Die teure Gnade

Zum 120. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer

#Anmer­kung: Die­ser Arti­kel ist zuerst auf evan​ge​li​um​21​.net erschienen. 

Nach­fol­ge ist der Titel eines Wer­kes, das Diet­rich Bon­hoef­fer, gebo­ren am 4. Febru­ar 1906, als Direk­tor des Pre­di­ger­se­mi­nars Fin­ken­wal­de ver­fasst hat. Fin­ken­wal­de war eins von drei Semi­na­ren, in denen mehr oder weni­ger im Unter­grund Pre­di­ger von der Beken­nen­den Kir­che aus­ge­bil­det wur­den. Es stand unter Beob­ach­tung der Gesta­po und wur­de 1937 geschlos­sen. Bon­hoef­fer führ­te zwar im Unter­grund das Semi­nar noch wei­ter. Doch 1940 wur­de es von den Nazis end­gül­tig aufgelöst.

Wahr­schein­lich hat­te Bon­hoef­fer sich schon vor 1933 inten­siv mit dem The­ma Nach­fol­ge beschäf­tigt. Laut Eber­hard Beth­ge, dem engs­ten Freund von Diet­rich Bon­hoef­fer, geht das Manu­skript auf Kur­se zurück, die in Fin­ken­wal­de gehal­ten wur­den und spä­ter struk­tu­rell über­ar­bei­tet wor­den sind. Das Manu­skript konn­te vom Ver­lag Kai­ser in Mün­chen zum 1. Advent 1937 her­aus­ge­ge­ben wer­den. Es war das letz­te und umfang­reichs­te Werk, das Bon­hoef­fer zu Leb­zei­ten abge­schlos­sen hat.

Diet­rich Bon­hoef­fer woll­te mit sei­ner Aus­le­gung der Berg­pre­digt die refor­ma­to­ri­sche Recht­fer­ti­gungs­leh­re wie­der ins Bewusst­sein rufen und grenz­te sich dabei sowohl von einer Werk­ge­rech­tig­keit als auch von einer Recht­fer­ti­gung ohne Hei­li­gung ab. Beson­ders scharf ist die Pole­mik gegen eine Recht­fer­ti­gung der Sün­de ohne Hei­li­gung. Bon­hoef­fer kann schrei­ben: „Das Wort von der bil­li­gen Gna­de hat mehr Chris­ten zugrun­de gerich­tet als irgend­ein Gebot der Wer­ke.“1 Bil­li­ge Gna­de heißt für Bon­hoef­fer „Gna­de als Leh­re, als Prin­zip, als Sys­tem, heißt Sün­den­ver­ge­bung als all­ge­mei­ne Wahr­heit, heißt Lie­be Got­tes als christ­li­che Got­tes­idee“.2 „Bil­li­ge Gna­de heißt Recht­fer­ti­gung der Sün­de und nicht des Sün­ders. Weil Gna­de doch alles allein tut, dar­um kann alles beim alten blei­ben.“
3

Die­ser bil­li­gen Gna­de stellt Bon­hoef­fer die teu­re Gna­de gegen­über. Teu­re Gna­de ist das Evan­ge­li­um, das immer wie­der gesucht, die Gabe, um die gebe­ten, die Tür, an die ange­klopft wer­den muß. „Teu­er ist sie, weil sie in die Nach­fol­ge ruft, Gna­de ist sie, weil sie in die Nach­fol­ge Jesu Chris­ti ruft; teu­er ist sie, weil sie dem Men­schen das Leben kos­tet, Gna­de ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teu­er ist sie, weil sie die Sün­de ver­dammt, Gna­de, weil sie den Sün­der recht­fer­tigt. Teu­er ist die Gna­de vor allem dar­um, weil sie Gott teu­er gewe­sen ist, weil sie Gott das Leben sei­nes Soh­nes gekos­tet hat – ‚ihr seid teu­er erkauft‘ –, und weil uns nicht bil­lig sein kann, was Gott teu­er ist. Gna­de ist sie vor allem dar­um, weil Gott sein Sohn nicht zu teu­er war für unser Leben, son­dern ihn für uns hin­gab. Teu­re Gna­de ist Mensch­wer­dung Got­tes.“3

Anläss­lich des 120. Geburts­tags von Diet­rich Bon­hoef­fer geben wir nach­fol­gend einen Aus­zug aus dem ers­ten Kapi­tel aus dem Buch Nach­fol­ge wie­der, das mit „Die teu­re Gna­de“ über­schrie­ben ist.4

Die teure Gnade

Bil­li­ge Gna­de ist der Tod­feind unse­rer Kir­che. Unser Kampf heu­te geht um die teu­re Gna­de. Bil­li­ge Gna­de heißt Gna­de als Schleu­der­wa­re, ver­schleu­der­te Ver­ge­bung, ver­schleu­der­ter Trost, ver­schleu­der­tes Sakra­ment; Gna­de als uner­schöpf­li­che Vor­rats­kam­mer der Kir­che, aus der mit leicht­fer­ti­gen Hän­den beden­ken­los und gren­zen­los aus­ge­schüt­tet wird; Gna­de ohne Preis, ohne Kos­ten. Das sei ja gera­de das Wesen der Gna­de, daß die Rech­nung im vor­aus für alle Zeit begli­chen ist. Auf die gezahl­te Rech­nung hin ist alles umsonst zu haben. Unend­lich groß sind die auf­ge­brach­ten Kos­ten, unend­lich groß daher auch die Mög­lich­kei­ten des Gebrauchs und der Ver­schwen­dung. Was wäre auch Gna­de, die nicht bil­li­ge Gna­de ist?

Bil­li­ge Gna­de heißt Gna­de als Leh­re, als Prin­zip, als Sys­tem; heißt Sün­den­ver­ge­bung als all­ge­mei­ne Wahr­heit, heißt Lie­be Got­tes als christ­li­che Got­tes­idee. Wer sie bejaht, der hat schon Ver­ge­bung sei­ner Sün­den. Die Kir­che die­ser Gna­den­leh­re ist durch sie schon der Gna­de teil­haf­tig. In die­ser Kir­che fin­det die Welt bil­li­ge Bede­ckung ihrer Sün­den, die sie nicht bereut und von denen frei zu wer­den sie erst recht nicht wünscht. Bil­li­ge Gna­de ist dar­um Leug­nung des leben­di­gen Wor­tes Got­tes, Leug­nung der Mensch­wer­dung des Wor­tes Gottes.

Bil­li­ge Gna­de heißt Recht­fer­ti­gung der Sün­de und nicht des Sün­ders. Weil Gna­de doch alles allein tut, dar­um kann alles beim alten blei­ben. „Es ist doch unser Tun umsonst“. Welt bleibt Welt, und wir blei­ben Sün­der „auch in dem bes­ten Leben“. Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stel­le sich der Welt in allen Din­gen gleich und unter­fan­ge sich ja nicht – bei der Ket­ze­rei des Schwär­mer­tums! – unter der Gna­de ein ande­res Leben zu füh­ren als unter der Sün­de! Er hüte sich gegen die Gna­de zu wüten, die gro­ße, bil­li­ge Gna­de zu schän­den und neu­en Buch­sta­ben­dienst auf­zu­rich­ten durch den Ver­such eines gehor­sa­men Lebens unter den Gebo­ten Jesu Chris­ti! Die Welt ist durch Gna­de gerecht­fer­tigt, dar­um – um des Erns­tes die­ser Gna­de wil­len!, um die­ser uner­setz­li­chen Gna­de nicht zu wider­stre­ben! – lebe der Christ wie die übri­ge Welt! Gewiß, er wür­de gern ein Außer­or­dent­li­ches tun, es ist für ihn unzwei­fel­haft der schwers­te Ver­zicht, dies nicht zu tun, son­dern welt­lich leben zu müs­sen. Aber er muß den Ver­zicht leis­ten, die Selbst­ver­leug­nung üben, sich von der Welt mit sei­nem Leben nicht zu unter­schei­den. Soweit muß er die Gna­de wirk­lich Gna­de sein las­sen, daß er der Welt den Glau­ben an die­se bil­li­ge Gna­de nicht zer­stört. Der Christ aber sei in sei­ner Welt­lich­keit, in die­sem not­wen­di­gen Ver­zicht, den er um der Welt – nein, um der Gna­de wil­len! – leis­ten muß, getrost und sicher (secu­rus) im Besitz die­ser Gna­de, die alles allein tut. Also, der Christ fol­ge nicht nach, aber er trös­te sich der Gna­de! Das ist bil­li­ge Gna­de als Recht­fer­ti­gung der Sün­de, aber nicht als Recht­fer­ti­gung des buß­fer­ti­gen Sün­ders, der von sei­ner Sün­de läßt und umkehrt; nicht Ver­ge­bung der Sün­de, die von der Sün­de trennt. Bil­li­ge Gna­de ist die Gna­de, die wir mit uns selbst haben. Bil­li­ge Gna­de ist Pre­digt der Ver­ge­bung ohne Buße, ist Tau­fe ohne Gemein­de­zucht, ist Abend­mahl ohne Bekennt­nis der Sün­den, ist Abso­lu­ti­on ohne per­sön­li­che Beich­te. Bil­li­ge Gna­de ist Gna­de ohne Nach­fol­ge, Gna­de ohne Kreuz, Gna­de ohne den leben­di­gen, mensch­ge­wor­de­nen Jesus Christus.

Teu­re Gna­de ist der ver­bor­ge­ne Schatz im Acker, um des­sent­wil­len der Mensch hin­geht und mit Freu­den alles ver­kauft, was er hat­te; die köst­li­che Per­le, für deren Preis der Kauf­mann alle sei­ne Güter hin­gibt; die Königs­herr­schaft Chris­ti, um derent­wil­len sich der Mensch das Auge aus­reißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Chris­ti, auf den hin der Jün­ger sei­ne Net­ze ver­läßt und nach­folgt. Teu­re Gna­de ist das Evan­ge­li­um, das immer wie­der gesucht, die Gabe, um die gebe­ten, die Tür, an die ange­klopft wer­den muß. Teu­er ist sie, weil sie in die Nach­fol­ge ruft, Gna­de ist sie, weil sie in die Nach­fol­ge Jesu Chris­ti ruft; teu­er ist sie, weil sie dem Men­schen das Leben kos­tet, Gna­de ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teu­er ist sie, weil sie die Sün­de ver­dammt, Gna­de, weil sie den Sün­der recht­fer­tigt. Teu­er ist die Gna­de vor allem dar­um, weil sie Gott teu­er gewe­sen ist, weil sie Gott das Leben sei­nes Soh­nes gekos­tet hat – „ihr seid teu­er erkauft“ –, und weil uns nicht bil­lig sein kann, was Gott teu­er ist. Gna­de ist sie vor allem dar­um, weil Gott sein Sohn nicht zu teu­er war für unser Leben, son­dern ihn für uns hin­gab. Teu­re Gna­de ist Mensch­wer­dung Gottes.

Teu­re Gna­de ist Gna­de als das Hei­lig­tum Got­tes, das vor der Welt behü­tet wer-den muß, das nicht vor die Hun­de gewor­fen wer­den darf, sie ist dar­um Gna­de als leben­di­ges Wort, Wort Got­tes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnä­di­ger Ruf in die Nach­fol­ge Jesu, es kommt als ver­ge­ben­des Wort zu dem geängs­te­ten Geist und dem zer­schla­ge­nen Her­zen. Teu­er ist die Gna­de, weil sie den Men­schen unter das Joch der Nach­fol­ge Jesu Chris­ti zwingt, Gna­de ist es, daß Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft und mei­ne Last ist leicht.“

Zwei­mal ist an Petrus der Ruf ergan­gen: Fol­ge mir nach! Es war das ers­te und das letz­te Wort Jesu an sei­nen Jün­ger (Mar­kus 1,17; Joh. 21,22). Sein gan­zes Leben liegt zwi­schen die­sen bei­den Rufen. Das ers­te­mal hat­te Petrus am See Gene­za­reth auf Jesu Ruf hin sei­ne Net­ze, sei­nen Beruf ver­las­sen und war ihm aufs Wort nach­ge­folgt. Das letz­te­mal trifft ihn der Auf­er­stan­de­ne in sei­nem alten Beruf, wie­der­um am See Gene­za­reth, und noch ein­mal heißt es: Fol­ge mir nach! Dazwi­schen lag ein gan­zes Jün­ger­le­ben in der Nach­fol­ge Chris­ti. In sei­ner Mit­te stand das Bekennt­nis zu Jesus als dem Chris­tus Got­tes. Es ist dem Petrus drei­mal ein und das­sel­be ver­kün­digt, am Anfang, am Ende und in Cäsarea Phil­ip­pi, näm­lich daß Chris­tus sein Herr und Gott sei. Es ist die­sel­be Gna­de Chris­ti, die ihn ruft: Fol­ge mir nach! und die sich ihm offen­bart im Bekennt­nis zum Soh­ne Gottes.

Es war ein drei­fa­ches Anhal­ten der Gna­de auf dem Wege des Petrus, die Eine Gna­de drei­mal ver­schie­den ver­kün­digt; so war sie Chris­ti eige­ne Gna­de, und gewiß nicht Gna­de, die der Jün­ger sich selbst zusprach. Es war die­sel­be Gna­de Chris­ti, die den Jün­ger über­wand, alles zu ver­las­sen um der Nach­fol­ge wil­len, die in ihm das Bekennt­nis wirk­te, das aller Welt eine Läs­te­rung schei­nen muß­te, die den untreu­en Petrus in die letz­te Gemein­schaft des Mar­ty­ri­ums rief und ihm damit alle Sün­den ver­gab. Gna­de und Nach­fol­ge gehö­ren für das Leben des Petrus unauf­lös­lich zusam­men. Er hat­te die teu­re Gna­de empfangen.

  1. Diet­rich Bon­hoef­fer, Nach­fol­ge, Bd. 4, DBW, Güters­loh: Güters­lo­her Ver­lags­haus, 2015, S. 42. ↩︎
  2. Diet­rich Bon­hoef­fer, Nach­fol­ge, 2015, S. 29. ↩︎
  3. Diet­rich Bon­hoef­fer, Nach­fol­ge, 2015, S. 29. ↩︎
  4. Diet­rich Bon­hoef­fer, Nach­fol­ge, 2015, S. 30–31. ↩︎
  5. Der Aus­zug wird zitiert nach: https://​www​.evan​ge​li​scher​-glau​be​.de/​b​o​n​h​o​e​f​f​e​r​-​n​a​c​h​f​o​l​g​e​/​b​o​n​h​o​e​f​f​e​r​-​d​i​e​-​t​e​u​r​e​-​g​n​a​de/ (Stand: 14.10.25). ↩︎

Geschrieben von
Ron Kubsch
Alle Artikel anzeigen

Your email address has been added

Geschrieben von Ron Kubsch