Die Bergpredigt: Herzstück von Jesu Botschaft und revolutionäres Manifest

Die Bergpredigt: Jesus lehrt die Menschen vom Reich Gottes.

Die Berg­pre­digt ist weit mehr als eine Pre­digt – sie ist Jesu revo­lu­tio­nä­res Mani­fest für eine Welt, die auf Lie­be, Gerech­tig­keit und Ver­ge­bung basiert. In 15 Minu­ten gibt Ihnen die­ser Arti­kel einen Ein­blick in eini­ge der radi­kals­ten Ideen, die Jesus dar­in verkündet.

Faszination Bergpredigt

Die Bergpredigt: Jesu Manifest für eine neue Welt

Wenn da nur die Berg­pre­digt und mei­ne eige­ne Inter­pre­ta­ti­on dazu wären, wür­de ich nicht zögern zu sagen: ‚O ja, ich bin ein Christ […]. Lei­der ist aber viel, was unter dem Namen Chris­ten­tum läuft, eine Nega­ti­on der Berg­pre­digt.“ (Mahat­ma Gandhi)

Die gro­ßen Kon­flik­te der Zeit wären lös­bar, wenn wir Men­schen die Kraft fän­den, per­sön­lich und poli­tisch gemäß der Berg­pre­digt zu han­deln.“ (Richard von Weizsäcker)

Die Berg­pre­digt fas­zi­niert, sie pro­vo­ziert – und sie hat die Kraft, die Welt zu ver­än­dern. Was ist das Beson­de­re an der Berg­pre­digt, das die Men­schen seit Jahr­hun­der­ten so tief bewegt – und zugleich so sehr herausfordert?

Die Berg­pre­digt ist nicht ein­fach eine von vie­len Pre­dig­ten Jesu. Sie ist sein Mani­fest, sei­ne Agen­da, sein radi­ka­ler Ent­wurf für ein Leben im Reich Got­tes. Hier beschreibt Jesus nicht nur, wie sei­ne Nach­fol­ger leben sol­len, son­dern er stellt die herr­schen­de Welt­ord­nung auf den Kopf. Statt Macht, Gewalt und Selbst­be­haup­tung ruft er zu Demut, Fein­des­lie­be und radi­ka­ler Ver­ge­bung auf.

Und genau hier liegt die Her­aus­for­de­rung: Die Berg­pre­digt ist radi­kal – und des­halb unbe­quem. Sie inspi­riert, doch sie kon­fron­tiert uns gleich­zei­tig mit der Fra­ge, ob wir wirk­lich bereit sind, nach ihr zu leben. Vie­le betrach­ten die Berg­pre­digt als ein schö­nes Ide­al – eine Art mora­li­sche Uto­pie, die zwar bewun­derns­wert ist, aber nicht wirk­lich umsetz­bar. Doch was, wenn Jesus genau das Gegen­teil woll­te? Was, wenn er die Berg­pre­digt nicht als blo­ßen Traum for­mu­liert hat, son­dern als den ein­zi­gen Weg, die Welt zu verändern?

Die­ser Arti­kel sieht die Berg­pre­digt als das zen­tra­le Ver­mächt­nis Jesu, als sei­nen Mas­ter­plan für eine neue Mensch­heit – und als den Prüf­stein für jeden, der sich Christ nennt.

Reich Gottes in der Bergpredigt: Ein Königreich der anderen Art

Der Kontext der Bergpredigt

Die Autoren der Evan­ge­li­en haben die Geschich­ten von Jesus nicht ein­fach will­kür­lich anein­an­der­ge­reiht. Wer genau­er hin­schaut, erkennt, dass der Auf­bau der Evan­ge­li­en mit viel Sorg­falt gestal­tet wur­de. Des­halb gilt die wich­ti­ge Regel beim Bibel­le­sen: Der Kon­text zählt. Bevor wir die Berg­pre­digt betrach­ten, soll­ten wir uns fra­gen: In wel­chen Zusam­men­hang setzt Mat­thä­us die­se Rede? Der Schlüs­sel dazu liegt in Mat­thä­us 4.

Nach­dem Jesus die Ver­su­chun­gen des Satans über­wun­den hat, beginnt er öffent­lich zu wir­ken. Er zieht durch das Land und ver­kün­det sei­ne zen­tra­le Bot­schaft: „Tut Buße, denn das König­reich der Him­mel hat sich genaht.“ (Mt 4,17 BidF). Zudem heißt es: Und Jesus durch­zog ganz Gali­läa, … und ver­kün­de­te die gute Bot­schaft vom König­reich (Mt 4,23 BidF). Tat­säch­lich wäre es bes­ser, die Berg­pre­digt als „die gute Bot­schaft vom König­reich“ zu bezeich­nen, da die­ser Titel bereits deut­lich macht, wor­um es geht und was uns erwartet.

Par­al­lel dazu ruft Jesus sei­ne ers­ten Jün­ger in die Nach­fol­ge (Mt 4,19). Der Kon­text der Berg­pre­digt ist also klar: Jesus ver­kün­det das König­reich Got­tes und for­dert zur Umkehr und Nach­fol­ge auf. In der Berg­pre­digt geht es also um das König­reich Got­tes und dar­um, wie Buße und Nach­fol­ge kon­kret aussehen.

In der Bergpredigt geht es um das Königreich Gottes

Uns moder­nen Lesern kann leicht ent­ge­hen, wie revo­lu­tio­när die Ver­kün­di­gung des König­rei­ches Got­tes (grie­chisch: basi­leia) für die Men­schen damals war. Das herr­schen­de König­reich (basi­leia) war Rom – eine Macht, die ihre Herr­schaft durch Gewalt, Unter­drü­ckung und mili­tä­ri­sche Stär­ke sicherte.

Als Jesus nun ver­kün­de­te, dass das Reich Got­tes nahe sei, haben ver­mut­lich alle Zuhö­rer auto­ma­tisch an das römi­sche Reich gedacht. Ihre natür­li­che Erwar­tung war, dass Got­tes Königs­herr­schaft ähn­lich funk­tio­nie­ren wür­de: mit Macht, Krie­gen und dem gewalt­sa­men Sturz der Römer. Sie rech­ne­ten mit einem Mes­si­as, der als poli­ti­scher Befrei­er auf­tritt und das Reich Got­tes mit Schwert und Stär­ke errich­tet. Doch Jesus hat­te eine ganz ande­re Art von König­reich im Sinn – eines, das ihre Vor­stel­lun­gen völ­lig auf den Kopf stel­len würde.

Was ist das Königreich Gottes?

Zur Zeit Jesu war das Bild eines König­rei­ches völ­lig selbst­ver­ständ­lich – die Men­schen waren Unter­ta­nen Roms und ver­stan­den, was Herr­schaft bedeu­te­te. Heu­te ist die­ses Bild für vie­le nicht mehr so zugäng­lich, wes­halb immer wie­der ver­sucht wird, alter­na­ti­ve Begrif­fe zu fin­den, um das Reich Got­tes ver­ständ­li­cher zu machen.

Zwar sind die meis­ten die­ser Alter­na­ti­ven nicht voll­kom­men, da sie oft nur einen Teil­aspekt des König­reichs beschrei­ben. Den­noch kön­nen sie hel­fen, unser Ver­ständ­nis zu ver­tie­fen. Hier eini­ge Alter­na­ti­ven, die ich im Lau­fe der Jah­re gehört habe: der gro­ße Traum Got­tes, die Revo­lu­ti­on Got­tes, die Mis­si­on Got­tes, der Weg der Lie­be, das Reich der Gerech­tig­keit, Got­tes Visi­on für die Menschheit.

In der Berg­pre­digt erklärt Jesus, wie sein König­reich funk­tio­niert – oder anders aus­ge­drückt: wie sein Weg der Lie­be prak­tisch aus­sieht. Dass Lie­be das zen­tra­le Gebot für sei­ne Nach­fol­ger ist, hat er im Dop­pel­ge­bot der Lie­be klar­ge­macht (Mt 22,37–40). Doch Lie­be ist ein dehn­ba­rer Begriff, den Men­schen sehr unter­schied­lich fül­len. Bei­spiels­wei­se sehen eini­ge es als Aus­druck von Lie­be, ihre Kin­der durch Schlä­ge zu „erzie­hen“, wäh­rend ande­re – ins­be­son­de­re die­je­ni­gen, die dar­un­ter gelit­ten haben – dies als das genaue Gegen­teil von Lie­be empfinden.

Wie ech­te Lie­be im All­tag aus­sieht, ist oft nicht ein­fach zu erken­nen und erfor­dert Weis­heit und Unter­schei­dungs­ver­mö­gen. Genau hier setzt die Berg­pre­digt an: Sie ist wie ein umfas­sen­der Kom­men­tar dazu, wie ech­te Lie­be prak­tisch aus­ge­lebt wird.

Ein radikaler Gegenentwurf

Got­tes König­reich ist ein radi­ka­ler Gegen­ent­wurf zur römi­schen Herr­schaft. Jesus stellt alle gän­gi­gen Vor­stel­lun­gen über König­rei­che auf den Kopf und prä­sen­tiert ein Reich, das völ­lig anders ist als alles, was die Men­schen damals kannten.

Das römi­sche Reich war eine hier­ar­chi­sche Macht­struk­tur, die mit Gewalt, Unter­drü­ckung und Kon­trol­le regier­te. Im Gegen­satz dazu ist das Reich Got­tes geprägt von Gewalt­lo­sig­keit, Gleich­wer­tig­keit aller Men­schen, einem Fokus auf hei­len Bezie­hun­gen und orga­ni­schem Wachs­tum. Die Berg­pre­digt zeich­net das Bild einer radi­kal neu­en Art zu leben – sie ist Got­tes Agen­da für die Men­schen, die sich sei­ner Königs­herr­schaft unter­ord­nen.

Des­halb ist die Berg­pre­digt nicht ein­fach eine von vie­len Pre­dig­ten. Wenn wir behaup­ten, Jesus nach­zu­fol­gen, dann müs­sen wir sie ernst neh­men. Wir kön­nen nicht sagen, dass wir Jesus nach­fol­gen und zugleich die Berg­pre­digt igno­rie­ren. Das wäre in etwa so, als wür­de jemand sich als Vege­ta­ri­er bezeich­nen, aber mehr­mals die Woche Steak essen.

Wer wirk­lich Jesus nach­fol­gen will, kommt nicht dar­an vor­bei, die Berg­pre­digt sorg­fäl­tig zu stu­die­ren und zu über­le­gen, was sie für das eige­ne Leben bedeu­tet. Sobald wir anfan­gen, cle­ve­re Argu­men­te oder sogar ande­re Bibel­stel­len zu nut­zen, um Jesu kla­re Agen­da in der Berg­pre­digt zu umge­hen oder zu ent­kräf­ten, dann ver­leug­nen wir letzt­lich nicht nur sei­ne Leh­re – son­dern Jesus selbst.

Da die Berg­pre­digt in ihrer gan­zen Tie­fe nicht in einem ein­zi­gen Arti­kel behan­delt wer­den kann, habe ich drei Bei­spiel­tex­te aus­ge­wählt, die beson­ders ein­drück­lich die Radi­ka­li­tät von Jesu Bot­schaft verdeutlichen.

Beispiel 1: Das Gesetz erfüllen (Matt 5,17–20)

Jesus ist sich bewusst, dass sei­ne Wor­te sei­ne Zuhö­rer pro­vo­zie­ren wer­den. Für sie wird es so wir­ken, als wür­de er dem mosai­schen Gesetz wider­spre­chen und es abschaf­fen. Des­halb stellt er gleich zu Beginn klar, wie er zum Alten Tes­ta­ment (AT) steht. Die­se Pas­sa­ge ist ent­schei­dend für unser Ver­ständ­nis der Schrift, denn sie zeigt, wie Jesus selbst das Alte Tes­ta­ment aus­ge­legt hat – und damit auch, wie wir es lesen sollten.

Denkt nicht, ich sei gekom­men, um das Gesetz oder die Pro­phe­ten außer Kraft zu set­zen. Ich bin nicht gekom­men, um außer Kraft zu set­zen, son­dern um zu erfül­len (alter­na­tiv: son­dern um vol­le Gel­tung zu ver­schaf­fen). (Mt 5,17 NGÜ)

Die zen­tra­le Fra­ge ist, was es genau bedeu­tet, dass Jesus das Gesetz erfüllt hat. Ein guter Bibel­kom­men­tar zeigt die Viel­falt an Deu­tun­gen auf, die es zu einer Stel­le inner­halb des Lei­bes Chris­ti gibt und hilft dem Leser, sich selbst eine fun­dier­te Mei­nung zu bil­den – anstatt nur eine ein­zel­ne Aus­le­gung vor­zu­ge­ben, beson­ders wenn es sich um ein kon­tro­ver­ses The­ma han­delt. Genau das tut der HTA-Bibel­kom­men­tar an die­ser Stel­le: Er führt sechs ver­schie­de­ne Nuan­cen auf, in denen das grie­chi­sche Wort für „erfül­len“ ver­stan­den wer­den kann.

Nun hat aller­dings πληρόω [plēroō] ver­schie­de­ne Nuan­cen. Im Ein­zel­nen kann man fol­gen­de Bedeu­tun­gen unter­schei­den: 1) Jemand oder etwas mit einem Inhalt erfül­len. Jesus wür­de dann in Mt 5,17 die Hei­li­ge Schrift mit ihrem wah­ren gött­li­chen Sinn erfül­len, das heißt aus­le­gen. 2) Ein Ver­spre­chen oder eine Ver­hei­ßung erfül­len. Jesus wäre dann in Per­son die wah­re Erfül­lung des­sen, was die Hei­li­ge Schrift will, ihr Ziel und ihre escha­to­lo­gi­sche Erfül­lung. 3) Etwas voll­enden oder zu einem Gan­zen wer­den las­sen, was bis­her kein Gan­zes war. Jesus wür­de dann den vol­len Sinn der Hei­li­gen Schrift ans Licht brin­gen und ergän­zen, was bis­her nur in Tei­len vor­han­den war. 4) Nahe dabei liegt die Bedeu­tung: etwas Unvoll­kom­me­nes voll­enden. Jesus wür­de dann die Hei­li­ge Schrift durch sei­ne Leh­re erst voll­kom­men machen. 5) „Voll machen“ im Sin­ne von „zum Abschluss brin­gen“. Jesus wäre dann auch in Mt 5,17 wie in Röm 10,4 „des Geset­zes Ende“. 6) Eine For­de­rung erfül­len. Ger­hard Del­ling weist dar­auf hin, dass die­se Bedeu­tung von πληρόω [plēroō] sich im NT immer auf den Wil­len Got­tes bezieht.

Der Kom­men­tar ergänzt: Die genann­ten sechs Bedeu­tungs­mög­lich­kei­ten schlie­ßen sich nicht gegen­sei­tig aus, son­dern wur­den in der Aus­le­gungs­ge­schich­te oft kombiniert.

Auf welche Weise hat Jesus das Gesetz erfüllt?

Um zu ver­ste­hen, wie genau Jesus das Gesetz erfüllt hat, müs­sen wir uns die nach­fol­gen­den Fall­bei­spie­le in Mat­thä­us 5,21–48 anschau­en. Heu­te wird die Aus­sa­ge, dass Jesus das Gesetz erfüllt hat, oft so inter­pre­tiert, dass er damit das gesam­te AT bestä­tigt und wei­ter­hin für gül­tig erklärt. Doch wäh­rend sich die­se Sicht­wei­se mit Mat­thä­us 5,21–30 noch gut ver­ein­ba­ren lässt, wird sie ab Vers 31 zuneh­mend problematisch.

Denn hier zeigt Jesus, dass er das Gesetz erfüllt, indem er es abschafft und durch sei­nen Weg der Lie­be ersetzt. Er erfüllt das Gesetz, indem er es mit sei­nem wah­ren gött­li­chen Sinn erfüllt. Damit voll­endet er gleich­zei­tig das unvoll­kom­me­ne Gesetz (sie­he Opti­on 1 & 4 im HTA-Kom­men­tar). Wir kön­nen nicht gleich­zei­tig dem alt­tes­ta­ment­li­chen Gesetz fol­gen und Jesus gehor­chen, denn sei­ne Leh­re steht in ent­schei­den­den Punk­ten im direk­ten Wider­spruch dazu:

  • Das AT erlaubt das Schwö­ren – Jesus ver­bie­tet es.
  • Das AT for­dert „Auge um Auge“ – Jesus lehrt, die ande­re Wan­ge hinzuhalten.
  • Das AT erlaubt, Fein­de zu has­sen – Jesus for­dert dazu auf, sie zu lieben.

Hier braucht es eine Ent­schei­dung: Fol­gen wir dem Gesetz des Alten Tes­ta­ments oder dem Weg Jesu? Bei­des gleich­zei­tig geht nicht.

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass Jesus in der Berg­pre­digt Tei­le des alt­tes­ta­ment­li­chen Geset­zes abschafft und durch sei­nen Weg der Lie­be ersetzt, ist es schwer zu behaup­ten, dass er das gesam­te AT ein­fach bestä­tigt oder „vali­diert“. Hät­te er dies getan, hät­ten die Schrift­ge­lehr­ten kein Pro­blem mit ihm gehabt. Doch sie lehn­ten ihn ab, eben gera­de, weil er bestehen­de Gebo­te hin­ter­frag­te, neu inter­pre­tier­te und durch sei­nen höhe­ren Weg der Lie­be ersetz­te.

Beispiel 2: Die radikale Forderung der Feindesliebe

Die Fein­des­lie­be, die Jesus in der Berg­pre­digt for­dert (Mt 5,44), gehört zu den her­aus­for­dernds­ten Gebo­ten des christ­li­chen Glau­bens. Doch war­um ver­langt Jesus so etwas Radi­ka­les? Die Ant­wort die Jesus gibt: Weil Gott selbst sei­ne Fein­de liebt. In Mat­thä­us 5,45+48 erklärt Jesus, dass Got­tes Voll­kom­men­heit in sei­ner Lie­be zu allen Men­schen liegt – selbst zu denen, die ihn has­sen, ableh­nen und bekämp­fen (vgl. Joh 3,16; Röm 5,6–10). Die Logik des Tex­tes ist: Als Kin­der Got­tes sol­len wir das Wesen unse­res Vaters wider­spie­geln. Des­halb for­dert Jesus uns auf, unse­re Fein­de zu lie­ben – genau so, wie Gott sei­ne Fein­de liebt.

Doch genau hier liegt eine gro­ße Her­aus­for­de­rung: Es ist ver­lo­ckend, ande­re Bibel­stel­len her­an­zu­zie­hen, um Jesu radi­ka­le For­de­rung abzu­schwä­chen oder gar zu rela­ti­vie­ren. In man­chen christ­li­chen Krei­sen gilt es als „biblisch treu“, Gott als einen zu pre­di­gen, der sei­ne Fein­de hasst. Und das ist ver­ständ­lich, gemes­sen an den vie­len Stel­len im AT, die Gott genau so dar­stel­len. Doch sol­che AT-Stel­len ste­hen im direk­ten Wider­spruch zu dem, was Jesus hier lehrt.

Wenn „biblisch sein“ falsch ist

Des­halb gilt in man­chen Fäl­len: Man kann „biblisch“ sein – und trotz­dem falsch lie­gen. Denn wenn „biblisch sein“ bedeu­tet, dass alle bibli­schen Tex­te gleich­wer­tig, wahr und auto­ri­tär sind, dann müss­ten wir auch Skla­ve­rei zulas­sen (Eph 6,5–9; Kol 3,22–4:1; 1 Tim 6,1–2), unge­hor­sa­me Kin­der stei­ni­gen (5. Mose 21,18–21) und Män­nern erlau­ben sich zu schei­den, sobald ihre Frau etwas tut, was ihnen nicht gefällt (5. Mose 24,1). All das ist biblisch – aber sicher nicht im Sin­ne Jesu. Die Berg­pre­digt erin­nert uns, dass es nicht reicht, ein­fach „biblisch“ zu sein, son­dern als Jün­ger Jesu müs­sen wir Jesus-zen­triert den­ken und han­deln. Und manch­mal bedeu­tet das sogar, Tex­te des Alten Tes­ta­ments hin­ter uns zu las­sen, um Jesus wirk­lich gehor­sam sein zu kön­nen.

Die Fein­des­lie­be ist kein Neben­the­ma – sie ist eher wie ein Prüf­stein, ob wir Jesu Leh­re wirk­lich ernst neh­men. Wer die Fein­des­lie­be ablehnt oder sie durch ande­re Bibel­stel­len rela­ti­viert, läuft Gefahr, Jesus selbst zu wider­spre­chen. Denn Jesu Bot­schaft ist klar: Got­tes Reich basiert auf radi­ka­ler Lie­be. Wer Jesus nach­fol­gen will, ist dazu beru­fen, zu lie­ben – so groß­zü­gig und selbst­los zu lie­ben, wie der Vater im Him­mel es tut.

Beispiel 3: Gottes Gericht

Eine Sze­ne, die ich oft beob­ach­tet habe: Jemand sagt „Gott ist Lie­be“, und fast reflex­ar­tig ergänzt ein ande­rer Christ: „Ja, aber Gott ist nicht nur Lie­be, er ist auch hei­lig und gerecht.“

Die­ses „aber“ offen­bart ein gro­ßes Miss­ver­ständ­nis. Es klingt, als stün­den Got­tes Hei­lig­keit und Gerech­tig­keit im Gegen­satz zu sei­ner Lie­be – als wären sie mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­de Eigen­schaf­ten. Doch Gott ist nicht wider­sprüch­lich. Sein Wesen ist ein­heit­lich, sein Wesen ist Lie­be, denn Gott ist Lie­be (1. Joh 4,8). Got­tes Gerech­tig­keit und Hei­lig­keit wider­spre­chen nicht Got­tes Wesen der Lie­be – im Gegen­teil, sie sind Aus­druck sei­ner Lie­be.

Ein ein­fa­ches Bei­spiel: Wenn ich als Vater sehe, dass eines mei­ner Kin­der sein Geschwis­ter unge­recht behan­delt, dann grei­fe ich ein. Ich sor­ge dafür, dass sich die Kin­der wie­der ver­söh­nen und kei­ner unge­recht behan­delt wird. Wah­re Lie­be bringt Bezie­hun­gen in Ord­nung und schafft Gerechtigkeit.

Des­halb spricht Jesus in der Berg­pre­digt so ein­dring­lich dar­über, wie wir mit ande­ren umge­hen sol­len. Er for­dert uns auf zur Ver­ge­bung, zur Ver­söh­nung mit unse­ren Fein­den und dazu, aktiv Frie­den zu schaf­fen. Doch wo wir dar­in ver­sa­gen, wird Gott selbst für Gerech­tig­keit sor­gen.

Dar­um ist es für Jesus kein Wider­spruch, in der Berg­pre­digt einer­seits radi­ka­le Lie­be zu pre­di­gen und ande­rer­seits kon­se­quent Got­tes Gericht anzu­kün­di­gen. Got­tes Lie­be und sein Gericht sind kei­ne Gegen­sät­ze – sie gehö­ren zusam­men, sie sind zwei Sei­ten der­sel­ben Münze.

Got­tes Gericht ist ein Aus­druck sei­ner Lie­be – doch das bedeu­tet nicht, dass wir es auf die leich­te Schul­ter neh­men soll­ten. Sün­de hat zer­stö­re­ri­sche Kon­se­quen­zen, und im Gericht wer­den wir die Aus­wir­kun­gen unse­res Han­delns spü­ren. Jesus macht unmiss­ver­ständ­lich klar, dass dies ein schmerz­haf­ter Pro­zess sein wird. Des­halb ruft er uns ein­dring­lich zur Umkehr auf: „Kehrt jetzt um!“

Got­tes Gericht ist sein Weg, durch den er alles Böse besie­gen, Unrecht abschaf­fen und sein Reich errich­ten wird – ein Reich, in dem Gerech­tig­keit regiert und alle in Frie­den (Scha­lom) mit­ein­an­der leben kön­nen. Des­halb ist das Gericht Got­tes ein wesent­li­cher Teil der guten Bot­schaft vom König­reich.

Fazit

Die Berg­pre­digt ist kein schö­ner Traum, den man bewun­dert, aber im All­tag igno­riert – sie ist Jesu Mani­fest für eine neue Welt. Sie for­dert uns her­aus, nicht ein­fach „biblisch“, son­dern chris­tus­ge­mäß zu leben. Wer nach Got­tes Reich sucht, wird es nicht in Macht, Ver­gel­tung oder Selbst­be­haup­tung fin­den, son­dern in radi­ka­ler Lie­be, selbst für den Feind. Die Fra­ge ist nicht, ob die Berg­pre­digt zu extrem ist – die Fra­ge ist, ob wir bereit sind, Jesus wirk­lich ernst zu nehmen.

Bibliografie:

Ger­hard Mai­er, Das Evan­ge­li­um Des Mat­thä­us: Kapi­tel 1–14, ed. Ger­hard Mai­er et al., His­to­risch-Theo­lo­gi­sche Aus­le­gung Neu­es Tes­ta­ment (Wit­ten; Gies­sen: SCM R.Brockhaus; Brun­nen Ver­lag, 2015), 282–283.

Geschrieben von
Manuel Becker

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine vier Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, liest er gern theologische Bücher oder nutzt Logos, um sich in die Bibel zu vertiefen. Jetzt, wo sein MA-Studium an der Akademie für Weltmission abgeschlossen ist, plant er bald einen PhD in Theologie dranzuhängen. Er ist der Autor des beliebten Kinderbuchs „Der große Sieg“, welches das Evangelium in einer packenden Bildergeschichte für Jung und Alt illustriert.

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2 Kommentare
  • Herr Becker schreibt, dass Jesus lehrt die ande­re Backe hin­zu­hal­ten. Ich den­ke das ist ein gro­ßes Miss­ver­ständ­nis. Jesus bezieht sich meis­tens auf Situa­tio­nen die die Zuhö­rer bes­tens kennen.
    Bei­na­he 3000 Jah­re vor Chris­tus hat Mose fest­ge­legt, dass die Rache nicht grö­ßer sein darf als das erhal­te­ne Unrecht. Jesus sagt wenn Du Glei­ches mit Glei­chem ver­giltst bist Du gleich wie der der Dich schlägt. Jesus ver­wen­det eine Stua­ti­on, die jeder sei­ner Zuhö­rer kennt. Die rech­te Hand ist die gute Hand, die lin­ke Hand die schlech­te mit der man auch den Hin­tern putzt. Wenn man einen Skla­ven schlägt macht man das mit der lin­ken Hand auf die rech­te Gesichts­sei­te des Skla­ven. Weh­ren konn­te sich ein Skla­ve nicht gegen Schlä­ge. Wenn er nun sagt schla­ge mich auch auf die lin­ke Wan­ge sagt der Skla­ve damit, ich bin soviel Wert wie Du. Denn um mich auf die lin­ke Wan­ge zu schla­gen musst Du Dei­ne rech­te Hand neh­men mit der man nur Gleich­ran­gi­ge schlägt. Durch die­ses Ange­bot bestimmt der Skla­ve die Hand­lung. Dies ist nicht ein Zei­chen von Unter­wür­fig­keit son­dern eine Anlei­tung zu gewalt­lo­sem Widerstand.

    • Dan­ke für die­se exzel­len­te und wich­ti­ge Ergän­zung! Ich stim­me Ihnen inhalt­lich voll­kom­men zu – das ist eine aus­ge­zeich­ne­te Erklä­rung des Kon­zepts, die den kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Kon­text berücksichtigt.

      Aller­dings bin ich etwas ver­wirrt, auf wel­che Stel­le mei­nes Tex­tes Sie sich bezie­hen, wenn Sie sagen, dass das, was ich schrei­be, ein gro­ßes Miss­ver­ständ­nis sei. Da ich Ihre Aus­le­gung genau so sehe, erken­ne ich kei­nen Wider­spruch zwi­schen dem, was Sie schrei­ben, und dem, was ich geschrie­ben habe. 

      Lie­be Grüße

      Manu­el

Geschrieben von Manuel Becker