Der Theologe Dr. Dr. Benjamin Lange führt in das Werk hinter den zwölf Bänden ein: wie es entstanden ist, wie man es verantwortungsvoll liest und welche Möglichkeiten es für die Exegese eröffnet.
Was ist der Talmud?
Der Talmud ist nach der hebräischen Bibel (Tanach) eines der wichtigsten Schriftwerke des Judentums. Er enthält Auslegungen und Lehrtraditionen zur Tora, die in rabbinischen Diskussionen zuerst als mündliche Tradition weitergegeben und in der Zeit des 2.-6. Jh. n. Chr. verschriftlicht wurden. Der Talmud ist wie ein Zeitfenster: Er erlaubt einen Blick in die jüdische Auslegung der Tora dieser Zeit. Allein das macht ihn zu einer wertvollen Quelle, die sowohl für das Verständnis des Judentums als auch für die Auslegung von Bibeltexten wertvoll ist.
Der Talmud entstand in zwei Phasen, die wie zwei Schichten einer Zwiebel sind. Zunächst wurden Überlieferungen zum Verständnis der Tora aus der Zeit des 1.–2. Jh. gesammelt und verschriftlicht. Anschließend wurden weitere Lehrdiskussionen aus dem 3.–6. Jh. zusammengestellt. Sie erklären als weitere Schicht die Auslegungen der ersten Phase noch weiter und umfangreicher. Beide Teile bilden zusammen den Talmud.
Eine erste Schicht: Die Mischna
Die erste Schicht ist die Mischna (abgeleitet von „wiederholen“). Sie enthält mündliche Diskussionen, Auslegungen und Überlieferungen zur Tora aus den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr., die um ca. 200 n. Chr. verschriftlicht wurden. Sie ist damit auch eine wertvolle Quelle für jüdische Auslegungen zur Zeit Jesu und der Zeit der Entstehung des Neuen Testaments. Hier ist also Einiges von dem enthalten, was in den Evangelien als „Überlieferung der Ältesten“ bezeichnet wird (Mt 15,1-3; Mk 7,3-5). Diese mündlichen Überlieferungen sind als Verständnishintergrund des Neuen Testaments an vielen Stellen relevant und können für die Exegese aufschlussreich sein. Sie zeigt außerdem, wie viele alttestamentliche Passagen aus dem Gesetz damals verstanden wurden.
Allerdings muss man hier auch Vorsicht walten lassen: Nicht alles in der Mischna ist eine Zeitkapsel aus der Zeit Jesu. Weil die Mischna erst später verschriftlicht wurde, enthält sie in vielen Bereichen auch Rückprojektionen und Idealisierungen aus einer Zeit, in der der Tempel nicht mehr stand und sich viele Praktiken schon geändert hatten. Dennoch ist die Mischna eine wichtige Ressource und lässt viele Rückschlüsse auf die Sicht auf die Tora, den Tempel oder viele praktische Fragen wie Scheidung, Reinigung oder Opfer aus dieser Zeit zu.
Die Mischna gliedert sich in sechs große Abschnitte (Sektionen, hebr. „Seder“): Darin geht es anlässlich der Stichworte „Saaten“, „Feste“, „Frauen“, „Beschädigungen“, „Heiliges“ und „Reinheiten“ um verschiedene Aspekte von Gesetzesauslegungen.
Eine zweite Schicht: Die Gemara
Um diese erste Schicht entstand anschließend eine zweite Schicht der Überlieferung – die Gemara (abgeleitet von „vollenden“). Die Gemara ist mehr als zehnmal länger als die Mischna und spiegelt vor allem die rabbinischen Lehrdiskussionen aus der Zeit des 3.–5. Jh. n. Chr. wider. Sie ist sozusagen ein Kommentar zur Mischna, der diese noch detaillierter diskutiert.
Die Gemara kommentiert die Mischna allerdings nicht gleichmäßig. Manche der Sektionen (wie etwa zu „Reinheiten“) werden gar nicht diskutiert, andere dagegen sehr ausführlich. Das hat damit zu tun, dass im 3.-5. Jh. durch den Verlust des Tempels und Opferdienstes nicht mehr alle Themen der Mischna für eine vertiefte Diskussion relevant waren.
Der Talmud in der Ausgabe von Goldschmidt
Mischna und Gemara bilden zusammen den Talmud, dessen Verschriftlichung als Gesamtwerk wohl noch bis ins 6. Jh. n. Chr. reichte. Der Begriff ist von „lernen“ oder „lehren“ abgeleitet – der Talmud ist also das umfassende Lehrwerk des Judentums. In der Verschriftlichung wurden Mischna und Gemara zunächst häufig separat überliefert. In späterer Zeit stehen sie aber immer häufiger als Teil eines Gesamtwerkes abschnittsweise direkt beieinander. Diese Darstellung ist in der deutschen Ausgabe von Goldschmidt beibehalten. Zu jedem Abschnitt wird in Kapitälchen zunächst der Text der Mischna wiedergegeben, dem dann der viel längere Text der Gemara folgt.
So hat man in der Ausgabe von Goldschmit zwei wichtige Ressourcen: Einerseits die vollständige Mischna, andererseits (durch die Gemara) den vollständigen Talmud. Um diesen doppelten Wert auszudrücken, betitelte Goldschmidt seine Übersetzung in den ersten Druckausgaben auch als „Der Babylonische Talmud mit Einschluss der vollständigen Misnah“.
Die deutsche Übersetzung von Goldschmidt hat eine hohe Qualität. Weil sie schon in den ersten Teilausgaben intensiv von Gelehrten diskutiert wurde, hat Goldschmidt in der erst anschließend final herausgegebenen zwölfbändigen Ausgabe schon etliche Verbesserungen und Korrekturen vorgenommen. Er hat dabei aber bewusst auf eine Kommentierung des Talmuds verzichtet und nur an einigen Stellen kurze erklärende Anmerkungen in Fußnoten gemacht. Es handelt sich also vor allem um eine Übersetzung, die heute immer noch gut verständlich ist.
Jerusalemer und Babylonischer Talmud
Es kann etwas verwirrend sein, dass der Talmud mit Mischna und Gemara nicht nur zwei Lehrwerke enthält, sondern zusätzlich in zwei Versionen vorliegt: Es gibt den Jerusalemer Talmud und den Babylonischen Talmud. Beide unterscheiden sich darin, dass der Jerusalemer Talmud als Gemara die rabbinischen Lehrdiskussionen aus dem 3.–5. Jh. in Israel umfasst, während der Babylonische Talmud die Traditionen der babylonischen Gelehrten umfasst, die dort nach dem babylonischen Exil Teil einer großen jüdischen Community waren. Beide Versionen des Talmuds haben große Ähnlichkeiten, weil es einen regen Austausch zwischen beiden Orten gab. Sie unterscheiden sich aber darin, dass sie teilweise unterschiedliche Sektionen der Mischna kommentieren. Zum Beispiel wird von den Gelehrten, die immer noch in Israel lebten, aufgrund der praktischen Relevanz im Jerusalemer Talmud die Sektion zu „Saaten“ (Sabbatjahr, Erstlingsfrüchte, verbotene Saatmischungen, etc.) sehr ausführlich kommentiert. Das fehlt im babylonischen Talmud, während dieser aber mit der ausführlichen Diskussion zum „Heiligen“ (Opfervorschriften u. A.) Lehrdiskussionen enthält, die im Jerusalemer Talmud nie verschriftlicht wurden.
Insgesamt ist der babylonische Talmud viel ausführlicher (etwa doppelt so lang) und hat sich als das maßgebliche Lehrwerk im Judentum durchgesetzt. Die Ausgabe von Goldschmidt enthält auch genau diese Version.
Der Talmud in Logos
Die Ausgabe von Goldschmidt ist mittlerweile gemeinfrei und neben der gedruckten Ausgabe auch digital verfügbar. Die Logos-Version bietet demgegenüber aber einige entscheidende Vorteile. Diese liegen nicht nur darin, dass die Navigation in dem riesigen Werk einfacher ist und es direkt von der Logos-Bibliothek aus genutzt werden kann. Der größte Vorteil besteht aber darin, dass die Ausgabe mit der zugrunde liegenden Datenstruktur in Logos verknüpft ist. Dadurch kann man in der Ausgabe gezielt nach zitierten oder behandelten Bibelstellen suchen oder kann über Verweise auf die Mischna oder den Talmud aus anderen Büchern und Kommentaren direkt in die deutsche Textstelle des Talmuds springen. Auch im Exegese-Assistent kann man unter „Antike Literatur“ direkt sehen, welche Stellen des Talmuds hier als Hintergrund wichtig sind oder sich mit einem ähnlichen Thema befassen.
Untersucht man etwa die Stelle in Matthäus 12,1-8, kann man schnell zu den Hintergründen des Verhaltens am Sabbat springen, die an dieser Textstelle relevant sind. In dieser Stelle monieren die Pharisäer, dass die Jünger am Sabbat Ähren von den Feldern pflücken, weil dies am Sabbat „nicht erlaubt“ ist (Mt 12,2). Hier verweist der Exegese-Assistent in Logos direkt auf das Traktat der Mischna zum Sabbat (m. Sabb. 7,2), wo man erfährt, dass insgesamt 39 Tätigkeiten am Sabbat als verboten angesehen wurden. Unter diesen werden auch „Mähen“, „Garben, „Dreschen“, „Worfeln“, „Klauben“ oder „Mahlen“ genannt. Man findet auch den Hinweis darauf, dass hier schon kleinste Tätigkeiten (wie „zwei Buchstaben schreiben“, „zwei Fäden aufspalten“, „einen Knoten Knüpfen“ oder „lösen“) als verbotene Tätigkeiten galten. Diese Ausführungen der Mischna zeigen, wie die Auslegungspraxis im 2. Jh. n. Chr. aussah und legen nahe, dass ähnliche Traditionen schon bis in das erste Jh. n. Chr. und damit in die Zeit Jesu zurückreichen.
Wie wurden solche Stellen dann im rabbinischen Lehrbetrieb der Folgezeit des 3.–5. Jh. gedeutet? In der anschließenden Gemara ist die Meinung von verschiedenen Rabbinern enthalten, die über die oben genannte Auslegung der Mischna diskutiert haben. Darunter findet man auch Meinungen, nach denen jemand schon durch das Ausreißen einzelner essbarer Blätter des „Mähens“ und „Mahlens“ schuldig ist, wenn er sie in der Hand zerreibt. Das zeigt, dass im Verständnis der unterschiedlichen Tätigkeiten der Mischna auch ein Problem darin gesehen wurde, wenn mehrere verbotene Vorgänge im Kleinen kombiniert wurden.
Bei solchen Aussagen bleibt immer die Frage, wie weit genau diese Lehrmeinungen schon zur Zeit Jesu und von den dort genannten Pharisäern vertreten wurden (das wird in der exegetischen Literatur weiter diskutiert). Der Talmud gibt aber einen zeitlich gestaffelten Kontext von Lehrmeinungen, der der Zeit des Neuen Testaments viel näherstehen, als unsere eigene Zeit. Sie bilden sozusagen eine Brücke, in der die Zeit des Neuen Testaments häufig besser verständlich wird.
Neben der Frage nach den Hintergründen mancher Bibeltexte bleibt der Talmud auch für das Verständnis des historischen Judentums eine wichtige Ressource. An vielen Stellen bekommt man Respekt davor, mit welchen detaillierten Beobachtungen jüdische Gelehrte die Bibeltexte auslegten und welche Feinheiten ihnen dabei auffielen. Und nicht zuletzt ist der Talmud als Teil der sogenannten „mündlichen Tora“ auch im heutigen Judentum ein wichtiges Werk, das in der Ausgabe von Goldschmidt in einer guten deutschen Übersetzung vorliegt.
Die Geschichte hinter der Übersetzung
Neben dem Talmud selbst ist auch die deutsche Übersetzung ein gewaltiges Werk. Die zwölfbändige Ausgabe von Lazarus Goldschmidt ist die erste und bis heute einzige vollständige deutsche Übersetzung und besitzt daher einen einzigartigen Stellenwert. Sie entstand als immense philologische Leistung im Zeitraum von 1897 bis 1936. Die Übersetzung hat eine ganz eigene und teils traurige Geschichte: Der ursprüngliche Anlass der Übersetzung war eine „Welle von Hasspropaganda gegen den Talmud“ (so Goldschmidt später), bei der antisemitische Anschuldigungen gegen Juden und angeblich geheime Aussagen im Talmud erhoben wurden. Goldschmidt wollte die falschen Vorwürfe widerlegen und alle selbst prüfen lassen, was im Talmud steht. So wagte er sich an das große Übersetzungsprojekt. Er war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt und beherrschte wohl schon damals 6 bis 8 Sprachen. Es kam zu einer traurigen Ironie: Als Mittel gegen Antisemitismus gedacht, konnte Goldschmidt angesichts eines sogar noch zunehmenden Antisemitismus seine Übersetzung nicht mehr in Deutschland vollenden. Noch während die letzten Bände im Druck erschienen, musste er 1933 nach der nationalsozialistischen Machtübernahme nach England emigrieren und vollendete erst dort das Projekt. Seine Übersetzung wurde trotzdem international gefeiert. In ihr hat Goldschmidt ein Erbe hinterlassen, das eine bis heute unübertroffene Ressource darstellt und nun in Logos verfügbar ist.
