Rezension: Theologisches Begriffslexikon (Coenen/​Haacker)

Das von Lothar Coe­nen und Klaus Haa­cker (gemein­sam mit wei­te­ren) her­aus­ge­ge­be­ne Theo­lo­gi­sche Begriffs­le­xi­kon zum Neu­en Tes­ta­ment ist seit eini­gen Jahr­zehn­ten eta­bliert und in der hier rezen­sier­ten Fas­sung seit 2010 ver­füg­bar. Dass es nun auch für Logos erhält­lich ist, ist erfreu­lich und erschließt das Lexi­kon bes­ser. Mit cir­ca 2500 behan­del­ten grie­chi­schen Voka­beln auf über 2000 Sei­ten ist es eine gute Erwei­te­rung jeder Logos-Bibliothek.

Zielgruppe und methodischer Ansatz

Das Theo­lo­gi­sche Begriffs­le­xi­kon soll „dem sorg­fäl­ti­gen Bibel­stu­di­um, der Text­pre­digt und der theo­lo­gi­schen Ori­en­tie­rung am Neu­en Tes­ta­ment“ (Vor­wort, S. IV) die­nen, rich­tet sich also an eine brei­te Ziel­grup­pe über Theo­lo­gie­stu­den­ten und Pre­di­ger hin­aus. Dem ent­spricht auch eine erfreu­lich viel­fäl­ti­ge Autoren­schaft der Arti­kel aus Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len, sowie Lan­des- und Freikirchen.

Die größ­te Stär­ke des Werks ist die nied­rig­schwel­li­ge sprach­li­che Zugäng­lich­keit, ohne dabei an fach­li­cher Tie­fe ein­zu­bü­ßen. Alle grie­chi­schen Begrif­fe (nicht nur die Schlag­wor­te) wer­den sowohl in grie­chi­schen Buch­sta­ben als auch mit einer ver­ständ­li­chen Tran­skrip­ti­on (mit Anga­be der Beto­nung![1]) und in Über­set­zung gebo­ten. Die­se Hür­de ande­rer Nach­schla­ge­wer­ke kann zwar auch Logos über­brü­cken, hier fügt es sich aber direkt in den Lese­fluss ein. Hebräi­sche und ara­mäi­sche Begrif­fe wer­den (außer im ent­spre­chen­den Regis­ter) nur tran­skri­biert und übersetzt.

Das Lexi­kon ist nach Wort­fel­dern geglie­dert, die mit deut­schen Begrif­fen über­schrie­ben und nach die­sen sor­tiert wer­den. Dem, der sonst kei­nen Zugang zum Grie­chi­schen hat, ist dies eine wei­te­re Erleich­te­rung. Begrif­fe, die unter einem ande­ren Schlag­wort mit­be­han­delt wer­den, sind in der alpha­be­ti­schen Fol­ge mit dem Ver­weis zum betref­fen­den Arti­kel auf­ge­führt. So kann auf Deutsch zu Ver­wun­de­rung füh­ren, was im Grie­chi­schen auf der Hand liegt: So gibt es zum Begriff „Apos­tel“ an die­ser Stel­le (S. 54) nur den Ver­weis auf den Arti­kel „Sendung/​Mission“ (S. 1654–1667), in dem näm­lich ἀποστέλλω [apostel­lō] und dar­un­ter eben auch ἀπόστολος [apos­to­los] aus­führ­lich behan­delt wird. Nicht ety­mo­lo­gisch, aber in der Sache nach­voll­zieh­bar ist bei­spiels­wei­se, dass der „Bischof“ (S. 184) im Arti­kel „Kir­che“ (auf S. 1150 ff.) erläu­tert wird.

Struktur nach Wortfeldern und thematische Vernetzung

Wer auf der Suche nach einem kon­kre­ten grie­chi­schen Begriff ist, muss teils zunächst in das „Regis­ter der grie­chi­schen Wör­ter“ (S. 2048–2059) schau­en, aber in der Arbeit mit Logos wird einem die­ser Schritt in den aller­meis­ten Fäl­len abge­nom­men (wenn man das Lexi­kon bei­spiels­wei­se von einer Wort­stu­die her­kom­mend öff­net.) Falls meh­re­re grie­chi­sche Begrif­fe zum Wort­feld gehö­ren, gibt es jeweils einen kur­zen Ein­lei­tungs­text, der die Begrif­fe von­ein­an­der abgrenzt. Die­se Tex­te sind aber kei­nes­falls nur „Tür­schmuck“ auf dem Weg zu den eigent­li­chen Arti­keln, son­dern zei­gen teils sehr schön die Pro­ble­ma­tik und Spann­wei­te des jewei­li­gen Begriffs auf. So wird zum Bei­spiel in der Ein­lei­tung zum Arti­kel „Gemein­schaft“ (S. 712) in weni­gen Zei­len der Bogen von der Ent­ste­hung des Men­schen aus der Gemein­schaft von Mann und Frau über das Geliebt­sein als Indi­vi­du­um und die Gestal­tung mensch­li­chen Zusam­men­le­bens bis zur Gemein­schaft des Chris­ten mit Gott gespannt. In der Ein­lei­tung zum bereits erwähn­ten Arti­kel „Kir­che“ (S. 1136) wird auf die Wort­be­deu­tung der ἐκκλησία [ekklē­sia], der „Ver­samm­lung der von Gott aus den vie­len Völ­kern Her­aus- und Zusam­men­ge­ru­fe­nen […] Men­schen“ ange­spielt und bereits die im Arti­kel zu behan­deln­den Ämter von­ein­an­der abgegrenzt.

Mehr als nur Vokabeln: Einblicke in Etymologie und Antike

Im ers­ten Abschnitt jedes Arti­kels wird die Wort­her­kunft behan­delt. In den meis­ten Fäl­len umfasst das den Gebrauch und die Bedeu­tun­gen des Wor­tes im vor- und nicht­bi­bli­schen Grie­chisch. Teil­wei­se wird hier auch die Ety­mo­lo­gie des Wor­tes erklärt, ins­be­son­de­re bei Lehn- und Fremd­wör­tern, wie Para­dies (S. 1453) aus dem mit­tel­ira­ni­schen „par­dez“, Pha­ri­sä­er (S. 1455) aus dem ara­mäi­schen „pᵉrīša­j­jā“, oder Amen (S. 1845) aus dem Hebräi­schen. Auch wenn sich sol­che Anga­ben in vie­len (klas­sisch oder neu­tes­ta­ment­lich) Grie­chisch-Deut­schen Wör­ter­bü­chern fin­den, sind sie dort oft nur in sehr kom­pri­mier­ter Form, hier aber aus­for­mu­liert und damit deut­lich leich­ter ver­ständ­lich erreich­bar. Inwie­fern sol­che Anga­ben dem Leser ohne Grie­chisch-Kennt­nis­se die­nen, kann kaum all­ge­mein gesagt wer­den, doch auch wer des Grie­chi­schen (und gege­be­nen­falls Hebräi­schen) mäch­tig ist, wird von den grä­zis­ti­schen, indo­ger­ma­nis­ti­schen oder semi­tis­ti­schen Erkennt­nis­sen pro­fi­tie­ren können.

Eben­falls in die­sem Abschnitt fin­den sich Beschrei­bun­gen der Sach­ver­hal­te in der grie­chisch-römi­schen Welt (z. B. die Aus­füh­run­gen zu Form, Inhalt und Publi­ka­ti­on von Brie­fen, S. 1585). Ins­be­son­de­re die Anga­ben zur Ver­wen­dung bei den grie­chi­schen Autoren kön­nen bei der Ein­ord­nung helfen.

Die Brücke zum Alten Testament und zum Frühjudentum

Im nächs­ten Abschnitt wird die Ver­wen­dung des Begriffs in der Sep­tuag­in­ta, der anti­ken grie­chi­schen Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments, erläu­tert. Dazu gehört gege­be­nen­falls auch die Erläu­te­rung der grund­sätz­li­chen Vor­stel­lun­gen und (hebräi­schen) Voka­beln zum The­ma im Alten Tes­ta­ment. So wer­den bei­spiels­wei­se auf fast zwei Sei­ten die alt­tes­ta­ment­li­chen Vor­stel­lun­gen zum „Him­mel“ (S. 957f.) und auf einer die zur Unter­welt (hier kon­kret: ᾅδης [hadēs], S. 964f.) beschrie­ben. Wei­ter wird dann der Gebrauch der Begrif­fe in früh­jü­di­schen Tex­ten, wie den Qum­ran-Schrif­ten, aber auch Jose­phus, Phi­lo oder den soge­nann­ten Apo­kry­phen und Pseu­d­epi­gra­fen, aus­ge­führt. Hier wird deut­lich, dass die Ziel­grup­pe des Theo­lo­gi­schen Begriffs­le­xi­kons zum Neu­en Tes­ta­ment, trotz des Namens, nicht nur Neu­tes­ta­ment­ler sind, son­dern alle Bibel­wis­sen­schaft­ler. Auch Alt­tes­ta­ment­ler kön­nen von den prä­gnan­ten Zusam­men­fas­sun­gen alt­tes­ta­ment­li­cher Kon­zep­te pro­fi­tie­ren. Auch archäo­lo­gi­sche Befun­de, bei­spiels­wei­se im Arti­kel zur Syn­ago­ge (S. 1029–1034), wer­den in die­sem Abschnitt mit ausgewertet.

Im nächs­ten Abschnitt wird die Bedeu­tung der behan­del­ten Voka­beln in den ver­schie­de­nen Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments aus­ge­führt. Zu Beginn mit einem kur­zen sta­tis­ti­schen Ein­blick in die Häu­fig­keit der Ver­wen­dung in den ver­schie­de­nen Tei­len des Neu­en Tes­ta­ments, gefolgt von Dif­fe­ren­zie­run­gen zum Gebrauch des Wor­tes in unter­schied­li­chen gram­ma­ti­schen For­men bei den ver­schie­de­nen Autoren des Neu­en Tes­ta­ments. Erklärt wird in die­sem Abschnitt nicht nur die Ver­wen­dung des Wor­tes (oder der zuge­ord­ne­ten Syn­ony­me), son­dern die Sache. Im Arti­kel „Schrift“ (hier Abschnitt III zu γράφω [gra­phō], S. 1579–1584) wird also nicht nur das Verb „schrei­ben“ dar­ge­stellt, son­dern, wie im Neu­en Tes­ta­ment zitiert und auf das Alte Tes­ta­ment ver­wie­sen wird, und dann auch ent­spre­chend erläu­tert, wel­che Auto­ri­tät und wel­cher Stel­len­wert der „(Hei­li­gen) Schrift“ im Neu­en Tes­ta­ment zukommt. Kon­zep­te wie die Gegen­über­stel­lung von γράμμα [gram­ma] Buch­sta­be und πνεῦμα [pneu­ma] Geist bei Pau­lus kön­nen in ein­fa­chen Tabel­len dar­ge­stellt wer­den (S. 1582). Bekann­te exege­ti­sche Fra­gen wer­den in die­sem Abschnitt dar­ge­stellt und Lösungs­an­sät­ze (teil­wei­se mit dem Lite­ra­tur­hin­weis, von wem die­ser Ansatz ver­tre­ten wird), ver­bun­den mit einer Posi­tio­nie­rung des Autors des jewei­li­gen Arti­kels, gebo­ten. Die­se Posi­tio­nen kön­nen durch­aus auch gegen einen brei­ten Strom der Aus­le­ger gehen, wenn bei­spiels­wei­se C. C. Cara­gounis den „Fels“ aus Mat­thä­us 16,18, auf den Jesus sei­ne Kir­che bau­en will, nicht mit Petrus, an den die­se Wor­te gerich­tet sind, deu­tet (Art. πέτρα [petra], hier S. 1675–1677). Bis­wei­len flie­ßen auch prak­tisch-theo­lo­gi­sche Über­le­gun­gen mit ein, so in der Fra­ge nach der Kin­der­tau­fe (näm­lich im Ver­gleich zur Kin­der­seg­nung, S. 1701).

Nach­dem die grie­chi­schen Begrif­fe eines Wort­fel­des behan­delt wur­den, wird jeder Arti­kel von „Hermeneutische[n] Über­le­gun­gen“ abge­schlos­sen. Hier wer­den Ansät­ze der vor­an­ge­gan­ge­nen Dar­le­gun­gen auf­ge­nom­men und Per­spek­ti­ven bis in die heu­ti­ge Zeit auf­ge­zeigt. So wird im Arti­kel „Isra­el“ (S. 1034–1036) die jün­ge­re Geschich­te des Begriffs im letz­ten Jahr­hun­dert (bis und nach 1945, sowie die poli­ti­sche Dimen­si­on seit der Staats­grün­dung 1948) pro­ble­ma­ti­siert und nach­ge­zeich­net. Die Lite­ra­tur­hin­wei­se, die jeden Arti­kel abschlie­ßen, sind so knapp wie mög­lich gefasst, geben aber gute Ansät­ze zur ver­tie­fen­den Recherche.

Ein Fallbeispiel: Der Artikel zum Begriff „Glaube“

Um einen guten Ein­blick in die Art und Tie­fe der gebo­te­nen Infor­ma­tio­nen zu bekom­men, sol­len im Fol­gen­den die wich­ti­gen Erkennt­nis­se aller eben beschrie­be­nen Abschnit­te aus dem Arti­kel des neu­tes­ta­ment­li­chen Kern­be­griffs „Glau­be“ (S. 781–800) wie­der­ge­ge­ben werden.
Die Ein­lei­tung gibt auf­grund der behan­del­ten Voka­bel eine Defi­ni­ti­on von Glau­ben als „per­sön­li­che Bezie­hung zu einer Per­son oder Sache, die durch Ver­trau­en und Zuver­läs­sig­keit begrün­det ist“ (S. 781.) Wei­ter wird dann dif­fe­ren­ziert zwi­schen den Wor­ten im Zusam­men­hang mit dem Verb πείθω [peit­hō], das ein Bedeu­tungs­spek­trum von „über­re­den“ zu „über­zeu­gen“ auf­spannt, und πίστις [pis­tis], das die „Zuver­läs­sig­keit“ und „Glaub­wür­dig­keit“ von Gesag­tem aus­drückt, ursprüng­lich zwi­schen (mensch­li­chen) Bun­des­part­nern, im Neu­en Tes­ta­ment dann mit ent­spre­chend höhe­rem Gewicht auf die Bezie­hung zwi­schen Mensch und Gott bezogen.
Der Stamm der bei­den behan­del­ten Voka­beln ist πειθ – [peith-] und bedeu­tet „Ver­trau­en“: Auf eine Aus­sa­ge im Sin­ne von „Glau­ben schen­ken, sich überzeugen las­sen“ oder auf einen Befehl auch als „gehor­chen, sich überreden las­sen“ (S. 781). Sprach­ge­schicht­lich hat sich die­se akti­vi­sche Bedeu­tung schon in home­ri­scher Zeit aus dem pas­si­ven „überzeugt bzw. überredet wer­den“ (S. 781) ent­wi­ckelt. „Die akti­ve Bedeu­tung überzeugen, überreden ist für griech. Den­ken bes. cha­rak­te­ris­tisch.“ (S. 782) Im Hebräi­schen gibt es hier­zu kein Äqui­va­lent. Die Stel­len, an denen es in der Sep­tuag­in­ta so ver­wen­det wird, sind aus den Apo­kry­phen, also kei­ne Über­set­zun­gen aus dem Hebräi­schen. In der per­fek­ti­schen Form wird damit teil­wei­se „a, Ver­trau­en haben, sicher sein“ (S. 782) über­setzt, das jedoch auch oft mit den Wor­ten für „hof­fen“ bezie­hungs­wei­se „Hoff­nung“ über­setzt wird. Auch wei­te­re abge­lei­te­te Wor­te sind in der Sep­tuag­in­ta eher selten.
Im Neu­en Tes­ta­ment kommt das Wort haupt­säch­lich in der Apos­tel­ge­schich­te und in den Brie­fen des Pau­lus vor, der es ähn­lich wie die Sep­tuag­in­ta sel­ten aktiv benutzt. In der Apos­tel­ge­schich­te wird das Verb im Imper­fekt inter­es­san­ter­wei­se für die Situa­tio­nen ver­wen­det, in denen Pau­lus zu Juden und Pro­se­ly­ten pre­digt, die bereits an den einen Gott glau­ben und „die er nur noch von der neu­en in Chris­tus geschenk­ten Gna­de (13,43) zu überzeugen ver­sucht“ (S. 783.) Drei Beleg­stel­len (Apg 26,28; 2. Kor 5,11; Gal 1,10) für das Wort im Prä­sens Indi­ka­tiv Aktiv wer­den etwas genau­er bespro­chen, die Aus­sa­ge des Agrip­pa, Pau­lus wer­de ihn vom Chris­ten­tum über­zeu­gen, wird mit meh­re­ren Über­set­zungs­va­ri­an­ten aus der Lite­ra­tur dis­ku­tiert. Etwas aus­führ­li­cher wird die theo­lo­gisch rele­van­te Stel­le Römer 11,30–32 zu „Isra­els Unge­hor­sam“ (S. 786) betrachtet.

In der klas­si­schen Lit. bedeu­tet πίστις [pis­tis] das Ver­trau­en, das man in Men­schen oder Göt­ter setzt“ (S. 786.) Dane­ben gibt es zahl­rei­che benach­bar­te Bedeu­tun­gen und Über­set­zungs­mög­lich­kei­ten, wie „Glaub­wür­dig­keit“, „Kre­dit“, „Garan­tie“, „Beweis“, „anver­trau­te Sache“. Im Umkehr­schluss ist ἀπιστία [apis­tia] Miss­trau­en oder Unzu­ver­läs­sig­keit (vgl. S. 787.) Betont wird die frü­he Ver­wen­dung des Wor­tes πίστις im reli­giö­sen Kon­text, im Zusam­men­hang mit der Glaub­wür­dig­keit eines Got­tes oder Ora­kel­spru­ches. Den Aspekt des Glau­bens im Sin­ne eines „Für­wahr­hal­tens“ präg­te Empe­do­k­les aus Agri­gent (5. Jh. v.Chr.), der als „als unsterb­li­cher Gott, der den Pfad zum Heil weist“ (S. 787) auf­tritt und Glau­ben for­dert. Aber auch in Inschrif­ten des Askle­pi­o­s­hei­lig­tums in Epi­dau­rus wird das Wort so ver­wen­det. In hel­le­nis­ti­scher Zeit tritt ein Wan­del ein, „ein ver­sach­lich­ter Glau­bens­be­griff [ist], der in dem phi­lo­so­phisch durch­dach­ten neu­pla­to­ni­schen Lehr­sys­tem eine bestimm­te erkennt­nis­mä­ßi­ge und tra­di­ti­ons­be­ding­te Über­zeu­gung her­vor­ruft“ (S. 787.) Für die mora­li­sche und reli­giö­se Ent­wick­lung des Begriffs ist auch die stoi­sche Auf­fas­sung als „Aner­ken­nung der gött­li­chen Welt­ord­nung“ (S. 787), aus der eine sitt­li­che Treue resultiert.
Das hebräi­sche Äqui­va­lent ist ʾāman (Nif.) „zuver­läs­sig, treu sein“, der auf Men­schen und auf Gott ange­wandt wird. Wich­ti­ge Aspek­te des alt­tes­ta­ment­li­chen Glau­bens­be­grif­fes sind die gött­li­che Legi­ti­ma­ti­on eines Beauf­trag­ten, das Ver­trau­en auf Gott trotz poli­ti­scher Wid­rig­kei­ten (so bei Jesa­ja), die Ver­knüp­fung von Glau­be und Gerech­tig­keit bei Abra­ham in Gene­sis 15,6, von Glau­be und Treue in Haba­kuk 2,3–4, und „die Zuver­läs­sig­keit der Gebo­te“ (S. 789.) Im spä­te­ren Juden­tum wird Glau­ben mit Weis­heit und Gerech­tig­keit ver­bun­den, ins­be­son­de­re in der weis­heit­li­chen Gegen­über­stel­lung von „Gott­lo­sen“ und „Gerech­ten“ (vgl. S. 789.) Bei Phi­lo ist Glau­be lern­bar und auch bei Jose­phus tritt der (hel­le­nis­ti­sche) lehr­haf­te Aspekt hin­zu. Für die Qum­ran­li­te­ra­tur wird die Treue zum Gesetz unter­stri­chen. In der apo­ka­lyp­ti­schen Lite­ra­tur tritt noch der Aspekt der Zukunfts­er­war­tung hin­zu. Im rab­bi­ni­schen Juden­tum (und bei den Sama­ri­ta­nern) tritt neben die (vom Alten Tes­ta­ment her­kom­men­de) Beto­nung von Glau­be und Gerech­tig­keit das Ver­trau­en zu Mose als Knecht Gottes.

Im Neu­en Tes­ta­ment kom­men For­men von πίστις [pis­tis] und πιστεύω [pisteuō] mehr als dop­pelt so oft vor wie die hebräi­schen Äqui­va­len­te „hæʾæmīn und [ʾ]æmunāh“ (243 zu 100 Bele­gen, S. 791). Beson­ders in der Mis­si­ons­spra­che gewinnt die, über den sons­ti­gen grie­chi­schen Sprach­ge­brauch hin­aus­ge­hen­de, Wen­dung „πιστεύω εἰς [pisteuō eis], glau­ben an“ (S. 791) an Bedeu­tung. Bei Jesus in der syn­op­ti­schen Tra­di­ti­on tritt Glau­be oft in Zusam­men­hang mit Hei­lun­gen auf. Es braucht Ver­trau­en in Jesus und sei­ne Sen­dung für sol­che Wun­der. Auch Jesus selbst ord­net sich dem Glau­ben ein, zu dem er ermu­tigt. Glau­be an Gott ist eine Offen­heit, mit dem Han­deln Got­tes zu rechnen.

Pau­lus’ Leser­schaft hin­ge­gen ist schon zum Glau­ben gekom­men, näm­lich der Annah­me der Heils­bot­schaft von Kreuz und Auf­er­ste­hung. Aus dem Glau­ben kommt das Gna­den­ge­schenk „Gerech­tig­keit“. Auch die Tri­as „Glau­be, Lie­be, Hoff­nung“ wird bei Pau­lus betont. In der johannei­schen Lite­ra­tur wird vor allem das Verb ver­wen­det. Ein wich­ti­ges Begriffs­paar ist „Glau­ben und Erken­nen“ (S. 794), was zur Annah­me des gött­li­chen Zeug­nis­ses füh­ren soll. Aus Glau­ben folgt Leben. Das drit­te wich­ti­ge Paar ist „Glau­be und Lie­be“. Im Hebrä­er­brief ist Glau­be die „Bril­le“, durch die auf alt­tes­ta­ment­li­che Moti­ve und die Väter­ge­schich­te geschaut wird. Im Jako­bus­brief sind vor allem Ver­trau­en und Beken­nen mit­ein­an­der ver­bun­den. Der abschlie­ßen­de Abschnitt zeich­net noch ein­mal sehr gut die gro­ßen Lini­en des Begriffs im Neu­en Tes­ta­ment nach: vom vor­aus­ge­hen­den Heils­han­deln Got­tes als Grund­la­ge des Glau­bens, über Gehor­sam, auch Got­tes Gesand­ten gegen­über, aber auch Anfech­tung und Ver­las­sen­heit, die nicht zuletzt am Kreuz sicht­bar wird.

Die „Her­me­neu­ti­schen Über­le­gun­gen“ begin­nen mit der Pro­ble­ma­ti­sie­rung des Begriffs „Glau­ben“ in der land­läu­fi­gen Form, ent­ge­gen der tref­fen­de­ren Über­set­zung „Ver­trau­en“. Ver­trau­en zum einen als einen „Zustand“, eine Hal­tung gegen­über Gott oder Mensch, zum ande­ren als eine Hand­lung. Im Lau­fe der Kir­chen­ge­schich­te ent­wi­ckelt sich das Ver­ständ­nis immer mehr zu „Für­wahr­hal­ten“, wobei die zu glau­ben­den Inhal­te unter­schied­lich gewich­tet wer­den. Wei­ter wird die Über­set­zung des Begriffs bei Luther the­ma­ti­siert und aus der deut­schen Sprach­ge­schich­te erklärt: „Ver­trau­en“ hat­te wie „trau­en“ schon die Kon­no­ta­ti­on der Ehe­schlie­ßung (vgl. S. 797.) Doch auch die Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen Men­schen bie­tet wich­ti­ge Par­al­le­len zur Bezie­hung Mensch–Gott. Es wird der Weg vom Glau­ben als unver­dien­ter Gna­de zu Cal­vins Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re genannt und, dass Glau­be (wie Lie­be) nicht immer im glei­chen Maße vor­han­den ist. Abschlie­ßend wird noch ein Blick auf das Ver­trau­en bibli­scher Per­so­nen in extre­men Situa­tio­nen und auf den Glau­ben als Bekennt­nis­akt geworfen.

Fazit

Abschlie­ßend kann gesagt wer­den, dass das Theo­lo­gi­sche Begriffs­le­xi­kon zum Neu­en Tes­ta­ment für jeden an der Bibel, am Neu­en wie am Alten Tes­ta­ment, Inter­es­sier­ten emp­feh­lens­wert ist. Es ist „theo­lo­gisch“ im wei­te­ren und bes­ten Sin­ne, ohne, dass das Sprach­li­che zu kurz käme. Die Anla­ge in die­sem Bereich ermög­licht es ins­be­son­de­re Lesern ohne alt­sprach­li­che Kennt­nis­se, in die­sem Bereich Erkennt­nis­se zu gewin­nen. Es ist inso­fern aus­führ­lich, als es weit mehr als nur Erklä­run­gen zu Über­set­zungs­va­ri­an­ten bie­tet, son­dern auch Gedan­ken ent­wi­ckelt und gro­ße Bögen nach­zeich­net. Und es ist kon­zi­se, weil es sich nicht in Details ver­liert, auf die Dis­kus­sio­nen der For­schung hin­weist, ohne sie in Brei­te darzustellen.

[1] Die zur Anga­be der Beto­nung unter den beton­ten Vokal gesetz­ten Punk­te wer­den aus typo­gra­fi­schen Grün­den in die­ser Rezen­si­on nicht wiedergegeben.

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Tobias Gerbothe

Tobias Gerbothe (*1991) hat Religion und Latein studiert und ist derzeit Promovend im Fach Altes Testament an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Neben seiner Promotion ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent tätig.

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