Raschis Kommentar zum Pentateuch: Eine Rezension

Von Walter Hilbrands

Juni 15, 2022

Schneisen in die jüdische Auslegung

Raschi gilt als der bedeu­tends­te jüdi­sche Bibel- und Tal­mu­d­aus­le­ger des Mit­tel­al­ters. Sein Pen­ta­teuch­kom­men­tar ist in sei­ner Bedeu­tung für die jüdi­sche Aus­le­gung kaum zu über­schät­zen. Er ist immer wie­der nach­ge­druckt wor­den und in vie­len Sam­mel­wer­ken zu finden.

Auch in die christ­li­che Exege­se hat Raschi Ein­gang gefun­den. Hier dien­te vor allem der Fran­zis­ka­ner Niko­laus von Lyra als Tür­öff­ner, des­sen Pos­til­la Luther u. a. sehr geschätzt hat. So ent­stand das geflü­gel­te Wort „Si Lyra non lyras­set, Luthe­rus non sal­tas­set“ („wenn Lyra nicht gespielt hät­te, hät­te Luther nicht getanzt“).

Nur neben­bei: Raschi soll als ers­ter das Wort „Piz­za“ ein­ge­führt haben, als er das „Brot“ aus Ez 4,16 als „Piz­za dePan auf Fran­zö­sisch“ beschreibt.

Jüdische Kommentare

Die Vers-für-Vers-Aus­le­gung spielt im Juden­tum ins­ge­samt nicht die­sel­be Rol­le wie im Chris­ten­tum. Grund­le­gend sind hier viel­mehr die Samm­lun­gen der münd­lich über­lie­fer­ten Tora in Misch­na und Tal­mud. Im Bereich der Bibel­ex­ege­se gab es in der Anti­ke ver­schie­de­ne For­men der „Rewrit­ten Bible“ (so in Gene­sis Apo­kry­phon, Tes­ta­men­te der 12 Patri­ar­chen, Jubi­lä­en, Phi­lo, Pseu­do-Phi­lo, Josephus).

Bei den freie­ren Midra­schim wer­den die halachi­schen oder tan­nai­ti­schen Midra­schim zur Tora und die homi­le­ti­schen oder agga­di­schen Midra­schim unter­schie­den. An wört­li­chen Aus­le­gun­gen fin­det sich in Qum­ran die Pescher-Exege­se, die vor allem auf pro­phe­ti­sche Bücher ange­wandt wird (1QpHab, 4QpNah, 4QpIsaᵇ, 4QpHos, 4QpPs 37). Nach dem Zitat eines pro­phe­ti­schen Abschnitts folgt dann jeweils die Kom­men­tie­rung, die nicht sel­ten das escha­to­lo­gi­sche Ver­ständ­nis der Qum­ran-Gemein­de widerspiegelt.

Im Mit­tel­al­ter ent­ste­hen gro­ße Sam­mel­wer­ke wie Midrasch Hag­ga­dol, Midrasch Tanchu­ma und Yal­qut. In metho­di­scher Hin­sicht ent­wi­ckelt sich in Ana­lo­gie zum vier­fa­chen Schrift­sinn der christ­li­chen Exege­se der PaR­DeS, ein Akro­nym aus Peschat (schlich­ter Wort­sinn), Remes (Alle­go­rie), Derasch (homi­le­ti­sche Bedeu­tung) und Sod (mys­tisch-eso­te­ri­sche Bedeutung).

Zwischen Midrasch und Peschat

Raschi bedeu­ten­de Kom­men­ta­re üben bis heu­te Ein­fluss auf die jüdi­sche Aus­le­gung aus und wer­den ver­ein­zelt auch in der christ­li­chen Exege­se rezipiert.

Raschi schrieb zu fast allen Büchern der hebräi­schen Bibel Peschat-Kom­men­ta­re, in denen nicht mehr die Midra­schim, son­dern der ein­fa­che Wort­sinn maß­geb­lich war. Sein Pen­ta­teuch-Kom­men­tar ist zwar noch in der alten rab­bi­ni­schen Über­lie­fe­rung ver­wur­zelt, ins­be­son­de­re im agga­di­schen Midrasch Ber­eschit Rab­ba, aber auch Misch­na und Tal­mud. Den­noch ist die Beto­nung des eigent­li­chen Wort­sinns unverkennbar.

Raschis Ansatz

Zu Gen 3,8 legt Raschi sei­nen Ansatz dar: „Sie hör­ten, es gibt vie­le aga­di­sche Midra­schim, und unse­re Leh­rer haben sie bereits an ihrer Stel­le im Ber­eschit Rab­ba und ande­ren Midra­schim ein­ge­reiht, ich aber kom­me nur, den ein­fa­chen Sinn des Ver­ses und sol­che Agada zu brin­gen, wel­che die Wor­te des Ver­ses erklärt, dass sich jedes Wort dem Zusam­men­hang ein­fügt.

Raschi nimmt an vie­len Stel­len die Tra­di­ti­on zustim­mend auf, para­phra­siert aller­dings frei und zitiert nicht wört­lich. Kaum ein Vers wird ohne Bezug auf die über­lie­fer­te Aus­le­gungs­tra­di­ti­on erklärt. Im Gegen­satz zu Abra­ham ibn Esra (um 1092–1167) hat sie bei Raschi noch Beweis­kraft und das blo­ße Zitie­ren scheint aus­rei­chend zu sein, um der Aus­le­gung Gewicht zu verleihen.

In der Regel ste­hen Peschat und Midrasch bei Raschi neben­ein­an­der, ohne dass Span­nun­gen auf­ge­baut wer­den. Gele­gent­lich grenzt Raschi sich vom Midrasch ab, wenn dort zur Erschaf­fung des Men­schen als Mann und Frau in Gen 1,27 spe­ku­liert wird, ursprüng­lich sei der Mensch mit zwei Gesich­tern geschaf­fen wor­den, die dann getrennt wur­den. Raschi stellt dem gegen­über: „Der ein­fa­che Sinn des Ver­ses [= Peschat] ist, hier teilt er dir mit, dass bei­de am sechs­ten Tage erschaf­fen wur­den, und erklärt dir noch nicht, wie sie erschaf­fen wur­den, das erklärt er dir an einer ande­ren Stel­le.

Raschis Exege­se weist durch die­se bei­den Her­an­ge­hens­wei­sen metho­do­lo­gisch eine gro­ße Spann­brei­te auf, ist mit ansons­ten im Juden­tum belieb­ten ety­mo­lo­gi­schen Erklä­run­gen recht sehr zurück­hal­tend. Anders als in der Anti­ke wer­den nun auch mor­pho­lo­gi­sche und syn­tak­ti­sche Fra­gen teils auch mit den ent­spre­chen­den gram­ma­ti­schen Fach­be­grif­fen besprochen.

Wäh­rend bei Raschi und Nach­ma­ni­des neben dem Peschat die Tra­di­tio­nen von Tal­mud und Midrasch von gro­ßem Ein­fluss sind, ist für Raschbam (um 1085–1174) und Ibn Esra fast aus­schließ­lich der ein­fa­che Lite­ral­sinn ent­schei­dend und wer­den von ihnen wei­te Tei­le der rab­bi­ni­schen Tra­di­ti­on impli­zit und teils sogar expli­zit abge­lehnt. Aber auch ihre Peschat-Kom­men­ta­re bie­ten kei­ne voll­stän­di­ge Vers-für-Vers-Aus­le­gung oder gar eine über­grei­fen­de Syn­the­se, statt­des­sen fin­den sich Ein­zel­be­ob­ach­tun­gen zu aus­ge­wähl­ten Ver­sen, in denen die tra­di­tio­nel­len exege­ti­sche Pro­ble­me behan­delt werden.

Deutsche Ausgabe

Die Über­set­zung ins Deut­sche wur­de 1922 ver­öf­fent­licht und stammt vom Ham­bur­ger Rab­bi­ner Selig Pin­chas Bam­ber­ger (1872–1936), der zahl­rei­che jüdi­sche Stan­dard­wer­ke ins Deut­sche über­trug. Den­noch fin­den sich fast auf jeder Sei­te ein­zel­ne hebräi­sche Wör­ter. Die­se wer­den häu­fig, aber nicht immer über­setzt. Den­noch kann auch der Leser ohne Hebrä­isch-Kennt­nis­se den Kom­men­tar mit Gewinn lesen.

Bereits 1887 (2. Aufl. 1905) hat­te Juli­us Des­sau­er Raschis Pen­ta­teuch-Kom­men­tar ins Deut­sche über­setzt. In sei­ner zwei­spra­chi­gen Aus­ga­be erscheint in der obe­ren Sei­ten­hälf­te der bibli­sche (maso­re­ti­sche) Text auf Hebrä­isch und in deut­scher Über­set­zung und in der unte­ren Sei­ten­hälf­te Raschis Kom­men­tie­rung, eben­falls zwei­spra­chig. Bam­ber­gers Aus­ga­be hat sich aller­dings durchgesetzt.

Beispiele von Raschis Exegese

Eini­ge Bei­spie­le mögen Raschis Art der Exege­se illustrieren.

  • In Gen 1,1 weist die Con­s­truc­tus­ver­bin­dung („Geni­tiv“) von בְּרֵאשִׁ֖ית „Am Anfang (der Erschaf­fung von Him­mel und Erde)“ statt eines Adverbs dar­auf hin, dass es nicht um eine Rei­hen­fol­ge in der Schöp­fung gehe. In 1,2 wird die Erschaf­fung des Was­sers vor­aus­ge­setzt; „aus die­sem Vers kannst du ent­neh­men, dass das Was­ser schon vor der Erde erschaf­fen war; außer­dem wur­de der Him­mel aus Feu­er und Was­ser gebil­det; und du musst zum Schluss gelan­gen, dass uns der Vers nichts über die Rei­hen­fol­ge, was frü­her und was spä­ter war, lehrt.
  • In 1,2 bezieht Raschi das „Schwe­ben“ des Geis­tes Got­tes dar­auf, „der Thron Sei­ner Herr­lich­keit stand im Raum und schweb­te über dem Was­ser durch das Wort des Hei­li­gen, gelobt sei Er, und Sei­nen Befehl wie eine Tau­be, die über dem Nes­te schwebt; über etwas schwe­ben“.
  • In 1,5 wird nicht die Ordi­nal­zahl „ers­ter (Tag)“ ver­wen­det, son­dern die Kar­di­nal­zahl אֶחָד „eins“. Raschi über­setzt wie Ber­eschit Rab­ba „Tag des Ein­zi­gen“ und zieht hier eine Ver­bin­dung zum Sche­ma-Text Dtn 6,4 („Jhwh ist einer“): „Weil an ihm der Hei­li­ge, gelobt sei Er, in Sei­ner Welt noch allein war; denn die Engel wur­den erst am zwei­ten Tage erschaf­fen. So wird im Ber. rab. erklärt.“ Hier kann man gut sehen, wie eine Stel­le durch eine ande­re gedeu­tet wird. Hin­ge­gen wird die Erschaf­fung der Engel und der unsicht­ba­ren Welt im bibli­schen Schöp­fungs­be­richt nicht beschrie­ben. An die­ser Stel­le wird auf den Midrasch zurückgegriffen.
  • Das Wort יַמִּים „Meer“ in 1,10 steht im Hebräi­schen im Plu­ral, was Raschi ver­an­lasst, die ori­gi­nel­le Deu­tung des Midrasch anzu­füh­ren. Es gibt zwar nur den einen gro­ßen Oze­an. „Nur, es gleicht nicht der Geschmack eines Fisches, der in Akko aus dem Mee­re kommt, dem Geschmack eines sol­chen in Spa­ni­en (Ber. rab.).
  • Selbst­ver­ständ­lich nimmt Raschi alle Zah­len­an­ga­ben ernst, sei­en es die hohen Leben­al­ter der Patri­ar­chen, die 430 Jah­re vor dem Exodus (Ex 12,40) und die 600.000 Mann beim Aus­zug und den Volks­zäh­lun­gen in Nume­ri. Span­nun­gen in den Anga­ben wer­den harmonisiert.
  • Die Schluss­ver­se des Pen­ta­teuch, die den Tod des Mose beschrei­ben (Dtn 34,5–8), führt Raschi ent­spre­chend rab­bi­ni­scher Tra­di­ti­on (Tal­mud Baba batra 14b) auf Josua zurück.

Aufbau des Kommentars

Lei­der fehlt in die­ser Aus­ga­be die Ein­füh­rung Bam­ber­gers in Raschi und sei­ne Art der Kom­men­tie­rung. Die fünf Bücher der Tora wei­sen in der deut­schen Über­set­zung fol­gen­den Umfang auf:

  • Gene­sis, S. 1–156
  • Exodus, S. 156–312
  • Levi­ti­kus, S. 312–411
  • Nume­ri, S. 411–512
  • Deu­te­ro­no­mi­um, S. 513–608

Den ers­ten bei­den Bibel­bü­chern wer­den also je rund 150 Sei­ten und Lev, Num und Dtn je rund 100 Sei­ten gewid­met. Dadurch bleibt die Kom­men­tie­rung kom­pakt. Bei Gen und Ex wer­den die meis­ten Ver­se kom­men­tiert und allen­falls Ein­zel­ver­se aus­ge­las­sen, in Abschnit­ten wie den Geschlechts­re­gis­tern und der Völ­ker­ta­fel wer­den auch meh­re­re Ver­se über­sprun­gen, u.a. Gen 10,3–7.10.15–17.22–24.27–32 und ganz 11,11–27. In Lev bis Dtn wer­den die Aus­las­sun­gen ein­zel­ner Ver­se oder klei­ne­rer Abschnit­te häufiger.

Die jewei­li­ge Vers­zahl und das zugrund­lie­gen­de Wort oder die Pro­po­si­ti­on wird in der Aus­ga­be fett gedruckt und hebt sich dadurch ab. Die Bezü­ge auf die Midra­schim und ande­re Tra­di­tio­nen wer­den in Klam­mern ergänzt. Dadurch ist schnell erkenn­bar, wel­che Aus­wahl Raschi getrof­fen hat.

Vorzüge von Raschi in Logos Bibelsoftware

Gegen­über der (frei ver­füg­ba­ren) PDF-Ver­si­on bie­tet Logos die gewohn­ten und bewähr­ten Ver­lin­kun­gen der Bibel­stel­len sowie die Mög­lich­keit, meh­re­re Fens­ter mit Bibel­tex­ten, Über­set­zun­gen, Kom­men­ta­ren und Nach­schla­ge­wer­ken zu syn­chro­ni­sie­ren. Zudem sind Such­funk­tio­nen in Win­des­ei­le mög­lich, was ange­sichts des selek­ti­ven Cha­rak­ters des Kom­men­tars nütz­lich ist.

Raschi als Zusatzkommentar in Logos

Fazit

Wenn man bis­her noch nicht mit jüdi­schen Kom­men­ta­ren gear­bei­tet hat, soll­te man nicht ent­täuscht sein. Man soll­te nicht erwar­ten, dass jüdi­sche Exege­ten, weil sie Hebrä­isch als Mut­ter­spra­che beherr­schen, den Text bes­ser erklä­ren kön­nen oder grund­le­gend neue Ein­sich­ten ver­mit­teln. His­to­ri­sche Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und eine Text­syn­the­se wird man ver­geb­lich suchen.

Den­noch ist Raschi der jüdi­sche Kom­men­tar schlecht­hin. Er bie­tet in sei­ner Kom­pakt­heit eine gelun­ge­ne Mischung aus jüdi­scher Midrasch-Tra­di­ti­on und gründ­li­cher phi­lo­lo­gi­scher Exege­se und ist immer anre­gend zu lesen.

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Walter Hilbrands

Über den Autor

Dr. Walter Hilbrands (* 1965) lebt mit seiner Familie in Langgöns bei Gießen. Seit 1998 unterrichtet er mit Leidenschaft Altes Testament an der FTH und ist dort auch Dekan. Er ist Ostfriese, Organist und Wikipedia-Autor.

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