Ein Gott auf Augenhöhe – Akkommodation in der Bibel

Von Manuel Becker

Akkommodation, Altes Testament, Bibelstudium, Exegese, Kosmologie
Vor 4 Wochen

In die­sem Arti­kel erklä­re ich, war­um ich es gut fin­de, dass wir in der Bibel eine anti­ke Kos­mo­lo­gie (z. B. eine fla­che Erde) fin­den. In 15 Min. kön­nen Sie sich hier einen Über­blick über die uralte Leh­re der gött­li­chen Akkom­mo­da­ti­on verschaffen. 

Ritter, Handys und menschliche Limits

Als Mis­sio­nar in Thai­land bin ich dank­bar, dass ich über das Inter­net mit mei­ner Fami­lie in Deutsch­land kom­mu­ni­zie­ren kann. Ich stau­ne immer wie­der über Mög­lich­kei­ten wie den Video­chat, mit dem Bil­der in Sekun­den­schnel­le über gro­ße Ent­fer­nun­gen über­tra­gen wer­den kön­nen. Und ehr­lich gesagt, habe ich nicht die gerings­te Ahnung, wie das tech­nisch mög­lich ist. 

Stel­len Sie sich nun vor, ich wür­de eine Zeit­rei­se ins Mit­tel­al­ter machen. Eine Zeit ohne Elek­tri­zi­tät, ohne Autos, ohne Tele­fo­ne. Ein Rit­ter fin­det mein Smart­phone und fragt mich, was das für ein Gerät ist. Wie könn­te ich ihm in sei­ner Lebens­welt ver­ständ­lich machen, wel­che Funk­tio­nen das Han­dy hat, wie es tech­nisch funk­tio­niert und wie er damit tele­fo­nie­ren, chat­ten oder Fotos machen kann. Wahr­schein­lich wür­den all mei­ne Erklä­rungs­ver­su­che ins Lee­re lau­fen, weil ein Smart­phone so gar nicht in sei­ne Welt passt. Vor dem Hin­ter­grund sei­ner Lebens­er­fah­rung und sei­nes Welt­bil­des wür­de er es wahr­schein­lich für Zau­be­rei halten.

Gottes unendliche Weisheit und unser begrenztes Denken

Viel­leicht geht es Gott mit uns Men­schen ähn­lich, wie es mir mit dem Rit­ter erge­hen wür­de. Haben Sie sich schon ein­mal gefragt, wie Got­tes unend­li­che Weis­heit mit dem äußerst begrenz­ten Ver­ständ­nis der Mensch­heit zusam­men­passt? Unse­re höchst sub­jek­ti­ve Welt­sicht und unser äußerst begrenz­tes Wis­sen schrän­ken die Art und Wei­se, wie Gott zu uns spre­chen und uns die Wahr­heit offen­ba­ren kann, erheb­lich ein. Unser Ver­stand ist zu begrenzt, um die Rea­li­tä­ten zu erfas­sen, in denen Gott agiert. Got­tes Gedan­ken sind nun eben ein­mal viel höher als unse­re Gedan­ken (Jes 55,9).

Solan­ge wir in die­ser Welt leben, wer­den wir Got­tes Wesen, sei­ne Schön­heit und sein Wir­ken in der Welt nie hun­dert­pro­zen­tig ver­ste­hen kön­nen. Unser Wis­sen ist immer Stück­werk (1 Kor 13,9). Gleich­zei­tig haben wir es aber auch mit einem Gott zu tun, der sich ver­ständ­lich machen will. Des­halb muss Gott sich immer wie­der auf unse­re Ebe­ne bege­ben und uns in unse­rer Rea­li­tät begeg­nen. Die­ses Ein­las­sen Got­tes auf den Men­schen wird auch “Akkom­mo­da­ti­on” genannt. Was es damit genau auf sich hat und wie sich die Akkom­mo­da­ti­on Got­tes in der Bibel zeigt, schau­en wir uns im Fol­gen­den gemein­sam an.

Was bedeutet “Akkommodation”? – Eine kurze Definition

Der Begriff “Akkom­mo­da­ti­on” lei­tet sich vom latei­ni­schen Verb “accom­mo­da­re” ab und bedeu­tet wört­lich über­setzt “anpas­sen”, “adap­tie­ren”, “über­ein­stim­mend machen”. Der Begriff wird in einer gan­zen Rei­he von Fach­ge­bie­ten ver­wen­det, in denen Anpas­sun­gen in der einen oder ande­ren Form eine Rol­le spie­len. In der Medi­zin wird mit “Akkom­mo­da­ti­on” z.B. die Scharf­stel­lung des Auges auf unter­schied­lich weit ent­fern­te Objek­te. Im Bereich der Sprach­wis­sen­schaft ist mit Akkom­mo­da­ti­on eine bestimm­te Klas­se von Anglei­chungs­er­schei­nun­gen zwi­schen Sprach­lau­ten gemeint. In der Lern­psy­cho­lo­gie spricht man von Akkom­mo­da­ti­on in Bezug auf die Anpas­sung kogni­ti­ver Sche­ma­ta an neue Erfahrungen.

Wie bereits erwähnt, spielt “Akkom­mo­da­ti­on” auch in der Theo­lo­gie eine Rol­le. In die­sem Kon­text geht es um die Anpas­sung bestimm­ter theo­lo­gi­scher Kon­zep­te an die Spra­che, Denk­wei­se oder Kul­tur einer bestimm­ten Zeit oder einer bestimm­ten Grup­pe von Men­schen. Die­se Anpas­sung dient dazu, kom­ple­xe Ideen oder Leh­ren ver­ständ­li­cher und zugäng­li­cher zu machen. Ganz prak­tisch zeigt sich dies unter ande­rem in der Mis­si­ons­ar­beit, wenn sich Mis­sio­na­re z.B. den äuße­ren Lebens­for­men (Klei­dung, Nah­rung, Woh­nung) ihres Ein­satz­lan­des anpas­sen, die Lan­des­spra­che ler­nen, und z.B. in einer Pre­digt Bei­spie­le aus dem All­tag der Ein­hei­mi­schen fin­den, um ihnen die Bot­schaft der Bibel näher zu bringen.

Doch “Akkom­mo­da­ti­on” ist kei­ne Erfin­dung der Mis­si­ons­ar­beit. Das Kon­zept lässt sich bereits in der Bibel fin­den. Gott selbst lässt sich in viel­fäl­ti­ger Wei­se auf uns und unse­re Lebens­welt ein, um uns sei­nen Wil­len ver­ständ­lich zu machen. Die Bibel ent­hält vie­le Sprach­bil­der und Meta­phern, die der Welt­sicht und dem Welt­ver­ständ­nis der Men­schen in der Anti­ke ange­passt sind. Und Gott han­delt auch ganz kon­kret und passt sich man­chen Wün­schen von uns Men­schen an, um Leben und Zusam­men­le­ben mög­lich zu machen.

Sehen wir uns ein paar Bei­spie­le an.

Akkommodation in der Bibel: Die antike Kosmologie

In sei­nem Buch „The Bibli­cal Cos­mos“ beschreibt Robin Par­ry aus­führ­lich, wie sich die Men­schen im Alten Ori­ent den Kos­mos vor­stell­ten. Sie glaub­ten (1) an ein drei­stu­fi­ges Uni­ver­sum (bestehend aus Scheol, einem unter­ir­di­schen Toten­reich, einer fla­chen Erde, auf der die Men­schen leben, und dem himm­li­schen Bereich, in dem die Göt­ter woh­nen); (2) an ein Erde-Son­ne-Sys­tem, in dem die Son­ne um eine fla­che Erde kreist, die fest über einem unter­ir­di­schen Was­ser­re­ser­voir ver­an­kert ist; und (3) an eine fes­te Kup­pel (ähn­lich einer Käse­glo­cke), über der sich ein wei­te­res Meer aus Was­ser befindet.

Wenn Sie in Ihrer Logos-Suche das Stich­wort Kos­mo­lo­gie ein­ge­ben und dann nach Medi­en suchen, wer­den Sie die­se hilf­rei­che Logos-Info­gra­fik finden:

Kosmologie in der Bibel - Die Akkomodation Gottes

Da damals alle Men­schen an die­ses Modell des Kos­mos glaub­te, kann man davon aus­ge­hen, dass auch die Ver­fas­ser der alt­tes­ta­ment­li­chen Bücher die­se fak­tisch fal­sche Kos­mo­lo­gie teil­ten. Gott hat nicht zu ihnen gesagt: „Da du einen Teil des Alten Tes­ta­ments schrei­ben wirst, muss ich eini­ge Din­ge klar­stel­len. In Wirk­lich­keit ist die Erde eine Kugel ohne Kup­pel und Was­ser dar­über.“ Statt­des­sen akzep­tier­te er ihre fal­schen Vor­stel­lun­gen vom Kos­mos, wes­halb wir meh­re­re Bibel­ver­se fin­den, die nur dann einen Sinn erge­ben, wenn wir die­se anti­ke Kos­mo­lo­gie im Hin­ter­kopf haben.

Ein Gewölbe, eine flache Erde und eine Sonne, die um die Erde kreist

Dies wird bereits im ers­ten Kapi­tel der Bibel klar.

Es wer­de ein Gewöl­be mit­ten im Was­ser und schei­de Was­ser von Was­ser. Gott mach­te das Gewöl­be und schied das Was­ser unter­halb des Gewöl­bes vom Was­ser ober­halb des Gewöl­bes.

(Gene­sis 1,6–7 )

Die­ses Gewöl­be ist die fes­te Kup­pel, unter der wir, nach anti­ken Vor­stel­lun­gen, leben. Die Noah-Erzäh­lung ergänzt, dass die­se fes­te Kup­pel Fens­ter hat und als die­se sich öff­ne­ten, konn­te das über­ir­di­sche Was­ser auf die Erde fal­len und dadurch die Sint­flut ver­ur­sa­chen (Gene­sis 7,11). Auch Jere­mia 10,13 und Hiob 26,10 erwäh­nen das Was­ser über der Kuppel.

Die bibli­sche Erde war, wie die der ande­ren Kul­tu­ren der anti­ken Welt, kei­ne Kugel, son­dern flach.“ 

(Par­ry, S.17)

Die For­mu­lie­rung „die Enden der Erde“ (Jes 41,9; Jer 16,19; Hiob 28,24) deu­tet auf ein sol­ches Ver­ständ­nis hin. Die Vor­stel­lung einer fla­chen Erde erklärt auch Aus­sa­gen wie in der Visi­on aus Dan 4,7ff., wo von einem Baum die Rede ist, der von über­all auf der Welt zu sehen ist. Säu­len (Ps 75:3; Hiob 9:6; 1 Sam 2:8) sind not­wen­dig, um die­se fla­che Erde zu sta­bi­li­sie­ren und sie am Wan­ken zu hin­dern. Dar­aus ergibt sich die Unbe­weg­lich­keit der Erde, die im Alten Tes­ta­ment behaup­tet wird.(1 Chr 16,29–30; Ps 93,1; 96,10).

Der bibli­sche Kos­mos war geozen­trisch – Son­ne, Mond und Ster­ne krei­sen um eine fes­te Erde.“ (Par­ry, S.21) Man ging davon aus, dass sich die Son­ne bewegt und nicht die Erde (Kohe­let 1,5; Ps 19,4–6; 50,1). Dies erklärt, war­um es in Josua 10,12–14 heißt, dass Gott wäh­rend des Kamp­fes mit den Gibeoni­tern die Son­ne und den Mond still­ste­hen ließ.

Akkommodation in der Bibel: Scheidung

In Mt 19,1–12 frag­ten die Pha­ri­sä­er Jesus, war­um Gott die Schei­dung einer Ehe gestat­tet, wenn die­se doch eigent­lich lebens­lang wäh­ren soll. Jesus ant­wor­te­te (Mt 19,8 ELB):

Mose hat wegen eurer Her­zens­här­tig­keit euch gestat­tet, eure Frau­en zu ent­las­sen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen.

Die­se Ant­wort kann auf min­des­tens zwei Arten ver­stan­den wer­den. Ers­tens: Nicht Gott, son­dern Mose hat­te die Idee mit der Schei­dungs­ur­kun­de. Wenn das stimmt, dann wäre das ein Bei­spiel dafür, dass wir im Alten Tes­ta­ment Aussagen/​Gebote fin­den, die nicht wirk­lich von Gott inspi­riert wur­den, son­dern Ideen des bibli­schen Autors waren. Zwei­tens: Got­tes Ide­al, sein Plan A, war immer die lebens­lan­ge Ehe. Da er aber unse­re ver­här­te­ten Her­zen kennt, kommt er unse­rer Sünd­haf­tig­keit ent­ge­gen, indem er uns die Mög­lich­keit der Schei­dung gibt (Plan B).

Der Gott, den wir in der Bibel fin­den, ist ein Gott, der uns auf Augen­hö­he begeg­net und uns dort abholt, wo wir ste­hen. Er kennt unse­re mensch­li­che Begrenzt­heit, weiß um unser begrenz­tes und sub­jek­ti­ves Welt­bild, geht auf unse­re Sünd­haf­tig­keit ein und bie­tet uns Plan B, C und D an, bis wir bereit sind, sei­nen Plan A zu ver­ste­hen und anzunehmen.

Akkommodation in der Bibel: Das Königtum in Israel

Ein wei­te­res Bei­spiel ist Isra­els Wunsch nach einem mensch­li­chen König. In der Geschich­te Isra­els wird die For­de­rung nach einem mensch­li­chen König als ein ent­schei­den­der Moment ange­se­hen, in dem Gott dem Wunsch Isra­els nach­kam, obwohl dies eine Abwei­chung von sei­nem ursprüng­li­chen Plan war. Gott beab­sich­tig­te, direkt über Isra­el zu herr­schen, und zwar durch Rich­ter und Pro­phe­ten als sei­ne Ver­mitt­ler (1 Sam 8,5). Beein­flusst von den mon­ar­chi­schen Sys­te­men der Nach­bar­völ­ker ver­lang­ten die Israe­li­ten jedoch nach einem König, der sie in die Schlacht füh­ren und das Volk einen sollte.

Isra­el hat­te kein Ver­trau­en in die Königs­herr­schaft Got­tes. Den­noch erhör­te Gott ihre Bit­te und ernann­te Saul zum ers­ten König. Die­ser Akt des gött­li­chen Ent­ge­gen­kom­mens ist ein­deu­tig ein Zuge­ständ­nis an die mensch­li­che Schwä­che und ein Aus­druck der Bereit­schaft Got­tes, mit sei­nem Volk inner­halb der Beschrän­kun­gen sei­ner begrenz­ten Welt­sicht und Kul­tur zu interagieren.

Akkommodation in der Bibel: “Auge um Auge”

Das „Auge um Auge“-Gesetz ist ein wei­te­res Bei­spiel für die Anpas­sung Got­tes an die gesell­schaft­li­chen Nor­men der dama­li­gen Zeit. In einer Kul­tur, in der Rache zu end­lo­sen Zyklen unbe­grenz­ter Ver­gel­tung eska­lie­ren konn­te (z. B. 1. Mose 4,15.24; 34,25), führ­te Gott die­ses Prin­zip ein, um die Ver­gel­tung zu begren­zen und sicher­zu­stel­len, dass die Stra­fe dem Ver­ge­hen ange­mes­sen war. Das war ein guter Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung, doch war dies nie Got­tes eigent­li­che Absicht in Bezug auf Gerech­tig­keit. Gott wuss­te, dass die Israe­li­ten noch nicht für das bereit waren, was Gott wirk­lich wollte.

In den Leh­ren Jesu sehen wir eine radi­ka­le Abkehr vom „Auge um Auge“-Prinzip. Jesus for­der­te Ver­ge­bung, Gewalt­lo­sig­keit und Ver­zicht auf Ver­gel­tung. Er schaff­te „Auge um Auge“ ab und ersetz­te es durch Fein­des­lie­be und das Gebot, „die ande­re Wan­ge hin­zu­hal­ten“ (Mt 5,38–42). Die Leh­ren Jesu spie­geln den voll­kom­me­nen Wil­len Got­tes wider. Got­tes altes Gebot, nur begrenz­te Ver­gel­tung zu üben (Auge um Auge), war ledig­lich ein Ent­ge­gen­kom­men, aber er wünscht sich wirk­lich einen höhe­ren Stan­dard, der in Lie­be und Barm­her­zig­keit ver­wur­zelt ist.

Ent­we­der ist es der Weg Jesu oder „Auge um Auge.“ Es ist unmög­lich, bei­den gleich­zei­tig zu fol­gen. Manch­mal müs­sen wir zwi­schen dem Weg Jesu und den Gebo­ten des Alten Tes­ta­ments wäh­len. Bei­de sind biblisch, aber nur eines ist chris­tus­ge­mäß. Als Jün­ger Jesu dür­fen wir nicht alt­tes­ta­ment­li­che Stel­len nut­zen, um damit die For­de­run­gen Jesu zu unter­gra­ben. Wir tun nicht, was biblisch ist, son­dern was chris­tus­ge­mäß ist – und das sind manch­mal zwei ver­schie­de­ne Dinge.

Gottes Akkommodation in der Bibel

In der Theo­lo­gie wird die­ses Ent­ge­gen­kom­men Got­tes oft als Akkom­mo­da­ti­on (Anpas­sung) bezeich­net. Es gibt unzäh­li­ge wei­te­re bibli­sche Bei­spie­le, die zei­gen, wie Gott sich auf unter­schied­li­che Art und Wei­se auf Augen­hö­he zu uns begibt, z. B. durch die Ver­wen­dung von Meta­phern, die den Men­schen in ihrer Situa­ti­on damals ver­ständ­lich waren, (z.B. die “eiser­nen Wagen” in Rich­ter 1,19, die Gott dar­an hin­der­ten die Fein­de Judas zu besie­gen), oder durch Zuge­ständ­nis­se wie die wei­te Ver­brei­tung der Poly­ga­mie im Alten Tes­ta­ment (1. Mose 4,23, 28,9, 30,26, 31,17, 31,50; 5. Mose 21,15; 1. Sam 1,2; 27,3) und natür­lich durch die Tat­sa­che, dass Skla­ve­rei in der Bibel akzep­tiert und nicht aus­drück­lich ver­ur­teilt wird.

Akkommodation in der Kirchengeschichte

Die Leh­re der Akkom­mo­da­ti­on Got­tes ist kei­ne moder­ne, libe­ra­le Theo­lo­gie, son­dern fin­det sich bereits bei den frü­hen Kir­chen­vä­tern. Meh­re­re Kir­chen­vä­ter, wie z. B. Gre­gor von Nazi­anz, ver­stan­den sogar das gesam­te Opfer­sys­tem im Alten Tes­ta­ment als Akkom­mo­da­ti­on Got­tes. Auch Orig­e­nes, der viel­leicht größ­te christ­li­che Den­ker, der je gelebt hat, war davon über­zeugt, dass das Opfer­sys­tem eine not­wen­di­ge gött­li­che Anpas­sung war:

Da die Juden Opfer lieb­ten, weil sie in Ägyp­ten dar­an gewöhnt waren, wie das gol­de­ne Kalb in der Wüs­te bezeugt, erlaub­te Gott ihnen, die Opfer ihm selbst dar­zu­brin­gen, um ihre schlech­te Nei­gung zur Viel­göt­te­rei zu zügeln und sie davon abzu­hal­ten, den Göt­zen zu opfern. 

(Sel Lev (297c), zitiert in Lubac, Histo­ry and Spi­rit, 291.)

Hier sind ein paar der Bibel­stel­len, die dar­auf hin­deu­ten, dass das Opfer­sys­tem eine Akkom­mo­da­ti­on Got­tes war:

1 Sam 15,22; Ps 50,8–10; 51,18–19; Jes 1,10–13; 66,2–4; Jes 7,21–24; Hos 6,6; Amos 5,21–27; Heb 10,1–5, 6–9; Ps 40,7.

Kompromittiert dies nicht die Autorität der Bibel?

Der eine oder ande­re Leser mag befürch­ten, dass die­se Akkom­mo­da­tio­nen Got­tes die Auto­ri­tät der Bibel gefähr­den. Immer­hin füh­ren sie z.B. dazu, dass er schein­bar Abstri­che an sei­nem eige­nen Wil­len macht (König­tum in Isra­el, Rege­lung zur Ehe­schei­dung), dass die Bibel teil­wei­se grau­sa­me Ver­se ent­hält (“Auge um Auge – Zahn um Zahn”) und dass wir heu­te vor dem Hin­ter­grund unse­res moder­nen natur­wis­sen­schaft­li­chen Welt­bil­des dar­über dis­ku­tie­ren, inwie­weit wir der Bibel ver­trau­en kön­nen, wenn sie doch ein so ganz ande­res kos­mo­lo­gi­sches Welt­bild vertritt. 

Doch sol­che Sor­gen sind unbe­grün­det. Der Kern der Leh­re von der gött­li­chen Akkom­mo­da­ti­on ist, dass Gott sich auf Augen­hö­he zu uns begibt, um sich uns ver­ständ­lich zu machen. Wir sind ihm so wich­tig, dass er sogar dazu bereit ist, Abstri­che von sei­nem ursprüng­li­chen Wil­len zu machen und Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen, damit wir ler­nen, sei­ne Wege zu gehen. Wenn wir in die Bibel hin­ein­schau­en, ent­de­cken wir außer­dem, dass Gott trotz sol­cher Abstri­che sou­ve­rän ist und zu sei­nem Ziel kommt. Viel­leicht ist das auch ein Grund dafür, dass die Leh­re der gött­li­chen Akkom­mo­da­ti­on seit den Anfän­gen des Chris­ten­tums ver­tre­ten wird. Christ­li­che Den­ker wie Phi­lo von Alex­an­dri­en, Gre­gor von Nazi­anz, Orig­e­nes, Augus­ti­nus, Theo­do­ret von Kyr­rhos und Johan­nes Cal­vin hat­ten z.B. nie ein Pro­blem damit, die Auto­ri­tät der Bibel zu ver­tei­di­gen, sie ernst zu neh­men und gleich­zei­tig zu ver­ste­hen, dass die Bibel Akkom­mo­da­tio­nen enthält.

Eine Frage der Hermeneutik

Wenn unse­re vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen über die Bibel mit dem wah­ren Wesen der bibli­schen Tex­te in Kon­flikt gerät, ist es mög­li­cher­wei­se not­wen­dig, neu über unse­re Her­me­neu­tik und unser Bibel­ver­ständ­nis nach­zu­den­ken. Die bibli­schen Tex­te selbst sind nie das Pro­blem. Die Bibel ist gut, so wie sie ist, auch wenn sie sich viel­leicht manch­mal nicht so ver­hält, wie wir es ger­ne hät­ten. Wenn wir ein Pro­blem mit den bibli­schen Tex­ten haben, dann ist das Pro­blem nicht die Bibel, son­dern unse­re Her­me­neu­tik, die viel­leicht über­dacht wer­den und dem wah­ren Wesen der bibli­schen Tex­te ange­passt wer­den muss.

Fazit

All die bespro­che­nen Bei­spie­le sind nur eine klei­ne Aus­wahl der gött­li­chen Anpas­sun­gen, die wir im gan­zen Alten Tes­ta­ment fin­den kön­nen. Ich den­ke, all die­se Akkom­mo­da­tio­nen sind ein Grund der Hoff­nung und Freu­de für uns. Denn sie bezeu­gen, dass Gott auf unse­re Ebe­ne kommt und uns dort begeg­net, wo wir sind. Er inter­agiert mit uns im Rah­men unse­rer kul­tu­rel­len und his­to­ri­schen Begren­zun­gen, indem er uns Schritt für Schritt zu einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis sei­nes Wesens und sei­nes Wil­lens führt.

Oder mit den Wor­ten von Origenes:

[Gott] beugt sich her­ab und kommt unse­rer Schwä­che ent­ge­gen, wie ein Schul­meis­ter, der mit sei­nen Kin­dern eine ein­fa­che Spra­che (sump­sel­li­zōn) spricht, wie ein Vater, der sich um sei­ne eige­nen Kin­der küm­mert und ihre Wege übernimmt. 

(aus einem Frag­ment zu 5. Mose)

Wenn wir die Bibel lesen, müs­sen wir also beden­ken, dass die Bibel eine Samm­lung anti­ker Schrif­ten ist, die von Men­schen aus dem Alten Ori­ent in einer Spra­che und mit Ideen geschrie­ben wur­den, die in ihrer anti­ken Welt­an­schau­ung Sinn erga­ben. Gott hat zwar ihr Den­ken beein­flusst, indem er ihnen so viel Wahr­heit wie mög­lich offen­bar­te. Aber es ist anzu­neh­men, dass Gott sie nicht mani­pu­liert hat, indem er sie zwang, Din­ge auf­zu­schrei­ben, die sie mit ihrem auf die dama­li­ge Kul­tur begrenz­ten Den­ken nicht ver­ste­hen konnten.

Greg Boyd fasst es in sei­nem Buch zu dem The­ma gut zusammen:

Weil Gott authen­ti­sche Bezie­hun­gen der Aga­pe-Lie­be über alles schätzt und weil er die Men­schen nicht ent­mensch­li­chen will, ver­lässt er sich eher auf beein­flus­sen­de als auf zwang­haf­te Macht, um sei­ne Zie­le zu errei­chen. Aus die­sem Grund, so behaup­te ich, muss­te Gott sei­ne Selbst­of­fen­ba­rung an den geis­ti­gen Zustand und die kul­tu­rel­le Prä­gung sei­nes Vol­kes in den Zeit­al­tern vor Chris­tus anpas­sen. Nur schritt­wei­se konn­te Gott die Her­zen und den Ver­stand der Men­schen ver­än­dern, so dass sie mehr und mehr sei­nen wah­ren Cha­rak­ter erken­nen und sei­nen idea­len Wil­len für sie ver­ste­hen konnten.


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Manuel Becker

Über den Autor

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine vier Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, liest er gern theologische Bücher oder nutzt Logos, um sich in die Bibel zu vertiefen. Jetzt, wo sein MA-Studium an der Akademie für Weltmission abgeschlossen ist, plant er bald einen PhD in Theologie dranzuhängen. Er ist der Autor des beliebten Kinderbuchs „Der große Sieg“, welches das Evangelium in einer packenden Bildergeschichte für Jung und Alt illustriert.

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