Eine Rezension von Härles beeindruckender „Dogmatik“

Von Manuel Becker

Buchrezension, Dogmatik, Härle
Vor 9 Monaten

Aus­führ­lich, kon­tro­vers, packend! All die­se Wor­te beschrei­ben die „Dog­ma­tik“ des belieb­ten Theo­lo­gen Wil­fried Här­le. Die­se Buch­re­zen­si­on hilft Ihnen in 12 Minu­ten einen guten Ein­blick in die­ses wich­ti­ge Werk zu bekommen. 

Umfassend, vielseitig und doch einfach verständlich

Das Buch „Dog­ma­tik“ von Wil­fried Här­le ist eine beein­dru­cken­de und umfas­sen­de Ein­füh­rung in die christ­li­che sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie. Der Autor, ein renom­mier­ter Theo­lo­ge, hat ein Werk geschaf­fen, das sich an Stu­die­ren­de, Pas­to­ren und alle inter­es­sier­ten Chris­ten rich­tet, die ein tie­fe­res Ver­ständ­nis der dog­ma­ti­schen Leh­re suchen. Der Autor bie­tet einen kla­ren und ver­ständ­li­chen Über­blick über die rele­van­ten theo­lo­gi­schen The­men und Debat­ten, die das christ­li­che Glau­bens­ver­ständ­nis geprägt haben. Dabei stellt er die theo­lo­gi­schen Kon­zep­te und Begrif­fe über­sicht­lich dar und bie­tet eine gründ­li­che Ana­ly­se der zugrun­de lie­gen­den theo­lo­gi­schen Argumente.

Das Buch zeich­net sich durch eine sys­te­ma­ti­sche und kohä­ren­te Struk­tur aus, die dem Leser ermög­licht, die ver­schie­de­nen Aspek­te der Dog­ma­tik in ihrer Gesamt­heit zu ver­ste­hen. Beson­ders bemer­kens­wert ist, dass Här­le sich nicht nur auf die tra­di­tio­nel­le christ­li­che Dog­ma­tik beschränkt, son­dern auch zeit­ge­nös­si­sche theo­lo­gi­sche Debat­ten und Ent­wick­lun­gen berück­sich­tigt. Das macht das Buch zu einer wert­vol­len Res­sour­ce für alle, die sich für die christ­li­che Theo­lo­gie interessieren.

Här­le schreibt in einem kla­ren und ver­ständ­li­chen Stil und ver­mei­det es, kom­ple­xe theo­lo­gi­sche Begrif­fe zu ver­wen­den, ohne sie zu erklä­ren. Er greift auf eine brei­te Palet­te von Quel­len zurück, von der Schrift bis hin zu his­to­ri­schen Theo­lo­gen und zeit­ge­nös­si­schen Den­kern, und lie­fert zahl­rei­che Bei­spie­le und Illus­tra­tio­nen, um den Lesern das Ver­ständ­nis des Mate­ri­als zu erleich­tern. Wei­ter­hin gibt er auch immer wie­der Hin­wei­se auf wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur, die es dem Leser ermög­licht, sich inten­si­ver mit bestimm­ten The­men zu beschäftigen.

Logos bie­tet die neus­te erwei­ter­te und über­ar­bei­te­te Edi­ti­on (die 6. Auf­la­ge) von Här­les Dog­ma­tik, wel­che neue Kapi­tel ent­hält (z.B. „Das Ver­hält­nis zwi­schen Gott und der Welt“), Über­ar­bei­tun­gen und eine erwei­ter­te Biblio­gra­fie. Die zahl­rei­chen Nach­dru­cke des Buches sind ein Hin­weis auf sei­ne gro­ße Beliebtheit.

Der Autor

Wil­fried Här­le (*6. Sep­tem­ber 1941 in Heil­bronn) ist ein deut­scher evan­ge­li­scher Theo­lo­ge und war von 1978 bis 1995 Pro­fes­sor für Theo­lo­gie an der Phil­ipps-Uni­ver­si­tät Mar­burg und von 1995 bis 2006 Pro­fes­sor für Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie und Ethik an der Ruprecht-Karls-Uni­ver­si­tät Hei­del­berg. Wil­fried Här­le stu­dier­te Evan­ge­li­sche Theo­lo­gie an der Ruprecht-Karls-Uni­ver­si­tät in Hei­del­berg und an der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen-Nürn­berg. Im Jahr 1969 pro­mo­vier­te er an der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum zum Dok­tor der Theo­lo­gie. Sei­ne Dis­ser­ta­ti­on trug den Titel: Die Theo­lo­gie des „frü­hen“ Karl Barth in ihrem Ver­hält­nis zu der Theo­lo­gie Mar­tin Luthers. 1973 folg­te die Habi­li­ta­ti­on für Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie an der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät Kiel zum The­ma Sein und Gna­de – die Onto­lo­gie in der kirch­li­chen Dog­ma­tik Karl Barths.

Von 1977 bis 1978 hat­te Här­le einen Lehr­auf­trag an der Uni­ver­si­tät Gro­nin­gen in den Nie­der­lan­den, bevor er 1978 einen Ruf an die Phil­ipps-Uni­ver­si­tät Mar­burg erhielt, wo er bis 1995 eine Pro­fes­sur inne­hat­te. Von 1995 bis 2006 war Här­le Pro­fes­sor für Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie und Ethik an der Ruprecht-Karls-Uni­ver­si­tät in Heidelberg.

Praktisch und kontrovers

Die vie­len Anwen­dungs­bei­spie­le in Här­les Dog­ma­tik hel­fen die Bedeu­tung der dog­ma­ti­schen Leh­re zu ver­an­schau­li­chen und zu ver­deut­li­chen. Zudem zeigt er immer wie­der die prak­ti­sche Rele­vanz der Dog­ma­tik auf und ver­bin­det die­se mit dem christ­li­chen Leben. Im gesam­ten Buch betont er, dass Theo­lo­gie kei­ne abs­trak­te oder irrele­van­te aka­de­mi­sche Dis­zi­plin ist, son­dern tat­säch­lich Aus­wir­kun­gen dar­auf hat, wie Chris­ten leben und mit den Men­schen in ihrem Umfeld umgehen.

Ein wei­te­rer posi­ti­ver Aspekt des Buches ist, dass Här­le auch kon­tro­ver­se The­men behan­delt, wie bei­spiels­wei­se die Fra­ge nach der Exis­tenz der Höl­le und Fra­gen der End­zeit. Dabei geht er auf die ver­schie­de­nen theo­lo­gi­schen Posi­tio­nen ein und gibt dem Leser die Mög­lich­keit, sich eine eige­ne Mei­nung zu bil­den. Er zeigt auf, dass christ­li­che Theo­lo­gie oft kei­ne dog­ma­ti­sche Fest­le­gung ist, son­dern dass es Raum für kri­ti­sche Refle­xi­on und Dis­kus­si­on gibt.

Ein klei­ner Kri­tik­punkt könn­te sein, dass das Buch an ver­ein­zel­ten Stel­len zu aus­führ­lich wird und sich in Details ver­liert. Dies kann dazu füh­ren, dass der Leser sich von der Infor­ma­ti­ons­flut über­for­dert fühlt, aber dabei han­delt es sich nur um weni­ge Aus­nah­men. Den­noch ist es dem Autor gelun­gen, ein Werk zu schaf­fen, das umfas­send und gleich­zei­tig ver­ständ­lich ist.

Der Aufbau des Buches

Das Buch glie­dert sich in fünf Tei­le. Här­le beginnt mit einem ein­lei­ten­den Kapi­tel, in dem er die Dog­ma­tik im Gesamt­zu­sam­men­hang der Theo­lo­gie als Wis­sen­schaft betrach­tet. Hier legt er wich­ti­ge Grund­la­gen und erklärt das Wesen von sys­te­ma­ti­scher Theo­lo­gie und deren Platz in der aka­de­mi­schen Welt.

Im ers­ten Haupt­teil rekon­stru­iert Här­le das Wesen des christ­li­chen Glau­bens. Er durch­denkt die weit­rei­chen­den Aus­wir­kun­gen davon, dass Jesus die höchs­te Offen­ba­rung Got­tes ist, begrün­det die zen­tra­le Rol­le der Bibel für den christ­li­chen Glau­ben, erläu­tert die Rol­le christ­li­cher Glau­bens­be­kennt­nis­se und dis­ku­tiert, wel­che Rol­le die gegen­wär­ti­ge Lebens­welt für den christ­li­chen Glau­ben spielt.

Im zwei­ten Haupt­teil klärt Här­le das christ­li­che Ver­ständ­nis von Wirk­lich­keit und beleuch­tet es anhand von damit ver­knüpf­ten Themen.

Unser Ver­ständ­nis von Gott prägt maß­geb­lich unser Theo­lo­gi­sie­ren. Des­halb ver­wen­det Här­le viel Zeit und Kraft im Teil A sei­nes Buches, um das christ­li­che Got­tes­ver­ständ­nis detail­liert zu unter­su­chen. Die­ser Teil dient als Grund­la­ge für alle sei­ne wei­te­ren Aus­füh­run­gen und umfasst die Berei­che Theo­lo­gie, Chris­to­lo­gie, Pneu­ma­to­lo­gie und die Trinitätslehre.

Auf­bau­end auf sei­nen Gedan­ken in Teil A, kon­stru­iert Här­le ein soli­des christ­li­ches Welt­ver­ständ­nis im Teil B sei­nes Buches. Kein Bereich kommt dabei zu kurz. Aus­führ­lich behan­delt Här­le die Schöp­fungs­leh­re, Ham­ar­tio­lo­gie, Sote­rio­lo­gie und Eschatologie.

Gottes Wesen als Liebe

Eine der Beson­der­hei­ten von Här­les Dog­ma­tik ist, dass er Got­tes Wesen als Lie­be ver­steht und die Bedeu­tung des­sen kon­se­quent wei­ter­denkt in allen ande­ren Berei­chen sei­nes Buches. Här­le bringt die­sen Ansatz in sei­nem Buch gut auf den Punkt:

Die Erkennt­nis des Wesens Got­tes, die aus der Per­son und dem Werk Jesu Chris­ti gewon­nen ist, läßt sich ver­dich­ten in dem Satz: „Got­tes Wesen ist Lie­be“.

Im Hin­ter­grund die­ses Sat­zes steht natür­lich die bibli­sche Aus­sa­ge: „Gott ist Lie­be“ (1 Joh 4,8 u. 16). Aber die Tat­sa­che, daß es in der bibli­schen Über­lie­fe­rung eine sol­che – gera­de­zu defi­ni­to­risch klin­gen­de – Aus­sa­ge gibt, recht­fer­tigt für sich genom­men noch nicht ihre Über­nah­me als Wesens­be­stim­mung Got­tes. Wenn man hier bibli­zis­tisch für 1 Joh 4 argu­men­tie­ren wür­de, müß­te man damit rech­nen, daß ande­re mit glei­chen Mit­teln gegen die Ver­wen­dung die­ser Stel­le Beden­ken anmel­den könn­ten: Ver­bie­tet nicht die Tat­sa­che, daß die­ser Satz so nur im 1. Johan­nes­brief vor­kommt, aus ihm eine Wesens­be­stim­mung Got­tes abzu­lei­ten oder zu machen?

Aber in der Aus­sa­ge: „Gott ist Lie­be“ ver­dich­tet sich eine Fül­le bibli­scher, kirch­li­cher und theo­lo­gi­scher Aus­sa­gen über Gott. D.h., sie ist trotz der Ein­zig­ar­tig­keit ihrer For­mu­lie­rung kei­nes­wegs eine iso­lier­te, ein­ma­li­ge, sozu­sa­gen zufäl­li­ge Aus­sa­ge, son­dern bringt – im Blick auf das Wesen Got­tes – das Wesent­li­che des christ­li­chen Got­tes­ver­ständ­nis­ses zum Aus­druck. Für vie­le Chris­ten ist sie – aus die­sem inhalt­li­chen Grund – die kost­bars­te Aus­sa­ge des christ­li­chen Glau­bens. (Här­le 2022:238–239).

Alle Eigen­schaf­ten Got­tes sind Eigen­schaf­ten sei­nes Wesens, also Eigen­schaf­ten sei­ner Lie­be. Die Eigen­schaf­ten Got­tes (z. B. Got­tes Hei­lig­keit) sol­len ver­stan­den wer­den als Kon­kre­ti­sie­rung, Spe­zi­fi­zie­rung und Qua­li­fi­zie­rung der gött­li­chen Lie­be. (:255)

Aller­dings ist Här­le sich sehr bewusst, daß gera­de die­ser Satz „Gott ist Lie­be“ sowie der Begriff „Lie­be“ zu den häu­fig miß­ver­stan­de­nen, miß­brauch­ten und tri­via­li­sier­ten Aus­sa­gen und Begrif­fen gehört. Im Lich­te davon, dass Begrif­fe mit Sicher­heit nicht die am bes­ten geeig­ne­ten Mit­tel zur Beschrei­bung Got­tes sind betont Härle:

In Jesus Chris­tus, der als inka­nier­ter Logos mit Gott wesen­seins ist, nimmt Got­tes Wesen mensch­li­che Natur und Gestalt an und offen­bart sich inso­fern in einer irdi­schen, mensch­li­chen, end­li­chen Per­son. Von Jesus Chris­tus kann gesagt wer­den: er ist die gött­li­che Lie­be in Per­son. (:255)

Indem er den Begriff der Lie­be mit Blick auf das Leben und die Leh­re Jesu füllt, wen­det Här­le die­se Grund­la­ge kon­se­quent auf sei­ne gesam­te Theo­lo­gie an und setzt damit Jesus in das Zen­trum all sei­ner Theologie.

Här­le schafft es Got­tes Wesen als Lie­be zu defi­nie­ren, ohne dabei Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen, mit Got­tes Hei­lig­keit oder dem kom­men­den Gericht. Aus­führ­lich betrach­tet er Got­tes Zorn und Got­tes Hei­lig­keit im Hin­blick auf Got­tes Wesen als Liebe.

Denn wenn nicht ehr­lich gesagt wer­den kann, Hei­lig­keit und Zorn sei­en Eigen­schaf­ten der Lie­be Got­tes, dann liegt über dem Got­tes­bild ein Schat­ten, der geeig­net ist, alles zu ver­dun­keln (:270).

Wie passt Gottes Zorn zu dem Gott, dessen Wesen Liebe ist?

Här­le macht klar, dass Got­tes Zorn, wel­cher aus sei­ner Hei­lig­keit gebo­ren ist, ein Aus­druck von Got­tes Lie­be ist. Er stimmt Otto Weber zu, der es gut auf den Punkt gebracht hat:

Der Zorn Got­tes kann nur als Got­tes wirk­li­ches und wirk­sa­mes Nein gegen die Sün­de ver­stan­den wer­den. Da aber die Sün­de ihrer­seits die Abwei­sung der Lie­be Got­tes ist …, so ist der Zorn Got­tes nichts ande­res als Got­tes Lie­be, die sich gegen ihre eige­ne Abwei­sung kehrt (:271).

So kommt Här­le zu dem Schluss:

Der hei­li­ge Zorn bzw. die zor­ni­ge Lie­be Got­tes rich­tet sich um des gelieb­ten Men­schen wil­len gegen alles, was ihm bzw. wodurch er sich selbst scha­det. „Lie­be“ ohne sol­chen hei­li­gen Zorn wäre kei­ne ech­te Lie­be. Sie wäre im bes­ten Fall Freund­lich­keit, im schlimms­ten Fall Gleich­gül­tig­keit. Dar­um gehö­ren die Eigen­schaf­ten der Hei­lig­keit und des Zor­nes zu dem Wesen Got­tes, das Lie­be ist (:271).

Das Evangelium neu durchdacht

Auch im Bereich der Sote­rio­lo­gie scheint Här­les Grund­la­ge, von Got­tes Wesen als Lie­be, durch, was zu span­nen­den Gedan­ken führt, was genau Jesus eigent­lich durch das Kreuz und die Auf­er­ste­hung bewirkt hat.

Här­le beschreibt drei Schwie­rig­kei­ten (eine theo­lo­gi­sche, eine anthro­po­lo­gi­sche und eine ethi­sche Schwie­rig­keit), die er sieht, mit der weit­ver­brei­te­ten Ver­söh­nungs­leh­re. Unter der Ver­söh­nungs­leh­re defi­niert er die Idee, dass Gott auf­grund sei­ner Hei­lig­keit nicht ein­fach ver­ge­ben kann, son­dern Jesus als schuld­lo­ses Süh­ne­op­fer gebraucht hat, um sei­nen hei­li­gen Zorn zu besänf­ti­gen und der sün­di­gen Mensch­heit ver­ge­ben zu kön­nen, ohne dabei unge­recht zu sein.

Dies führt Här­le dazu, die­se Leh­re neu zu durch­den­ken, die aktu­el­le Debat­te um das The­ma auf­zu­grei­fen und das Kreuz und die Auf­er­ste­hung Jesu in einem dif­fe­ren­zier­te­ren Licht zu verstehen.

Dabei betont er, dass schon die Urge­mein­de nur mit einer Mehr­zahl von Bil­dern und Begrif­fen (Sühnop­fer, Ver­söh­nung, Stell­ver­tre­tung, Los­kauf etc.) ver­sucht hat, die Bedeu­tung die­ses Gesche­hens „für uns“ zur Spra­che zu brin­gen. Alle in die­sem Zusam­men­hang ver­wen­de­ten Begrif­fe und Aus­sa­gen haben den Cha­rak­ter von Meta­phern, die mög­li­cher­wei­se einen ent­schei­den­den Aspekt an die­sem Gesche­hen erschlie­ßen, die aber falsch wer­den, wenn sie als Begrif­fe oder Aus­sa­gen im direk­ten, wört­li­chen Sinn genom­men werden.

Wäh­rend er ver­schie­de­ne Dimen­si­on des Kreu­zes auf­zeigt und so das Evan­ge­li­um neu zum Leuch­ten bringt, betont er:

Wenn es in der christ­li­chen Ver­söh­nungs­leh­re (jeden­falls in ihren bibli­schen Aus­drucks­for­men) so etwas wie eine schlech­ter­dings grund­le­gen­de und unbe­irrt fest­zu­hal­ten­de Ein­sicht gibt, dann ist es die, daß Gott selbst das Sub­jekt des Ver­söh­nungs­ge­sche­hens ist. Gott wird nicht durch den Tod Jesu Chris­ti zu einem ver­söhn­ten, gnä­di­gen und lie­ben­den Gott, son­dern die „Sen­dung“ bzw. „Hin­ga­be“ sei­nes Soh­nes (und d. h.: die Selbst­hin­ga­be Got­tes) ist schon das Werk und Wir­ken der gött­li­chen Lie­be (Joh 3,16; Röm 5,8; Gal 4,4f.; 1 Joh 4,9f. u. o.). Und dar­um steht im Zen­trum der christ­li­chen Ver­söh­nungs­leh­re der Gedan­ke, den Pau­lus in 2 Kor 5,19 zum Aus­druck gebracht hat in dem Satz: „Gott war in Chris­tus und ver­söhn­te die Welt mit ihm selber“.

Aber gera­de die­se zen­tra­le und unauf­geb­ba­re Ein­sicht scheint durch die objek­ti­ve Ver­söh­nungs­leh­re gefähr­det zu sein, weil in ihr der Ein­druck ent­steht, die Ver­ge­bung Got­tes und die Ver­söh­nung der Welt mit Gott wer­de erst ermög­licht durch das Lei­den und Ster­ben Jesu Chris­ti, durch das Got­tes Zorn besänf­tigt, sei­ner ver­letz­ten Ehre genug­ge­tan oder die gestör­te Welt­ord­nung wie­der­her­ge­stellt wer­de. Mit all die­sen Bil­dern und For­mu­lie­run­gen ent­steht (mög­li­cher­wei­se wider Wil­len) das Bild eines Got­tes, der nicht ver­ge­ben und sich ver­söh­nen las­sen will oder kann, ohne daß (ihm) zuvor das Opfer eines unschul­di­gen Men­schen­le­bens dar­ge­bracht wur­de. Die­se Got­tes­vor­stel­lung hat viel mit einem grau­sa­men Des­po­ten, aber nichts mit dem in Jesus Chris­tus offen­bar­ten Gott zu tun, des­sen Wesen Lie­be ist (:332–333).

Fazit

Ins­ge­samt kann ich Här­les „Dog­ma­tik“ unein­ge­schränkt emp­feh­len. Es ist ein aus­ge­zeich­ne­tes Buch, das einen kla­ren und zugäng­li­chen Ein­blick in die zen­tra­len Leh­ren der christ­li­chen Theo­lo­gie bie­tet und gleich­zei­tig zum Nach­den­ken und zur kri­ti­schen Refle­xi­on anregt.

Här­les Buch for­dert her­aus, lädt ein, man­che Berei­che der Theo­lo­gie neu zu durch­den­ken und scheut sich auch nicht, kon­tro­ver­se The­men (z.B. die Theo­di­zee-Fra­ge oder das The­ma Höl­le) ehr­lich zu diskutieren.

Es ist eine wert­vol­le Res­sour­ce für Pas­to­ren, Theo­lo­gen und Lai­en glei­cher­ma­ßen, und Här­les kla­rer und anspre­chen­der Schreib­stil macht es zu einem Ver­gnü­gen zu lesen.

Die Logos-Edi­ti­on des Buches ist kom­plett durch­gän­gig ver­linkt und ermög­licht so das schnel­le Navi­gie­ren zwi­schen den Tex­ten und das gründ­li­che Durch­su­chen des Buches. Das Buch ist ent­hal­ten in den Basis­pa­ke­ten ab Logos 10 Gold Sil­ber (aka­de­misch) und ab Logos 10 Gold.

Härle Dogmatik Logos 6.Auflage

Bibliografie

Här­le, Wil­fried. Dog­ma­tik. 6., durch­ge­se­he­ne, über­ar­bei­te­te und biblio­gra­phisch ergänz­te Auf­la­ge, De Gruy­ter, 2022, S. 238–39.


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Manuel Becker

Über den Autor

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine 4 Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, dann liebt er es theologische Bücher in seiner freien Zeit zu lesen, zu fotografieren oder seine Logos-Bücherei zu erweitern. Aktuell studiert er nebenher an der Akademie für Weltmission in Korntal und hofft 2023 sein MA-Studium zu beenden. Er ist der Autor von dem beliebten Kinderbuch „Der große Sieg“.

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  1. Lei­der kann ich die Zustim­mung des Rezen­sen­ten zur Sote­rio­lo­gie Här­les nicht teilen.
    Här­le blen­det, wenn er das Evan­ge­li­um „neu durch­denkt“, ein­deu­ti­ge bibli­sche Aus­sa­gen voll­stän­dig aus. Zum Beispiel:
    2. Mose 12,13: „Und wenn ich das Blut sehe, dann wer­de ich an euch vorübergehen.“
    Jesa­ja 53,5: „Wir alle irr­ten umher wie Scha­fe, wir wand­ten uns jeder auf sei­nen eige­nen Weg; aber der HERR ließ ihn tref­fen unser aller Schuld.“
    Johan­nes 3,36: „Wer an den Sohn glaubt, hat ewi­ges Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, son­dern der Zorn Got­tes bleibt auf ihm.“
    Hebrä­er 9,22: „Ohne Blut­ver­gie­ßen gibt es kei­ne Vergebung.“
    Die biblisch-refor­ma­to­ri­sche Süh­ne­leh­re (von Här­le „objek­ti­ve Ver­söh­nungs­leh­re“ genannt) trägt all die­sen Stel­len ange­mes­sen Rech­nung, ohne dadurch den Ein­druck eines Got­tes zu ver­mit­teln „der nicht ver­ge­ben und sich ver­söh­nen las­sen will oder kann, ohne daß (ihm) zuvor das Opfer eines unschul­di­gen Men­schen­le­bens dar­ge­bracht wurde.“
    Die­ses Zerr­bild ist viel­mehr von den Geg­nern der biblisch-refor­ma­to­ri­schen Süh­ne­leh­re ent­wor­fen wor­den: von der exege­ti­schen Kri­tik (z. B. Bult­mann), von der psy­cho­lo­gi­schen Kri­tik und von der femi­nis­ti­schen Kri­tik. Ein sol­ches Bild hat­ten die Refor­ma­to­ren nicht (Luther, Cal­vin – übri­gens nicht ein­mal Anselm von Can­ter­bu­ry). Sie gin­gen viel­mehr davon aus,
    • dass Gott kein Opfer von den Men­schen for­dert, son­dern selbst das Opfer stellt,
    • dass also die Lie­be Got­tes der Aus­gangs­punkt der Ver­söh­nung ist
    • und dass Chris­tus frei­wil­lig bereit war, die­ses Opfer zu sein.

    Die biblisch-refor­ma­to­ri­sche Süh­ne­leh­re berück­sich­tigt aller­dings nicht nur die Lie­be, son­dern auch die Hei­lig­keit und Gerech­tig­keit Got­tes auf ange­mes­se­ne Wei­se. Sie erkennt an,

    • dass nicht nur die Sün­de Gegen­stand des Zor­nes Got­tes ist, son­dern auch der unbe­kehr­te Sünder,
    • dass ein gerech­ter Gott, Sün­den nicht ein­fach vergibt,
    • dass Er aber in sei­ner Lie­be den Sohn hin­gibt, der an unse­rer Stel­le die Stra­fe auf sich nimmt, so dass sie uns nicht mehr trifft; das ist ech­te, bibli­sche Stellvertretung,
    • dass Gott also nicht nur Sub­jekt des Süh­ne­ge­sche­hens ist (Er stellt in sei­ner Lie­be das Sühnop­fer), son­dern auch Objekt (die Ansprü­che sei­ner Hei­lig­keit und Gerech­tig­keit wer­den erfüllt. – Das ist zusam­men­ge­nom­men ech­te, bibli­sche Sühne.

    Zu beden­ken ist auch, dass vor­aus­set­zungs­lo­se Ver­ge­bung mit der Leh­re von der Recht­fer­ti­gung in Wider­spruch steht. Recht­fer­ti­gung geht über Ver­ge­bung hin­aus. Die „neu durch­dach­te“ Süh­ne­leh­re kann dem nicht Rech­nung tragen.

    Eine mit ähn­li­cher Ziel­rich­tung und ähn­li­chen Argu­men­te „neu durch­dach­te“ Süh­ne­leh­re fin­det sich auch bei den Tübin­ger Theo­lo­gen Gese, Janow­ski, Hofi­us und Stuhl­ma­cher (und in popu­la­ri­sier­ter Form bei H. J. Eckstein).

    Bei allen Spiel­ar­ten einer „neu durch­dach­ten“ Süh­ne­leh­re, besteht die Gefahr einer ande­ren „Got­tes­vor­stel­lung“. Dar­in gebe ich Här­le und dem Rezen­sen­ten Recht.

    1. Sehr geehr­ter Herr Vogel,
      Vie­len Dank für das aus­führ­li­che und durch­dach­te Kom­men­tar. Ich schät­ze das. Span­nen­de Gedan­ken. Die Kom­men­ta­re unter einem Blog sind sicher nicht der prak­tischs­te Rah­men, um tie­fe bibli­sche Grund­la­gen zu dis­ku­tie­ren, die seit Jah­ren Streit­punkt unzäh­li­ger theo­lo­gi­schen Dis­kus­sio­nen unter den Gelehr­ten sind. Aber ich will trotz­dem ver­su­chen, ein paar (hof­fent­lich hilf­rei­che) Gedan­ken zu for­mu­lie­ren zu Ihren ange­führ­ten Punk­ten. Ich stim­me ganz sicher nicht allem, was Här­le sagt, unein­ge­schränkt zu, aber ich den­ke doch, dass sei­ne Argu­men­ta­ti­on teil­wei­se schlag­kräf­ti­ge Punk­te ent­hält, die bedacht wer­den müs­sen. Sie haben meh­re­re umfang­rei­che theo­lo­gi­sche The­men ange­ris­sen und es wür­de den Rah­men hier spren­gen, die­se alle in der Tie­fe zu beant­wor­ten, des­halb will ich mich auf ihren ers­ten Punkt beschrän­ken, der für das The­ma zen­tral ist und mei­ne Gedan­ken dazu teilen. 

      Ist Blut (oder ein Opfer) nötig zur Ver­ge­bung von Schuld? 
      Ihr ers­ter Punkt betont Bibel­stel­len, die dar­auf hin­deu­ten, dass Blut nötig ist zur Ver­ge­bung der Schuld. Hebrä­er 9,22 scheint die­se Fra­ge ganz klar zu beant­wor­ten. Tat­säch­lich gibt es unzäh­li­ge Bibel­stel­len, die genau dar­auf hin­deu­ten. Aller­dings ist das Gegen­teil auch wahr. Es gibt eine gro­ße Anzahl an Stel­len, die aus­sa­gen, dass Opfer und Blut kei­ne Sün­den­ver­ge­bung bewir­ken. Das The­ma ist etwas komplex.

      In der evan­ge­li­ka­len Gemein­de, in der ich auf­wuchs, lern­te ich, dass Gott nicht ein­fach ver­ge­ben kann, weil er ein gerech­ter Gott ist. Mir wur­de gesagt, dass Gott das Opfer Jesu gebraucht hat, um ver­ge­ben zu kön­nen, denn ohne Blut­ver­gie­ßen gibt es kei­ne Ver­ge­bung (Hebr 9,22). Des­halb muss­te Jesus am Kreuz ster­ben, damit wir von Got­tes Zorn befreit wer­den kön­nen. Gott muss­te sei­nen Zorn abla­den, er konn­te nicht ein­fach ver­ge­ben, weil Blut not­wen­dig ist für Ver­ge­bung. Auch wenn dies even­tu­ell eine Ver­ein­fa­chung (oder sogar Kari­ka­tur) der Idee der Refor­ma­to­ren ist, ist es doch eine Vor­stel­lung, die weit­ver­brei­tet ist unter Chris­ten vie­ler evan­ge­li­ka­len Gemein­den. Solch ein Got­tes­bild gleicht allen ande­ren Göt­tern der Anti­ke. Sie alle haben Opfer ver­langt, um besänf­tigt zu wer­den. Sie alle wur­den leicht zor­nig und muss­ten besänf­tigt wer­den, damit sie ihrem Zorn nicht frei­en Lauf lie­ßen. Aber ist eine sol­che Sicht­wei­se von Gott wahr? Ent­spricht die­ses Bild dem Gott, den Jesus uns offen­bart hat? So wie Här­le, fin­de ich es schwie­rig solch ein Got­tes­bild zu vertreten. 

      In der gan­zen Bibel und beson­ders bei Jesus sehen wir, dass Gott ver­ge­ben kann, ohne Opfer, ohne ver­go­ße­nes Blut und ohne Stra­fe zu ver­hän­gen. Bereits das Alte Tes­ta­ment bezeugt die­se Wahr­heit in Psalm 103.

      Psalm 103,8–10 (NGÜ): Barm­her­zig und gnä­dig ist der Herr, er gerät nicht schnell in Zorn, son­dern ist reich an Gna­de. Nicht für immer wird er uns ankla­gen, noch wird er ewig zor­nig auf uns sein. Er han­delt an uns nicht so, wie wir es wegen unse­rer Sün­den ver­dient hät­ten, er ver­gilt uns nicht nach unse­ren Vergehen. 

      Jesus hat immer wie­der Sün­dern ver­ge­ben: dem Gelähm­ten (Mar­kus 2,5), der Frau, die beim Ehe­bruch ertappt wur­de (Johan­nes 8,1–11), Zachä­us (Lukas 19,1–10) und der sün­di­gen Frau (Lukas 7,47). Jesus ver­gab ihnen, ohne vor­her ein Opfer zu ver­lan­gen oder sie zu bestra­fen, damit gewis­se Anfor­de­run­gen der Gerech­tig­keit erfüllt wer­den konnten.

      Aber was ist mit Hebrä­er 9:22?

      Über­haupt ist nach dem Gesetz fast jedes Mal Blut nötig, wenn etwas gerei­nigt wer­den muss, und ohne das Blut eines Opfers gibt es kei­ne Ver­ge­bung.“ (Hebr 9,22, NGÜ).

      Die Fra­ge ist: ist V. 22b, „ohne Blut­ver­gie­ßen gibt es kei­ne Ver­ge­bung“, eine uni­ver­sal gül­ti­ge Aus­sa­ge oder nicht?

      Vie­le Chris­ten hal­ten es für eine uni­ver­sal gül­ti­ge Aus­sa­ge, dass Ver­ge­bung ohne Blut­ver­gie­ßen unmög­lich ist. Aber wenn wir den Vers im Kon­text lesen, fin­den wir gute Grün­de, die dar­auf hin­wei­sen, dass dies kei­ne all­ge­mein gül­ti­ge Aus­sa­ge ist!

      In Hebrä­er 10,4 steht ein­deu­tig, dass das Blut von Tie­ren die Sün­den nicht weg­neh­men kann! Im gesam­ten Kapi­tel 10 geht es dar­um, dass Gott kei­ne blu­ti­gen Opfer will, son­dern dass er unse­ren Gehor­sam wünscht. In Kapi­tel 10 heißt es drei­mal, dass Jesus deut­lich gemacht hat, dass Gott kei­ne Opfer will! Die Aus­sa­ge des Hebrä­er­briefs ist, dass Gott kei­ne Blut­op­fer will, son­dern unse­ren Gehor­sam. Jesus hat das Opfer­sys­tem abge­schafft, weil es nur ein Zuge­ständ­nis von Gott an die Israe­li­ten war, das Gott für eine begrenz­te Zeit erlaub­te. Bereits im Alten Tes­ta­ment fin­den sich vie­le Ver­se, die andeu­ten, dass das Opfer­sys­tem so eine Art Akkom­mo­da­ti­on Got­tes war (1 Sam 15,22; Ps 40,7; 50,8–10; 51,18–19; Jer 7,21–24; Hos 6,6; Jes 1,10–13; Am 5,21–27; Jes 66,2–4).

      Hebrä­er 9,22 bestä­tigt die­se Les­art. V. 22a gibt den Kon­text vor: „nach dem Gesetz“. In die­sem Vers geht es um das mosai­sche Gesetz, den alten Bund. Der alte Bund basier­te auf der Vor­stel­lung, dass Blut zur Ver­ge­bung not­wen­dig ist. Aber auch im alten Bund gab es Aus­nah­men, wes­halb es heißt, dass „fast alles durch Blut gerei­nigt wur­de“. „Zum Bei­spiel konn­te ein ver­arm­ter Israe­lit dem Pries­ter ein Zehn­tel eines Epha (vier Pfund) Fein­mehl als Sünd­op­fer brin­gen, anstatt eines Lam­mes oder sogar anstatt zwei­er Tur­tel­tau­ben oder jun­ger Tau­ben (Lev. 5,11). In Num 16,46 wur­de die Gemein­de Isra­els nach der Ver­nich­tung von Kor­ach und sei­nen Gefähr­ten mit Weih­rauch gesühnt“ (Bruce 1990:226–227). Die­se Aus­nah­men zei­gen bereits, dass V. 22b kei­ne uni­ver­sal gül­ti­ge Aus­sa­ge sein kann.

      Elling­worth bekräf­tigt, dass es sich nicht um eine all­ge­mein­gül­ti­ge Aus­sa­ge han­delt, indem er kom­men­tiert, dass V. 22b „kei­nes­wegs sein eige­nes unqua­li­fi­zier­tes Urteil dar­stellt, son­dern eine ein­fa­che Beob­ach­tung des­sen ist, was inner­halb der alten, gesetz­li­chen Dis­pen­sa­ti­on geschah: ‚Unter dem Gesetz….‘ “ (1993:472).

      Mein Ziel mit die­sem Bei­trag ist nicht zu sagen, dass die eine oder ande­re Sei­te der Dis­kus­si­on Recht hat, son­dern viel­mehr auf­zu­zei­gen, dass bei­de Sei­ten gute Argu­men­te haben und es nicht so ein­fach und klar ist, wie es oft dar­ge­stellt wird. 

      Herr Vogel, ich dan­ke Ihnen für Ihren kon­struk­ti­ven Bei­trag, hof­fe dass mei­ne Gedan­ken hilf­reich waren und wün­sche Ihnen Got­tes Segen.
      Manu­el Becker

      Biblio­gra­fie:
      Elling­worth, P. (1993). The Epist­le to the Hebrews: a com­men­ta­ry on the Greek text (p. 472). Grand Rapids, MI; Car­l­is­le: W.B. Eerd­mans; Pater­nos­ter Press.

      1. Sehr geehr­ter Herr Becker,

        auch ich möch­te mich kurzfassen.

        Ist Blut (oder ein Opfer) nötig zur Ver­ge­bung von Schuld?“

        Mit Här­le kri­ti­sie­ren Sie erneut ein Got­tes­bild, das tat­säch­lich nur eine schlim­me Kari­ka­tur der refor­ma­to­ri­schen Süh­ne­leh­re ist. Wenn Gott ver­lan­gen wür­de, dass der Mensch selbst ein blu­ti­ges (Menschen-)Opfer bringt, das die Sün­den weg­nimmt und Ver­ge­bung für die Ewig­keit ermög­licht, dann wäre das ein Got­tes­bild, das auch ich nicht tei­len könn­te. Dar­in sind wir uns einig.

        Aber Gott for­dert die­ses Opfer ja auch gar nicht VON UNS, son­dern Er stellt es SELBST, wie ich bereits in mei­nem ers­ten Kom­men­tar her­vor­ge­ho­ben habe! Er gibt es selbst, in unfass­ba­rer Lie­be, um Ver­ge­bung zu ermög­li­chen. Aber auch das wird von Här­le, von den Tübin­gern und auch von Ihnen (?) abgelehnt.

        Sie füh­ren Stel­len an, die bewei­sen sol­len, dass Gott auch ohne ver­gos­se­nes Blut ver­gibt. Die Nicht­er­wäh­nung des Blu­tes an sol­chen Stel­len lie­fert jedoch kei­ner­lei Beweis dafür, dass ein stell­ver­tre­ten­des Sühnop­fer unnö­tig sei. Natür­lich hat der Psalm­dich­ter David geop­fert! (Nur dann, wenn man wie vie­le Theo­lo­gen unse­rer Zeit die Opfer­vor­schrif­ten des Buches Levi­ti­kus erst in der spät- oder nach­ex­i­li­schen Zeit for­mu­liert sehen wür­de, könn­te man über­le­gen, ob die Nicht­er­wäh­nung von Opfern hier eine beson­de­re Aus­sa­ge­kraft hat. – Die heu­te in der Theo­lo­gie vor­herr­schen­de Ableh­nung der biblisch-refor­ma­to­ri­schen Süh­ne­leh­re ist nicht ohne mas­si­ve Sach­kri­tik an AT und NT denkbar.)

        Zu Recht schrei­ben Sie, dass Jesus in sei­nem Leben auf der Erde kein Opfer VON DEN MENSCHEN ver­langt habe. Im Gegen­teil, Er gab sich selbst als das ein­zi­ge Opfer, auf des­sen Grund­la­ge Sün­den für die Ewig­keit ver­ge­ben wer­den kön­nen, und zwar die Sün­den der atl. Gläu­bi­gen, die Sün­den der glau­ben­den Men­schen, die mit Jesus auf der Erde leb­ten, und die Sün­den aller Glau­ben­den nach dem Kreuz.

        Aber was ist mit Hebrä­er 9,22?

        Auf­grund des Kon­tex­tes hal­ten Sie die Aus­sa­ge „Ohne Blut­ver­gie­ßen gibt es kei­ne Ver­ge­bung“ nicht für all­ge­mein­gül­tig. Wenn man zum Kon­text nur die Ver­se 19–21 zäh­len wür­de, müss­te ich Ihnen zustim­men. Aber schon die Ver­se 18 und 22 zei­gen, dass man den aus­sa­ge­fä­hi­gen Kon­text nicht so will­kür­lich beschrän­ken darf. Und der Gesamt­kon­text des Hebrä­er­brie­fes und spe­zi­ell der Kon­text der Kapi­tel 9 und 10, in denen das voll­gül­ti­ge Sühnop­fer Jesu den „Schat­ten­bil­dern“ des AT gegen­über­ge­stellt wird, bewei­sen die All­ge­mein­gül­tig­keit. Die „Pro­be“ dafür kann mit Kap. 10,19 machen: Den Zugang zu Gott im himm­li­schen „Hei­lig­tum“ (der Ver­ge­bung vor­aus­setzt) haben wir nur „durch das Blut Jesu“.

        Noch ein Hin­weis zu den Opfern im AT. Die hat Gott tat­säch­lich VOM MENSCHEN gefor­dert, aber es waren kei­ne Men­schen­op­fer (wie sie der biblisch-refor­ma­to­ri­schen Süh­ne­leh­re oft von der Kri­tik zu Unrecht vor­ge­wor­fen wer­den), es waren Tier­op­fer. Die­se konn­ten „kei­ne Sün­den weg­neh­men“, sie bewirk­ten für die From­men des AT nur eine äußer­li­che Rei­ni­gung und Ver­ge­bung, so dass sie in der irdi­schen Volks- und Got­tes­dienst­ge­mein­schaft blei­ben konn­ten. Und sie erin­ner­ten die Israe­li­ten immer wie­der an die Not­wen­dig­keit eines kom­men­den Erlö­sers. Im Blick auf die Recht­fer­ti­gung und das ewi­ge Leben war ein ganz ande­res Sühnop­fer nötig, das eine voll­gül­ti­ge Opfer, das Gott selbst gestellt hat, und auf das alle die­se Opfer hin­wie­sen (vgl. Hebrä­er 10,12–14; Römer 3,25).

        Vie­len Dank, Herr Becker, für Ihr schnel­le Ant­wort! Ich bit­te Sie herz­lich, über den Punkt nach­zu­den­ken, dass GOTT SELBST nach der biblisch-refor­ma­to­ri­schen Süh­ne­leh­re das Sühnop­fer gestellt hat. Das müss­te den größ­ten Teil der gedank­li­chen Schwie­rig­keit weg­neh­men kön­nen. Was es nicht weg­nimmt, ist … das Ärger­nis des Kreuzes.

        Mit freund­li­chem Gruß
        Gün­ter Vogel

        1. Vie­len Dank für die aus­führ­li­che Ant­wort, Herr Vogel.
          Ihr Kom­men­tar hat mir noch ein­mal bes­ser gehol­fen Ihren Punkt bes­ser ver­ste­hen zu können. 

          Ich den­ke Här­le und ich behaup­ten nicht, dass Gott ein Opfer von den Men­schen ver­langt hat. Wir ver­ste­hen, dass Jesus das Opfer war, was nötig war für unse­re Erlö­sung und dass Jesus sich selbst aus Lie­be zum Vater und zu uns frei­wil­lig geop­fert hat. Ich den­ke der sprin­gen­de Punkt, um den es geht, ist die Fra­ge, was genau der Tod Jesu bewirkt hat. Und da möch­te ich Här­le zustim­men, dass wir in der Bibel eine Viel­zahl an Bil­dern fin­den, die ver­su­chen, das Werk am Kreuz zu beschrei­ben und in Wor­te zu packen, dass es aber schwie­rig für uns Men­schen bleibt, im Detail zu ver­ste­hen, wie genau das Kreuz funk­tio­niert. So wie ich Här­le ver­ste­he, rich­tet er sich haupt­säch­lich dage­gen, dass Gott das Opfer Jesus gebraucht hat, um uns ver­ge­ben zu kön­nen. Also die Idee, dass das Opfer Jesu nötig war, um Gott zu befä­hi­gen, etwas tun zu kön­nen, was er vor­her nicht tun konn­te. Här­le erwähnt den Punkt, dass ein Opfer den Schuld­preis bezahlt und wenn eine Schuld bezahlt ist, dann ist es kei­ne Ver­ge­bung mehr. Ver­ge­bung braucht kein Opfer. Gott kann jeder­zeit ver­ge­ben. Woge­gen Här­le sich wehrt, ist Got­tes Mög­lich­keit zur Ver­ge­bung ein­zu­gren­zen und das (anti­ke) Got­tes­bild eines zor­ni­gen Got­tes, der besänf­tigt wer­den muss. Aber um die­se Fra­ge bes­ser klä­ren zu kön­nen, müss­te man tie­fer über­le­gen, was Got­tes Gerech­tig­keit, Hei­lig­keit usw. genau bedeu­ten und das wür­de etwas zu lan­ge wer­den für ein Kommentar-Gespräch. 

          Aber ich den­ke, wir sind uns alle drei einig, dass Jesu Opfer am Kreuz nötig war, um uns zu erlö­sen. Gott selbst hat durch Jesus den Weg zur Ver­söh­nung mög­lich gemacht. Das refor­ma­to­ri­sche Den­ken sagt, das Opfer war nötig, um Gott umzu­stim­men. Ich ver­ste­he den Tod Jesu eher, als das Löse­geld (Mt 20,28), wel­ches bezahlt wer­den muss­te, um uns frei­zu­kau­fen aus der Skla­ve­rei der Sün­de und des Todes. Der Tod Jesu war also nötig, aber nicht, um Gott fried­lich zu stim­men oder zu befä­hi­gen ver­ge­ben zu kön­nen. Ich ver­ste­he das Kreuz also eher im Lich­te des Chris­tus Vic­tor Motivs der Bibel, also Jesus als der Sie­ger über alle bösen Mäch­te. Der Mes­si­as wird immer­hin in die Bibel ein­ge­führt, als der, der der Schlan­ge den Kopf zer­tritt und die bösen Mäch­te und das Böse bezwingt. Aber ver­mut­lich gehö­ren alle die­se Moti­ve zusam­men und kön­nen nur gemein­sam ein wun­der­schö­nes Bild vom Erlö­sungs­werk unse­res Her­ren ergeben. 

          Ich den­ke, es gibt gute Argu­men­te auf bei­den Sei­ten. Aber wir sind uns alle einig, dass Jesu Tod nötig war und wir allein durch ihn erret­tet wer­den kön­nen, egal wie genau das jetzt funktioniert! 🙂

          Mit freund­li­chen Grüßen
          Manu­el Becker

          1. Dan­ke, Herr Becker! Gut, dass sich der ent­schei­den­de Punkt immer kla­rer her­aus­stellt. Es ist die Fra­ge, ob Gott völ­lig vor­aus­set­zungs­los ver­gibt oder ob sei­ne Hei­lig­keit und Gerech­tig­keit zuvor Süh­nung erfordern.

            Sie schrei­ben zutref­fend, dass es eine Viel­zahl von Bil­dern in der Bibel gibt, die das Erlö­sungs­werk Jesu beschrei­ben. Aber wer bestrei­tet das denn? Das Pro­blem ist viel­mehr, dass vie­le Theo­lo­gen das als (Schein-)Argument benut­zen, um Süh­nung durch das Blut Jesu als Vor­aus­set­zung für Got­tes Ver­ge­bung aus­zu­schlie­ßen, und dabei die dies­be­züg­li­chen Stel­len weit­ge­hend ignorieren. 

            Ich hat­te zu Beginn auf das Pas­sah hin­ge­wie­sen („Und wenn ich das Blut sehe, dann wer­de ich an euch vor­über­ge­hen.“). Der Herr selbst stellt eine Ver­bin­dung zum Pas­sah als Typos her, wenn Er das Abend­mahl anläss­lich des Pas­sah­fes­tes ein­setzt. Und 1. Korin­ther 5,7 bestä­tigt die typo­lo­gi­sche Bedeu­tung des Pas­sahs. – Kann man das ein­fach IGNORIEREN, weil es noch vie­le ande­re Aspek­te des Kreu­zes­to­des Jesu gibt? Ver­bie­tet uns nicht die Got­tes­furcht, so zu handeln?

            Oder Jesa­ja 53,6. „Der HERR ließ ihn tref­fen unser aller Schuld.“ Das NT sieht Jesa­ja 53 ein­deu­tig als mes­sia­nisch. Es geht also um stell­ver­tre­ten­des Lei­den Jesu unter dem Straf­ge­richt Got­tes, damit die­ses uns nicht tref­fen muss. Die­sen Vers kann man ver­drän­gen; aber durch Ver­drän­gen beweist man nicht, dass der Inhalt nicht­exis­tent sei. Es gibt Theo­lo­gen, die völ­lig aner­ken­nen müs­sen, dass die­ser Vers tat­säch­lich das lehrt, was die Refor­ma­to­ren gelehrt haben. Mehr noch, sie erken­nen auch an, dass neu­tes­ta­ment­li­che Anfüh­run­gen von Psalm 53 oder Anspie­lun­gen dar­auf in den Pau­lus­brie­fen anschei­nend eben­falls das­sel­be leh­ren. Und doch rau­ben sie der Aus­sa­ge die­ses Ver­ses ihre Auto­ri­tät als Got­tes­wort. So z. B. der Tübin­ger Hofi­us mit mas­si­ver Sach­kri­tik an AT und NT (Hofi­us, O., Das vier­te Got­tes­knechts­lied in den Brie­fen des NT, in: B. Janow­ski u.a. (Hrsg.), Der lei­den­de Got­tes­knecht, Tübin­gen 1996, 107–127). Kurz mit mei­nen Wor­ten skiz­ziert: Jesa­ja 53 sei nicht von Jesa­ja, auch nicht von Deu­tero­je­sa­ja. Deu­tero­je­sa­ja habe die ers­ten drei Got­tes­knechts­lie­der geschrie­ben und das The­ma bes­ser ver­stan­den. Jesa­ja 53 sei hin­ge­gen im Schü­ler­kreis des Deu­tero­je­sa­ja ent­stan­den, wo man das The­ma nicht mehr so gut ver­stan­den habe. Und Pau­lus habe ledig­lich Anspie­lun­gen aus der Gemein­de­tra­di­ti­on auf Jesa­ja 53 auf­ge­grif­fen. Die­se Gemein­de­tra­di­ti­on habe das viel­leicht ähn­lich gehen, wie der Schü­ler­kreis Deu­tero­je­sa­jas. Pau­lus selbst habe die­se Aus­sa­gen in sei­ne Brie­fe ein­ge­baut, aber zugleich im Kon­text deut­lich gemacht, dass er selbst NICHT so denkt! – Ich weiß nicht, wie Här­le mit Jesa­ja 53,6 umgeht – aber ohne mas­si­ve Sach­kri­tik an der Bibel wird man die Aus­sa­ge die­ses Ver­ses nicht los!

            Ein letz­ter bibli­scher Hin­weis: Die Opfer des gro­ßen Süh­n­eta­ges von 3. Mose 16 wer­den im Hebrä­er­brief als typo­lo­gi­sche Hin­wei­se auf das Süh­nungs­werk Chris­ti betrach­tet. In den unter­schied­li­chen Opfern die­ses Tages wer­den unter­schied­li­che Aspek­te des Süh­nungs­wer­kes vor­ge­bil­det. (Dar­auf wol­len wir ja ach­ten!) Die mar­kan­tes­te Unter­schei­dung ist die zwi­schen den bei­den Zie­gen­bö­cken: Der eine Bock ist aus­drück­lich „für den HERRN”; sein Blut wird ins Hei­lig­tum gebracht, um Süh­nung vor Gott zu tun; der ande­re Bock ist „für ASASEL“, und dient zur „Abwen­dung“, zum Weg­tra­gen der Sün­den des Vol­kes (3. Mose 16,7.8).

            In Ihrem Schluss­wort klingt nur Letz­te­res an: die Erret­tung als Erlö­sung von unse­ren Sün­den. Der Bedeu­tung des ers­ten Bockes kann die Theo­lo­gie Här­les in kei­ner Wei­se mehr Rech­nung tragen!

            Die theo­lo­gi­sche Aus­ein­an­der­set­zung dar­über ist nicht neu. Vor allem seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts wird die biblisch-refor­ma­to­ri­sche Süh­ne­leh­re auf allen Kon­ti­nen­ten mit zahl­rei­chen, oft unter­schied­li­chen Argu­men­ten ange­grif­fen, die in immer neu­en Kom­bi­na­tio­nen prä­sen­tiert wer­den. Aber eine bibel­treue „Lösung” in Bezug auf die von mir ange­führ­ten Stel­len ist nicht dar­un­ter. Die stän­di­ge Rekom­bi­na­ti­on der kri­ti­schen Gene kann eben nicht zu einer Höher­ent­wick­lung füh­ren. 😉 Wer leug­net, dass der unbe­kehr­te Sün­der unter dem Zorn Got­tes steht (Johan­nes 3,36) betreibt Bibel­kri­tik und soll­te dazu stehen.

            LOGOS bie­tet übri­gens auch Dar­stel­lun­gen, die die Argu­men­te der Kri­ti­ker sorg­fäl­tig unter­su­chen und ent­kräf­ten. Zum Beispiel:

            https://​www​.logos​.com/​p​r​o​d​u​c​t​/​1​8​8​5​8​9​/​t​h​e​-​a​p​o​s​t​o​l​i​c​-​p​r​e​a​c​h​i​n​g​-​o​f​-​t​h​e​-​c​r​o​s​s​-​3​r​d​-​r​e​v​-ed

            Im Deut­schen fand ich nütz­li­che Arti­kel im Sam­mel­band aus dem Albrecht-Ben­gel-Haus: Gäck­le, V. (Hg.), War­um das Kreuz? Die Fra­ge nach der Bedeu­tung des Todes Jesu, Wup­per­tal 1998.

            Und im Hol­län­di­schen ist Her­man Rid­der­bos nütz­lich: „Zijn wij op de ver­ke­er­de weg?”, Kam­pen 1972.

            Das war jetzt aus­führ­lich genug, um mein Schluss­bei­trag hier zu sein. 😉 Das letz­te Wort über­las­se ich gern Ihnen.

            Mit freund­li­chem Gruß
            Gün­ter Vogel

          2. Herr Vogel, ich den­ke, Ihr letz­ter Kom­men­tar ist ein her­vor­ra­gen­der Abschluss für die­ses Gespräch. Ich bedan­ke mich für den span­nen­den Aus­tausch und den hilf­rei­chen Ver­weis auf wei­ter­füh­ren­de Literatur.
            Ich wün­sche Ihnen von Her­zen Got­tes Segen.
            Mit freund­li­chen Grüßen
            Manu­el Becker

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