Rezension: Werke von Benno Jacob

Brevard S. Childs erzählt von seinen Studien in Heidelberg 1951: Gerhard von Rad hat sich überraschend häufig auf den Genesis-Kommentar von Benno Jacob bezogen. Daher habe er, Childs, sich mit großer Mühe ein gedrucktes Exemplar besorgt. Auch ich habe mit großer Freude im Jahr 2000 eine Originalausgabe des Schocken-Verlags Berlin von 1934 für über 1000 österreichische Schillinge in einem Antiquariat in Linz erstanden (ca. 70 €). Wie Gerhard von Rad und Brevard S. Childs habe auch ich bei meiner Arbeit an den Genealogien der Genesis (HBS 39, Freiburg i.Br.: Herder, 2003) viel von der jüdischen Auslegung des Rabbiners Benno Jacob gelernt. Seine Kommentare zu Genesis und Exodus sind zu Unrecht beinahe in Vergessenheit geraten – und es ist Logos ein großes Lob dafür auszusprechen, dass nun diese Kommentare digital in der Logos-Bibliothek zur Verfügung stehen.

Leben und Werk Benno Jacobs

Benno Jacob wurde 1862 in Wrocław (Breslau, heute Polen) geboren und hat von 1891 bis zu seiner Emeritierung 1929 in Göttingen und Dortmund als Rabbiner gelehrt und geforscht. 1939 konnte er nach England emigrieren, wo er 1943 seinen Exodus-Kommentar beendete und zu seinem Sohn in die USA schickte. Der Exodus-Kommentar wurde erst 1997 im Auftrag des Leo-Baeck-Instituts vom Stuttgarter Calwer-Verlag in deutscher Sprache publiziert. Im Januar 1945 ist Benno Jacob im Exil in London gestorben.

Kritik an der historischen Bibelkritik

In seinem Genesis-Kommentar von 1934 mit 1054 Seiten setzt sich Benno Jacob sehr kritisch mit der damals vorherrschenden Quellenscheidung im Pentateuch auseinander, insbesondere mit den Hauptvertretern Julius Wellhausen und Hermann Gunkel. Obwohl Jacob sich akribisch mit den einzelnen Argumenten beschäftigte und sie zu widerlegen versuchte, war sein Ansatz so anders, dass er mit dem vorherrschenden Paradigma der historischen Kritik nicht vermittelbar war. Heute wird in einer methodisch differenzierteren Exegese-Landschaft Jacobs Werk viel besser wertgeschätzt. Jacob ist ein Meister der hebräischen Sprache und des hebräischen (masoretischen) Texts des gesamten Tanachs (der jüdischen Bibel). Diese jüdische Kanonausprägung bezieht er in ganzer Breite und Tiefe in seine Auslegung mit ein. Insofern nimmt er – aus der jüdischen Auslegungstradition kommend – vorweg, was heutige methodengeleitete Bibelwissenschaft unter kanonisch-intertextueller Lektüre bzw. Biblische Auslegung erfolgreich praktiziert.

Beispiel: Der Name des Engels (Gen 32,28)

Als Beispiel sei die Kommentierung Jacobs zu Gen 32,28 zitiert: „Vers 28: Daß der Engel fragt: was ist dein Name? soll lehren, daß er ihn noch nicht kennt (Gu. [B. Jacob bezieht sich mit der Abkürzung auf den Genesis-Kommentar von Hermann Gunkel, den er gleich widerlegt:]), das Gegenteil ist der Fall. Wer so fragt, kennt die gefragte Sache schon, läßt sich aber den Tatbestand erst von dem andern bestätigen, ehe er eine Bemerkung darüber macht, z. B. eine Änderung der Sache oder ihres Namens vornimmt, ihn zu einem Wortspiel benutzt, z. B. Ex 4,2 fragt Gott den Mose: מה זה בידך, Antwort: »ein Stab«, was Gott natürlich weiß; aber dieser Stab soll nun aufhören ein Stab zu sein und eine Schlange werden. Ähnlich איכה 3,9 (s. d.), der andere soll es selbst sagen. Würde der Engel den Namen noch nicht wissen, so würde er fragen (שאל, nicht אמר): sage mir doch (הגידה נא לי) deinen Namen wie v. 30. Keine Einleitung einer Rede kann aber stutziger machen und mehr die Erwartung spannen als die Frage מַה שְׁמֶךָ, denn was sollte mir weniger fraglich sein als mein Name und welche Eröffnung mich mehr angehen als die, daß mit diesem Namen, der meine Persönlichkeit und ihre Geltung in der Welt bedeutet, etwas angestellt werden soll“ (S. 639).

Beispiel: Die Verbannung Kains (Gen 4,14)

Ein weiteres Beispiel ist die Widerlegung der (alten) religionsgeschichtlichen Position zur Verbannung Kains in Gen 4,14. Wellhausen, Budde und Gunkel nehmen an, dass in der Vorstellung Israels zur Entstehungszeit des Textes Gott nur in Kanaan bzw. im Kulturland wohne, während abseits davon andere Gottheiten herrschten. Wenn dem so wäre, müsste man diesen Teil der Urgeschichte sehr früh datieren, was aber Jacob nicht thematisiert. Er stellt vielmehr als Entgegnung fest: „Die allgegenwärtige Wirksamkeit Gottes ist eine der festesten Überzeugungen der hebräischen Bibel. Von seinem »Angesicht« verbannt sein, heißt: sich durch Sünde von der Gemeinschaft mit ihm geschieden haben; er will von dem Sünder nichts wissen, da dieser von ihm nichts hat wissen wollen. Gott verbirgt sein Angesicht vor jemandem, heißt: er entzieht ihm seinen besonderen Schutz und überläßt ihn den natürlichen Gewalten und dem gesetzmäßigen Lauf der Welt, den er nicht hemmt. Das Dach schützt nur den, der sich darunter stellt. Die klassische Stelle dafür ist Dt 31,16ff.“ (S. 144). Liest man den hebräischen Text so, ist man nicht mehr gezwungen, ein hohes Alter für die Kain-Geschichte anzunehmen. Insofern eröffnet Jacobs Kommentierung auch für die historisch-kritische Forschung wichtige Perspektiven und hilft, festgefahrene Auffassungen zu hinterfragen.

Die Gottesbildlichkeit des Menschen (Gen 1,26)

Wer die große theologische Tiefe der Auslegungen Jacobs kennenlernen will, möge beispielsweise die Ausführungen zur Gottesbildlichkeit (Gen 1,26) konsultieren (S. 57–59). Jacob lehnt die geläufige Vorstellung einer körperlichen Ähnlichkeit ab, „weil der Mensch sich nach seiner körperlichen Organisation von den höheren Säugetieren gar nicht so sehr unterscheidet. … Der Vergleichungspunkt kann also nur die Beseeltheit und das Leben, und zwar in ihren höheren Formen und Äußerungen sein.“ Die Sonderstellung des Menschen im biblischen Text, die aus heutiger Sicht so viel Unheil gebracht hat, hebt Jacob einerseits heraus, relativiert sie andererseits sofort: „In der Herrschaft über die Erde und die Tierwelt ist der Mensch der irdische Stellvertreter Gottes, wie die Gestirne zur Herrschaft über Tag und Nacht eingesetzt sind, aber die Kühnheit des Vergleiches wird dadurch ungefährlich gemacht, daß der Mensch nicht ein Ebenbild Gottes genannt wird, ohne daß hinzugefügt würde, daß er von Gott geschaffen und gemacht sei“. Das heutige Unheil liegt daran, dass dieser Hinweis auf das Geschaffensein vergessen wird – Jacob erinnert mit Verweis auf Psalm 8 deutlich an diese Begrenzung des Menschen und seines Handelns, und dies ist ein weiterer Beleg dafür, wie Jacobs Interpretationen auch nach über 90 Jahren noch hilfreiche Impulse geben können.

Die Vorzüge der Logos-Ausgabe

Das Wunderbare an der Logos-Ausgabe ist die großartige Erleichterung der Lektüre der Kommentare von Benno Jacob durch die Verlinkung der Bibelstellen und die Auflösung der Abkürzungen. Jacob hat unzählige Belegstellen für seine Auslegungen angegeben – in Logos erscheint der Text der Verse wie gewohnt, sobald man mit dem Mauszeiger darüberfährt. Ebenso ist es mit den zahllosen Abkürzungen für Sekundärliteratur, die Jacob machen musste, um bei den Druckausgaben Platz zu sparen. Logos löst diese Abkürzungen sofort auf. So ist es möglich, ganz tief in die Studien der alten Ausleger und Jacobs Entgegnungen einzutauchen. Häufig verweist Benno Jacob in seinen Kommentaren zu Genesis und Exodus auf früher veröffentlichte Studien von ihm. Daher ist es sinnvoll und hilfreich, dass Logos im Gesamtpaket auch die „Studien zur Thora“ (Anfang 20. Jh.; Nachdruck Stuttgart: Calwer Verlag, 2021) zur Verfügung stellt. In diesem Band finden sich neben den Originaltexten von Benno Jacob über seinen exegetischen Ansatz auch Hinführungen und Einordnungen zum Werk Jacobs.

Für heute ist von Benno Jacob zu lernen, dass manche im Brustton der Überzeugung vorgetragene (Literar-)Kritik am Text bisweilen gar nicht so stichhaltig ist: Jacobs Auslegungen zeigen an vielen Stellen, dass bestimmte Beobachtungen nicht zwingend durch literarische Schichten oder Redaktionen erklärt werden müssen, sondern auch anders gedeutet werden können. Aus heutiger Sicht ist es unerheblich, ob Jacob damit näher an der Historie dran ist als seine damaligen Sparringspartner. Es genügt, seinen Impuls aufzugreifen, bestimmte Textphänomene noch gründlicher vom hebräischen Text her zu entschlüsseln und dann ein theologisch fundiertes Textverständnis zu entwickeln, das nicht bloß an der historischen Entstehung des Textes hängt. 

Was wir heute von Benno Jacob lernen können

Kommentieren eines Bibeltextes heißt heutzutage, Lesevorschläge und Hilfen zum Textverständnis zu präsentieren – mit dem Ziel, den Text so zu erschließen, dass eine Leserschaft ihn nicht als völlig veraltet und unverständlich beiseitelegt. Es geht weder darum, die einzige historische Wahrheit über die Entstehung zu erheben, noch darum, die einzig mögliche Deutung vorzulegen. Insofern war Benno Jacob seiner Zeit voraus und ist mit seinen Lesevorschlägen und Auslegungen auch im 21. Jh. aktuell und lesenswert. Dieses Verständnis von „Kommentar“ und die hohe Wertschätzung der Arbeiten Benno Jacobs, insbesondere seines Exodus-Kommentars, findet sich beispielsweise in der maßgeblichen modernen Exodus-Kommentierung von Christoph Dohmen in der Reihe „Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament“ (HThKAT, Freiburg i.Br.: Herder, 2012; 2015). Dohmens Kommentierung ist auch in Logos verfügbar, und die direkte Suche in seinem Text offenbart seine häufige Zitierung von Benno Jacob.

Vermächtnis: „To learn and to teach, to fight and to help“

Auf Benno Jacobs Grabstein auf dem Willesden Jewish Cemetery in London steht: „To learn and to teach, to fight and to help.“ Dieses mission statement Jacobs gilt auch heute für Logos und die Bibelwissenschaft: intensives Studieren des biblischen Ausgangstextes in seinen ursprünglichen Sprachen, das Erkannte weitergeben und zukünftige Generationen lehren, gegen vorschnelle Urteile über den Text und gegen Vereinnahmungen für Ideologien gleich welcher Art kämpfen und schließlich Menschen dabei helfen, sich den wertvollen Text des heiligen Buches zu erschließen für ihr eigenes Leben vor Gott und in Verantwortung für die Mitmenschen und die Mitwelt.

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Geschrieben von
Prof. Thomas Hieke

Dr. Thomas Hieke ist Professor für Altes Testament an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Buch Levitikus, der Pentateuch, die Bücher der Chronik sowie Esra-Nehemia, Fragen der Biblischen Theologie sowie der Hermeneutik und Methodologie.

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