Phi­lo­soph James K. A. Smith (Cal­vin Uni­ver­si­ty), der in sei­nem Buch „You Are What You Love“ (dt.: Du bist, was du liebst) die The­se ver­tritt, dass wie­der­hol­te Prak­ti­ken, also „Lit­ur­gien“, unse­re Sehn­süch­te und letzt­lich unser gan­zes Leben for­men. Lit­ur­gien sind für ihn Ritua­le, die eine „ulti­ma­ti­ve Geschich­te“ dar­über in sich tra­gen, wer wir sind und wofür wir da sind, und die dadurch, ohne dass wir es mer­ken, unser Herz aus­rich­ten (Smith, You Are What You Love, Kap. 1).

Was ist Gebet?

Für Smith gehört Gebet zu den zen­tra­len „Übungs­stät­ten des Hei­li­gen Geis­tes“. Gebet gehört, wie Gesang, Pre­digt und Abend­mahl, zu den Prak­ti­ken, durch die der Geist Got­tes uns dort abholt, wo wir sind, und uns ver­än­dert (Smith, S. 27). Die­se Sicht lässt sich mit dem spä­te­ren Grund­satz „lex oran­di, lex cre­den­di“ zusam­men­fas­sen: „Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glau­bens.“ Wie die Kir­che betet, prägt, was sie glaubt.

Wie funktioniert Gebet?

Trans­for­ma­ti­on geschieht durch das Wie­der­ho­len tief durch­dach­ter, bewähr­ter For­meln, die sich ins Herz ein­prä­gen, wie es spon­ta­ne Wor­te sel­ten schaf­fen. Smith ver­gleicht dazu zwei Sün­den­be­kennt­nis­se. Ein moder­nes, das vor allem Inhal­te ver­mit­teln will, aber „schnell wie­der ver­ges­sen“ wird, weil ihm Rhyth­mus und Klang feh­len. Und das his­to­ri­sche angli­ka­ni­sche Buß­ge­bet aus dem Book of Com­mon Pray­er, des­sen Sprach­me­lo­die sich „unter­halb der Bewusst­seins­schwel­le“ ein­prägt und das dar­um, ein­mal gehört, in der gan­zen fol­gen­den Woche bereit­liegt (Smith, S. 78–80). Sol­che über Jahr­hun­der­te gewach­se­nen Gebe­te, so Smith, prä­gen uns nicht durch das, was sie uns leh­ren, son­dern durch das, was sie mit uns tun, wenn wir sie immer wie­der sprechen.

Warum ist Gebet wichtig?

Weil fes­te, über­lie­fer­te Gebe­te jun­gen wie alten Chris­ten ein Zuhau­se geben, das nicht von der eige­nen Fröm­mig­keit oder Wil­lens­kraft abhängt. Unse­re Gebe­te prä­gen uns und beein­flus­sen dadurch unser gan­zes Leben. Wer fes­te Gebets­for­men betet, wird zugleich in einen Leib hin­ein­ge­nom­men, der älter und wei­ter ist als die eige­ne Bio­gra­fie. Fes­te Gebe­te geben uns Wor­te, wenn eige­ne feh­len, und bewah­ren uns davor, dass unser Beten nur um die eige­nen Gefüh­le kreist.

Fazit: Ein Gebet, viele Perspektiven

Die­se sechs Sicht­wei­sen las­sen sich nicht rest­los mit­ein­an­der ver­söh­nen. Ent­we­der kon­trol­liert Gott alles, was in der Welt geschieht, oder wir Men­schen haben ech­te Frei­heit, die­se Welt mit­zu­ge­stal­ten. Ent­we­der kann Gebet Got­tes über­na­tür­li­ches Wir­ken frei­set­zen oder es ver­än­dert aus­schließ­lich uns von innen. Die­se Span­nun­gen las­sen sich nicht ein­fach auflösen.

Und doch: Was die­se sechs Den­ker mit­ein­an­der ver­bin­det, ist die gemein­sa­me Über­zeu­gung, dass Gebet unver­zicht­bar ist. Die­se Einig­keit wiegt schwe­rer als die Dif­fe­ren­zen. Gebet gehört zum christ­li­chen Glau­ben wie das Atmen zum Leben.

Die Sicht­wei­sen sind nicht exklu­siv zu ver­ste­hen, viel­mehr berei­chern sie ein­an­der. Ich glau­be, wir kön­nen von jeder die­ser Sicht­wei­sen ler­nen. Wer bei Cal­vin gelernt hat, dass Gott sou­ve­rän ist, darf mit Sheets ernst neh­men, dass Gott uns ech­te Ver­ant­wor­tung gibt. Wer mit Fuchs kla­gen gelernt hat, wird mit Wil­lard die Gemein­schaft suchen, aus der die Kla­ge lebt. Wer mit Kar­ris betet, um ver­wan­delt zu wer­den, fin­det in der Lit­ur­gie Wor­te, die genau das seit Jahr­hun­der­ten tun.

Gebet ist grö­ßer als jede ein­zel­ne Theo­rie dar­über. Des­halb dür­fen wir uns dar­an erin­nern: Wir müs­sen das Gebet nicht voll­stän­dig ver­ste­hen, um damit anzu­fan­gen. Ich ende mit den Wor­ten von Paulus:

Das Ers­te und Wich­tigs­te, wozu ich die Gemein­de auf­for­de­re, ist das Gebet. (1 Tim 2,1 NGÜ)


Bibliografie

Geschrieben von
Manuel Becker

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine vier Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, liest er gern theologische Bücher oder nutzt Logos, um sich in die Bibel zu vertiefen. Aktuell promoviert Manuel im Fach Systematische Theologie an der University of Aberdeen. Im Bibel-Podcast „Jesus im Chaos“ taucht er tief in die Bibel ein, um Antworten zu finden, wie man Jesus mitten im Chaos des Lebens nachfolgen kann. Er ist der Autor des beliebten Kinderbuchs „Der große Sieg“, welches das Evangelium in einer packenden Bildergeschichte für Jung und Alt illustriert.

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Geschrieben von Manuel Becker