Adolf Schlatter: Sein Leben und seine Theologie (3/​4)

Von Johannes Traichel

Schlatter
Vor 9 Monaten

Adolf Schlat­ter ver­fass­te im Lauf sei­ner aka­de­mi­schen Tätig­keit meh­re­re gro­ße Wer­ke. Obwohl er damit kei­ne eige­ne theo­lo­gi­sche Schu­le begrün­de­te, präg­te sei­ne Theo­lo­gie die nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen. In Teil 3 unse­rer Arti­kel­se­rie “Leben und Theo­lo­gie von Adolf Schlat­ter” stel­len wir Ihnen die wich­tigs­ten Schrif­ten sowie die Eck­punk­te sei­ner Theo­lo­gie vor und zei­gen auf, wie er von Theo­lo­gen der nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen rezi­piert wurde.

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Adolf Schlatter: Seine großen Werke

Der Glaube im Neuen Testament

Adolf Schlat­ter ver­fass­te sein „Erst­lings­werk“ „Der Glau­be im Neu­en Tes­ta­ment” im Rah­men einer Aus­schrei­bung für eine Preis­schrift unter immensen Zeit­druck. Es wur­de 1885 von der Kom­mis­si­on ange­nom­men und im sel­ben Jahr ver­öf­fent­licht. Bis zum Jahr 1982 erschien die­ses Werk in ins­ge­samt sechs Auflagen.

Die aka­de­mi­sche Welt zoll­te die­sem Werk gro­ßen Respekt und Schlat­ter mach­te sich dadurch in der Wis­sen­schaft einen Namen. Er schaff­te in der Theo­lo­gie sei­nen Durch­bruch und wur­de zu einem ernst­zu­neh­men­den Gesprächs­part­ner. “Der Glau­be im Neu­en Tes­ta­ment” wur­de auch zum Vor­bild für das Theo­lo­gi­sche Wör­ter­buch zum Neu­en Tes­ta­ment (ThWNT), das Adolf Schlat­ter gewid­met wurde. 

Ger­hard Kit­tel schrieb im Vor­wort des ThWNT über die Widmung:

Es spricht zugleich aus, daß ‚Der Glau­be im Neu­en Tes­ta­ment‘ uns ein Vor­bild für die Unter­su­chung biblisch-theo­lo­gi­scher Begriff ist. Es möch­te aber dar­über hin­aus dem Acht­zig­jäh­ri­gen etwas von dem Dank sagen, den Kir­che und Theo­lo­gie und ins­be­son­de­re die neu­tes­ta­ment­li­che Wis­sen­schaft sei­ner Lebens­ar­beit schul­den.“ 

(Kit­tel, ThWNT I, S. VII).

Die Geschichte des Christus

Die Geschich­te des Chris­tus” ist der Titel des ers­ten Ban­des der zwei­ten Auf­la­ge von Adolf Schlat­ters Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments aus dem Jahr 1921. Die ers­te Auf­la­ge erschien in den Jah­ren 1909 und 1910 unter dem Titel “Das Wort Jesu”. Inhalt­lich ver­such­te Schlat­ter, die Wor­te von Jesus auf dem Hin­ter­grund von des­sen Leben zu beleuchten. 

Lei­tend für Schlat­ters Ansatz war dabei, eine Unter­schei­dung zwi­schen der Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments und der Dog­ma­tik zu tref­fen. Er sah sei­ne Auf­ga­be dar­in, in einer his­to­ri­schen Dis­zi­plin zu arbei­ten und ver­zich­te­te daher in sei­ner Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments auf eine dog­ma­ti­sche Refle­xi­on und jeg­li­che Sachkritik. 

Als Ver­tre­ter der empi­ri­schen Theo­lo­gie woll­te Schlat­ter viel­mehr wahr­neh­men, was zur Zeit der Bibel gesche­hen war. Zudem ver­wehr­te er sich gegen his­to­ri­sche Spe­ku­la­tio­nen in der Jesus-For­schung. Aus­führ­li­che­re Infor­ma­tio­nen zu Adolf Schlat­ters Denk­an­satz fin­den Sie in sei­nem Auf­satz „Die Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments und die Dogmatik“.

Über die oft pau­scha­le und ableh­nen­de Kri­tik an die­sem Werk schrieb Wer­ner Neuer:

Schlat­ter litt unter der iso­lier­ten Stel­lung, in der er sich mit sei­ner exege­ti­schen Arbeit – über 20 Jah­re nach Erschei­nen sei­nes gro­ßen neu­tes­ta­ment­li­chen Erst­lings­wer­kes – noch immer befand: ‘… es kommt mir vor, ich kämp­fe ganz allein gegen eine gan­ze Pha­lanx, gegen die geschlos­se­ne Rei­he des gan­zen deut­schen Intel­lekts…’ Es war für ihn eine bit­te­re Erfah­rung, daß der schon in Bern schmerz­lich ver­miss­te Dia­log mit der libe­ra­len Theo­lo­gie noch immer nicht wirk­lich in Gang gekom­men war.“ 

(Neu­er, Adolf Schlat­ter, S. 475).

Die Lehre der Apostel

Das Werk „Die Leh­re der Apos­tel“ war der zwei­te und abschlie­ßen­de Band von Schlat­ters neu­tes­ta­ment­li­cher Theo­lo­gie. Er zeig­te dar­in auf, wie die Leh­re und das Leben von Jesus mit der Leh­re der Apos­tel über­ein­stim­men und eine Ein­heit bil­den. Schlat­ter erkann­te einen roten Faden, der sich durch die theo­lo­gi­schen Grund­po­si­tio­nen des gan­zen Neu­en Tes­ta­ments und zeig­te die­sen auf. 

Das christliche Dogma

Nach­dem Schlat­ter sei­ne neu­tes­ta­ment­li­che Theo­lo­gie ver­öf­fent­licht hat­te, gab er (ver­mut­lich als Fort­set­zung und zusam­men­fas­sen­den Abschluss) sei­ne Dog­ma­tik her­aus. Die­ses im Jahr 1911 ver­öf­fent­lich­te Werk war durch­aus unge­wöhn­lich. Es bestand aus einer Mischung aus einer Theo­lo­gie der Tat­sa­chen und einer empi­ri­schen Theologie. 

Schlat­ter begrün­de­te sei­ne Dog­ma­tik mit erkennt­nis­theo­re­ti­schen Grün­den, der Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit. Gleich­zei­tig ging er davon aus, dass Gott sich selbst offen­bart, sowohl in Jesus als auch in der Leh­re der Apos­tel, aber auch in der Schöp­fung. Bei Schlat­ter hat­te die Dog­ma­tik auch eine mis­sio­na­ri­sche Dimen­si­on. Neben einer gründ­li­chen Refle­xi­on soll­te sie auch zum Glau­ben verhelfen. 

Schlat­ters Dog­ma­tik wies einen durch­aus eigen­wil­li­gen Auf­bau auf. Er begann mit der Anthro­po­lo­gie. Die­se war sehr umfas­send. Anschlie­ßend beschrieb er die Chris­to­lo­gie und die Sote­rio­lo­gie. Die Escha­to­lo­gie bot den Abschluss des Werkes.

Wer­ner Neu­er schreibt über Schlat­ters Dogmatik:

Obwohl Schlat­ters Dog­ma­tik bis heu­te gewis­ser­ma­ßen ein Fremd­kör­per in der theo­lo­gi­schen Land­schaft geblie­ben ist, der metho­disch und inhalt­lich nicht schul­bil­dend gewirkt hat, dürf­te sie zu den­je­ni­gen Wer­ken Schlat­ters gehö­ren, die direkt oder indi­rekt den größ­ten Ein­fluss auf die Theo­lo­gie- und Kir­chen­ge­schich­te des deutsch­spra­chi­gen Rau­mes aus­ge­übt haben. Es ist schwer­lich denk­bar, daß Schlat­ter ohne ‚Das christ­li­che Dog­ma‘ die Dog­ma­ti­ker Paul Alt­haus (der sei­ne Dog­ma­tik als ‚gro­ße Befrei­ung‘ emp­fand!) und Wil­helm Lüt­gert als Schü­ler gewon­nen hät­te, die in ihren eige­nen Arbei­ten wesent­li­che Impul­se von Schlat­ters dog­ma­ti­schem Ent­wurf posi­tiv auf­nah­men und eigen­stän­dig weiterführten.“ 

(Neu­er, Schlat­ter, S. 496).

Die christliche Ethik

Nach der Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Dog­ma­tik hat­te Schlat­ter ursprüng­lich nicht vor, noch eine Ethik zu ver­fas­sen. Sein Kol­le­ge Karl Holl ermu­tig­te ihn aller­dings dazu und Schlat­ter ließ sich von die­ser Idee überzeugen.

Schlat­ter ver­fass­te dar­auf­hin eine in ihrem Auf­bau ein­zig­ar­ti­ge Ethik. Er lehn­te sich dabei an die Kar­di­nal­tu­gen­den von Pla­ton an: I. Wol­len, II. Den­ken, III. Füh­len und IV. Kraft. Schlat­ter ver­fass­te sei­ne christ­li­che Ethik aller­dings mit dem Anspruch eines all­ge­mein­gül­ti­gen Cha­rak­ters und nicht nur als eine Ethik für Wiedergeborene. 

Die­ses Werk von Schlat­ter wur­de ins­ge­samt sehr wohl­wol­lend und mit posi­ti­ven Kri­ti­ken auf­ge­nom­men. Es gilt als ein Werk mit Langzeitwirkung.

Die wissenschaftlichen Kommentare 

Adolf Schlat­ter schrieb zwi­schen 1929 und 1937 sei­ne neun gro­ßen wis­sen­schaft­li­chen Kom­men­ta­re zu ein­zel­nen Büchern des Neu­en Tes­ta­ments. Die­se kön­nen als Zusam­men­fas­sung sei­nes exege­ti­schen Lehr­werks betrach­tet wer­den. In sei­ner Zeit als Lei­ter des Pre­di­ger­se­mi­nars der Beken­nen­den Kir­che emp­fahl Diet­rich Bon­hoef­fer sei­nen Semi­na­ris­ten die Kom­men­ta­re von Adolf Schlat­ter zur Lektüre.

Adolf Schlat­ters Kom­men­ta­re zeich­ne­ten sich zu sei­ner Zeit dadurch aus, dass sie stark auf das Juden­tum zur Zeit des ers­ten Jahr­hun­derts ein­gin­gen. Schlat­ter zog die Quel­len aus dem pha­ri­säi­schen und rab­bi­ni­schen Juden­tum als Hin­ter­grund für sei­ne Exege­se hin­zu. Damit unter­schied er sich von sei­nen Zeit­ge­nos­sen, die die grie­chi­sche Umwelt des NT stär­ker in den Blick nahmen. 

Erläuterungen zum Neuen Testament

Adolf Schlat­ter ver­stand es, kom­pli­zier­te Sach­ver­hal­te her­un­ter­zu­bre­chen und in einer ver­ständ­li­chen Spra­che zu ver­mit­teln. Dies wur­de in sei­ner all­ge­mein ver­ständ­li­chen Aus­le­gung zum Neu­en Tes­ta­ment deut­lich. Für den inter­es­sier­ten Chris­ten schrieb er sei­ne „Erläu­te­run­gen zum Neu­en Tes­ta­ment”, die heu­te noch ein Stan­dard­werk zum Nach­schla­gen und bes­se­ren Ver­ste­hen sind. 

Die Theologie Adolf Schlatters – einige Schlaglichter 

Da Adolf Schlat­ter ein äußerst pro­duk­ti­ver und viel­schich­ti­ger Theo­lo­ge war, ist es unmög­lich, Schlat­ters Theo­lo­gie an die­ser Stel­le umfas­send zu beschrei­ben. Eini­ge exem­pla­ri­sche Schlag­lich­ter sei­en hier den­noch erwähnt.

Schlat­ters grund­le­gen­de Erkennt­nis lau­te­te, dass Offen­ba­rung und Got­tes­er­kennt­nis immer Gaben von Gott sind. Gott kann – nach Schlat­ter – nur soweit erkannt wer­den, wie er sich dem Men­schen zu erken­nen gibt.

Die Einheit von Glaube und Wissenschaft bei Adolf Schlatter

Für Schlat­ter gehö­ren Glau­ben und Den­ken, Geschich­te und Offen­ba­rung untrenn­bar zusam­men. Theo­lo­gie als Wis­sen­schaft ist laut Schlat­ter nicht ohne Gott mög­lich, wie er es in sei­nem Auf­satz „Athe­is­ti­sche Metho­den in der Theo­lo­gie“ deut­lich machte. 

Gleich­zei­tig for­der­te Schlat­ter sei­ne Leser her­aus, den Glau­ben begrün­det zu durch­den­ken. Er wehr­te sich gegen den Dua­lis­mus von Schlei­er­ma­cher, bei dem der ‚Kopf heid­nisch und das Herz fromm‘ ist. Die Wahr­heits­fra­ge und die Got­tes­fra­ge gehör­ten für Schlat­ter eng zusammen. 

Johan­nes von Lüp­ke schreibt über Schlat­ters Ansichten:

Eine Theo­lo­gie, die ihren Gegen­stand auf das beschränkt, was sich ohne Zuhil­fe­nah­me des Got­tes­ge­dan­kens erken­nen und somit allein aus der Welt erklä­ren läßt, stürzt sich in einen tie­fen Selbst­wi­der­spruch: sie wird zur ‚athe­is­ti­schen Theologie‘.“ 

(von Lüp­ke, Wahr­neh­mung der Got­tes­wirk­lich­keit, S. 55).

Für Schlat­ter boten Got­tes Wort und die Geschich­te einen untrenn­ba­ren Zusam­men­hang. Schlat­ter war es wich­tig, die Bibel in ihrer Geschich­te und nicht ohne die­se aus­zu­le­gen. Gleich­zei­tig ereig­net sich Got­tes Offen­ba­rung in der rea­len Geschich­te. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Rea­li­tät braucht der Glau­be also nicht zu fürchten.

Exegese und Sehakt: Bibelauslegung bei Adolf Schlatter

Für Schlat­ter stand im Zen­trum der Theo­lo­gie als Wis­sen­schaft die Wahr­neh­mung. Wis­sen­schaft ist immer ein Sehen. Es geht dar­um, das Vor­han­de­ne zu beob­ach­ten. Wenig übrig hat­te Schlat­ter hin­ge­gen für aus­führ­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit lite­ra­ri­schen Hypo­the­sen. Er woll­te, dass sich der Exeget auf den Text kon­zen­triert und ihn zum Spre­chen bringt. 

Für Schlat­ter brach­ten nur Aus­le­gun­gen, wel­che aus dem Text her­aus­ge­le­sen wur­den, einen Fort­schritt. Spe­ku­la­tio­nen lehn­te er ab. Dies brach­te ihm zum Teil die Kri­tik sei­ner Kol­le­gen ein, war aber mei­nes Erach­tens eine Stär­ke von Schlat­ter. Nach der gründ­li­chen Exege­se, wel­che durch genau­es Beob­ach­ten, also durch den Seh­akt erfolgt, kommt bei Schlat­ter der Denk­akt, sprich das dog­ma­ti­sche Urteil. 

Adolf Schlatter und die Bibel

Schlat­ter saß mit sei­ner theo­lo­gi­schen Posi­ti­on in gewis­sem Sin­ne zwi­schen zwei Stüh­len. Tei­len der pie­tis­ti­schen Krei­se galt er als zu kri­tisch, libe­ra­le Theo­lo­gen hin­ge­gen hiel­ten ihn als bibel­gläu­bi­gen Pie­tis­ten in Bezug auf die wis­sen­schaft­li­che Arbeit für untüchtig.

Aber wel­ches Ver­hält­nis hat­te Adolf Schlat­ter zur Bibel? Die Bibel galt Adolf Schlat­ter als das von Got­tes Geist inspi­rier­te Wort Got­tes. Bei der Fra­ge nach der Inspi­ra­ti­on der Schrift ging es ihm um mehr als um die intel­lek­tu­el­le Rich­tig­keit. Für Schlat­ter bedeu­te­te Inspi­ra­ti­on, dass der Mensch so gestal­tet wird, dass er es ver­mag, Got­tes Wort zu sagen. 

Für Schlat­ter gab es kei­nen Wider­spruch zwi­schen einer Inspi­ra­ti­ons­leh­re und einem geschicht­li­chen Ver­ständ­nis der Bibel. Auch war die Schrift für Schlat­ter auto­ri­ta­tiv und ver­füg­te über eine inne­re Einheit.

Adolf Schlatters Position zur Irrtumslosigkeit der Schrift

Eine Feh­ler­lo­sig­keit der Bibel ver­trat Schlat­ter in dem Sinn, dass sie den Men­schen zu Gott führt. In Bezug auf eine völ­li­ge Feh­ler­lo­sig­keit der Bibel in his­to­ri­schen Fra­gen und jedem ein­zel­nen Wort schrieb Adolf Schlat­ter in sei­nem Auf­satz „Des Herrn Wort bleibt in Ewig­keit“ (ver­öf­fent­licht in „Hül­fe in Bibelnot“):

Man hat zur Glaub­wür­dig­keit der Schrift oft dies gezählt, daß sie in jedem Wort voll­stän­dig rich­tig sei, daß sich nir­gends ein Ver­se­hen, nir­gends eine Dun­kel­heit, nir­gends eine Ver­schie­den­heit zwi­schen dem Sach­ver­halt und Dar­stel­lung zei­ge. Die­se Feh­ler­lo­sig­keit besitzt die Bibel nicht, weder in ihrer Geschichts­schrei­bung, noch in ihrer Weis­sa­gung. So wie der Erzäh­ler auf die Ereig­nis­se zurück­schaut, löst sich das geschicht­li­che Bild vom wirk­li­chen Her­gang ab, und die Weis­sa­gung erfährt durch die Erfül­lung nicht bloß Bestä­ti­gung, son­dern auch Berichtigung.“

Schlat­ter hät­te mit hoher Wahr­schein­lich­keit nicht zu den Unter­zeich­nern der Chi­ca­go-Erklä­rung gezählt. Unfehl­bar­keit war für ihn ein Merk­mal Got­tes, das sich nicht auf Men­schen oder Din­ge über­trägt, auch wenn die­se im Dienst Got­tes ste­hen. Nicht ein­mal die Bibel ist unfehl­bar, son­dern allein Gott, der die Schrift gibt. 

Der Apos­tel ist nur dahin­ge­hend unfehl­bar, dass er von Gott gebraucht wird. Gott gebraucht ihn in sei­ner Schwach­heit und durch die­se. Die Unfehl­bar­keit der Bibel bedeu­te­te für Schlat­ter, dass sie den Men­schen mit Gott in Ver­bin­dung setzt und ihn auf gera­der Stra­ße sicher zu Got­tes Ziel führt.

Adolf Schlatters Position zu den Einleitungsfragen

In Bezug auf die Ein­lei­tungs­fra­gen der Bibel zeig­te sich Adolf Schlat­ter offen für Posi­tio­nen, die der tra­di­tio­nel­len und pie­tis­ti­schen Sicht wider­spra­chen. Dadurch zog er sich Kri­tik aus meh­re­ren theo­lo­gi­schen Lagern zu. Man­chen Ver­tre­tern der libe­ra­len Theo­lo­gie galt er als zu „bibli­zis­tisch“, man­chen From­men hin­ge­gen als zu „bibel­kri­tisch“.

Anlass für die Kri­tik aus den Rei­hen der Pie­tis­ten gab zum Bei­spiel die Tat­sa­che, dass Adolf Schlat­ter his­to­ri­sche Irr­tü­mer in der Bibel nicht aus­schloss. Auch der Fra­ge der Pseu­d­epi­gra­phie stand er nicht völ­lig ableh­nend gegen­über. So schrieb er den 2. Petrus­brief einem unbe­kann­ten Ver­fas­ser, einem „im Namen des Petrus Schrei­ben­den“ zu. 

In sei­nem Werk „Die Theo­lo­gie der Apos­tel“ äußer­te er sich folgendermaßen: 

Indem hier ein Christ nicht in sei­nem eige­nen, son­dern im Namen des Petrus schreibt, bringt er zum Aus­druck, daß das Gewicht des apos­to­li­schen Worts alles über­ra­ge, was die gegen­wär­ti­ge Gemein­de besitzt. Kein Wort eines der jetzt Leben­den hat die­sel­be Auto­ri­tät. Ein gewis­ses Ver­za­gen der Gemein­de an der Kraft, die ihr nach dem Tod der Apos­tel blieb, wird dar­in sicht­bar, aber auch die Ein­sicht, daß nichts von dem, was die Gemein­de her­vor­brin­ge, mit dem apos­to­li­schen Wort ver­gleich­bar sei. Indem der Schrei­ber die Gemein­de im Namen des Petrus an das erin­nern will, was sie erhal­ten hat, bezeich­net er die Erin­ne­rung, die immer wie­der auf das apos­to­li­sche Wort zurück­greift, als die Bedin­gung für den Bestand der Kirche.“ 

(Schlat­ter, Die Theo­lo­gie der Apos­tel, S. 480).

Der Tübin­ger Theo­lo­ge und Alt­bi­schof Dr. Ger­hard Mai­er schreibt zu Schlat­ters Schriftlehre:

Sei­ne Beja­hung der Inspi­ra­ti­on der gan­zen Schrift, ihrer Ein­heit, ihrer exklu­si­ven Auto­ri­tät, ihrer vom gött­li­chen Zweck her bestimm­ten Unfehl­bar­keit, ihrer Ver­ständ­lich­keit und die Ableh­nung eines Kanons im Kanon bewah­ren wesent­li­che her­me­neu­ti­sche Grund­sät­ze der refor­ma­to­risch-vor­kri­ti­schen Schrift­aus­le­gung. In sei­ner Posi­ti­on ist Schlat­ter mei­len­weit auch vom gemä­ßig­ten Kri­ti­zis­mus ent­fernt, der ihn heu­te so ger­ne für sich bean­sprucht. Dar­über hin­aus hat Schlat­ter durch sei­nen posi­ti­ven Bezug zur Geschich­te einen ent­schei­den­den Man­gel der Beck’schen Her­me­neu­tik überwunden.“ 

(Mai­er, Bibli­sche Her­me­neu­tik, S. 314).

Bekehrung bei Schlatter

Für Adolf Schlat­ter ist die Bekeh­rung eng mit der Wie­der­ge­burt und der Recht­fer­ti­gung des Sün­ders ver­bun­den. Hier wird auf die eige­ne Gerech­tig­keit ver­zich­tet und nach Got­tes Gerech­tig­keit in Reue gegrif­fen. Er schreibt:

Wir tren­nen uns durch die Bekeh­rung von dem­je­ni­gen bösen Wil­len, den wir in uns als den unse­ri­gen fin­den; wir kön­nen ihn aber nicht wirk­lich ver­nei­nen und rich­ten, ohne daß damit zugleich auf alles Böse ver­zich­tet ist. An die Stel­le der kon­kre­ten Sün­de tritt der kon­kre­te Akt des Gehor­sams, der Got­tes Wil­len so erkennt und tut, wie er sich uns in die­sem Moment bezeugt. … Die Auf­nah­me des gött­li­chen Wil­lens in unse­ren Wil­len macht den Men­schen für immer und in allen Bezie­hun­gen Gott unter­tan und zu sei­nem Dienst bereit.“ 

(Schlat­ter, Das christ­li­che Dog­ma, S. 502).

Eine teil­wei­se Umkehr ist für Schlat­ter kei­ne rich­ti­ge Umkehr. Sie muss voll­stän­dig sein. Neben der erst­ma­li­gen Bekeh­rung gilt es, nach Schlat­ter, aber auch regel­mä­ßig Buße zu tun. Als Gerecht­fer­tig­ter hat der Mensch die Auf­ga­be, eine blei­ben­de Buße zu leben, was eine Absa­ge an die Sün­de zur Fol­ge hat. So ist die Bekeh­rung die Absto­ßung vom Bösen und der Griff nach dem Guten.

Adolf Schlatter und das Gericht Gottes über den Sünder

Wel­che Sicht ver­trat Schlat­ter im Bezug auf einen dop­pel­ten Aus­gang im jüngs­ten Gericht?

In sei­ner „Aus­le­gung zum Neu­en Tes­ta­ment“ schreibt Schlat­ter zu Mar­kus 9,47–47:

Wenn der Wurm nicht stirbt und das Feu­er nicht ver­löscht, so heißt uns das an einen Tod den­ken, auf den kein Leben folgt, an einen end­gül­ti­gen und blei­ben­den Tod, durch den uns Gott und sein Reich voll Licht und Leben für immer ver­lo­ren ging.“ 

(Schlat­ter, Die Evan­ge­li­en nach Mar­kus und Lukas, S. 84).

An ande­rer Stel­le schreibt er in sei­nem wis­sen­schaft­li­chen Kommentar:

Der Wurm und das Feu­er sind zusam­men­ge­stellt, weil bei­de die Lei­chen zer­stö­ren. Ihr zer­stö­ren­des Wir­ken, das sie an den Toten üben, hat kein Ende; das heißt: die Gerich­te­ten haben das Leben end­gül­tig ver­lo­ren und blei­ben im Tod“ 

(Schlat­ter, Mar­kus: Der Evan­ge­list für die Grie­chen, S. 182).

Die Sicht­wei­se, dass Schlat­ter ein Ver­tre­ter der Leh­re der Aus­lö­schung des Men­schen in der Höl­le war, darf aller­dings bezwei­felt wer­den, da er in sei­nem Werk „Die Geschich­te des Chris­tus“ schreibt:

Dage­gen läßt das Schluß­wort bei Mat­thä­us an eine andau­ern­de Bestra­fung den­ken, da dort das Feu­er nicht nur den Men­schen, son­dern auch dem Teu­fel und sei­nen Engeln berei­tet ist und die Stra­fe immer­wäh­rend heißt im vol­len Gegen­satz zum ewi­gen Leben.“ 

(Schlat­ter, Die Geschich­te des Chris­tus, S. 356)

Aus sei­nem Werk „Die christ­li­che Dog­ma­tik“ lässt sich schlie­ßen, dass Schlat­ter von einem dau­er­haf­ten Exis­tie­ren in der Tren­nung von Gott aus­geht. So schreibt Schlatter:

Der Vor­schlag, den Bil­der­kreis zu mil­dern, durch den die neu­tes­ta­ment­li­chen Wor­te die Schwe­re der end­gül­ti­gen Tren­nung von Gott dar­stel­len, hat gerin­gen Wert. Da die Ver­ur­tei­lung uns von Gott trennt, nimmt sie uns das Leben; sie über­weist uns dem Tod. Mit die­sem Satz ver­bin­det sich aber der ande­re Gedan­ke, daß uns das Ster­ben nicht die Ver­nich­tung des Daseins brin­ge. So ent­steht der Gedan­ke an ein Gefäng­nis, das die Ver­ur­teil­ten ein­schlie­ße, nicht an ein zer­stö­ren­des Feu­er, das ihre Exis­tenz auf­hö­be, son­dern an einem Feu­er­see, in dem sie begra­ben sei­en. Genau­en, lehr­haf­ten Wert kann kei­nes unse­rer Bil­der haben, mit denen wir uns das Ewi­ge vor­stel­len, nicht nur des­halb, weil wir sie aus der jetzt uns sicht­ba­ren Natur schöp­fen, son­dern auch des­halb, weil unse­re inwen­di­ge Voll­endung das uns jetzt erreich­ba­re Den­ken gänz­lich über­ragt, jene Voll­endung, bei der kein Zwist mit Got­tes Wil­len mehr in uns ist, weil wir ganz mit ihm geei­nigt sind, ganz eins mit sei­nem Rich­ten, ganz ein mit sei­ner Liebe.“ 

(Schlat­ter, Das christ­li­che Dog­ma, S. 552–553).

Von Schlatter lernen – Reflexionen heutiger Theologen

Auf alle Theo­lo­gen, die Schlat­ter reflek­tie­ren, kann hier selbst­ver­ständ­lich nicht ein­ge­gan­gen wer­den. Die getrof­fe­ne Aus­wahl erhebt kei­nen Anspruch auf Voll­stän­dig­keit. Bei­spiel­haft kom­men an die­ser Stel­le Ulrich Wilckens, Ger­hard Mai­er und Heinz­pe­ter Hem­pel­mann zur Sprache. 

Ulrich Wilckens über Adolf Schlatter

Ulrich Wilckens wür­digt Schlat­ter kri­tisch in sei­nem drit­ten Band der Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments, in dem sich Wilckens mit der Geschich­te der his­to­risch-kri­ti­schen Bibel­for­schung auseinandersetzt.

Wilckens schreibt über Schlat­ters Gesamtwerk:

Man kann an Schlat­ters Gesamt­werk so deut­lich wie bei kei­nem der ande­ren Pie­tis­ten des 19. Jahr­hun­derts erken­nen, dass die Got­tes­fra­ge das zen­tra­le Pro­blem des Chris­ten­tums und der Theo­lo­gie der Neu­zeit gewe­sen ist.” 

(Wilckens, Theo­lo­gie NT III, S. 239).

Gleich­zei­tig weiß Wilckens Schlat­ter an eini­gen Stel­len zu kri­ti­sie­ren. So moniert er an Schlat­ters Inspi­ra­ti­ons­leh­re, dass die­se einer Lite­r­ar­kri­tik ent­ge­gen­ste­he. Auch kri­ti­siert Wilckens Schlat­ters Sicht, dass alle in den Evan­ge­li­en ver­fass­ten Berich­te bei ihm als geschicht­lich-wirk­lich gel­ten und nichts Unge­schicht­li­ches zu fin­den sei. 

Wilckens sieht des Wei­te­ren bei Schlat­ter eine Aus­klam­me­rung des Alten Tes­ta­ments bei der Dar­le­gung der neu­tes­ta­ment­li­chen Theologie.

Gerhard Maier über Adolf Schlatter

Auch der frü­he­re Lan­des­bi­schof von Würt­tem­berg, Dr. Ger­hard Mai­er, wür­digt Schlat­ters Wer­ke in sei­nem Werk „Bibli­sche Hermeneutik“. 

Mai­er wür­digt, dass Schlat­ter die Inspi­ra­ti­on der Schrift, ihre Ein­heit und ihre exklu­si­ve Auto­ri­tät bejaht, sowie ihre vom gött­li­chen Zweck her bestimmt Unfehl­bar­keit. Er bemän­gelt aller­dings, dass Schlat­ter gele­gent­lich auch Schrift­kri­tik betrei­be, wie in sei­ner Ableh­nung der Ver­fas­ser­schaft von Petrus beim 2. Petrus­brief klar wird. 

Mai­ers Fazit zu Schlat­ter lautet:

Die erwähn­ten Beden­ken bezüg­lich der Schlatter’schen Erkennt­nis­leh­re, Kri­tik und Anthro­po­zen­trik bewe­gen uns dazu, zwar die Gemein­schaft mit Schlat­ter zu suchen, aber unse­re eige­ne her­me­neu­ti­sche Posi­ti­on nicht ein­fach mit der sei­nen zu identifizieren.“ 

(Mai­er, Bibli­sche Her­me­neu­tik, S. 316).

Heinzpeter Hempelmann über Adolf Schlatter

Für Heinz­pe­ter Hem­pel­mann war Adolf Schlat­ter ein theo­lo­gi­scher Uni­ver­sal­ge­lehr­ter. Der pie­tis­tisch gepräg­te Theo­lo­ge bezeich­net Schlat­ter als den Theo­lo­gen, auf den er seit sei­nem Stu­di­um und bis heu­te immer wie­der zurück­ge­grif­fen habe. Hem­pel­mann tut dies auch in sei­ner „Her­me­neu­tik der Demut“. Er schreibt über Schlatter:

Es gibt kaum einen ande­ren Theo­lo­gen, der für mei­nen per­sön­li­chen Weg ähn­lich prä­gend gewe­sen ist wie Adolf Schlat­ter; es gibt kaum einen Theo­lo­gen, auf den ich immer wie­der zurück­ge­grif­fen habe und den ich auch bis zur Stun­de immer wie­der neu lese; bei dem ich immer wie­der neu ent­de­cke, wenn ich selbst vor Her­aus­for­de­run­gen ste­he und dann sehen muß: Schlat­ter ist schon da, wo ich jetzt erst ankom­me. … Adolf Schlat­ter ist ein Gigant. Er ist nicht nur Exeget gewe­sen, und das schließt bei ihm ja schon die Juda­is­tik mit ein, – son­dern auch Dog­ma­ti­ker und Ethi­ker, ja selbst Phi­lo­soph von Rang.“ 

(Hem­pel­mann, Schlat­ter als Aus­le­ger der Hei­li­gen Schrift, S. 67–68).

Adolf Schlatter: Oft ignoriert, aber von bleibender Bedeutung

Schlat­ter gehört zu den Theo­lo­gen, die nicht ver­ges­sen wer­den dür­fen. Auf­grund sei­ner Pro­fi­lie­rung eck­te er aber an. Wäh­rend sein exege­ti­sches Werk immer wie­der gewür­digt wur­de, wur­de sei­ne Arbeit im Bereich der Sys­te­ma­ti­schen Theo­lo­gie oft igno­riert und das, obwohl sie prä­gend und wert­voll ist. 

Ulrich Wilckens schreibt über die­ses Miss­ver­hält­nis und sei­ne Wahr­neh­mung, dass Schlat­ters Wer­ke über­gan­gen werden:

Dass er jedoch in den theo­lo­gie­ge­schicht­li­chen Wer­ken bis in die Gegen­wart zumeist über­gan­gen, ja oft sogar nicht ein­mal nament­lich erwähnt wird, ist aller­dings ganz unge­recht und zeugt von einer Unwil­lig­keit, sich auf kri­ti­sche Fra­gen von­sei­ten ‚evan­ge­li­ka­ler‘ Theo­lo­gie über­haupt ernst­haft einzulassen.“ 

Und in der Fuß­no­te ergänzt Wilckens:

Das gilt für Ema­nu­el Hirsch genau­so wie sogar für Karl Barth. Auch W. Pan­nen­berg erwähnt in sei­ner Pro­blem­ge­schich­te der neue­ren Theo­lo­gie­ge­schich­te, in der Schlat­ter doch jeden­falls einen gewich­ti­gen Platz gehabt hat, ihn nicht ein ein­zi­ges Mal.“ 

(Wilckens, Theo­lo­gie NT III, S. 240).

Für den Pie­tis­mus und für Theo­lo­gen mit evan­ge­li­ka­ler Fröm­mig­keit dürf­ten die Wer­ke von Schlat­ter eine über­ra­gen­de Bedeu­tung haben und behal­ten, auch wenn Schlat­ter mei­nes Erach­tens nach nicht als ein klas­si­scher Evan­ge­li­ka­ler zu sehen ist. Die­sen theo­lo­gi­schen Strö­mun­gen dürf­te Schlat­ter ein Vor­bild für eine from­me und zutiefst wis­sen­schaft­li­che Theo­lo­gie sein, die in die Glau­bens­pra­xis führt.

Im 4. Teil die­ser Arti­kel­rei­he lesen Sie, wie Adolf Schlat­ter sich gegen­über dem Natio­nal­so­zia­lis­mus und dem Anti­se­mi­tis­mus sei­ner Zeit posi­tio­niert hat. 


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Johannes Traichel

Über den Autor

Johannes Traichel ist Pastor der FeG in Donaueschingen.
Der Theologe verfasste die Bücher "Die christliche Taufe" (2020) und "Evangelikale und Homosexualität" (2022). Hinzu kommen Aufsätze in Themenbänden, die sich mit der Systematischen Theologie beschäftigen.
Dazu ist Traichel ein begeisterter und leidenschaftlicher Kaffeetrinker.

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