Gewalt und Jesus-Nachfolge: 4 Sichtweisen zum Thema Pazifismus, gerechter Krieg und allem dazwischen

Was Jesus über Gewalt gesagt hat, ist klar. Was es bedeutet, darüber streiten Christen seit zweitausend Jahren. Dieser Artikel stellt vier Sichtweisen zu dem Thema vor.

Darf ein Christ töten?

Jesus: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen; sondern wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, so biete ihm auch die andere dar (Mt 5,39 SLT).

Nachts bricht jemand in dein Haus ein. Er will dich bestehlen, vielleicht deiner Familie etwas antun. Deine Kinder schlafen nebenan. In diesem Moment wirken die Worte Jesu auf einmal furchtbar schwer umzusetzen. Sollst du wirklich nicht widerstehen?

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Diese Spannung zwischen Jesus-Nachfolge und Gewalt zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte. Von den frühen Märtyrern über Augustinus und die Kreuzzüge bis hin zu Bonhoeffers Verstrickung in das Attentat auf Hitler. Im Laufe der Kirchengeschichte haben Christen unterschiedliche Antworten auf dieses Thema gefunden.

Vier Sichtweisen zu einem wichtigen Thema

Dieser Artikel stellt vier unterschiedliche Perspektiven zum Thema vor. Der Sammelband War, Peace, and Violence: Four Christian Views dient als Grundlage.

Dabei geht es um mehr als nur um Krieg im engeren Sinn. Die Frage reicht weiter, als man zunächst denkt, und genau deshalb berührt sie so viele Lebensbereiche zugleich: Darf ein Christ überhaupt töten? Ist der Gebrauch von Gewalt an sich mit der Nachfolge Jesu vereinbar? Kann ein Christ Polizist werden, Soldat, Sicherheitspersonal? Darf ich mich und meine Familie mit Gewalt verteidigen, notfalls tödlich? Oder hat Jesus tatsächlich eine radikale Gewaltfreiheit gelehrt, die keine Ausnahme kennt? Und was sagt unsere Antwort auf all das eigentlich über den Charakter des Gottes aus, dem wir folgen?

Alle vier Positionen, die dieser Artikel vorstellt, werden von ernsthaften Christen vertreten, die sich auf dieselbe Bibel berufen. Alle können Bibelstellen anführen, die ihre Sicht stützen. Am Ende ist der Streit deshalb kein Streit über Bibeltreue, sondern über Auslegung: eine Frage der Hermeneutik.

Sicht 1: Der gerechte Krieg

Die Kernthese

Gewalt ist nicht in sich selbst Sünde. Entscheidend ist, wer sie ausübt, aus welchem Motiv und in welchen Grenzen. Diese Sicht unterscheidet deshalb zwischen willkürlicher Gewalt (ungeregelt, rachsüchtig, maßlos) und rechtmäßiger Gewalt (begrenzt, im Auftrag einer legitimen Autorität). Und sie kehrt das übliche Argument um: Nicht der Gewaltverzicht ist der Ausdruck der Nächstenliebe, sondern der Schutz der Wehrlosen. Wer zusieht, wie ein Mensch überfallen wird, obwohl er eingreifen könnte, hat nicht geliebt, sondern versagt.

Die biblische Grundlage

Im Zentrum steht Römer 13,1-5: Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes Dienerin zur Vergeltung an dem, der Böses tut. Dazu kommt 1. Petrus 2,14 mit derselben Stoßrichtung. Auffällig ist außerdem, was im Neuen Testament nicht steht. Johannes der Täufer sagt den Soldaten, die zu ihm kommen, sie sollen niemanden erpressen, aber er sagt ihnen nicht, sie sollen den Dienst quittieren (Lk 3,14). Jesus lobt den Glauben eines römischen Hauptmanns wie kaum jemand anderen (Mt 8,10). Aus dem Alten Testament kommt die Überzeugung, dass Gott Ordnung, Recht und Schutz der Schwachen will und dazu Menschen in öffentliche Verantwortung stellt.

Die Bergpredigt wird dabei nicht weggeschoben, sondern eingeordnet: Sie gilt der persönlichen Beziehung, dem erlittenen Unrecht an mir selbst, nicht der Frage, ob ich einen Dritten schützen darf.

Was das praktisch heißt

Diese Sicht vertritt Richtlinien, die festlegen, was einen Krieg zu einem „gerechten“ Krieg macht.

Vor dem Krieg muss eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein: Eine legitime Autorität muss die Entscheidung treffen. Es muss einen berechtigten Grund geben. Die Absicht muss richtig sein, also nicht Rache oder Machtgewinn. Es muss eine realistische Aussicht auf Erfolg bestehen. Der zu erwartende Schaden muss verhältnismäßig zum angestrebten Ziel sein. Und alle anderen Mittel müssen ausgeschöpft worden sein, Krieg ist immer das letzte Mittel.

Im Krieg selbst: Die eingesetzten Mittel müssen verhältnismäßig sein, und es muss strikt zwischen Kombattanten und Zivilisten unterschieden werden. Zivilisten dürfen niemals gezielt angegriffen werden.

Nach dem Krieg ist die Verantwortung nicht vorbei: Es geht um die Wiederherstellung von Ordnung, um Gerechtigkeit für Opfer und Täter, und um langfristige Versöhnung.

Für den Alltag heißt das: Polizistin, Soldat, Richterin sind christliche Berufungen wie andere auch. Und der Einbrecher in der Nacht? Ja, du darfst dich verteidigen, selbst wenn das den Tod des Einbrechers bedeutet.

In der Kirchengeschichte

Diese Position ist die Mehrheitsposition. Sie beginnt Ende des vierten Jahrhunderts mit Ambrosius und Augustinus, wird von Thomas von Aquin systematisiert und von Francisco de Vitoria im 16. Jahrhundert um den Schutz von Nichtkombattanten erweitert. Luther und Calvin führen sie fort, und aus ihr ist historisch das moderne humanitäre Kriegsvölkerrecht hervorgegangen.

Die Schwachstellen

Historisch hat sich fast jede Kriegspartei auf diese Kriterien berufen, und kaum eine hat sie wirklich selbst eingehalten. Das wirft die unbequeme Frage auf, ob ein Krieg nach diesen Kriterien überhaupt möglich ist.

Dazu kommt ein theologischer Einwand: Römer 13 sagt, jede Obrigkeit ist von Gott eingesetzt. Aber waren dann auch Hitler und Stalin von Gott eingesetzt? Und wenn ja, hätte man gegen sie kämpfen dürfen? Die Lehre vom gerechten Krieg hat auf diese Frage keine einfache Antwort, und sie zeigt, wie gefährlich es ist, staatliche Autorität theologisch zu überhöhen.

Ein weiterer historischer Einwand: Augustinus griff für seinen Rahmen weniger auf christliche Vorbilder zurück, es gab schlicht keine, als auf den heidnischen Redner Cicero. Die ganze Konstruktion ist also weniger biblisch als oft angenommen.

Und schließlich die Testfrage: Können wir uns wirklich vorstellen, dass Paulus seine Gemeinden auffordert, in die römische Armee einzutreten, weil das eine von Gott geheiligte Berufung sei? Wer diese Frage ehrlich beantwortet, merkt, wie weit der Schritt von Römer 13 zur Lehre vom gerechten Krieg tatsächlich ist.

Sicht 2: Gewaltfreiheit

Die Kernthese

Wer Jesus nachfolgt, tötet nicht. Das Kreuz ist das Modell, Gott besiegt das Böse, indem er es erleidet, nicht indem er zurückschlägt. Nachfolge heißt, diesen Weg mitzugehen, auch wenn er kostet.

Dabei verbergen sich unter diesem Oberbegriff viele unterschiedliche Varianten. Manche betonen den persönlichen Gehorsam gegenüber Jesu Worten und ziehen sich weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück. Andere verstehen Gewaltfreiheit als politische Praxis und aktiven Widerstand, der die Welt verändern will. Manche erlauben begrenzte körperliche Gewalt zur Selbstverteidigung, solange nicht getötet wird. Andere lehnen jede Form von Gewalt ab. Was alle verbindet, ist die Überzeugung, dass tödliche Gewalt keine Option ist, egal wie gut die Gründe klingen.

Die biblische Grundlage

Der Ausgangspunkt ist die Bergpredigt, besonders Matthäus 5,38-48 mit dem Gebot der Feindesliebe. Dazu Römer 12,19-21 (überwinde das Böse mit Gutem), Jesu Wort an Petrus im Garten, dass wer zum Schwert greift, durch das Schwert umkommt (Mt 26,52), und seine Antwort an Pilatus, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist und seine Leute deshalb nicht kämpfen (Joh 18,36). Über allem steht das Kreuz: Gott besiegt das Böse, indem er es erleidet, nicht indem er zurückschlägt.

Die alttestamentlichen Kriegstexte werden nicht geleugnet, aber von Christus her gelesen. Wenn im Alten Testament nur auf ausdrücklichen Befehl Gottes getötet werden durfte, und wenn Jesus die Fülle Gottes im Fleisch ist, dann kann man Gott nicht folgen und zugleich übergehen, was dieser Gott in der Bergpredigt sagt.

Was das praktisch heißt

Zuerst eine Korrektur eines verbreiteten Missverständnisses. „Nicht widerstehen“ heißt nicht stillhalten. Walter Wink hat in Jesus and Nonviolence: A Third Way gezeigt, dass Jesus in Matthäus 5,39-41 einen dritten Weg zwischen Kampf und Flucht beschreibt: Der Schlag auf die rechte Wange ist ein Rückhandschlag, mit dem man Untergebene demütigt, und wer die andere Wange hinhält, zwingt den Schläger, ihn als Ebenbürtigen zu behandeln. Gewaltfreiheit ist hier kreativer Widerstand, der den Gegner beschämt und zum Nachdenken bringt.

Was ist mit dem Einbrecher aus der Einleitung? Vertreter betonen, dass es fast immer mehr Möglichkeiten gibt, als nur den Angreifer umzubringen oder tatenlos zuzusehen: ihn ablenken, dazwischengehen, fliehen, ohne gleich zur tödlichen Gewalt greifen zu müssen. Manche Spielarten erlauben begrenzte Schutzgewalt: festhalten, wegdrängen, niederringen. Die Grenze verläuft nicht zwischen Handeln und Nichthandeln, sondern beim Töten eines Menschen.

Für die Berufswahl heißt das: keine Tätigkeit, die das Töten von Menschen verlangt. Es gibt nur einen Herrn, und seine Worte gelten überall, nicht nur sonntags und zu Hause. Ein Soldat kann seinen Glauben nicht an der Kasernentür abgeben. Dazu kommt: Auch der Feind ist ein Mensch, für den Christus gestorben ist. Keine Uniform und kein Kriegsrecht hebt das auf. Der Feind bleibt mein Nächster, den ich lieben soll.

In der Kirchengeschichte

In den ersten drei Jahrhunderten war dies ganz klar die dominante Sicht. Es gibt aus dieser Zeit keinen einzigen Text, der Christen zum Militärdienst ermutigt, dafür deutliche Ablehnungen bei Tertullian und Origenes und Bußordnungen, die Blutvergießen als Grund für den Ausschluss vom Abendmahl nannten. Gewaltfreiheit war nicht eine Meinung unter vielen, sie war der universale Konsens.

Das änderte sich erst, als das Christentum im vierten Jahrhundert zur Staatsreligion wurde. Plötzlich musste die Kirche Glaube und staatliche Gewalt vereinbaren, und genau dafür entwickelte Augustinus die Lehre vom gerechten Krieg. Es war eine Antwort auf eine neue Situation, nicht die Wiederentdeckung einer alten Überzeugung.

Danach bleibt die Gewaltfreiheit eine Minderheitsposition, aber eine bemerkenswert zähe: im Mönchtum, bei den Täufern der Reformation, bei Quäkern und Mennoniten. Und im 20. Jahrhundert zeigt sie unerwartete Kraft. Mahatma Gandhi und Martin Luther King haben mit konsequenter Gewaltfreiheit erstaunliche politische Veränderungen bewirkt, die ein bewaffneter Widerstand nicht hätte erreichen können.

Die Schwachstellen

Was tut man, wenn Gewaltfreiheit schlicht nicht funktioniert? Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg leisteten dänische Bürger mutigen gewaltfreien Widerstand und retteten dabei Tausende dänische Juden. Bewundernswert, aber den Nationalsozialismus gestoppt haben sie nicht. Am Ende waren es Bomben und Soldaten, die die Konzentrationslager befreiten. Wer hätte das getan, wenn Christen sich verweigern? Und ist es wirklich gerecht, die Last des Tötens an den nichtchristlichen Nachbarn weiterzureichen?

Was ist mit dem Schutz anderer? Diese Sicht betont stark das eigene Handeln und die eigene Reinheit. Aber was ist mit dem Opfer, das ich durch meinen Gewaltverzicht im Stich lasse? Wer für die Gewaltfreiheit eintritt, muss erklären, was er dem leidenden Kind sagt, das nicht geschützt wurde.

Schließlich bleibt die innere Grenze dieser Sicht unscharf. Wenn begrenzte Schutzgewalt erlaubt ist, wann genau wird sie unerlaubt? Wer zieht diese Linie, und nach welchem Maßstab?

Zwei Wege zwischen den radikalen Polen

Die beiden bisherigen Positionen sind die eigentlichen Pole der Debatte. Zwischen ihnen liegen zwei weitere Sichtweisen, die beide von derselben Unzufriedenheit ausgehen: Der gerechte Krieg wirkt unmachbar, der Pazifismus zu weltfremd. Sie ziehen daraus aber sehr unterschiedliche Konsequenzen.

Sicht 3: Christlicher Realismus (Darf man handeln, obwohl man schuldig wird?)

Die Kernthese

Ja, es gibt Situationen, in denen Gewalt notwendig ist. Aber sie bleibt Schuld. Wer tötet, zerstört ein Ebenbild Gottes, auch wenn er damit andere Ebenbilder Gottes rettet. Genau das ist die Tragik, und sie lässt sich nicht wegdefinieren.

Die biblische Grundlage

Biblisch stützt sich diese Sicht auf eine überraschende Stelle: David darf den Tempel nicht bauen, weil er Blut vergossen hat (1. Chr 28,3). Nicht wegen seiner Sünden, sondern wegen seiner Kriege, von denen manche ausdrücklich von Gott befohlen waren.

In der Kirchengeschichte

In der Alten Kirche findet sie ihre Entsprechung bei Basilius von Cäsarea, der Töten im Krieg nicht als Mord anrechnete, aber dennoch drei Jahre Fernbleiben vom Abendmahl empfahl, weil die Hände nicht rein seien. Zum Vergleich: Für vorsätzlichen Mord galten dreißig Jahre. Dahinter steht ein Sündenverständnis, das weniger von juristischer Schuld spricht als von einem Fleck auf der Seele, der geheilt werden muss. Im 20. Jahrhundert ist Reinhold Niebuhr die prägende Stimme dieser Haltung.

Was das praktisch heißt

Handle, wenn du musst, aber komm danach nicht als Held zurück. Der eigentliche Beitrag dieser Sicht ist daher seelsorgerischer Natur. Sie nimmt ernst, dass Menschen in unseren Gemeinden Schlimmes getan haben und damit leben müssen.

Die Schwachstellen

Ihre Schwachstelle ist eine logische: Wenn eine Handlung wirklich notwendig war, um Schlimmeres zu verhindern, wieso soll der, der sie ausgeführt hat, dann schuldig sein? Und weil sie weniger klare Grenzen zieht als die Lehre vom gerechten Krieg, rutscht sie leichter in ein „Der Zweck heiligt die Mittel“.

Sicht 4: Die historische Sicht (Gibt es überhaupt eine biblische Vorgabe zum Thema Krieg?)

Diese Sicht trägt den Namen „historische Sicht“, weil sie die Geschichte der Kirche selbst als Argument heranzieht. Sie verweist darauf, was Christen in der Praxis tatsächlich getan haben und was das über die anderen Sichtweisen verrät.

Die Kernthese

Der radikalste Zug dieser Sicht ist nicht ihre Antwort, sondern ihre Weigerung, eine zu geben. Sie behauptet: Es gibt keine christliche Landkarte für Krieg und Gewalt. Das Neue Testament liefert uns schlicht keinen Kriterienkatalog dafür, wann Töten erlaubt ist. Weder der Pazifismus noch die Lehre vom gerechten Krieg sind deshalb als kohärente christliche Positionen haltbar.

Krieg ist ein notwendiges Übel, das sich jeder theologischen Zähmung entzieht. Das bedeutet nicht, dass Christen nie kämpfen dürfen. Es bedeutet, dass die Kirche aufhören sollte, Krieg mit dem Etikett „gerecht“ zu versehen. Wenn Krieg notwendig ist, muss er geführt und gewonnen werden.

Die biblische Grundlage

Das Neue Testament war nie als Regierungsprogramm gedacht. Die Bergpredigt ist nicht gesetzgebungsfähig, denn kein Gericht kann Zorn, Begehren oder heimliches Almosengeben beurteilen und bestrafen. Jesus hat nie eine Theorie für staatliche Gewalt entwickelt, weil das schlicht nicht sein Thema war. Sein Reich ist nicht von dieser Welt (Joh 18,36), und seine Nachfolger suchen eine Stadt, die noch kommt (Heb 13,14). Das Neue Testament gibt uns deshalb keinen Kriterienkatalog für gerechten Krieg, sondern ruft uns zu einer Lebensweise, die quer zur Logik staatlicher Gewalt steht.

Was das praktisch heißt

Christen dürfen kämpfen, aber sie sollten sich keine Illusionen machen. Regeln werden im Krieg nicht befolgt, sondern als Waffen benutzt. Kriterien wie „legitime Autorität“ und „gerechter Grund“ hat in der Geschichte jede Seite für sich beansprucht. Diese Sicht fordert eine nüchterne Ehrlichkeit: Ja, manchmal bleibt keine andere Wahl. Aber nenn es beim Namen. Nenn es ein Übel, das du in Kauf nimmst, kein heiliges Werk, das du vollbringst.

In der Kirchengeschichte

Hier liegt die eigentliche Pointe dieser Sicht. Die ersten drei Jahrhunderte kannten keine Lehre vom gerechten Krieg, weil Christen keine Staaten regierten und keine Armeen führten. Die Frage war einfach: Darf ein Christ Soldat sein? Und die Antwort war überwiegend nein. Erst als das Christentum im vierten Jahrhundert Staatsreligion wurde, entstand das Problem. Plötzlich musste die Kirche staatliche Gewalt theologisch legitimieren, und Augustinus griff dafür nicht auf Jesus, sondern auf Cicero zurück. Diese Sicht sieht darin einen Kompromiss, der die Kirche bis heute teuer zu stehen kommt.

Die Schwachstellen

Der schwerste Einwand ist praktisch: Wenn es keine christliche Landkarte gibt, was gibt es dann? Diese Sicht lässt den Leser genau dort ohne Orientierung, wo er sie am dringendsten braucht. Sie diagnostiziert das Problem, aber die Lösung fehlt. Und wer sagt, die Kirche habe im vierten Jahrhundert einen Fehler gemacht, muss erklären, was sie stattdessen hätte tun sollen, als plötzlich die halbe Welt von Christen regiert wurde.

Was das über Gott sagt

Hinter jeder dieser Positionen steht ein Bild von Gottes Charakter, und das ist vielleicht der eigentliche Grund, warum die Debatte so wichtig ist.

Wer Sicht 1 vertritt, sieht einen Gott, der dem Bösen notfalls auch mit Gewalt Grenzen setzt, und dessen Liebe deshalb Schutz einschließt. Wer Sicht 2 vertritt, sieht einen Gott, der am Kreuz auf Gegengewalt verzichtet und durch die Macht der Liebe siegt. Wer Sicht 3 vertritt, sieht einen Gott, der in einer gefallenen Welt wirkt und deshalb Kompromisse eingehen muss. Wer Sicht 4 vertritt, sieht einen Gott, dessen Reich schlicht nicht von dieser Welt ist und der uns nie versprochen hat, dass unsere Politik heilig werden kann.

Was bedeutet das alles für mich?

Das Thema reicht weiter als Krieg. Wie gehe ich mit meinem Feind um? Wie geht Gott mit seinen Feinden um? Was sagt das Kreuz über den Charakter Gottes gegenüber denen, die ihm feindlich gegenüberstehen? Diese Fragen beginnen nicht erst, wenn irgendwo Bomben fallen. Sie beginnen bei dem Menschen, der mir gerade Unrecht getan hat, und bei der Frage, was ich mit ihm tue. Und dort weiß jeder von uns ziemlich genau, wie viel er von seiner eigenen Position tatsächlich lebt.


Zum Weiterlesen

Geschrieben von
Manuel Becker

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine vier Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, liest er gern theologische Bücher oder nutzt Logos, um sich in die Bibel zu vertiefen. Aktuell promoviert Manuel im Fach Systematische Theologie an der University of Aberdeen. Im Bibel-Podcast „Jesus im Chaos“ taucht er tief in die Bibel ein, um Antworten zu finden, wie man Jesus mitten im Chaos des Lebens nachfolgen kann. Er ist der Autor des beliebten Kinderbuchs „Der große Sieg“, welches das Evangelium in einer packenden Bildergeschichte für Jung und Alt illustriert.

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Geschrieben von Manuel Becker