Die übersehenen Zuhörer der Bergpredigt

Von Jakob Haddick

Bergpredigt, Bibel, Tipps

Jesu gewaltigste Rede aller Zeiten

Die Berg­pre­digt (Mt 5–7) ist die wohl bekann­tes­te Pre­digt von Jesus. Die­se Pre­digt hält Jesus vor einer Volks­men­ge, die ihm gefolgt ist. Doch ein inter­es­san­tes Detail über­se­hen wir beim Lesen der Berg­pre­digt häu­fig: Im engs­ten Kreis sei­ner Zuhö­rer sit­zen zuvor­derst Jesu Jünger.

Mit­hil­fe der Such­funk­ti­on von Logos möch­te ich zei­gen, dass sich die­ses Detail als Mus­ter durch die Evan­ge­li­en zieht. Anhand der Ergeb­nis­se kön­nen wir anschlie­ßend kon­kre­te Schlüs­se dar­aus zie­hen. Der fol­gen­de Bei­trag soll zei­gen, wie Sie sol­che Erkennt­nis­se in Logos auch selbst gewin­nen kön­nen, und er möch­te Sie dazu moti­vie­ren, selbst zu forschen.

Was lernen wir aus Parallelstellen und wie finden wir sie?

Bei sei­ner Berg­pre­digt hat­te Jesus vie­le Zuhö­rer, das macht Mat­thä­us am Ende deut­lich (7,28). Trotz­dem ist die Berg­pre­digt zuerst auch eine Bot­schaft an sei­ne Jün­ger (5,1f.). Aber was beab­sich­tigt Jesus mit sei­nen Jüngern?

Der Aus­lö­ser der Berg­pre­digt ist doch Jesus’ Blick auf die Volks­men­ge: „Als er aber die Volks­men­gen sah …“ (gr. Ἰδὼν δὲ τοὺς ὄχλους). Wo ist der Zusammenhang?

Man kann dar­über mut­ma­ßen, die Fra­ge lädt aber gera­de­zu dazu ein, der Sache tie­fer auf den Grund zu gehen. Da eine Unter­su­chung des direk­ten Kon­texts kei­ne wei­te­ren Erkennt­nis­se zuta­ge för­dert, suchen wir in einem zwei­ten Schritt nach Parallelstellen.

In den meis­ten Fäl­len fin­den wir die­se ein­fach im Text­ab­schnitt-Assis­ten­ten. Aber an die­ser Stel­le ist die For­mu­lie­rung im grie­chi­schen Text ist in logi­scher Hin­sicht so unge­wöhn­lich, dass sich die Fra­ge stellt, ob wir das­sel­be Mus­ter auch an ande­ren Stel­len fin­den können.

Tat­säch­lich lässt sich über die Such­funk­ti­on von Logos schnell ermit­teln, dass die­ser Satz­teil genau so nur noch ein wei­te­res Mal vor­kommt, und zwar in Mt 9,36.

Gehen Sie dazu fol­gen­der­ma­ßen vor. (1) Mar­kie­ren Sie den Satz­teil ihrem grie­chi­schen Neu­en Tes­ta­ment. (2) Öff­nen Sie mit der rech­ten Maus­tas­te das Kon­text­me­nü. (3) Rechts soll­te der aus­ge­wähl­te Text mar­kiert sein, links wäh­len Sie den Menü­punkt „Durch­su­chen: die­ses Werk“.

Suchen mit Markierungen in Logos Bibelsoftware

Mt 9,35–38 lei­tet Jesus’ zwei­te gro­ße Rede im Mat­thä­us­evan­ge­li­um ein, die Aus­sendungs­re­de. In 9,36 bekom­men wir einen Ein­blick in das Herz von Jesus. Er sah die Not der Volks­men­gen, „weil sie erschöpft und ver­schmach­tet waren wie Scha­fe, die kei­nen Hir­ten haben.“ Jesus wur­de inner­lich bewegt.

Ver­gleicht man Mt 5,1 und 9,36 mit­ein­an­der, wer­den meh­re­re Par­al­le­len deutlich.

  1. In bei­den Fäl­len gehen Hei­lun­gen vor­aus (4,23f; 9,32f).
  2. In bei­den Fäl­len hat Jesus den Blick für die Not der Men­schen (5,1; 9,36). Im Gegen­satz zu 5,1 wird in 9,36 expli­zit von der Not gespro­chen. Aber auch in 5,1 reagiert er auf das Volk und es ist anzu­neh­men, dass er auf ihre Not reagiert.
  3. In bei­den Fäl­len reagiert Jesus dar­auf, indem er die Jün­ger lehrt (5,1b; 9,39).

Wäh­rend Jesus in Isra­el wirk­te, heil­te er Men­schen von Krank­hei­ten, befrei­te sie von Dämo­nen und sprach Sün­den­ver­ge­bung zu. Der Schlüs­sel dafür, der Not nach­hal­tig zu begeg­nen, lag für ihn aber dar­in, sei­ne Jün­ger aus­zu­rüs­ten. Die Jün­ger sind jetzt wie­der­um auf­ge­for­dert, der Not der Men­schen zu begegnen.

Suche nach Parallelen: Satzglied-Suche

Die bei­den genann­ten Ver­se sind die ein­zi­gen, in denen genau die­ser Satz­teil vor­kommt. Aber natür­lich kön­nen zwei Ver­se kein abschlie­ßen­des Bild dar­über ver­mit­teln, wie Jesus den Men­schen begeg­net ist. Die Satz­glied-Suche eig­net sich dazu, wei­te­re rele­van­te Par­al­lel­stel­len zu fin­den. Im bereits geöff­ne­ten Such­feld kli­cken Sie dazu auf das Feld Satz­glied. (Die Satz­glied-Suche ist nicht in jedem Paket enthalten.)

Es ist bereits ein­ge­stellt, dass wir in Alle Text­pas­sa­gen im The Greek New Tes­ta­ment: SBL Edi­ti­on in die Suche ein­be­zie­hen wol­len. Wenn Sie z. B. nur die Par­al­le­len bei Mat­thä­us ange­zeigt bekom­men wol­len, kön­nen Sie das ein­fach ändern.

Die Suchformel

Mit der Satz­glied-Suche kön­nen Sie auf ein­fa­che Wei­se nach Bibel­ver­sen suchen, die bestimm­te Kri­te­ri­en erfül­len. Die ange­zeig­ten Bei­spie­le sind hier der­zeit lei­der noch auf Eng­lisch zu sehen. Wenn Sie aller­dings auf Hil­fe zur Suche: Logos Hil­fe kli­cken, wer­den Ihnen die Such­be­grif­fe in deut­scher Spra­che ange­zeigt und erklärt.

Im Rah­men unse­res Anlie­gens inter­es­sie­ren wir uns für Bibel­ver­se, die drei Kri­te­ri­en erfüllen.

  1. Jesus soll der Han­deln­de sein (also das Sub­jekt). Das wird in der Satz­glied-Suche so dar­ge­stellt: Subjekt:Jesus.
  2. Das Haupt­verb des Sat­zes soll dem in Mt 5,1 ent­spre­chen, also sehen. Um alle For­men des Verbs in die Suche ein­zu­be­zie­hen, brau­chen wir das zu Grun­de lie­gen­de Lem­ma, also die Grund­form des Verbs. Das Lem­ma fin­den Sie, indem Sie mit der rech­ten Maus­tas­te auf das Verb im Grund­text kli­cken. Ach­ten Sie hier auf das Kreis­sym­bol neben dem grie­chi­schen Wort.

Wortformen in Logos Bibelsoftware herausfinden

Hier wird von Logos εἶδον ange­zeigt. Das mag Sie über­ra­schen, da hier nor­ma­ler­wei­se ein Verb in der Prä­senz-Form steht und εἶδον als Aorist des unre­gel­mä­ßi­gen Verbs ὁράω gilt. Das blen­den wir für den Moment aller­dings aus. Um nach allen For­men des Verbs εἶδον zu suchen, müs­sen Sie fol­gen­des ein­ge­ben: Verb-Lemma:εἶδον. Wenn Sie ganz sicher sein wol­len, dass sie nicht nur die Aorist-For­men fin­den wol­len, kön­nen sie statt­des­sen auch allen Haupt­ver­ben ein­be­zie­hen, die auf die Wur­zel ὁράω zurück­ge­hen. Das kön­nen Sie, indem sie Verb-Wurzel:οραω eingeben.

3. Als letz­tes Kri­te­ri­um soll gel­ten, dass die Volks­men­ge (gr. ὄχλος) das Objekt ist. Das geht fol­gen­der­ma­ßen: Objekt-Lemma:ὄχλος.

Für die end­gül­ti­ge Abfra­ge müs­sen Sie die drei Ele­men­te mit UND ver­knüp­fen, also: Subjekt:Jesus UND Verb-Lemma:εἶδον UND Objekt-Lemma:ὄχλος.[1]

Satzgliedsuche Zuhörer Bergpredigt

Das lernen wir aus den Parallelen

Außer den bei­den bereits bekann­ten Ver­sen zeigt das Such­ergeb­nis drei wei­te­re Ver­se bei Mat­thä­us an und zwei bei Markus.

Mt 8,18 weist tat­säch­lich enge Par­al­le­len zu 5,1 und 9,36 auf. Das glei­che, schon beob­ach­te­te Mus­ter taucht hier wie­der auf:

(1) Es gehen Hei­lun­gen vor­aus (8,16f).

(2) Jesus hat den Blick für die Not der Men­schen (8,18).

(3) Jesus reagiert dar­auf, indem er etwas über Jün­ger­schaft lehrt. Jesus spricht hier nicht direkt die Jün­ger an, aber es ist nahe­lie­gend, dass sie dabei waren (8,23). In sei­nem her­vor­ra­gen­den Kom­men­tar zum Mat­thä­us­evan­ge­li­um fasst Osbor­ne die Bot­schaft der Ver­se fol­gen­der­ma­ßen zusammen:

Here Jesus repli­ca­tes 5:1 in his appa­rent desi­re to get away from the crowds. His inte­rest is in disci­ple­ship rather than evan­ge­lism at this point.“[2]

Mt 9,23 scheint für unse­re Zwe­cke unin­ter­es­sant. Die Volks­men­ge ist beim Haus von Jai­rus ver­sam­melt, um den Tod von Jai­rus’ Toch­ter zu bewei­nen, nicht um Jesus zu sehen.

Mt 14,14 ist schon inter­es­san­ter. Die Volks­men­ge hört, dass Jesus in der Nähe ist, und kommt, ihn zu sehen (14,13). Jesus begeg­net ihrer Not, indem er vie­le heilt (14,14) und alle mit Nah­rung ver­sorgt (14,15–21). In der Brot­ver­meh­rung nimmt Jesus sich ganz offen­sicht­lich direkt der Not der Men­schen an. Sie wird aller­dings auch eine Lek­ti­on für die Jün­ger. Er for­dert sie in ihrem Glau­ben her­aus und ver­sorgt die Volks­men­ge durch ihre Hän­de (vgl. 16,9).

Mk 6,34 gibt den Bericht von Mar­kus zur Brot­ver­meh­rung wie­der. Der Unter­schied ist im Wesent­li­chen der, dass Mat­thä­us vor­an­ge­hend die Hei­lun­gen betont, Mar­kus die Pre­digt von Jesus. Die bei­den Evan­ge­lis­ten legen hier einen ande­ren Fokus, ohne dass man dar­aus einen Wider­spruch kon­stru­ie­ren muss. Wie Mat­thä­us macht Mar­kus jeden­falls deut­lich, dass Jesus sich der Not der Volks­men­ge direkt annimmt. Zudem beab­sich­tigt Jesus, sei­ne Jün­ger zu leh­ren (vgl. 6,32).

Mk 9,14 berich­tet, wie Jesus nach sei­ner Ver­klä­rung mit Petrus, Johan­nes und Jako­bus zu sei­nen übri­gen Jün­gern stößt. Die Volks­men­ge ist um die Jün­ger ver­sam­melt und einer von ihnen bit­tet sie um die Hei­lung sei­nes Soh­nes. Den Jün­gern gelingt es nicht, ihn zu hei­len. Jesus greift ein und voll­bringt die Hei­lung (9,25–27). Wie­der begeg­net Jesus der Not, wie­der wird dar­aus zugleich eine Lek­ti­on für sei­ne Jün­ger (9,28f).

Schlussfolgerung

Die Unter­su­chung der wei­te­ren Par­al­lel­stel­len bestä­tigt das Ergeb­nis der ers­ten bei­den. Wäh­rend Jesus heil­te, pre­dig­te und die Men­schen in ihrer Not ver­sorg­te, war er immer stark dar­auf bedacht, die­je­ni­gen aus­zu­bil­den, die die­sen Auf­trag nach sei­nem Tod in der Kraft sei­nes Geis­tes wei­ter­füh­ren soll­ten. Immer wie­der zog er sich von den Volks­men­gen zurück, um sei­ne Jün­ger zu leh­ren. Selbst in Situa­tio­nen, wo er sich vor­der­grün­dig den Volks­men­gen wid­me­te, lehr­te er dadurch sei­ne Jün­ger. Das ist auch die Absicht der Bergpredigt.

Wäh­rend sei­nes gesam­ten Diens­tes hat­te Jesus die Aus­bil­dung der Men­schen im Blick, die er eines Tages aus­sen­den wür­de (Mk 3,14). Und auch sei­nen Jün­gern leg­te er die­ses Anlie­gen ans Herz (Mt 28,18–20; vgl. Eph 4,11f; 2Tim 2,2). Die Anfra­ge, die an uns geht: Las­sen wir uns dadurch per­sön­lich her­aus­for­dern, der Not der Men­schen zu begeg­nen, indem wir ande­re dazu befä­hi­gen, dabei mitzuhelfen?

Eine Einladung

Der Bei­trag hat gezeigt, wie Sie mit­hil­fe der Such­funk­ti­on von Logos arbei­ten kön­nen, um ein bibli­sches The­ma selbst­stän­dig zu erfor­schen. Ich möch­te Sie herz­lich ein­la­den, hier selbst anzu­knüp­fen und weiterzuarbeiten.


[1] Die Anfra­ge Subjekt:Jesus UND Verb-Wurzel:οραω UND Objekt-Lemma:ὄχλος führt im übri­gen zu den exakt glei­chen Ergeb­nis­sen. Offen­sicht­lich wird das Verb in die­sem Zusam­men­hang nur im Aorist verwendet.

[2] Grant R. Osbor­ne, Mat­thew, Zon­der­van Exege­ti­cal Com­men­ta­ry on the New Tes­ta­ment, Bd. 1 (Grand Rapids, MI: Zon­der­van, 2010), 304.

Jakob Haddick

Über den Autor

Jakob Haddick ist Pastor der Christlichen Gemeinde Freimersheim und Mitglied im Leitungsteam beim Missionswerk Evangelium für Alle. Dort ist er verantwortlich für nebenberufliche theologische Schulungsarbeit. Privat bloggt er auf jakobhaddick.de.

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  1. Dan­ke für die­sen Post. Dar­an kann ich mich ori­en­tie­ren, wenn ich mei­nen Stu­den­ten Logos zei­ge, sind doch eini­ge wesent­li­che Funk­tio­nen abge­deckt und es ist nicht nur eine Vor­füh­rung, son­dern an einem Ziel orientiert.

    1. Was wir auf Anfra­ge ger­ne anbie­ten, ist Sky­pe-Trai­ning. Vor Ort ist etwas kom­pli­ziert, weil wir ja an der US-West­küs­te sit­zen. Aber wenn wir mal wie­der in Deutsch­land auf Kon­fe­ren­zen unter­wegs sind – wer weiß, viel­leicht fin­det sich ein Termin?

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