Preisgabe der Vernunft – Francis Schaeffers Kritik der Moderne

Von Joshua Ganz

Gesellschaftskritik, Moderne
Vor 3 Wochen

Fran­cis Schaef­fer war ein US-ame­ri­ka­ni­scher evan­ge­li­ka­ler Theo­lo­ge, der ins­be­son­de­re im eng­lisch­spra­chi­gen Raum durch sei­ne gesell­schafts­kri­ti­schen Ver­öf­fent­li­chun­gen und durch die Grün­dung der Kom­mu­ni­tät L’Abri in der Schweiz bekannt wur­de. Eini­ge sei­ner Bücher sind auch in Logos ent­hal­ten. In die­sem Arti­kel stel­len wir Ihnen Schaef­fers Werk „Die Preis­ga­be der Ver­nunft: Eine scharf­sin­ni­ge Ana­ly­se des moder­nen Den­kens” näher vor. Lesen Sie hier, wel­che Ideen und kul­tu­rel­len Ent­wick­lun­gen die­se Epo­che präg­ten und wel­che Ant­wor­ten Schaef­fer dar­auf aus evan­ge­li­ka­ler Per­spek­ti­ve formulierte. 

Hinführung zur Analyse der Moderne

Zwei Gründe für die Lektüre

Gera­de weil das Buch schon eini­ge Jahr­zehn­te auf dem Markt ist, lohnt es sich beson­ders, es zu lesen. Dafür gibt es zwei plau­si­ble Grün­de. Zum einen han­delt es sich um ein Buch, das zeit­gleich mit dem Auf­kom­men der Post­mo­der­ne ver­öf­fent­licht wur­de. Schaef­fers Kri­tik der Moder­ne ist frisch und leben­dig. Das führt zum zwei­ten Grund: Es ist ein his­to­ri­sches Buch gewor­den. Es zeigt, wie ein gro­ßer evan­ge­li­ka­ler Den­ker des 20. Jahr­hun­derts mit dem Auf­kom­men der Moder­ne und der Post­mo­der­ne als ihrem Höhe­punkt umgeht. Die­sen Umgang möch­te ich Ihnen in den nächs­ten 7 Minu­ten vorstellen.

Über den Autor und sein Ziel

Fran­cis A. Schaef­fer (1912–1984) galt als einer der vier bedeu­tends­ten evan­ge­li­ka­len Theo­lo­gen des 20. Jahr­hun­derts. Er stu­dier­te bei Cor­ne­li­us Van Til am West­mins­ter Theo­lo­gi­cal Semi­na­ry in Glen­si­de, Penn­syl­va­nia und spä­ter am Faith Theo­lo­gi­cal Semi­na­ry in Wilm­ing­ton, Dela­ware. Nach eini­gen Jah­ren als Pas­tor in ver­schie­de­nen Gemein­den grün­de­te er 1955 gemein­sam mit sei­ner Frau Edith die Kom­mu­ni­tät L’Abri in der Schweiz.

Neben die­ser Arbeit in der Gemein­schaft mach­te sich Schaef­fer auch als Autor einen Namen. Er wur­de vor allem durch gesell­schafts­kri­ti­sche und kul­tur­phi­lo­so­phi­sche Wer­ke bekannt. Dies spie­gelt sich auch in “Die Preis­ga­be der Ver­nunft” wider. Das Buch erschien bereits 1968 unter dem Ori­gi­nal­ti­tel: Escape from Reason. Es wur­de vom Ver­lag Haus der Bibel über­setzt und aktua­li­siert (1970 und 2018). 

Schaef­fer setz­te sich in die­sem Werk über den Auf­stieg und Fall der Moder­ne zum Ziel, die para­do­xen Denk­vor­aus­set­zun­gen die­ser Epo­che dar­zu­stel­len und prak­ti­sche Impul­se für die Ver­kün­di­gung des Wor­tes Got­tes in die­ser Zeit zu geben. Dabei kommt sei­ne Kri­tik an der Moder­ne nicht zu kurz. Um sie jedoch rich­tig kri­ti­sie­ren zu kön­nen, muss man sie erst ein­mal ver­stan­den haben. Das scheint bei Schaef­fer der Fall zu sein. Er beginnt sei­ne Erzäh­lung über die Ent­ste­hung der Moder­ne sogar mit Tho­mas von Aquin:

Wenn wir die Denk­rich­tun­gen unse­rer Zeit ver­ste­hen wol­len, müs­sen wir den geschicht­li­chen Ablauf bis zur heu­ti­gen Situa­ti­on ver­fol­gen und auch die Ent­wick­lung der phi­lo­so­phi­schen Denk­for­men in eini­gen wesent­li­chen Zügen betrach­ten.” – Fran­cis A. Schaeffer

Rezension

Der Weg in die Moderne

In den ers­ten Kapi­teln führt Schaef­fer eine detail­lier­te Ana­ly­se der his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen durch, die zur gegen­wär­ti­gen kul­tu­rel­len und epis­te­mo­lo­gi­schen Kri­se geführt haben. Er setzt sich kri­tisch mit Ideen wie Rela­ti­vis­mus, Mate­ria­lis­mus und Indi­vi­dua­lis­mus aus­ein­an­der und unter­sucht deren Aus­wir­kun­gen auf das Den­ken und Han­deln der Men­schen. Dabei bezieht er sich auf his­to­ri­sche Ereig­nis­se und phi­lo­so­phi­sche Strö­mun­gen, um die Wur­zeln der moder­nen Pro­ble­me auf­zu­zei­gen. Bis zur Refor­ma­ti­on gal­ten Gott und die Gna­de als das Wich­tigs­te und Unum­stöß­li­che. Spä­tes­tens mit der Renais­sance und dann mit der Auf­klä­rung wur­den unse­re Ver­nunft und unser Wis­sen als wich­ti­ger ange­se­hen als tran­szen­den­te Wahr­hei­ten. Über die ers­ten Wis­sen­schaft­ler kann Schaef­fer noch sagen:

Die frü­hen Wis­sen­schaft­ler ver­tra­ten auch die Auf­fas­sung des Chris­ten­tums, dass Gott ein ver­nünf­ti­ger Gott ist, der ein ver­nünf­ti­ges Uni­ver­sum geschaf­fen hat, und dass der Mensch, indem er sei­ne Ver­nunft gebraucht, den Auf­bau des Uni­ver­sums erfor­schen kann.” – Fran­cis A. Schaeffer

Nach Schaef­fer hat sich die aka­de­mi­sche Welt spä­tes­tens im 20. Jahr­hun­dert, zumin­dest in den phi­lo­so­phi­schen Fakul­tä­ten, von die­ser Sicht­wei­se ver­ab­schie­det. Etwas Sur­rea­les, Tran­szen­den­tes kann nicht bewie­sen wer­den, exis­tiert also nicht und hat folg­lich für den Men­schen kei­ne Rele­vanz mehr.

Schlüssel zum Verständnis

Um Schaef­fers Werk in sei­ner Ganz­heit zu erfas­sen, muss man sei­ne Meta­pher von „oben” und „unten” ver­ste­hen. Er benutzt die­se bei­den Berei­che, die durch eine schar­fe Linie getrennt sind, um das Ratio­na­le vom Irra­tio­na­len zu tren­nen. Er ver­wen­det die Meta­pher der Linie, um die tra­di­tio­nel­len Vor­stel­lun­gen von Wahr­heit und Wirk­lich­keit zu beschrei­ben. In die­sem Zusam­men­hang steht das „Oben” der Linie für den Bereich der Gna­de, der Tran­szen­denz, der Gött­lich­keit oder der meta­phy­si­schen Rea­li­tät, wäh­rend das „Unten” der Linie die Welt der Natur, des Ratio­na­lis­mus, des Mate­ria­lis­mus und der fak­ti­schen Wahr­heit dar­stellt. Schaef­fer argu­men­tiert, dass der Ver­lust des Ver­ständ­nis­ses von Tran­szen­denz und des Glau­bens an abso­lu­te Wer­te zu einem mora­li­schen und geis­ti­gen Ver­fall der Gesell­schaft führt. Er beschreibt die­se moder­ne Ver­schie­bung vom Ratio­na­len zum „Höhe­ren” wie folgt:

Wenn der Mensch unter­halb der Linie tot ist, so ist er ober­halb, nach dem nicht-ratio­na­len Sprung, aller Kate­go­rien beraubt. Es gibt dort kei­ne Kate­go­rien, weil die­se von Ratio­na­li­tät und Logik abhän­gig sind. Es steht somit kei­ne Wahr­heit im Gegen­satz zur Nicht­wahr­heit, auch nicht Gutes gegen Böses – halt­los trei­ben wir dahin.” – Fran­cis A. Schaeffer

Die Moderne

Schaef­fer kommt in sei­nem Werk zu dem zen­tra­len Gedan­ken, dass die Moder­ne im unte­ren Bereich durch die Wis­sen­schaft so ziem­lich alles erklä­ren konn­te. Mit der Zeit wur­de der unte­re Bereich jedoch lang­wei­lig. Man wag­te einen „Sprung” in den obe­ren Bereich, ohne von Gott oder ähn­li­chem zu spre­chen. Die­ser „Sprung” bezieht sich auf den Über­gang von einem Welt­bild, das auf einem fes­ten Fun­da­ment abso­lu­ter Wer­te und Wahr­hei­ten beruh­te, zu einem Welt­bild, das von Rela­ti­vis­mus, Skep­ti­zis­mus und der Ableh­nung objek­ti­ver Maß­stä­be geprägt war.

Schaef­fer argu­men­tiert, dass die­ser „Sprung” zu einem mora­li­schen und intel­lek­tu­el­len Ver­fall geführt hat, der die Grund­la­gen der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on unter­gräbt. Er ruft dazu auf, die­sen „Sprung” zu über­den­ken und zu den tra­di­tio­nel­len Wer­ten und Wahr­hei­ten zurück­zu­keh­ren, die einst das Fun­da­ment der Gesell­schaft bildeten.

Das christliche Weltbild als Grundlage von Vernunft und Moral

Ein zen­tra­ler Punkt des Buches ist die Ver­tei­di­gung des christ­li­chen Welt­bil­des als mög­li­che Grund­la­ge von Ver­nunft und Moral. Schaef­fer argu­men­tiert für die Wie­der­her­stel­lung abso­lu­ter Wer­te und einer objek­ti­ven Wahr­heit, die im christ­li­chen Glau­ben ver­an­kert sind. Dabei setzt er sich mit theo­lo­gi­schen Begrif­fen wie der Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes, der Schöp­fung und der Erlö­sung aus­ein­an­der und zeigt deren Bedeu­tung für das Ver­ständ­nis der Welt auf. Schaef­fer stellt kri­ti­sche Fra­gen an die moder­ne Gesell­schaft und hin­ter­fragt ihre Wer­te und Annah­men. Er kri­ti­siert den Ver­lust abso­lu­ter Wer­te und die Zunah­me von Rela­ti­vis­mus und Prag­ma­tis­mus in der Kul­tur. Gleich­zei­tig ent­wirft er eine Visi­on für eine bes­se­re Zukunft, die auf der Wie­der­her­stel­lung der Grund­la­gen der Ver­nunft und des Glau­bens beruht.

Fazit

Schaef­fer führt in sei­nem Werk ver­schie­de­ne Strän­ge zusam­men und bie­tet eine umfas­sen­de Ana­ly­se der moder­nen Kul­tur aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve. Er zeigt auf, wie Ideen und Strö­mun­gen der Ver­gan­gen­heit die heu­ti­ge Situa­ti­on geprägt haben und for­dert dazu auf, die Grund­la­gen von Ver­nunft und Glau­be wie­der­her­zu­stel­len. Dabei bie­tet er kei­ne ein­fa­chen Lösun­gen, son­dern regt mit span­nen­den Fra­gen zum Nach­den­ken und zur Dis­kus­si­on an.

Postmoderne, was ist das?

Was in die­sem Buch auf jeden Fall fehlt, ist eine Aus­ein­an­der­set­zung mit den Unter­schie­den und Gemein­sam­kei­ten von Moder­ne und Post­mo­der­ne. Schaef­fer spricht in die­sem Buch aus­schließ­lich von der Moder­ne. Moder­ne wird hier ver­stan­den als das, was seit der Roman­tik begon­nen hat. Nun gut. Aller­dings fehlt bei ihm eine Abgren­zung zur phi­lo­so­phi­schen Post­mo­der­ne. Schaef­fer kann z.B. Michel Fou­cault zitie­ren, um die Moder­ne zu defi­nie­ren. Aber Fou­cault hat­te als Phi­lo­soph min­des­tens so vie­le Vor­be­hal­te gegen die Epo­che der Moder­ne wie Schaeffer.

In die­sem Zusam­men­hang muss auch erwähnt wer­den, dass das Buch schon etwas älter ist; als es erschien, war das Wort Post­mo­der­ne noch kein all­ge­mein gebräuch­li­cher Begriff in aka­de­mi­schen Krei­sen, geschwei­ge denn in der Gesell­schaft. Die Post­mo­der­ne steck­te damals noch in den Kin­der­schu­hen. Den­noch wäre es für den heu­ti­gen Leser wich­tig und hilf­reich, etwas über die Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de zwi­schen Moder­ne und Post­mo­der­ne zu erfahren.

Postmoderne kurz & bündig

Schaef­fer beschreibt in sei­nem Buch oft die eigent­li­che Post­mo­der­ne. Das ist der Wen­de­punkt, an dem die säku­la­ren Gelehr­ten, allen vor­an die Phi­lo­so­phen, den Begriff der Wahr­heit neu defi­nie­ren. Wahr­heit ist nicht mehr das, was wis­sen­schaft­lich und fak­tisch war. Die­ses Ver­ständ­nis hat sich seit der Auf­klä­rung in der Moder­ne durch­ge­setzt. Nun ist man inhalt­lich an ein Ende gekom­men, man hat sich fast alles erklärt, und damit ist der unte­re Teil unspek­ta­ku­lär gewor­den. Das Neue in der Post­mo­der­ne ist, dass man ober­halb des Stri­ches beginnt, Wahr­hei­ten zu plat­zie­ren. In der Moder­ne, so Schaef­fer, gab es ent­we­der Gott für die Gläu­bi­gen oder gar kei­nen Glau­ben. Aber in der Post­mo­der­ne lau­tet der Slo­gan: Ent­schei­de selbst, was in der obe­ren Schicht sein soll, ent­schei­de selbst, wer oder was Gott für dich ist.

Die­ser Unter­schied zwi­schen moder­nem und post­mo­der­nem Den­ken hät­te durch­aus stär­ker sein kön­nen. Wer sich einen Über­blick über die Post­mo­der­ne ver­schaf­fen will, dem emp­feh­le ich fol­gen­des Buch: Post­mo­der­nism 101. Wenn es etwas aus­führ­li­cher sein darf, ist Grenz’ Werk eine idea­le Einführung.

Abschluss

Schaef­fers Schreib­stil ist aka­de­misch und für man­che Leser mög­li­cher­wei­se schwer zugäng­lich. Sei­ne Argu­men­ta­ti­on ist kom­plex und erfor­dert ein gewis­ses Maß an theo­lo­gi­schem Ver­ständ­nis. Den­noch ist das Buch gut struk­tu­riert und bie­tet jedem der sich für die Schnitt­stel­le von Glau­be und Kul­tur inter­es­siert, eine Quel­le von Gedan­ken und Anre­gun­gen. Alles in allem ist „Die Preis­ga­be der Ver­nunft” von Fran­cis Schaef­fer ein bedeu­ten­des Werk, das eine wich­ti­ge Per­spek­ti­ve auf die kul­tu­rel­len Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart bie­tet. Auch wenn es nicht mehr auf dem neu­es­ten Stand ist, bie­tet es doch wert­vol­le Ein­sich­ten in ver­gan­ge­ne Denk­wei­sen und kann als Aus­gangs­punkt für wei­te­re Dis­kus­sio­nen und Unter­su­chun­gen dienen.


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Joshua Ganz

Über den Autor

Joshua ist seit seinem Bachelor in Theology als Jugendpastor in der Nordostschweiz tätig. In der Schweizer Armee dient er als Armeeseelsorger. Er liebt Theologie, sein Rennrad und Kaffee. Am liebsten alles miteinander, oder zumindest nacheinander ;)

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