Rezension: 2 Sam 11–24 (HThKAT) von Ilse Müllner

Von hinten nach vorne 

Ilse Müll­ners Kom­men­tar zu 2 Samu­el 11–24 erschien in gedruck­ter Form im Jahr 2025. Ab 19. Juni 2026 ist der Kom­men­tar über den zwei­ten Teil des zwei­ten Samuel­buchs in einer digi­ta­len Ver­si­on in Logos ver­füg­bar. Der Kom­men­tar ist Teil der von Erich Zen­ger initi­ier­ten Rei­he Her­ders theo­lo­gi­scher Kom­men­tar zum Alten Tes­ta­ment (HTh­KAT), her­aus­ge­ge­ben von Ulrich Ber­ges, Chris­toph Doh­men und Lud­ger Schwi­en­horst-Schön­ber­ger. Damit ist er der neu­es­te deutsch­spra­chi­ge Kom­men­tar zu 2 Samu­el seit dem Kom­men­tar von Wal­ter Diet­rich in der Rei­he Bibli­scher Kom­men­tar AT (BK​.AT) zu 2 Sam 9–14 (2021).

Müll­ner geht bei der Publi­ka­ti­on des Kom­men­tars einen unge­wöhn­li­chen Weg: Der Kom­men­tar zu 2 Sam 11–24 ist einer von zwei Bän­den des gesam­ten Kom­men­tars über das zwei­te Samuel­buch in der Rei­he. Aller­dings ist der zwei­te vor dem ers­ten erschie­nen: Induk­tiv erschließt sich Müll­ner das zwei­te Samuel­buch rück­wärts, indem „die grö­ße­ren Fra­gen lite­ra­ri­scher und his­to­ri­scher Zusam­men­hän­ge“[1] des zwei­ten Samuel­buchs erst nach genaue­rer Betrach­tung der ein­zel­nen Peri­ko­pen in den Fokus rücken sol­len. Damit müs­sen sich die Lesen­den auf die Ant­wor­ten Müll­ners zu Ein­lei­tungs­fra­gen und grö­ße­ren For­schungs­dis­kur­sen zu 2 Sam noch bis zum Erschei­nen des ers­ten Ban­des gedulden.

Hermeneutische Weite, methodische Klarheit und Gender-Perspektiven

Müll­ner ent­wi­ckelt ihren Kom­men­tar grund­sätz­lich „mit gro­ßer her­me­neu­ti­scher Wei­te und metho­di­scher Offen­heit“[2]. Am maso­re­ti­schen Text nach der BHS ana­ly­siert sie den Text mit den Schwer­punk­ten femi­nis­ti­sche Exege­se und theo­lo­gi­sche Gen­der­for­schung. Dies ist im Kon­text von 2 Sam von beson­de­rer Bedeu­tung, denn sowohl Män­ner- als auch Frau­en­fi­gu­ren wer­den im Lich­te para­dig­ma­ti­scher Gen­der­vor­stel­lun­gen gezeich­net.[3] Dies wird in den ein­zel­nen Kapi­teln zu den Peri­ko­pen sehr genau aus­ge­ar­bei­tet und akri­bisch am Text belegt. So bemerkt Müll­ner bei­spiels­wei­se im Mord­auf­ruf Amnons durch Abscha­lom (2 Sam 13,23–37) unter Rück­griff auf sprach­li­che, inter­tex­tu­el­le und sozio­kul­tu­rel­le Aspek­te kla­re Dyna­mi­ken eines pro­to­ty­pisch-männ­li­chen Han­delns. Die­se wer­den aktiv zur Über­zeu­gung der Die­ner­schaft zur Tat genutzt.[4] Dar­über hin­aus liegt ein wei­te­rer Fokus auf der Rezep­ti­ons­ge­schich­te, die sich auch in der Glie­de­rung der ein­zel­nen Betrach­tun­gen der Text­stel­le wie­der­fin­den lässt.

Müll­ner grenzt die Peri­ko­pen dabei anhand bekann­ter the­ma­ti­scher Lini­en ab. Die­se sind teils auch in bekann­ten Über­set­zun­gen des Tex­tes der Ein­heits­über­set­zung (2016) zu fin­den. Dabei wählt Müll­ner einen sche­ma­ti­schen und für alle Ana­ly­sen ein­heit­li­chen Auf­bau ihrer Betrach­tun­gen, der dem grund­sätz­li­chen Kon­zept der Rei­he folgt: Auf die Lite­ra­tur­ver­wei­se zu Beginn des Kom­men­tar-Abschnitts schließt sich eine eige­ne Über­set­zung mit einer umfas­sen­den Erläu­te­rung zur Aus­ge­stal­tung der Über­set­zung und einer text­kri­ti­schen Ein­ord­nung an. Dar­auf­hin führt Müll­ner ihre Ana­ly­se des Tex­tes nach sich wie­der­ho­len­den metho­di­schen Schrit­ten fort: Abgren­zung und Auf­bau, Kon­text, Raum und Bewe­gung, Zeit, Figu­ren, Per­spek­ti­ve, Lite­ra­tur­ge­schich­te und Rezep­ti­on. Danach fol­gen die Aus­le­gung und die Dis­kus­si­on von Bedeutungsräumen.

Das gleich­blei­ben­de metho­di­sche Sche­ma für alle Peri­ko­pen ermög­licht eine hohe Über­sicht­lich­keit und metho­di­sche Klar­heit für die Lesen­den. Es för­dert dar­über hin­aus auch einen kon­kre­te­ren Zugang zu Müll­ners Erkennt­nis­sen. Die­ser wird noch durch die Unter­über­schrif­ten, zu Beginn jeden Abschnit­tes in fett mar­kiert, unterstützt.

Einpassungen in die interaktive Logos-Bibliothek 

Logos über­nimmt die Ord­nung des gedruck­ten Buches, die sehr zur Über­sicht­lich­keit des Inhalts bei­trägt, die ein­zel­nen Arti­kel der Stel­len sinn­voll auf­be­rei­tet und eine intui­ti­ve Bedien­bar­keit ermög­licht. Die Sei­ten­zah­len kön­nen ein­ge­blen­det wer­den, sodass das Buch zitier­bar ist. Eben­so wer­den die anschau­li­chen Bil­der, Fotos und Tabel­len über­nom­men, mit denen Müll­ner die Erklä­run­gen ziel­füh­rend visualisiert.

Das Inhalts­ver­zeich­nis ist nicht nur am Anfang des digi­ta­len Medi­ums, son­dern auch dar­über hin­aus in einer lin­ken Sei­ten­leis­te abge­bil­det. Mit der Side­bar ist eine schnel­le und inter­ak­ti­ve Navi­ga­ti­on durch den 656 Sei­ten umfas­sen­den Kom­men­tar möglich.

Der Kom­men­tar ist in der Logos-Bibel­soft­ware inter­ak­tiv ver­knüpft: So bestehen Ver­lin­kun­gen zwi­schen Text und dem Kom­men­tar sowie zu allen ver­wei­sen­den Bibel­stel­len. Dies ist sowohl bei der Rezep­ti­on des Bibel­tex­tes als auch bei der lesen­den Bear­bei­tung des Kom­men­tars äußerst hilf­reich. Durch die Ver­lin­kun­gen kön­nen die Lesen­den schnell die Stel­le dyna­misch in der prä­fe­rier­ten Aus­ga­be auf­schla­gen oder aber sich über die Bibel­stel­le zu den Sei­ten des Kom­men­tars füh­ren las­sen. Das Bibel­stel­len­re­gis­ter ist eben­falls mit Logos ver­knüpft, sodass zwi­schen ein­zel­nen Stel­len schnell und aktiv navi­giert wer­den kann. Dies ist ins­be­son­de­re für kon­kre­te Anfra­gen an spe­zi­fi­sche Text­stel­len von gro­ßem Vorteil.

Müll­ners Kom­men­tar ist damit sehr gut in die Logos-Welt imple­men­tiert wor­den und bie­tet so die Vor­zü­ge der Logos-Biblio­thek. Die­se ermög­licht eine kon­zen­trier­te digi­ta­le Text­ar­beit durch Such­fel­der, Ver­lin­kun­gen, Noti­zen und Text­mar­kie­run­gen, die einen pass­ge­nau­en Zugriff auf den Text ermög­li­chen. Sowohl für die Text­ar­beit als auch für das Schrei­ben eige­ner Arbei­ten ist die Zita­ti­on des Tex­tes mit Fuß­no­ten über die Logos-Kopier­funk­ti­on sehr leicht möglich.

Ein Kommentar für Laien und Forschende

Für Lai­en ist die Arbeit mit der digi­ta­len Logos-Ver­si­on von Müll­ners Kom­men­tar zu 2 Sam 11–4 eine viel­ver­spre­chen­de Mög­lich­keit, sich näher mit den dar­ge­stell­ten Hin­wei­sen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ins­be­son­de­re für Ein­stei­gen­de macht die inter­ak­ti­ve Ver­si­on die gro­ße Men­ge an Hin­wei­sen über­schau­bar. Die Infor­ma­tio­nen kön­nen indi­vi­du­ell, schnell und ziel­füh­rend dif­fe­ren­ziert wer­den. Hier­zu hel­fen ins­be­son­de­re die inter­ak­ti­ven Mög­lich­kei­ten der Logos-Ver­si­on, die den suchen­den Blick bedürf­nis­ori­en­tiert ganz gezielt zu den gewünsch­ten Stel­len oder aber zu einem gene­rel­len Über­blick len­ken können.

Für For­schen­de ist der in der Logos-Biblio­thek ver­füg­ba­re Kom­men­tar zu 2 Sam 11–24 ein wert­vol­les Werk­zeug, um sich den von Müll­ner mit hoher wis­sen­schaft­li­cher Prä­zi­si­on auf­be­rei­te­ten Text ziel­ge­nau zu erschlie­ßen. Ins­be­son­de­re durch die Ver­lin­kun­gen und die digi­ta­le Text­ar­beit mit­hil­fe von Notiz-Tools und Mar­kie­run­gen ist eine viel­schich­ti­ge und tief­grün­di­ge Arbeit mit dem Kom­men­tar mög­lich. Der Kom­men­tar ist mit den bestehen­den Res­sour­cen der indi­vi­du­el­len Logos-Biblio­thek ver­knüpf­bar und lässt sich mit wei­te­ren Res­sour­cen sinn­voll ergänzen.

Die Vor­tei­le einer digi­ta­len Kom­men­tar­ver­si­on wer­den am Bei­spiel des neu­en Kom­men­tars zu 2 Sam 11–24 von Ilse Müll­ner para­dig­ma­tisch sicht­bar und ber­gen gro­ßes Poten­zi­al für die Zukunft der bibel­wis­sen­schaft­li­chen Arbeit.

[1] Ilse Müll­ner, „Vor­wort“, in 2 Samu­el 11–24, hg. von Ulrich Ber­ges, Chris­toph Doh­men, und Lud­ger Schwi­en­horst-Schön­ber­ger, übers. von Ilse Müll­ner, Her­ders Theo­lo­gi­scher Kom­men­tar zum Alten Tes­ta­ment (Frei­burg; Basel; Wien: Her­der, 2025), 11.

[2] Ebd.

[3] Vgl. S. 12.

[4] Vgl. Ilse Müll­ner, 2 Samu­el 11–24, hg. von Ulrich Ber­ges, Chris­toph Doh­men, und Lud­ger Schwi­en­horst-Schön­ber­ger, übers. von Ilse Müll­ner, Her­ders Theo­lo­gi­scher Kom­men­tar zum Alten Tes­ta­ment (Frei­burg; Basel; Wien: Her­der, 2025), 223–224.

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Geschrieben von
Anna Reitnauer

Anna Sophie Reitnauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung Altes Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Hieke. Ihre Forschung konzentriert sich innerhalb der jüdisch-christlichen Schriftenhermeneutik insbesondere auf machtkritische und intersektionale Zugänge zu biblischen Texten.

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