Rezension: Biblische Dogmatik von Wayne Grudem

Von Jens Binfet


Ich ver­wen­de die Bibli­sche Dog­ma­tik von Way­ne Gru­dem bereits eini­ge Jah­re mit Gewinn und bin froh, dass sie nun auch in elek­tro­ni­scher Form in Logos zur Ver­fü­gung steht. Sie ist ein wert­vol­les Werk für den pri­va­ten Gebrauch, den Gemein­de­dienst und die aka­de­mi­sche Arbeit, auf das ich immer wie­der ger­ne zurückgreife.

Die Ausrichtung dieser Dogmatik

Eine der schöns­ten Eigen­schaf­ten die­ser Dog­ma­tik ist ihre Zugäng­lich­keit. Way­ne Gru­dem hat aus­drück­lich nicht nur Theo­lo­gie-Exper­ten im Blick, son­dern jeden Chris­ten, der tie­fer in die Glau­bens­leh­ren ein­tau­chen will. Das wird deut­lich an der ein­gän­gi­gen Spra­che: Erfri­schen­der­wei­se fin­den sich kaum unnö­ti­ge Fach­be­grif­fe und wo sie vor­kom­men wer­den sie zunächst erklärt. Die Struk­tu­rie­rung des Buches als Nach­schla­ge­werk lässt es zudem zu, ein The­ma von Inter­es­se zu lesen, ohne vor­he­ri­ge Kapi­tel mit­le­sen zu müssen.

Dabei bleibt Gru­dem kei­nes­wegs auf einem ober­fläch­li­chen Level, son­dern bie­tet einen soli­den Ein­stieg in die ver­schie­de­nen Berei­che der christ­li­chen Dogmatik.

Sei­ne Absicht mit die­sem Werk legt er im Vor­wort in sechs zen­tra­len Punk­ten dar:

  1. Eine kla­re bibli­sche Basis für dog­ma­ti­sche Leh­ren.
    Gru­dem legt einen beson­de­ren Wert dar­auf, Glau­bens­sät­ze nicht nur logisch-sys­te­ma­tisch kor­rekt zu kon­stru­ie­ren, son­dern sie auf eine bibli­sche Grund­la­ge zu stel­len. So ist der Text mit Bibel­stel­len und ‑ver­wei­sen durch­zo­gen. Die­se Aus­rich­tung gip­felt dann in einem Lern­vers am Ende des Kapitels.
  2. Klar­heit in der Erklä­rung von dog­ma­ti­schen Leh­ren.
    Gru­dem argu­men­tiert für eine kla­re Dog­ma­tik, die gemein­de- und lebens­taug­lich ist. Trotz­dem bil­det er meis­tens eine brei­te Viel­falt an Mei­nun­gen mög­lichst fair ab.
  3. Anwen­dung auf das Leben.
    “Theo­lo­gie soll­te gelebt und gebe­tet und gesun­gen werden!” 
  4. Kon­zen­tra­ti­on auf die evan­ge­li­ka­le Welt.
    Das meint Gru­dem vor allem in Abgren­zung zu einem “libe­ra­len” Ver­ständ­nis der Bibel (die dann nicht mehr Got­tes Wort ist). Er berück­sich­tigt damit nur ein “kon­ser­va­ti­ves” Spek­trum, dass sich auf ein grund­le­gen­des Bekennt­nis zur Bibel als Wort Got­tes beruft.
  5. Hoff­nung auf Fort­schritt in der lehr­mä­ßi­gen Ein­heit in der Kir­che.
    Hier zeigt sich der “öku­me­ni­sche Geist” Gru­dems, aber kei­nes­falls durch Ver­ne­beln oder Zurück­stel­len der Dog­ma­tik, son­dern gera­de in der fai­ren Aus­ein­an­der­set­zung der ver­schie­de­nen Standpunkte. 
  6. Ein Emp­fin­den der drin­gen­den Not­wen­dig­keit grö­ße­ren lehr­mä­ßi­gen Ver­ständ­nis­ses in der gesam­ten Kir­che.
    Gru­dem ver­tritt die Posi­ti­on, dass Dog­ma­tik für die gan­ze Gemein­de – nicht nur für ihre Leh­rer – nütz­lich und hilf­reich ist. Des­halb bemüht er sich auch um eine nied­ri­ge Ein­stiegs­hür­de zu sei­nem Werk.

Was erwartet den Leser dieser Dogmatik ?

Theologische Ausrichtung

Gru­dem ist ein eigen­stän­di­ger sys­te­ma­ti­scher Theo­lo­ge, der nicht streng nur einer dog­ma­ti­schen Tra­di­ti­on folgt. Die dog­ma­ti­sche Posi­tio­nie­rung die­ses Wer­kes lässt sich etwa so umreißen:

  • Irr­tums­lo­sig­keit der Bibel i.S. der „Chi­ca­go-Erklä­rung“
  • Eine tra­di­tio­nell refor­mier­te Posi­ti­on (bzgl. Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes und Soteriologie/​Heilslehre).
  • Eine kom­ple­men­tä­re Sicht der Geschlech­ter in Ehe und Gemeinde
  • Eine modi­fi­zier­te kon­gre­ga­tio­na­lis­ti­sche Gemein­de­ver­fas­sung mit meh­re­ren Ältesten. 
  • Ein bap­tis­ti­sches Taufverständnis
  • Ein modi­fi­ziert cha­ris­ma­ti­sches Ver­ständ­nis von Geis­tes­tau­fe und Geistesgaben
  • Eine prä­mill­en­nia­lis­tisch-post­tri­bu­la­tio­nis­ti­sche Escha­to­lo­gie (Wie­der­kunft Jesu vor dem 1000-jäh­ri­gen Reich aber nach der “gro­ßen Trübsal”)

Die­se Mischung macht Gru­dem so inter­es­sant, aber auch angreif­bar. Vor allem sei­ne Leh­re von den Geis­tes­ga­ben wird von bei­den Sei­ten des Spek­trums kritisiert.

Aller­dings muss man Gru­dem zugu­te­hal­ten, dass er enorm fair ande­re Posi­tio­nen wie­der­gibt. Damit ist sei­ne Dog­ma­tik auch dann hilf­reich, wenn er nicht den eige­nen Stand­punkt vertritt.

Struktur

Die Grob­glie­de­rung der The­men lehnt sich durch­aus an tra­di­tio­nel­len Dog­ma­ti­ken an:

  1. Leh­re vom Wort Got­tes (Kap 2–8)
  2. Leh­re von Gott (Kap 9–20)
  3. Leh­re vom Men­schen (Kap 21–25)
  4. Leh­re von Chris­tus und vom Hei­li­gen Geist (Kap 26–30)
  5. Leh­re von der Zueig­nung der Erlö­sung – Sote­rio­lo­gie (Kap 31–43)
  6. Leh­re von der Kir­che (Kap 44–53)
  7. Leh­re von der Zukunft (Kap 54–57)

Hier zeigt sich die klas­sisch pro­tes­tan­ti­sche und evan­ge­li­ka­le Ver­an­ke­rung der Dog­ma­tik im Bibel- und Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis. Beson­de­re Schwer­punk­te sei­ner Dog­ma­tik bil­den die Sote­rio­lo­gie und die Geistesgaben. 

Durch die detail­lier­te Auf­tei­lung in 57 Kapi­tel las­sen sich spe­zi­fi­sche The­men leicht fin­den und auch sepa­rat durcharbeiten.

Aufbau der Kapitel

Jedes Kapi­tel beginnt mit der “Erklä­rung und biblische[n] Grund­la­ge”, d. h. mit dem Haupt­text zu die­sem Lehr­satz. Die Aus­füh­rung ist dann jeweils noch­mals dem The­ma ange­mes­sen unter­teilt.
Dar­auf fol­gen Fra­gen zur per­sön­li­chen Anwen­dung. Hier wird Gru­dems Anlie­gen sicht­bar, Leh­ren nicht nur für den Kopf, son­dern für Herz und Hand rele­vant zu machen. Die­se Fra­gen eig­nen sich her­vor­ra­gend als Mate­ri­al für den bibli­schen Unter­richt, eine Gemein­de­bi­bel­schu­le oder sons­ti­gen Lehr­an­ge­bo­ten in der Gemein­de und dar­über hinaus.

Anschlie­ßend erhält man einen Kata­log beson­de­rer Schlag­wör­ter (Begrif­fe) aus die­sem Abschnitt. Die­se sind in Logos prak­ti­scher­wei­se direkt mit dem Glos­sar ver­linkt. Die Begriffs­samm­lung inner­halb der Gru­dem­schen Dog­ma­tik fin­de ich gera­de im Gemein­de­lehr­kon­text hilf­reich. Es han­delt sich aller­dings um eine Über­set­zung eng­li­scher Fach­be­grif­fe, die (um die Ver­ständ­lich­keit zu för­dern) nicht immer die deut­sche Fach­ent­spre­chung beinhal­ten. (Bei­spiel: “Im Kreis argu­men­tie­ren” ent­sprä­che in deut­scher Fach­li­te­ra­tur eher dem Begriff “Zir­kel­schluss”). Das ist an sich kein Man­gel – viel­leicht sogar eine Stär­ke des Wer­kes, der Leser soll­te sich aber der Limi­ta­ti­on im Kla­ren sein.

Sehr hilf­reich zum tie­fer gehen­den Stu­di­um (auch der unter­schied­li­chen Ansich­ten) ist die Biblio­gra­fie jedes Kapi­tels. Hier erhält man Hin­wei­se auf Refe­renz­wer­ke mit prä­zi­ser Sei­ten­an­ga­be und Ein­ord­nung nach Tra­di­ti­on. Die eng­li­schen Wer­ke sind dabei Gru­dems Emp­feh­lung, die deut­schen wur­den dan­kens­wer­ter­wei­se vom deut­schen Her­aus­ge­ber ergänzt.

Jedes Kapi­tel schließt mit einer Bibel­stel­le zum Ein­prä­gen sowie einem Lob­lied. Das kann nütz­lich sein für die lit­ur­gi­sche Ein­bet­tung des The­mas in einen Got­tes­dienst oder zur Ein­bin­dung in die Lehr­ver­an­stal­tung. So wird der Leser von der Theo­lo­gie in den Lob­preis und die Ver­in­ner­li­chung des Wor­tes Got­tes geführt. Selbst wenn ich das Lob­lied dann nicht sin­ge oder ken­ne, erin­nert es dar­an, dass Theo­lo­gie nie nur Kopf­sa­che blei­ben soll.

Die biblische Dogmatik in Logos

Die Bibli­sche Dog­ma­tik von Gru­dem ist in den deut­schen Basis­pa­ke­ten ab Sil­ber ent­hal­ten und ist auch sepa­rat erhält­lich. Wie gewohnt bie­tet die Logos-Ver­si­on eine schnel­le und über­sicht­li­che Navi­ga­ti­on zwi­schen den Kapi­teln, Sprung­mar­ken inner­halb des Wer­kes und eine tol­le Inte­gra­ti­on der Bibel­stel­len.
Lei­der sind so gut wie alle deut­schen Refe­renz­dog­ma­ti­ken (noch) nicht über Logos erhält­lich, sodass hier die Macht der schnel­len Quer­ver­wei­se nicht zum Tra­gen kommt.

Wer ist Wayne Grudem?

Way­ne Gru­dem ist Rese­arch Pro­fes­sor of Theo­lo­gy and Bibli­cal Stu­dies am Phö­nix Semi­na­ry in Ari­zo­na. Bekannt wur­de er durch sei­ne Bibli­sche Dog­ma­tik, die in mehr als einem Dut­zend Spra­chen welt­weit über 300.000 mal ver­kauft wur­de. Zudem war er Teil des Über­set­zungs­ko­mi­tees der Eng­lisch Stan­dard Ver­si­on (ESV) sowie ver­ant­wort­li­cher Her­aus­ge­ber der ESV Stu­dy Bible. Gru­dem ver­tritt eine refor­ma­to­ri­sche (cal­vi­nis­ti­sche) sowie cha­ris­ma­ti­sche Theo­lo­gie. Er hat diver­se Wer­ke zum Ver­hält­nis der Geschlech­ter ver­fasst, in denen er ein kom­ple­men­tä­res Geschlech­ter­ver­ständ­nis ver­tei­digt. Sein neu­es­tes Buch ist eine christ­li­che Ethik.


Jens Binfet

Über den Autor

Der Autor Jens Binfet ist Theologiestudent an der STH Basel. Er hat ein Anliegen, Theologie für die Kirche und den einzelnen Menschen zugänglich zu machen. Er bloggt privat unter https://gott.ist.

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  1. Schön, dass Sie von Gru­dems Dog­ma­tik so begeis­tert sind; da haben Sie mir was vor­aus (mich hat sie eher unan­ge­nehm berührt); aber Sie haben es ohne­hin gut beschrie­ben: eine evan­ge­li­ka­le Sicht­wei­se auf Gott und die Welt. Wenn jemand das teilt, dann ist er damit sicher­lich gut bedient. Wenn nicht – naja … – dann wird er mit die­sem Werk eher nicht so viel anfan­gen können.
    Der Unter­schied liegt nicht in irgend­wel­chen Details, die man so oder anders sehen kann, son­dern in den zen­tra­len Grund­an­nah­men (wie oben beschrie­ben). Gru­dem argu­men­tiert nicht so sehr, war­um ihm sei­ne Sicht als ange­mes­se­ner erscheint als eine ande­re, son­dern er doziert, was für ihn (!) zwei­fels­frei auf dem Tisch liegt.
    Gott ist für ihn nicht so sehr jemand, der das Geheim­nis der Welt ist (um es mit E.Jüngel zu sagen), son­dern jemand, der ein Lehr­buch über sich offen­bart hat.

    1. Vie­len Dank für Ihre Sicht­wei­se und Wahr­neh­mung von Gru­dems Werk.
      Sie haben sicher recht, dass Gru­dems Dog­ma­tik nicht für jeden glei­cher­ma­ßen geeig­net ist.
      Des­halb war es mir auch wich­tig sei­ne Grund­an­nah­men trans­pa­rent zu machen.

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