Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (Teil 2/​2)

Von Johannes Traichel


Auf der Flucht

Bevor Hagar zu einem beson­de­ren Got­tes­er­leb­nis kom­men soll­te, ist sie auf der Flucht. Auf der Flucht vor ihrer Gegen­wart, wel­che bereits durch die Ver­gan­gen­heit vor­be­rei­tet war. Eine Flucht aus Ver­zweif­lung in die Wüs­te, dem unwirk­li­chen Ort.

Hans­jörg Bräu­mer schreibt hierzu:

Hagar fin­det ihre Lage uner­träg­lich und flieht. In der »Flucht ins Hoff­nungs­lo­se« sieht Hagar die ein­zi­ge Mög­lich­keit ihrer Befrei­ung. Sie ris­kiert dabei ihr Leben und das Leben des wer­den­den Kin­des. »Die Flucht der Hagar aus der ›recht­mä­ßi­gen‹ Unter­drü­ckung durch Sara in die Wüs­te, allein allen Gefah­ren der Wüs­te aus­ge­setzt, das ist ein Urbild mensch­li­chen Frei­heits­wil­lens.«“ (Bräu­mer, Das ers­te Buch Mose (12–36, S. 110)

Mit­ten in dem lebens­feind­li­chen Ort, der Wüs­te, soll Hagar Gott als den ken­nen­ler­nen, der sie sieht. Als den Gott der ihren Schmerz fühlt, der ihr Leid kennt, der ihre Trau­er ver­steht und der mit ihr den Weg geht.

Sie kommt an einem Brun­nen in der Wüs­te an. Die Wei­ter­rei­se war unklar. Plant sie den Gang nach Ägyp­ten, oder ist sie voll­kom­men ori­en­tie­rungs­los? Zumin­dest wird Hagar vom Engel Got­tes an die­sem Brun­nen in der Wüs­te gefun­den. Hier beginnt ihre Seelsorge.

In der Seelsorge Gottes

Sie wird vom Engel des Herrn in die Seel­sor­ge Got­tes genom­men. Es wird deut­lich: Gott hat ihr Leid barm­her­zig und mit­lei­dend gese­hen. Gese­hen und nicht nur kalt regis­triert. Gese­hen und damit auch eingegriffen.

Der Blick Got­tes nimmt die Ver­gan­gen­heit und Zukunft von Hagar in den Blick und nimmt sich ihrer an. Die Skla­vin Hagar erfuhr durch die Begeg­nung mit dem Engel des Herrn eine Got­tes­be­geg­nung. Eine Begeg­nung mit dem sie sehen­den Gott.

Der Engel des Herrn zeigt der Hagar, dass sie Gott nicht egal ist. Der Blick Got­tes traf Hagar, als ihr Leid zum Höhe­punkt gekom­men ist. Das Leid und die Fra­gen nach dem sehen­den Gott kom­men hier zusammen.

Der Engel des Herrn nimmt sie in die Seel­sor­ge. Er fragt sie: „Und er sprach: Hagar, Magd Sarais, woher kommst du, und wohin gehst du? Und sie sag­te: Vor Sarai, mei­ner Her­rin, bin ich auf der Flucht.“ (Gene­sis 16,8)

Hagar darf ihr erlit­te­nes Leid kla­gen. Sie bekommt in der gött­li­chen Seel­sor­ge die Mög­lich­keit, ihren Schmerz von der See­le zu sprechen.

Ein Versprechen und ein Befehl

Hagar bekommt dann aber auch einen Befehl und ein Ver­spre­chen. Sie soll zurück­keh­ren und Gott wird ihren Nach­kom­men Isma­el zu einem gro­ßen Volk machen. Wört­lich fügt der Engel des Herrn hinzu:

Und der Engel des HERRN sprach wei­ter zu ihr: Sie­he, du bist schwan­ger und wirst einen Sohn gebä­ren; dem sollst du den Namen Isma­el geben, denn der HERR hat auf dein Elend gehört. Und er, er wird ein Mensch wie ein Wild­esel sein; sei­ne Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn, und allen sei­nen Brü­dern setzt er sich vors Gesicht.“ (Gene­sis 16,11–12)

Hagar lern­te: Wenn Gott ins Leben tritt, dann wer­den die Umstän­de nicht unbe­dingt leich­ter, aber im Fall von Hagar änder­te sich ihre Per­spek­ti­ve. Gott reißt den Vor­hang der Dun­kel­heit und Aus­weg­lo­sig­keit auf und zeigt ihr den Weg, auf dem die Spu­ren der Hoff­nung zu einem gro­ßen Gesamt­bild zusammenfließen.

Du bist ein Gott, der mich sieht.” Das ist Hagars Fazit zu ihrer Begeg­nung mit Gott. Es ist eine Ant­wort auf Got­tes Begeg­nung und die Ermu­ti­gung durch Gott.

Das „Sehen“ Got­tes zieht sich durch die Bibel hin­durch. Es star­te­te nicht bei Hagar und es ende­te nicht bei Hagar.

Wenn Gott sieht – eine Spurensuche in der Bibel

Wie handelt Gott, wenn er das Leid sieht?

Wir wer­den uns nun auf eine Spu­ren­su­che durch die Bibel machen, wie sich der Blick Got­tes dort aus­wirk­te. Ich möch­te dies anhand von drei Sta­tio­nen darlegen.

Der Exo­dus von dem Volk Isra­el aus Ägyp­ten gilt als ein grund­le­gen­des Para­dig­ma von Got­tes heil­schaf­fen­den Han­deln in sei­ner Geschich­te mit der Welt. Auch der Exo­dus beginnt mit dem Blick Got­tes. Mit dem Gott, der das Leid sei­nes Vol­kes Isra­el sieht (Ex 3,7). Der die Schreie sei­nes Vol­kes hört und zur Ret­tung kommt (Ex 3,7–8). So sagt Gott zu Mose, als er die­sen in sei­nen Dienst zum Anfüh­rer des Vol­kes Isra­els beruft:

Und der HERR sprach: Ich habe das Elend mei­nes Volks in Ägyp­ten gese­hen, und ihr Geschrei über ihre Bedrän­ger habe ich gehört; ich habe ihre Lei­den erkannt.“ (Ex 3,7)

Die Fol­ge des Sehen Got­tes war ein Pro­zess zur Befrei­ung Isra­els aus der Skla­ve­rei. Got­tes Sehen ver­än­der­te die Geschich­te. Got­tes Blick bewirk­te, dass ein Pro­zess der Befrei­ung und der Hei­lung ins Leben rief.

Wenn Gott Unrecht sieht – was dann?

Die zwei­te Sta­ti­on geht auf die Zeit von Abra­ham zurück. Es ist aller­dings nach der Geburt von Isma­el und vor der Geburt von Isaak. In die­sem Fall hat Abra­ham eine Got­tes­be­geg­nung. Neben der Wie­der­ho­lung und Bekräf­ti­gung von dem Ver­spre­chen Got­tes gegen­über Abra­ham und Sara, wird auch auf die Situa­ti­on einer Sor­gen-Stadt ein­ge­gan­gen. Die Rede ist von Sodom. Gott sagt zu Abraham:

Es ist ein gro­ßes Geschrei über Sodom und Gomor­ra, denn ihre Sün­den sind sehr schwer. Dar­um will ich hin­ab­fah­ren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekom­men ist, oder ob’s nicht so sei, damit ich’s wis­se.“ (Gen 18,20–21)

Hier führ­te Got­tes Blick dazu, dass Unge­rech­tig­keit und deren Ver­ur­sa­cher gerich­tet wur­den. Dage­gen wur­de Lot mit sei­ner Fami­lie aus der Stadt geret­tet (die Geschich­te mit Lots Frau wird hier mal außer Acht gelassen).

Wie sieht Jesus uns?

Die drit­te Sta­ti­on betrifft Jesus und eine gro­ße Men­ge Men­schen. In Mat­thä­us 14,14 wird berichtet:

Und als Jesus es hör­te, zog er sich von dort in einem Boot abseits an einen öden Ort zurück. Und als die Volks­men­gen es hör­ten, folg­ten sie ihm zu Fuß aus den Städ­ten. Und als er aus­stieg, sah er eine gro­ße Volks­men­ge, und er wur­de inner­lich bewegt über sie und heil­te ihre Kranken.“

Hier sieht Jesus die Situa­ti­on und lässt sich davon berüh­ren. Das führt dazu, dass Jesus ihre Krank­hei­ten heilt und ihnen das Evan­ge­li­um vom Reich Got­tes predigt.

Sieht Gott heute die Situationen in unserer Welt?

Was bleibt von die­ser Geschich­te für das 21. Jahr­hun­dert und für das Jahr 2023?

Der Blick Got­tes ver­än­dert alles.

Der Blick Got­tes wirkt hei­lend und lebens­för­dernd, aber auch kor­ri­gie­rend und bringt auch Gericht.

Hier haben wir uns Anfra­gen gefal­len zu las­sen. Sieht Gott die heu­ti­ge Welt mit sei­nem Blick an? Wenn er der Gott ist, der sieht, war­um ist unse­re Welt dann so, wie sie eben ist?

Nur zur Erin­ne­rung, auch wenn dies die Stim­mung etwas trü­ben dürf­te: Wir haben 2022 die Erschüt­te­rung eines Krie­ges mit­ten in Euro­pas erlebt. Hier wur­den wir mit einem Schre­cken dar­an erin­nert, dass Krieg und der Über­fall eines Lan­des durch einen Nach­bar auch im Euro­pa des 21. Jahr­hun­derts mög­lich ist.

Fami­li­en wur­den in der Fol­ge zer­stört. Kin­der wur­den zu Wai­sen, ver­lo­ren Vater oder auch Mut­ter. Eltern ver­lo­ren ihre Kin­der. Ande­re erfuh­ren, dass ihre Kin­der in Kriegs­ge­fan­gen­schaft gera­ten sind. Sie machen sich Sor­gen dar­über, ob ihre Lie­ben miss­han­delt wer­den und ob sie den Hor­ror über­haupt über­le­ben und danach wei­ter­le­ben können.

Ist Gott heu­te noch „ein Gott, der mich sieht“?

Sieht Gott die Sklavinnen in Deutschland?

Eine ande­re Situa­ti­on fin­det mit­ten in Deutsch­land statt. Skla­ve­rei und Men­schen­han­del. Deutsch­land gilt als das Bor­dell Euro­pas. Laut dem Deutsch­land­funk (14.04.2020) machen über 90% der Pro­sti­tu­ier­ten das nicht frei­wil­lig. Sie wer­den gezwun­gen, ver­kauft, ver­sklavt, miss­han­delt und ver­ge­wal­tigt. Ein uner­mess­li­ches Leid fin­det vor unse­rer Haus­tü­re statt. Täglich!

Die Geset­ze von Deutsch­land begüns­ti­gen die­se Situa­ti­on und damit das Leid der Sex-Skla­vin­nen. Sieht Gott ihr Leid. Kön­nen sie auch sagen: „Du bist ein Gott, der mich sieht“?

Sieht Gott die nagende Einsamkeit?

Die letz­te Situa­ti­on. Ein­sam­keit ist das Schlag­wort. Eine Frau wur­de von ihrem Mann bzw. ihrem Freund ver­las­sen. Eltern hat sie nicht mehr oder sie haben kei­nen Kon­takt mehr. Kin­der hat sie nicht; die­ses Schick­sal teilt sie sich mit Sara und Abraham.

An Hei­lig­abend wird es beson­ders hart. Sie sitzt allei­ne vor dem Fern­se­her und ver­sucht die fins­te­ren Gestal­ten der Ein­sam­keit in Schach zu hal­ten. Erfolg­los. Die Ein­sam­keit frisst sich wie Krebs durch ihre Kno­chen. Auch mit Alko­hol lässt sich die­ser Schmerz nicht gänz­lich betäuben.

Wo ist der Gott, der sie sieht?

Das Sehen Gottes und das Kreuz

Sieht Gott die heu­ti­gen Situa­tio­nen? Der from­me Leser ist geneigt sofort und wie aus der Pis­to­le geschos­sen „ja, selbst­ver­ständ­lich“ zu ant­wor­ten. Der skep­ti­sche Leser fragt: „Wo ist denn Gott, wenn er mich sieht?“

Bei die­sen Fra­gen kom­men wir an dem zen­tra­len Ort der Welt- und Heils­ge­schich­te nicht vor­bei. Jeru­sa­lem im Jahr 30 n.Chr. Genau­er gesagt, etwas außer­halb der Stadt­mau­er an dem Hen­kershü­gel Gol­ga­tha. Gott, der in Jesus Chris­tus Mensch wur­de, steht im Mittelpunkt.

Sei­ne Mensch­heit führt die Geschich­te vom Gar­ten Eden fort und bringt sie auf einen neu­en Höhe­punkt. Und Gott? Gott lie­fert sich sei­ner Mensch­heit aus. An Kar­frei­tag hät­te Fried­rich Nietz­sche teil­wei­se recht gehabt: „Gott ist tot … wir haben ihn getö­tet“. Aber sind wir noch bei der Jah­res­lo­sung 2023? Wo ist hier am Kreuz das Sehen Gottes?

Wie handelt der Gott, der uns sieht?

Der Gott, der das größ­te Leid der Mensch­heit sieht, ist in Chris­tus her­ab­ge­stie­gen, um selbst zu han­deln. Der sehen­de Gott ist der han­deln­de Gott, der das größ­te Pro­blem, die Got­tes­tren­nung der Mensch­heit, angeht.

Dies tut er, indem er sich selbst sei­nem eige­nen, dem gött­li­chen Gericht aus­lie­fert, in die Hän­de der Mensch­heit gibt und das Urteil der sün­di­gen Mensch­heit an sich selbst vollzieht.

Am Kreuz sehen wir den sehen­den Gott im Ori­gi­nal. Der sehen­de Gott ist der lei­den­de Gott und der ret­ten­de Gott. Gleich­zei­tig sehen wir am Kreuz auch den rich­ten­den Gott und den recht­fer­ti­gen­den Gott, der sou­ve­rän herrscht und die Mäch­te des Bösen, der Sün­de und des Teu­fels besiegt.

Der lei­den­de Gott ist der herr­schen­de Gott. Die­ser sieg­rei­che Gott ist der sehen­de Gott. Und die­ser eine wah­re Gott gibt sei­ner Mensch­heit einen Auf­trag. Einen Auf­trag für die Welt und für die Mensch­heit. Einen Auf­trag als Eben­bil­der Got­tes, Got­tes Wil­len zu bezeugen.

Das Sehen Gottes und der Auftrag der Kirche

Als Hagar dem sehen­den Gott begeg­ne­te, bekam sie auch einen Auf­trag. Der Gott, der unse­re Welt mit ihren gan­zen Brü­chen, mit der Dun­kel­heit und dem Schmerz sieht, hat sei­ner Kir­che und damit jedem ein­zel­nen Glau­ben­den einen Auf­trag gege­ben: Got­tes hei­len­de Königs­herr­schaft in der Welt zu bezeu­gen und nach die­sen Maß­stä­ben zu leben.

In Mat­thä­us 28,18–20 steht über den Auf­trag von Jesus an sei­ne Nachfolger:

Und Jesus trat zu ihnen und rede­te mit ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gege­ben im Him­mel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Natio­nen zu Jün­gern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes, und lehrt sie alles zu bewah­ren, was ich euch gebo­ten habe! Und sie­he, ich bin bei euch alle Tage bis zur Voll­endung des Zeitalters.“

Und in Johan­nes 19,21 lesen wir:

Jesus sprach nun wie­der zu ihnen: Frie­de euch! Wie der Vater mich aus­ge­sandt hat, sen­de ich auch euch.“

Der Sehen­de Gott will uns als han­deln­de Men­schen in sei­ne Sen­dung ein­be­zie­hen, durch die er, der all­mäch­ti­ge Gott, sei­ne ret­ten­de Herr­schaft aus­brei­ten und bezeu­gen möch­te. Gott will durch sei­ne Men­schen handeln!

Die Eben­bil­der Got­tes sol­len sich im Blick Got­tes als gese­hen wie­der­fin­den, erneu­ern las­sen und sei­ne gute Bot­schaft der Welt brin­gen. Dies schafft die Hei­lung von den größ­ten Pro­ble­men über­haupt: den Pro­ble­men der Got­tes­tren­nung, der Sün­de und der Schuld.

Die Spuren der Hoffnung im Rückspiegel

Wie man das Leben vor­wärts lebt und Rück­wärts erst ver­steht, so wer­den die Spu­ren der Hoff­nung durch den Blick Got­tes oft erst im Nach­hin­ein gese­hen; eben im Rück­spie­gel des Lebens.

Das gan­ze Bild lässt sich oft erst dann sehen, wenn wir uns im Blick Got­tes als erkannt erken­nen. Wenn wir Chris­tus sehen, wie er ist und wenn er uns im Rück­blick auf unser Leben sein Han­deln erklärt.

Bis dahin gilt das Ver­trau­en auf ihn, den sehen­den Gott. Denn „du bist ein Gott, der mich sieht.“

Johannes Traichel

Über den Autor

Johannes Traichel ist Pastor der FeG in Donaueschingen und Autor von zwei Bücher.

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