Wie wird der Himmel sein? Drei unterschiedliche Perspektiven.

Was erwar­tet uns nach dem Tod? Die­se Fra­ge ist zu wich­tig, um sie mit vagen Ant­wor­ten abzu­spei­sen. Die­ser Arti­kel stellt drei Sicht­wei­sen auf den Him­mel vor, die zum Nach­den­ken ein­la­den und Freu­de auf das zukünf­ti­ge Leben mit Gott ent­fa­chen.

Der Tod hat seinen Stachel verloren – glauben wir das noch?

Bis heu­te bestau­nen wir oft den Mut der ers­ten Chris­ten. Sie haben sich treu zu Jesus gestellt, selbst wenn es für sie den Tod in der Are­na bedeu­tet hat. Auf dem Weg zur Hin­rich­tung, schrieb Igna­ti­us von Antio­chi­en (ca. 35–107 n. Chr.) in sei­nem Brief an die Römer (Kapi­tel 4–5):

Ich schrei­be an alle Gemein­den und tra­ge allen auf, dass ich ger­ne für Gott ster­be, […] Lasst mich das Fut­ter für die wil­den Tie­re sein, durch die ich zu Gott gelange.“

Die ers­ten Chris­ten hat­ten kei­ne Angst vor dem Tod. Das war weder Nai­vi­tät noch Ver­drän­gung – es lag an einer tie­fen theo­lo­gi­schen Über­zeu­gung: Durch sei­ne Auf­er­ste­hung hat Jesus den Tod besiegt. Pau­lus fasst die­se Über­zeu­gung mit den bekann­ten Wor­ten zusam­men: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Sta­chel?“ (1 Kor 15,55). Die­se Men­schen leb­ten in einer Welt vol­ler Ver­fol­gung, Krank­heit und Gewalt – und doch spra­chen sie offen, ja fast freu­dig über den Tod. Sie waren fel­sen­fest über­zeugt: Der Tod hat nicht das letz­te Wort.

Heu­te ist das anders. Der Tod ist in unse­rer Gesell­schaft ein Tabu­the­ma. Man spricht nicht dar­über beim Abend­essen. Der Tod macht uns Angst, und des­halb ver­su­chen wir alles Mög­li­che, so lan­ge zu leben, wie wir kön­nen. Was mich trau­rig macht, ist, dass ich die­se Angst vor dem Tod nicht nur in der Welt, son­dern genau­so unter Chris­ten entdecke.

War­um das so ist, lässt sich schwer mit Sicher­heit sagen. Aber ich ver­mu­te, es hat teil­wei­se damit zu tun, dass wir nicht genug über den Him­mel reden und des­halb kei­ne Vor­stel­lung vom Him­mel haben, auf die wir uns wirk­lich freu­en kön­nen. Wenn die Ant­wort auf die Fra­ge „Was wer­den wir im Him­mel tun?“ lau­tet: „Den gan­zen Tag Gott Lob­lie­der sin­gen“ – dann kann ich ver­ste­hen, dass selbst über­zeug­te Chris­ten die­se Aus­sicht mit einer gewis­sen Ambi­va­lenz betrach­ten. Gott anzu­be­ten ist klas­se, aber in alle Ewig­keit Lie­der zu sin­gen, klingt dann doch nicht so attrak­tiv, wenn ich ehr­lich bin.

Ich glau­be, es tut uns gut, eine ganz neue Neu­gier auf das The­ma zu ent­wi­ckeln. Die Bibel sagt mehr über das ewi­ge Leben, als wir oft den­ken – und Theo­lo­gen haben seit Jahr­hun­der­ten über die­se Fra­gen nach­ge­dacht. Die fol­gen­den drei Per­spek­ti­ven, die in der evan­ge­li­ka­len, biblisch-theo­lo­gi­schen und katho­li­schen Tra­di­ti­on ver­wur­zelt sind, sol­len zei­gen, wie reich und viel­schich­tig das christ­li­che Nach­den­ken über den Him­mel sein kann.

Sie sind nicht das letz­te Wort. Aber sie sol­len Anstoß geben, neu über die Hoff­nung nach­zu­den­ken, die wir im Evan­ge­li­um haben. Sie sol­len uns ganz neu Lust auf unse­re ewi­ge Zukunft bei Gott machen, damit wir mit Pau­lus von Her­zen bezeu­gen kön­nen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“

Die drei Per­spek­ti­ven sind dem Buch „Four Views of Hea­ven“ (erschie­nen in der belieb­ten Coun­ter­points-Rei­he) ent­nom­men.

Perspektive 1: Der Himmel als verherrlichter Neuanfang (eine evangelikale Sicht)

Die­se Sicht­wei­se ver­tritt eine klas­sisch dis­pen­sa­tio­na­lis­ti­sche Posi­ti­on und ist beson­ders unter evan­ge­li­ka­len Chris­ten weit­ver­brei­tet. Nach dem Tod ver­bringt die See­le des Gläu­bi­gen einen Zwi­schen­zu­stand in Got­tes Gegen­wart – bewusst, aber noch ohne Leib (Lk 16,23). Die­ser Zustand ist bereits gut, aber noch nicht voll­stän­dig. Nach einer sie­ben­jäh­ri­gen Trüb­sal­zeit wird Chris­tus zurück­keh­ren; es folgt ein tau­send­jäh­ri­ges Frie­dens­reich Chris­ti auf der gegen­wär­ti­gen Erde (das Mill­en­ni­um), danach das Gericht am gro­ßen wei­ßen Thron.

Für das Gericht wer­den alle Toten auf­er­weckt und mit ihren ver­herr­lich­ten Lei­bern ver­eint. Die, die Gott in die­ser Welt abge­lehnt haben, wer­den von ihm ewig­lich getrennt wer­den (2 Thess. 1,9). Die bestehen­de Schöp­fung wird zer­stört (2 Petrus 3,10), und Gott wird eine voll­kom­men neue Welt schaf­fen. Das End­ziel aller Chris­ten ist die­se neue Erde. Unse­re ver­herr­lich­ten Lei­ber wer­den unzer­stör­bar sein, unfä­hig zu sün­di­gen, frei von Krank­heit, Schmerz und Tod.

Was werden wir im Himmel tun?

Wir wer­den Gott durch Gesang, durch unse­re Taten und durch unser gan­zes Leben anbe­ten. Die Anbe­tung Got­tes bil­det den Kern; dane­ben wer­den wir Gemein­schaft mit Gläu­bi­gen aller Zei­ten haben, geis­ti­ges Wachs­tum suchen und womög­lich sogar Lek­tü­ren aus himm­li­schen Biblio­the­ken lesen – denn auch ver­herr­lich­te Men­schen sind nicht plötz­lich all­wis­send. Es gibt also wei­ter­hin etwas zu ler­nen, zu ent­de­cken und zu verstehen.

Wir wer­den essen und trin­ken und es wird Fest­mah­le und Fei­ern geben (Lk. 22,18; Offb. 19,9). Die Unter­schie­de zwi­schen Kul­tu­ren und Natio­na­li­tä­ten wer­den nicht mehr so wich­tig sein. Viel­leicht wer­den wir rei­sen – nicht nur auf der neu­en Erde, son­dern durch die gesam­te neue Schöp­fung, die even­tu­ell ein neu­es Uni­ver­sum umfasst. Das sind Spe­ku­la­tio­nen, gewiss. Aber sie zei­gen: Die­se Per­spek­ti­ve rech­net mit einem Him­mel, der viel­fäl­ti­ger ist als ein ewi­ger Lob­preis­got­tes­dienst. Gott Vater und den Hei­li­gen Geist als rei­ne Geist­we­sen wer­den wir nicht mit den Augen sehen; wohl aber den auf­er­stan­de­nen Jesus in sei­ner ver­herr­lich­ten mensch­li­chen Natur.

Das Kenn­zei­chen die­ser Sicht ist eine gewis­se Dis­kon­ti­nui­tät: Das Neue über­steigt das Alte so radi­kal, dass wir noch kei­ne wirk­li­che Vor­stel­lung davon haben kön­nen. Der Him­mel ist nicht ein­fach ein ver­län­ger­tes Dies­seits. Er ist ein Neu­an­fang – mit den­sel­ben Per­so­nen, aber in einer Wirk­lich­keit, die alles bis­her Bekann­te übersteigt.

Perspektive 2: Der Himmel als Vollendung dieser Erde (eine biblisch-theologische Sicht)

Eine ande­re, in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zuneh­mend ein­fluss­rei­che Sicht­wei­se stellt das Ver­hält­nis zwi­schen die­ser und der kom­men­den Welt ganz anders dar. Die­se Sicht liest die Bibel durch die Bril­le einer umfas­sen­den kos­mi­schen Erlö­sung. Die­se Sicht nimmt es ernst, dass Got­tes Ziel ist, das gesam­te Uni­ver­sum unter der Herr­schaft Jesu zu ver­söh­nen (Apg. 3,21; Kol. 1,16–20; Eph. 1,10). Dies führt zu der Fra­ge: Was hat Gott mit der Schöp­fung vor? Und die Ant­wort lau­tet: Er zer­stört sie nicht – er erlöst sie.

Die­se Welt wird als Got­tes „kos­mi­scher Tem­pel“ ver­stan­den: Schon im Alten Tes­ta­ment ist der Him­mel Got­tes Thron und die Erde sein Fuß­sche­mel (Jes 66,1). Die gesam­te Heils­ge­schich­te zielt dar­auf, dass Got­tes Herr­lich­keit den gan­zen Erd­kreis erfüllt – wie die Was­ser das Meer bede­cken (Hab 2,14). Die neue Schöp­fung ist die Voll­endung die­ses Plans, nicht sein Abbruch.

Alles beginnt mit dem Auf­trag, den Gott dem Men­schen bei der Schöp­fung gibt: Bild Got­tes zu sein, sei­ne Herr­lich­keit in die Welt hin­ein­zu­tra­gen, die Erde zu gestal­ten und zu kul­ti­vie­ren, eine Welt zu schaf­fen, in der alle Men­schen gut leben kön­nen. Die­se Beru­fung wur­de durch Sün­de blo­ckiert – aber nicht annul­liert. Wenn Chris­tus wie­der­kommt und die Sün­de aus der Schöp­fung besei­tigt, kann der Mensch end­lich das tun, wozu er von Anfang an bestimmt war; er wird sei­ne ursprüng­li­che Bestim­mung end­lich unge­hin­dert leben können.

Das klingt zunächst abs­trakt, hat aber ganz kon­kre­te Kon­se­quen­zen. Die­se Per­spek­ti­ve rech­net damit, dass mensch­li­che Kul­tu­ren, die Wer­ke, die wir tun, und tie­fe Bezie­hun­gen nicht ein­fach mit dem Tod enden und ver­schwin­den. Offen­ba­rung 21,24–26 erwähnt, dass die Köni­ge der Erde ihre Herr­lich­keit in das neue Jeru­sa­lem hin­ein­tra­gen wer­den. Das ist kein neben­säch­li­cher Vers – er deu­tet an, dass das Gute, das Men­schen in der Geschich­te geschaf­fen haben, irgend­wie Bestand haben wird. Nicht in der Form von Muse­ums­expo­na­ten, son­dern als leben­di­ge Sub­stanz der neu­en Schöpfung.

Was werden wir demnach konkret im Himmel tun?

Was wir auf der neu­en Erde tun wer­den, ent­spricht dem, wozu wir ursprüng­lich geschaf­fen wur­den: Kul­tu­ren zu erschaf­fen, in denen es allen Men­schen gut geht und in denen Got­tes Scha­lom regiert, Gemein­schaft mit Gott und Geschwis­tern zu haben und die Ent­fal­tung mensch­li­cher Poten­zia­le zu Got­tes Ehre. Dadurch wird unser gan­zes Leben Gott anbe­ten. Wir wer­den als leib­lich-unsterb­li­che Men­schen auf­er­ste­hen. Der „geist­li­che Leib“, von dem Pau­lus schreibt (1 Kor 15), meint kei­nen kör­per­lo­sen Geist­leib – der auf­er­stan­de­ne Chris­tus aß Fisch, ließ sich berüh­ren, war erkenn­bar als der­sel­be Mensch.

Das Kenn­zei­chen die­ser Sicht ist Kon­ti­nui­tät: Die­se Erde und die neue Erde ste­hen in ech­ter Ver­bin­dung zuein­an­der. Was heu­te in Treue und Lie­be getan wird, hat ewi­ge Bedeu­tung. Das gibt dem gegen­wär­ti­gen Leben ein ganz eige­nes Gewicht – Escha­to­lo­gie wird zur Ethik. Wer glaubt, dass Gott die­se Schöp­fung erneu­ert, wird sie bewah­ren, statt sie auszubeuten.

Die­se Sicht betont auch, dass bibli­sche Spra­che über die Zukunft weit­ge­hend bild­haft und sym­bo­lisch ist. Sie befrie­digt unse­re Neu­gier nicht voll­stän­dig – und das ist gut so. Escha­to­lo­gie ist in ers­ter Linie ethisch. Der Sinn escha­to­lo­gi­scher Spra­che ist nicht, uns einen Fahr­plan zu geben, son­dern Moti­va­ti­on, schon heu­te in die­se Rich­tung zu leben.

Perspektive 3: Der Himmel als Gottesschau (eine katholische Sicht)

Die­se Per­spek­ti­ve betont: Wir sind für den Him­mel gemacht. Die Erde ist wie eine Gebär­mut­ter: der Ort, an dem das eigent­li­che Leben vor­be­rei­tet wird, aber nicht statt­fin­det. Oder wie eine Rei­se zur Hei­mat: wert­voll, aber nicht das Ziel selbst. Den Him­mel als Ziel zu sehen, ist wich­tig, denn wer weiß, wohin die Rei­se führt, lebt die Rei­se anders.

Was werden wir im Himmel tun?

Die­se Sicht iden­ti­fi­ziert zwei Grund­fä­hig­kei­ten des Men­schen, die ihn zum Eben­bild Got­tes machen: erken­nen und lie­ben. Und es gibt drei Objek­te, die des Erken­nens und Lie­bens um ihrer selbst wil­len wür­dig sind: Gott, der Nächs­te und man selbst.

Das Pro­gramm des Him­mels ist dem­nach: Gott erken­nen und lie­ben. Den Nächs­ten erken­nen und lie­ben. Sich selbst erken­nen und lie­ben. Die­se sechs Tätig­kei­ten fal­len in die­ser gefal­le­nen Welt oft schwer, aber sie wer­den im Him­mel die Quel­le tie­fer Freu­de und Voll­kom­men­heit sein. Hier ken­nen wir uns selbst kaum. Wir ken­nen ande­re nur ober­fläch­lich. Wir ken­nen Gott nur in Bil­dern und Gleich­nis­sen. Im Him­mel wird das anders sein: „Jetzt erken­ne ich stück­wei­se; dann aber wer­de ich erken­nen, wie ich erkannt bin“ (1 Kor 13,12).

Dabei ist das Erken­nen und Lie­ben Got­tes nicht eine Akti­vi­tät neben den ande­ren, son­dern ihr Fun­da­ment und ihr Ziel. Die Gemein­schaft der Hei­li­gen – Men­schen aller Zei­ten und Kul­tu­ren, alle in Chris­tus ver­eint – wird der Raum sein, in dem die­se Erkennt­nis immer tie­fer wird. Jeder Mensch wur­de erschaf­fen, um einen ein­zig­ar­ti­gen Aspekt der gött­li­chen Schön­heit zu sehen und zu benen­nen, den kein ande­rer so sehen kann. Der Him­mel ist also auch: ein­an­der erzäh­len, was jeder von Gott gese­hen hat. Ein ewi­ges, sich ver­tie­fen­des Gespräch, von dem irdi­sche Kunst und Phi­lo­so­phie nur blas­se Vor­bil­der sind.

Wei­ter­hin wer­den wir alles machen, was wir in die­ser Welt ger­ne tun, aber in einer ver­herr­lich­ten Ver­si­on davon. Die Tren­nung zwi­schen „hei­lig“ und „welt­lich“, zwi­schen Got­tes­dienst und All­tag, zwi­schen Gebet und Arbeit, wird auf­ge­ho­ben sein. Sur­fen, Kochen, Hob­bys aus­le­ben wer­den zugleich Anbe­tung sein. Nicht weil man dabei Lob­preis­lie­der singt, son­dern weil jede Hand­lung von der Gegen­wart Got­tes voll­stän­dig durch­drun­gen ist.

Die Fra­ge „Mache ich gera­de Got­tes­dienst oder etwas ande­res?“ wird sich erüb­ri­gen. Das ist kein from­mer Gedan­ke am Ran­de. Es ist eine Aus­sa­ge über das Wesen des Men­schen: Der Mensch besteht nicht aus einer „geist­li­chen“ und einer „welt­li­chen“ Hälf­te. Im Him­mel wird die­se inne­re Spal­tung, die Fol­ge der Sün­de ist, end­gül­tig über­wun­den sein. Leib und See­le wer­den in voll­kom­me­ner Ein­heit sein.

Wir können nichts verpassen

Einer der tröst­lichs­ten Gedan­ken die­ser Sicht: Im Him­mel wird Gott alles gerad­bie­gen, was in die­sem Leben schief­ge­lau­fen ist. Was wir hier ver­passt haben, kann Gott uns dort nach­träg­lich schenken.

Hier kann man an Eltern den­ken, die früh ein Kind ver­lo­ren haben. Im Him­mel wer­den sie die­ses Kind nicht nur als das klei­ne Wesen ken­nen­ler­nen, das es war – sie wer­den es auf­wach­sen sehen und alle Stu­fen des Groß­wer­dens begleiten.

Wer in die­sem Leben unter Miss­brauch, Behin­de­rung, Krank­heit, Unter­drü­ckung usw. gelit­ten hat, ver­passt nichts. Gott sieht die­ses Unrecht und wird für Recht sor­gen. Der christ­li­che Schrift­stel­ler Tom Howard schreibt in sei­nem Buch „Christ the Tiger“:

Ich [Gott] stel­le die Jah­re wie­der her, die die Heu­schre­cken und Wür­mer gefres­sen haben. Ich gebe dir die Sin­fo­nien zurück, die dei­ne tau­ben Ohren nie gehört haben, die schnee­be­deck­ten Gip­fel, die dei­ne blin­den Augen nie gese­hen haben, die Frei­heit, die dir durch Unter­drü­ckung geraubt wurde.”

Das ist kein bil­li­ger Trost. Das ist eine theo­lo­gi­sche Aus­sa­ge über den Cha­rak­ter Got­tes: Er wird für Gerech­tig­keit sor­gen, das Böse bezwin­gen und Recht für alle herstellen.

Das Fegefeuer: Reinigung, nicht Strafe

Das mar­kan­tes­te Allein­stel­lungs­merk­mal der katho­li­schen Posi­ti­on ist das Fege­feu­er (Pur­ga­to­ri­um). Nicht als Straf­ort, son­dern als not­wen­di­ge Rei­ni­gung auf dem Weg in die Gegen­wart Got­tes. Das Argu­ment ist im Grun­de ein­fach: Offen­ba­rung 21,27 sagt, dass nichts Unrei­nes ins neue Jeru­sa­lem ein­tre­ten wird. Jesus hat es mög­lich gemacht, dass wir erret­tet wer­den kön­nen, aber dies macht uns nicht auto­ma­tisch voll­kom­men per­fekt, weil Gott uns nicht einer Gehirn­wä­sche unter­zie­hen wird.

Unse­re Hei­li­gung ist ein Pro­zess – und der ist beim Tod der meis­ten Men­schen nicht abge­schlos­sen und wird auch dann nicht in einem Moment gesche­hen. Wir müs­sen durch einen Pro­zess von unse­ren ego­is­ti­schen Nei­gun­gen gerei­nigt wer­den. Das Fege­feu­er ist der Name für die­sen heil­sa­men Pro­zess. C. S. Lewis stellt sich in „Let­ters to Mal­colm“ den Moment vor, wenn wir dann vor Gott ste­hen und er zu uns spricht:

Es ist wahr, mein Sohn, dass dein Atem stinkt und dei­ne Lum­pen vor Schlamm und Schleim trie­fen, aber wir sind hier barm­her­zig, und nie­mand wird dir die­se Din­ge vor­wer­fen oder sich von dir abwen­den. Tritt ein in die Freu­de.“ Soll­ten wir nicht ant­wor­ten: „Mit Demut, Herr, und wenn es kei­ne Ein­wän­de gibt, möch­te ich lie­ber zuerst gerei­nigt wer­den.“ „Es könn­te weh­tun, weißt du“ – „Trotz­dem, Herr.“

Das Fege­feu­er ist dem­nach kein drit­ter End­zu­stand neben Him­mel und Höl­le. Es ist der Ein­gang des Him­mels. Das Bad vor dem Fest­mahl, die Rei­ni­gung vor der Hoch­zeit. Gott rei­nigt uns nicht, weil er unse­ren Schmutz nicht ertra­gen kann, son­dern weil er uns die vol­le Tie­fe der Gemein­schaft schen­ken will – und dafür müs­sen wir bereit sein.

Die mit­tel­al­ter­li­che Mys­ti­ke­rin Katha­ri­na von Genua, die von ihren Visio­nen die­ses Rei­ni­gungs­pro­zes­ses berich­tet, schreibt in ihrem Trat­ta­to del Pur­ga­to­rio („Trak­tat über das Fegefeuer“):

Die See­len im Fege­feu­er lei­den – aber sie lei­den aus Lie­be. Die Lie­be zu Gott, die sie erfüllt, treibt sie vor­wärts; der ein­zi­ge Schmerz ist die noch nicht voll­ende­te Ver­ei­ni­gung. Und die­se Lie­be erzeugt eine Freu­de, die grö­ßer ist als jede irdi­sche Freu­de – selbst inmit­ten des Schmerzes.

Oder um ein ande­res Bild zu ver­wen­den: Gold wird durch Feu­er geläu­tert. Je län­ger es im Feu­er ist, des­to rei­ner wird es – bis kein Ver­un­rei­ni­gen­des mehr übrig ist. Got­tes rei­ni­gen­des Feu­er rei­nigt uns von aller Sün­de, die noch an uns haf­tet, und bringt dabei unse­re wah­re Natur her­vor. Das Fege­feu­er ist dem­nach nicht Got­tes Straf­ge­richt. Es ist Got­tes Lie­be, die an uns arbei­tet, sein hei­len­des und wie­der­her­stel­len­des Wir­ken, bis wir voll­kom­men rein sind.

Fazit: Warum das alles wichtig ist

Wir sind nicht die ers­ten Chris­ten, die über die­se Fra­gen nach­den­ken – und wir wer­den nicht die letz­ten sein. Aber wir leben in einer Zeit, in der das Nach­den­ken über den Him­mel sel­ten gewor­den ist. Das hat Fol­gen. Wer kei­ne leben­di­ge Hoff­nung über den Tod hin­aus besitzt – oder eine, die zu blass und zu vage ist, um wirk­lich zu tra­gen –, der wird dem Tod mit Angst begeg­nen. Wenn wir als Volk Got­tes den Tod fürch­ten, ver­lie­ren wir einen wert­vol­len Aspekt unse­res Zeug­nis­ses in die­ser Welt.

Die ers­ten Chris­ten leb­ten anders, weil sie anders hoff­ten. Sie waren über­zeugt, dass der Tod sei­nen Sta­chel ver­lo­ren hat. Das war kein Slo­gan – das war geleb­te Wirk­lich­keit, die ande­re Men­schen auf­merk­sam mach­te und anzog.

Kei­ne der drei hier vor­ge­stell­ten Per­spek­ti­ven ist das letz­te Wort. Aber jede von ihnen lädt dazu ein, die eige­ne Hoff­nung neu zu durch­den­ken. Macht unser Bild vom Him­mel uns Lust auf die zukünf­ti­ge Welt? Sind wir vom Evan­ge­li­um so sehr durch­drun­gen, dass wir den Tod nicht mehr fürch­ten? Mögen wir, wie die ers­ten Chris­ten, furcht­los leben und dabei ein leben­di­ges Zeug­nis sein, das auf den gro­ßen Sieg ver­weist, den Jesus errun­gen hat.

Geschrieben von
Manuel Becker

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine vier Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, liest er gern theologische Bücher oder nutzt Logos, um sich in die Bibel zu vertiefen. 2026 plant er, seinen PhD in Theologie zu beginnen. Im Bibel-Podcast „Jesus im Chaos“ taucht er tief in die Bibel ein, um Antworten zu finden, wie man Jesus mitten im Chaos des Lebens nachfolgen kann. Er ist der Autor des beliebten Kinderbuchs „Der große Sieg“, welches das Evangelium in einer packenden Bildergeschichte für Jung und Alt illustriert.

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