Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: Reichsgraf, Bischof, Dichter und Missionar

Von Benjamin Misja

Biografie

Ein Gast­ar­ti­kel von Nor­bert Abt zum Todes­tag von Nico­laus Lud­wig von Zin­zen­dorf am 9. Mai 1760.

Ein Leben für eine „großartige Seelensammlung für den Herrn Jesus“

Zin­zen­dorf stand vor einem Bild, das den lei­den­den Jesus mit einem Strick um den Hals und der auf­ge­setz­ten Dor­nen­kro­ne zeig­te. Er sah in die Augen die­ses Jesus und konn­te sei­nen Blick nicht mehr abwen­den. Vor allem aber ließ ihn der Unter­ti­tel nicht mehr los, in dem gefragt wur­de: Was tust du für mich?

Das Erleb­nis in einer Düs­sel­dor­fer Gale­rie im Jahr 1719 steht für eine per­sön­li­che wie ein­schnei­den­de Erfah­rung, die Nico­laus Lud­wig Graf von Zin­zen­dorf mach­te und die sei­nen wei­te­ren Weg maß­geb­lich bestim­men soll­te. Es ist die Weg­mar­ke einer der bekann­tes­ten, ein­fluss­reichs­ten und schil­lernds­ten Per­sön­lich­kei­ten des deut­schen Protestantismus.

In die­sem Arti­kel kön­nen nicht das gan­ze Lebens­werk und die gesam­te Theo­lo­gie Zin­zen­dorfs behan­delt wer­den. Viel­mehr wer­den eini­ge wich­ti­ge Aspek­te angesprochen.

Zinzendorf: „Mir schoß das Blut…“

Sein Erleb­nis vor dem Bild „Ecce homo“ von Dome­ni­co Feti beschreibt Zin­zen­dorf mit fol­gen­den Wor­ten: „Unter vie­len Hun­der­ten der herr­lichs­ten Por­traits auf der Gale­rie zog das ein­zi­ge Ecce homo mein Auge und Gemüt auf sich. Es war der Affekt ganz unver­gleich­lich expri­miert mit der Unter­schrift: Ego pro te haec pas­sus sum; Tu vero, quid fecis­ti pro­me? (Ich habe dies für dich gelit­ten; du aber, was hast du für mich getan?) Mir schoß das Blut, daß ich hier auch nicht viel wür­de ant­wor­ten kön­nen, und bat mei­nen Hei­land, mich in die Gemein­schaft sei­nes Lei­dens mit Gewalt zu rei­ßen, wenn mein Sinn nicht hin­ein wolle.“

Zinzendorfs Antwort an den Gekreuzigten

Fort­an woll­te der jun­ge Mann dafür leben, dass das Evan­ge­li­um ver­kün­digt wird. Und das tat er auf ver­schie­dens­te Wei­se: Er dich­te­te an die zwei­tau­send Kir­chen­lie­der, nahm sich pro­tes­tan­ti­scher Flücht­lin­ge an, grün­de­te die Gemein­schaft der Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mei­ne, initi­ier­te eine welt­wei­te Mis­si­ons­be­we­gung und „erfand“ die Losun­gen. Zin­zen­dorf wur­de so zu einer der prä­gends­ten Gestal­ten im deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus. Er nutz­te die Mög­lich­kei­ten sei­nes Besit­zes und sei­nes Ein­flus­ses, um mit sei­nem Tun und sei­nem Leben sei­ne Ant­wort an den gekreu­zig­ten Jesus zu geben

Schluss mit den „frommen Flausen

Dass er die weg­wei­sen­de Begeg­nung mit Jesus aus­ge­rech­net auf einer soge­nann­ten Kava­liers­rei­se durch Euro­pa hat­te, ist eine beson­de­re Iro­nie. Denn sein Vor­mund, Georg Chris­toph von Burgsdorf, Gene­ral­feld­zeug­meis­ter, fand die christ­li­chen Ansich­ten sei­nes Zög­lings über­trie­ben. Er sprach von „from­men (pie­tis­ti­schen) Flau­sen“, die man aus sei­nem Kopf trei­ben müs­se. Mit der Rei­se ver­ord­ne­te er dem jun­gen Mann „Bewe­gung“ und woll­te ihn auf ande­re Gedan­ken bringen.

Sol­che Kava­liers­rei­sen waren der übli­che Abschluss der Erzie­hung adli­ger Söh­ne. Auf ihnen befass­ten sich die ange­hen­den Män­ner mit Kunst, erwei­ter­ten ihren Hori­zont und ver­tief­ten ihre Sprach­kennt­nis­se. Zin­zen­dorf nutz­te sei­ne zwei­jäh­ri­gen Rei­sen durch Deutsch­land, die Nie­der­lan­de und Frank­reich, um christ­li­che Gemein­schaf­ten und füh­ren­de Per­sön­lich­kei­ten kennenzulernen.

Zinzendorf wollte Konfessionsgrenzen überwinden

Statt Spra­chen und Küns­ten beschäf­tig­te sich Zin­zen­dorf mit der Fra­ge, wie eine „groß­ar­ti­gen See­len­samm­lung für den Herrn Jesus“ erreicht wer­den kön­ne. Er schloss auf sei­nen Rei­sen Freund­schaf­ten mit Men­schen ande­rer Kon­fes­si­on, wie dem Kar­di­nal Lou­is-Antoi­ne de Noail­les und gewann so eine Sicht und Über­zeu­gung für die Kon­fes­sio­nen über­grei­fen­de Ein­heit der Christen.

Aus hohem Hause

Zin­zen­dorf, am 26. Mai 1700 gebo­ren, ent­stamm­te dem alten nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Hoch­adel. Der pro­tes­tan­ti­sche Zweig der Fami­lie von Zin­zen­dorf, zu dem Nico­laus Lud­wig gehör­te, wan­der­te aus. Als Reichs­graf unter­stand er nur dem deut­schen Kai­ser. Zu sei­nen Tauf­pa­ten gehör­te Phil­ipp Jakob Spe­ner, deut­scher luthe­ri­scher Theo­lo­ge und einer der bekann­tes­ten Ver­tre­ter des Pietismus.

Sein Vater Graf Lud­wig von Zin­zen­dorf dien­te als Minis­ter im kur­säch­si­schen Kabi­nett, starb aber als Nico­laus Lud­wig erst weni­ge Wochen alt war

Seine gläubige Großmutter zieht Nicolaus Ludwig auf

Sei­ne Mut­ter hei­ra­te­te nach dem Tod ihres Man­nes erneut und so über­nahm die Groß­mutter, Hen­ri­et­te Katha­ri­na von Gers­dorf, die Erzie­hung des Jun­gen. Bei ihr in Hen­ners­dorf (in der Ober­lau­sitz) ver­brach­te Nico­laus Lud­wig sei­ne Kind­heit. Die Groß­mutter war eine from­me und gebil­de­te Frau. Sie ver­mit­tel­te ihm ihren pie­tis­tisch gepräg­ten Glau­ben und die „nahe Bekannt­schaft mit dem Hei­lan­de“. Sie stand in engem Brief­kon­takt mit Phil­ipp Jakob Spe­ner, August Her­mann Francke und Gott­fried Wil­helm Leibniz

Nicht beliebt und unordentlich

Im Alter von 10 Jah­ren besuch­te Nico­laus Lud­wig das Päd­ago­gi­um August Her­mann Franckes in Hal­le. Hier ver­in­ner­lich­te er den pie­tis­ti­schen Ruf der From­men der Kir­che in eine Gemein­schaft (eccle­sio­lae in eccle­sia). Son­der­lich beliebt war Lutz, wie er geru­fen wur­de, unter sei­nen Mit­schü­lern nicht. Bei den Leh­rern galt er als unordentlich.

Als Junge gründete Zinzendorf den Senfkorn-Orden

Wäh­rend sei­ner Zeit in Hal­le wur­de auch sein Inter­es­se an der Mis­si­on geweckt. In der Schu­le waren immer wie­der Mis­sio­na­re zu Gast und berich­te­ten von ihrer Arbeit. Zin­zen­dorf traf sich mit ande­ren Jun­gen in Bibel­krei­sen. Mit einem Freund zusam­men grün­de­te er den „Senf­korn-Orden“. Ziel war es Hei­den zu bekeh­ren. Die Jun­gen wünsch­ten sich sehn­lichst, „dass sich die Hei­den doch nicht alle bekeh­ren wür­den, bis wir groß wür­den; was dann übrig blie­be, das woll­ten wir zum Hei­land brin­gen.“ Die Idee zur Grün­dung von Sozie­tä­ten und Orden war ganz typisch für jene Zeit.

Pfarrer werden entsprach nicht dem Stand von Zinzendorf

Schon bevor Zin­zen­dorf nach Hal­le ging, hat­te er den Wunsch, Pfar­rer zu wer­den. Doch in sei­ner Ver­wandt­schaft hielt man das für nicht stan­des­ge­mäß. Daher kam für ihn nur eine mili­tä­ri­sche Lauf­bahn oder die eines Juris­ten mit einem Staats­amt in Fra­ge. So schick­te ihn sein Vor­mund, Georg Chris­toph von Burgsdorf, auf die Uni­ver­si­tät nach Wit­ten­berg. Die­se war mit der Über­le­gung aus­ge­wählt wor­den, weil hier das ortho­do­xe Luther­tum ton­an­ge­bend war und sich vom Pie­tis­mus abgrenz­te. Wit­ten­berg soll­te sozu­sa­gen ein „Gegen­mit­tel“ gegen die pie­tis­ti­sche Fröm­mig­keit des Jun­gen sein. So stu­dier­te Zin­zen­dorf von 1716 bis 1719 Rechtswissenschaften.

Ein Friedensplan, der scheitert

Als 17-jäh­ri­ger Jura­stu­dent ver­such­te Zin­zen­dorf im theo­lo­gi­schen Streit zwi­schen den Pie­tis­ten in Hal­le und den Ortho­do­xen in Wit­ten­berg zu ver­mit­teln. Er ent­warf einen Frie­dens­plan und plan­te ein Tref­fen zwi­schen dem Pie­tis­ten August Her­mann Francke und dem Pro-Rek­tor der Wit­ten­ber­gi­schen Uni­ver­si­tät, Gott­lieb Werns­dorf. Doch das Vor­ha­ben miss­lang. Sein ihm nicht wohl geson­ne­ner Hof­meis­ter Cri­seni­us macht den Ver­söh­nungs­plan Zin­zen­dorfs öffentlich.

Sein Vor­mund und sei­ne Mut­ter reagier­ten mit Unver­ständ­nis und hiel­ten sein Wir­ken für eine Ver­söh­nung für naiv und mein­ten, dass er sei­ne Mög­lich­kei­ten völ­lig über­schät­ze. Mut­ter und Vor­mund beschlos­sen dar­auf, dass er das Jura­stu­di­um abzu­bre­chen habe, um sei­ne – bereits erwähn­te – Kava­liers­rei­se anzu­tre­ten. Für Zin­zen­dorf war das Gan­ze eine tie­fe Ent­täu­schung, die ihn in eine per­sön­li­che Glau­bens­kri­se stürzte.

Ein Rittergut zum Trost

Nach sei­ner Kava­liers­rei­se 1721 arbei­te­te Zin­zen­dorf als Jus­tiz- und Hof­rat in Sach­sen, in den Diens­ten von August dem Star­ken. Eine Tätig­keit, der er bis 1732 nach­ging. Er nahm das unbe­zahl­te Amt nur sehr ungern an, waren ihm doch die losen Sit­ten am Hof in Dres­den ein Graus. Um ihn mit sei­nem Beruf zumin­dest etwas zu ver­söh­nen, trat sei­ne Groß­mutter ihm das Rit­ter­gut Bert­hels­dorf zu einem güns­ti­gen Preis ab, sodass er nun über einen Land­sitz und eine „Stan­des­herr­schaft“ ver­füg­te. Hier grün­de­te er den „Vier-Brü­der-Bund“ mit dem Orts­geist­li­chen Magis­ter Rothe, dem Stadt­geist­li­chen von Gör­litz Magis­ter Schef­fer und sei­nem Schul­freund aus Hal­le Fried­rich von Watterwille.

Eine Streiter-Ehe für den Herrn Jesus

Am 7. Sep­tem­ber 1722 ver­mähl­te sich Zin­zen­dorf mit der Kom­tes­se Erd­mu­the Doro­thea von Reuß. Das Paar bekam im Lau­fe ihrer Ehe 12 Kin­der, von denen nur drei am Leben blie­ben; die meis­ten ver­star­ben früh. Der Graf und sei­ne Frau ver­stan­den sich als Dienst­ge­mein­schaft für ihren Herrn Jesus, ihre Bezie­hung nann­ten sie eine „Strei­ter-Ehe“, denn bei­de strit­ten sie für die Sache Jesu. Erd­mu­the Doro­thea zeich­ne­te für alle finan­zi­el­len Belan­ge und die Ver­wal­tung des Gutes ver­ant­wort­lich. Zin­zen­dorf woll­te das, konn­te er doch so im Diens­te Chris­ti frei arbeiten.

Herrnhut: Ein Ort für Religionsflüchtlinge

Schon bald, im Juni 1722, wur­de Bert­hels­dorf zu einem Zufluchts­ort für pro­tes­tan­ti­sche Reli­gi­ons­flücht­lin­ge. Außer­halb des Dor­fes grün­de­ten sie die Sied­lung Herrn­hut. Zuerst kamen mäh­ri­sche Exu­lan­ten, spä­ter auch Böh­mi­sche Brü­der, aber auch ver­schie­dens­te reli­giö­se Sepa­ra­tis­ten und Sektierer.

1727 leb­ten bereits an die 300 Ein­woh­ner dort, dar­un­ter 150 Mäh­rer. Die Gemein­schaft gab sich spä­ter den Namen Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mei­ne. Nico­laus Lud­wig von Zin­zen­dorf such­te dem Zusam­men­le­ben eine Ord­nung zu geben. Er orga­ni­sier­te die Gemein­schaft in klei­ne Grup­pen, soge­nann­ten „Ban­den“. Spä­ter wur­den dar­aus die „Chö­re“, nach Alter, Geschlecht und Stand gegliedert.

Neue Formen des christlichen Gemeinschaftlsebens 

Es ent­sprach dem Natu­rell Zin­zen­dorfs für die Ent­wick­lung der Gemein­schaft neue For­men aus­zu­pro­bie­ren. So wur­den Fas­ten­ta­ge und ein 24-Stun­den-Gebet ein­ge­rich­tet. Zudem traf man sich täg­lich in den Häu­sern. Wich­tig waren auch die gemein­sa­men Sing­stun­den, in denen man zur Anbe­tung Got­tes zusam­men­kam. Auch der alte Brauch des Lie­bes­mahls wur­de gepflegt. Hier kamen alle zu fest­li­chem Essen, Gesang und Gebet zusam­men. Neben ver­schie­dens­ten Jah­res­ta­gen gehör­ten auch Fuß­wa­schun­gen (in Anleh­nung an das Bei­spiel, das Jesus gab) zum Gemeinschaftsleben.

1728 ent­stand die Gewohn­heit münd­lich Tages­lo­sun­gen (es han­del­te sich um einen Bibel­vers) von Haus zu Haus wei­ter­zu­ge­ben, die am Abend vor­her in der Ver­samm­lung aus­ge­ge­ben wur­den. Spä­ter begann man die Losun­gen schrift­lich fest­zu­hal­ten und dann auch zu dru­cken. So ent­stan­den die mitt­ler­wei­le welt­weit bekann­ten Losun­gen, die heu­te in 61 Spra­chen (Stand 2018) über­setzt und ver­brei­tet werden.

Singen, das Gemeinschaft stiftet

Musik und Sin­gen waren für Zin­zen­dorf zen­tral. Sie waren nicht nur eine Form des Got­tes­lo­bes, son­dern stif­te­ten, auch emo­tio­nal, Gemein­schaft und trans­por­tier­ten christ­li­che Leh­re und Bekennt­nis. Graf Zin­zen­dorf ver­fass­te selbst mehr als 2000 Kir­chen­lie­der von denen heu­te nur fünf im evan­ge­li­schen Gesang­buch zu fin­den sind. Dar­un­ter die Lie­der „Herz und Herz ver­eint zusam­men“ und „Jesu, geh voran“.

Zinzendorf wollte keine neue Kirche

Zin­zen­dorf ging es bei sei­nen Bemü­hun­gen in Herrn­hut um die Ent­wick­lung einer christ­li­chen Lebens­ge­mein­schaft. Sein Ziel war kei­ne neue Kir­che. Er woll­te in die bestehen­den luthe­ri­schen Kir­chen hin­ein­wir­ken. Auch wenn er die Kir­che als geist­lich lau, struk­tu­rell viel zu hier­ar­chisch und am Amt ori­en­tiert kri­ti­sier­te. Des­sen unge­ach­tet ent­wi­ckel­te die Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mei­ne eige­ne Struk­tu­ren und setz­te dabei stark auf das Laienelement.

Von Herrnhut aus in alle Welt

Von Beginn an beton­te Zin­zen­dorf den Sen­dungs­aspekt der Gemein­schaft in Herrn­hut. Die hier erleb­te Gemein­schaft im Hei­li­gen Geist soll­te in alle Welt getra­gen wer­den. Die ers­ten Brü­der der Gemein­schaft wur­den 1727 nach Jena und Däne­mark sowie 1728 nach Lon­don geschickt. 1732 gin­gen Mis­sio­na­re auf die kari­bi­sche Insel St.Thomas, um schwar­zen Skla­ven das Evan­ge­li­um zu bringen.

Die Herrn­hu­ter Schwes­tern und Brü­der mis­sio­nier­ten unter Skla­ven, Eski­mos, Hot­ten­tot­ten und India­nern. Oft durchs Los bestimmt, gin­gen sie in 28 Mis­si­ons­ge­bie­te. Bis zu Zin­zen­dorfs Tod waren 226 Herrn­hu­ter Mis­sio­na­re aus­ge­sandt wor­den – gemes­sen an der Grö­ße der Gemein­schaft eine wirk­lich impo­san­te Zahl. Die meis­ten Mis­sio­na­re waren kei­ne stu­dier­ten Theo­lo­gen, son­dern Lai­en, ein­fa­che Handwerkermissionare.

Die­se Mis­si­ons­be­mü­hun­gen waren auch des­halb so erfolg­reich, weil sie nichts mit den kolo­nia­len Bestre­bun­gen der dama­li­gen Zeit zu tun hatten.

Zinzendorf war ein leidenschaftlicher Prediger

Zin­zen­dorf war mit Leib und See­le Pre­di­ger, auch, wenn er dazu zunächst kei­ne Aus­bil­dung absol­vier­te und lan­ge kei­ne kirch­li­che Aner­ken­nung hat­te. Schon als säch­si­scher Hof- und Jus­tiz­rat reis­te er viel durch die deut­schen Lan­de und in euro­päi­sche Nach­bar­län­der, ver­an­stal­te­te Pri­vat­ver­samm­lun­gen mit Bibel­stu­di­um und Singen.

Man­cher­orts führ­te die Ver­kün­di­gung des Reichs­gra­fen zu einer der­ar­ti­gen Reso­nanz im Volk, dass sich vie­le Men­schen dem Glau­ben ernst­haft zuwand­ten und sogar man­che Knei­pe schlie­ßen musste.

Hausversammlungen und Missionsfeld

1738 kamen an die 500 Men­schen zu den Haus­an­dach­ten in Ber­lin. Auch in Ams­ter­dam erreich­te Zin­zen­dorf vie­le Men­schen, die sei­ne Ver­samm­lun­gen besuch­ten. Die Ver­kün­di­gung in Ber­lin, die Ber­li­ner Reden, wur­den gedruckt, erreich­ten so eine gro­ße Öffent­lich­keit und wur­den zu den bekann­tes­ten gedruck­ten Bot­schaf­ten des Grafen.

Zin­zen­dorf mis­sio­nier­te auch selbst im Aus­land, ver­kün­dig­te das Evan­ge­li­um unter Skla­ven und leb­te unter India­nern von deren ursprüng­li­chen Lebens­wei­se er fas­zi­niert und beein­druckt war.

So war Zin­zen­dorf zeit sei­nes Lebens bei wei­tem mehr unter­wegs und auf Rei­sen als Zuhau­se. August Gott­lieb Span­gen­berg, ein Mit­bru­der der Brü­der­ge­mei­ne, sag­te über ihn: „Sie sind eben ein Adler, den kei­ne Land­stra­ße hält, son­dern Sie schwin­gen Ihre Flü­gel, und so geht’s über Berg und Tal, über Land und See. Wer Ihnen nach­kom­men will, muss wie ein Zaun­kö­nig auf Ihrem Rücken sit­zen, sonst ver­liert er Bahn und Weg.“

Zinzendorfs Freundschaft mit dem Preußen-König

1736 besuch­te Zin­zen­dorf den preu­ßi­schen König Fried­rich Wil­helm I. Zwi­schen ihm und dem König ent­stand eine Freund­schaft, die lebens­lang hal­ten soll­te. Er wur­de sogar der gehei­me Seel­sor­ger des Königs. Damit hat­te Zin­zen­dorf eine wich­ti­ge poli­ti­sche Unter­stüt­zung für die Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mei­ne gewonnen.

Zinzendorf wird Bischof

Erst 1734 leg­te Zin­zen­dorf ein theo­lo­gi­sches Examen in Tübin­gen ab und erhielt die Zulas­sung für das geist­li­che Amt. Am 4. Advent des­sel­ben Jah­res stand er auf der Kan­zel der Haupt- und Stifts­kir­che der Stadt. Es war ein Ereig­nis für die gan­ze Stadt. So etwas hat­te es im Hoch­adel noch nicht gege­ben: Ein Graf mit Ordens­kreuz und Beff­chen auf der Kanzel.

1737 weih­te der Ober­hof­pre­di­ger und Bischof der böh­mi­schen Brü­der, Dani­el Ernst Jablon­ski, Zin­zen­dorf zum Bischof der mäh­ri­schen Brü­der­kir­che. Dies war von beson­de­rer Bedeu­tung, denn nun konn­te der Reichs­graf Mis­sio­na­re ordi­nie­ren und aus­sen­den, die tau­fen, trau­en und das Abend­mahl hal­ten durften.

Zinzendorfs Ausweisung aus Sachsen

Zin­zen­dorf und sein Wir­ken waren in sei­ner Zeit hef­tig umstrit­ten: In den 20 Jah­ren sei­nes stärks­ten Wir­kens zwi­schen 1735 und 1755 erschie­nen an die 400 Streit­schrif­ten über ihn.

Eini­ge Jah­re ließ der säch­si­sche Lan­des­fürst Zin­zen­dorf in sei­nen Bemü­hun­gen für die Reli­gi­ons­flücht­lin­ge gewäh­ren. Doch das ging nur so lan­ge gut, bis (der katho­li­sche) Kai­ser Karl VI. eine Beschwer­de an den säch­si­schen Her­zog August den Star­ken schick­te. Zudem wur­de der säch­si­sche Her­zog ja selbst katho­lisch, um so König von Polen wer­den zu können

1736 wur­de Graf Zin­zen­dorf aus Sach­sen aus­ge­wie­sen, sei­ne Besit­zun­gen muss­te er sei­ner Frau über­eig­nen. Die Gemein­schaft in Herrn­hut wur­de von der Obrig­keit über­prüft, durf­te zwar bestehen blei­ben, aber sich nicht aus­brei­ten. Zin­zen­dorf wirk­te anschlie­ßend in ande­ren deut­schen Regio­nen, dar­un­ter in der hes­si­schen Wet­terau, und grün­de­te wei­te­re Gemein­schaf­ten, was hier nicht wei­ter beschrie­ben wer­den soll.

Rührende Worte von Zinzendorf

So bin ich ganz fer­tig, zu ihm zu gehen“

Am Mor­gen des 9. Mai 1760 starb Graf Zin­zen­dorf. Sei­nem Schwie­ger­sohn Johan­nes flüs­ter­te er in der vor­an­ge­gan­ge­nen Nacht die Wor­te zu: „Mein guter Johan­nes… Ich bin fer­tig, ich bin in den Wil­len mei­nes Herrn ganz erge­ben, und er ist mit mir ganz zufrie­den. Will er mich hier nicht län­ger brau­chen, so bin ich ganz fer­tig, zu ihm zu gehen, denn mir ist nichts mehr im Wege.“ Tau­sen­de von Ange­hö­ri­gen der Brü­der­ge­mei­ne und Men­schen aus der Ober­lau­sitz gaben ihm das letz­te Geleit

Würdigungen bekannter Denker

Ger­rit Alberts trug Wür­di­gun­gen bekann­ter Geis­tes­grö­ßen zusam­men: So sah Gott­hold Ephraim Les­sing in Zin­zen­dorf jeman­den, der nicht nur über das Chris­ten­tum ver­nünf­tel­te, son­dern den christ­li­chen Glau­ben lebte.

Johann Gott­fried Her­der schrieb über den Gra­fen: „Niko­laus Lud­wig Graf und Herr von Zin­zen­dorf ging im Jahr 1760 als ein Erobe­rer aus der Welt, des­glei­chen es weni­ge, und im ver­flos­se­nen Jahr­hun­dert kei­nen, wie ihn gege­ben hat.

Auch Johann Wolf­gang von Goe­the äußer­te sei­ne Wert­schät­zung: „Seit mei­ner Annä­he­rung an die Brü­der­ge­mei­ne hat­te mei­ne Nei­gung zu die­ser Gesell­schaft, die sich unter der Sie­ges­fah­ne Chris­ti ver­sam­mel­te, immer zuge­nom­men“, so Goe­the in „Dich­tung und Wahr­heit“. Und wei­ter: „Es wäre nur auf sie ange­kom­men, mich zu dem Ihri­gen zu machen.“

Selbst der Schwei­zer Theo­lo­ge Karl Barth bezeich­ne­te Zin­zen­dorf als „den größ­ten – und viel­leicht ein­zi­gen ganz ech­ten – Chris­to­zen­tri­ker der Neuzeit.“

Modern und zukunftsweisend

Zin­zen­dorf kann in einer Rei­he von Aspek­ten durch­aus als modern und zukunfts­wei­send bezeich­net wer­den. Ihm war dar­an gele­gen, den Grund­satz des Pries­ter­tums aller Gläu­bi­gen nicht nur hoch­zu­hal­ten, son­dern auch prak­tisch umzu­set­zen. Bedeu­tungs­voll war zudem die her­aus­ra­gen­de Stel­lung der Frau­en in der Brü­der­ge­mei­ne, die u. a. als „Ältes­tin­nen“, Leh­re­rin­nen und Auf­se­he­rin­nen beru­fen wur­den. Und vom Hei­li­gen Geist sprach er in der weib­li­chen Form, wenn er von der „Geis­tin“ redete.

Gleichheit der Menschen in Jesus

Zin­zen­dorf beton­te die Wür­de des Indi­vi­du­ums. Damit über­wand er die Stan­des­vor­stel­lun­gen sei­ner Zeit. Bei Jesus sah er die­se Vor­stel­lung von der Gleich­heit aller Men­schen gege­ben, weil er alle Men­schen lie­be „mit einer unaus­sprech­li­chen und ini­mita­blen (unnach­ahm­li­chen) Ega­li­tät“. Er sah im Evan­ge­li­um eine Kraft, die Unter­schie­de aller Art über­win­det. „Denn um Ihn her­um hört alles, alle Umstän­de, Geschlecht, Stand, äuße­re Situa­ti­on, Gemüths-Beschaf­fen­heit, Gutes und Böses ganz auf.“

Ohne Jesus wäre ich Atheist!“, sagte Zinzendorf

Zin­zen­dorf rück­te mit sei­nem Wir­ken, die Bezie­hung des Men­schen zu Jesus radi­kal in den Vor­der­grund. Das galt für das Leben des ein­zel­nen Men­schen wie das der Gemein­de. Er wand­te sich gegen eine rein ver­nünf­ti­ge Got­tes­er­kennt­nis, denn „Wer Gott im Kop­fe weiß, der wird Athe­ist!“, so Zin­zen­dorf. Und wei­ter stellt er fest: „Ohne Jesus wäre ich Atheist!“

Was ist denn die Haupt­sum­me des Evan­ge­li­ums, wonach man vor allem Din­gen zu fra­gen und alle Gemein­schaft im Geist­li­chen dar­auf zu grün­den hat? Das nen­ne ich, nach mei­ner per­sön­li­chen Art mich aus­zu­drü­cken, die per­sön­li­che Kon­ne­xi­on mit dem Heilande.“

Mehr als das persönliche Seelenheil

Zin­zen­dorf wei­te­te den Hori­zont des Pie­tis­mus gegen eine Enge, die nur den Ein­zel­nen und des­sen Fröm­mig­keit im Blick hat­te und damit auch gegen alle Zurück­ge­zo­gen­heit. Für ihn ging es um viel mehr als das eige­ne, per­sön­li­che Seelenheil.

Zugleich grenz­te er sich von über­trie­be­nem Voll­kom­men­heits­stre­ben und End­zeit­spe­ku­la­tio­nen ab. Der Reichs­graf war zudem von gan­zem Her­zen ein Ver­tre­ter des Mit­ein­an­ders der Chris­ten. Er sah im Ver­söh­nungs­op­fer bereits die Ein­heit der Chris­ten gestif­tet. Für ihn ging es um ein Mit­ein­an­der, das sich auch dar­in begrün­det, dass Chris­ten, ganz gleich wel­cher Kon­fes­si­on und Prä­gung, alle­samt Nach­fol­ger von Jesus sind.


Über den Autor: Nor­bert Abt, Jour­na­list, stu­dier­te Poli­tik­wis­sen­schaft, Publi­zis­tik und Sozio­lo­gie an der Johan­nes-Guten­berg-Uni­ver­si­tät in Mainz. Sei­ne Magis­ter­ar­beit in Poli­tik­wis­sen­schaft hat­te die Zwei-Rei­che-Leh­re bei Luther und Augus­ti­nus zum Thema.

Benjamin Misja

Über den Autor

Benjamin Misja leitet das deutsche Logos-Team.

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