Ein Zugang zu alttestamentlicher Theologie

Von Joshua Ganz

Vor 7 Monaten

Was hat uns das Alte Tes­ta­ment zu sagen? Gera­de Chris­ten im 21. Jahr­hun­dert fällt es immer wie­der schwer, einen gewinn­brin­gen­den Zugang zum Alten Tes­ta­ment und beson­ders des­sen Theo­lo­gie zu fin­den. Eine Mög­lich­keit bie­tet sich in die­sem Sam­mel­band, der ver­schie­de­ne Teil­be­rei­che des Alten Tes­ta­ment und des­sen Theo­lo­gie beleuch­tet. Wie­so die­ser Sam­mel­band sowohl für Per­so­nen im Theo­lo­gie­stu­di­um als auch für gewöhn­li­che Bibel­le­ser beson­ders inter­es­sant ist, zei­ge ich Ihnen in den nächs­ten 8 Minuten.

Warum überhaupt Theologie betreiben?

Was ist Theo­lo­gie? Was ist der Unter­schied zwi­schen sys­te­ma­ti­scher und bibli­scher Theo­lo­gie? Wie betreibt man das eine oder das ande­re? Wel­cher Vor­teil hat jeweils ein ande­rer Ansatz? Wie­so lohnt sich über­haupt eine Betrach­tung eines ein­zel­nen Tes­ta­ments, wo das Tes­ta­ment doch zu einem grö­ße­ren Kanon gehört? Sol­che und wei­te­re Fra­gen sind weder leicht zu beant­wor­ten noch ein­fach zu erfas­sen. Falls Sie als Leser ähn­li­che Fra­gen haben, lesen Sie wei­ter! In mei­nem Theo­lo­gie­stu­di­um kamen ähn­li­che Fra­gen auf. Man besucht Semi­na­re, sys­te­ma­ti­sche Kur­se und Bibel­kun­de zu spe­zi­fi­schen Büchern. Doch wo liegt die Metho­dik dahin­ter? Wie betrei­be ich für mich sel­ber Theo­lo­gie? Wie kom­me ich zu einer Glaubensaussage?

Das Gebiet abstecken und Antworten finden

Die­se Fra­gen sind unab­ding­bar, um Theo­lo­gie sinn­voll betrei­ben zu kön­nen. Bes­ser gesagt, braucht man Ant­wor­ten auf sol­che Fra­gen. Eine Teil­ant­wort fin­det sich in die­sem Sam­mel­band. Er ist neben einem ein­füh­ren­den Vor­wort mit vier Auf­sät­zen zu sol­chen Fra­gen aus­ge­stat­tet. Juli­us Stein­berg führt mit dem ers­ten Auf­satz (Sei­te 13–34) in die Dimen­si­on alt­tes­ta­ment­li­cher Theo­lo­gie ein. Wie sie ein­zu­ord­nen ist, wo sie anknüpft und wei­te­re Fra­gen beant­wor­tet Stein­berg tief­grün­dig und lesbar.

Eine Einführung zur Theologie insgesamt

Die­ser Auf­satz von Stein­berg und die drei wei­te­ren über eine Metho­dik inner­halb der Theo­lo­gie sind sehr lesens­wert und ich benei­de jede Per­son, wel­che dies wäh­rend oder sogar am Anfang eines Theo­lo­gie­stu­di­ums lesen wird. Es führt in die The­ma­tik ein, ohne zu über­for­dern und gibt Ein­sicht in die Vor­ge­hens­wei­se einer jeg­li­chen Theo­lo­gie. Inter­es­sant darf dies auch sein, falls Sie gewöhn­li­cher Bibel­le­ser oder Klein­grup­pen­lei­ter sind. Die Auf­sät­ze in die­sem Sam­mel­band sind prä­gnant und ein­fach genug, um auch inter­es­sier­te Lese­rin­nen und Leser ohne ein geis­tes­wis­sen­schaft­li­ches Stu­di­um abzuholen.

Somit emp­feh­le ich jeder Per­son, wel­che das Alte Tes­ta­ment lesen und ver­ste­hen will, die­se vier ein­lei­ten­den Auf­sät­ze, wel­che zusam­men den ers­ten Teil die­ses Buches aus­ma­chen. Die zwei wei­te­ren Haupt­tei­le und deren Inhalt wer­de ich Ihnen nach ein paar grund­sätz­li­chen Infor­ma­tio­nen zum Buch präsentieren.

Informationen zum Sammelband

Der Sam­mel­band erschien erst­mals beim Brun­nen Ver­lag, 2007. 2012 wur­de eine leicht über­ar­bei­te­te Auf­la­ge bei arte­Me­dia publi­ziert. Sie ist natür­lich auch im deut­schen Logos-Shop ver­füg­bar. Das Buch ver­steht sich als ein The­men­buch zu einer Theo­lo­gie des Alten Tes­ta­ments. Die aus­ge­wähl­ten The­men sol­len jedoch nur in das spe­zi­fi­sche The­ma ein­füh­ren, sodass der Sam­mel­band kei­ne all­um­fas­sen­de AT-Theo­lo­gie bie­ten will.

Der Sam­mel­band ist in drei Tei­le geglie­dert. Im ers­ten Teil wid­men sich vier wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter einer Metho­dik für das Alte Tes­ta­ment (Auf­sät­ze 1–4). Der zwei­te Teil beinhal­tet vier lite­ra­risch-theo­lo­gi­sche Auf­sät­ze zu der vom Her­aus­ge­ber prio­ri­sier­ten Metho­dik einer AT-Theo­lo­gie (Auf­sät­ze 5–8). Im letz­ten Teil wer­den anhand sechs Auf­sät­zen sys­te­ma­tisch Bei­spiel-The­men einer AT-Theo­lo­gie vor­ge­stellt (Auf­sät­ze 9–14). Das Buch öff­net mit einem Vor­wort und einem Abkür­zungs­ver­zeich­nis. Am Schluss ist ein Autoren‑, Sach- und Bibel­stel­len­re­gis­ter angehängt.

Herausgeber der AT-Theologie

Her­aus­ge­ber die­ser evan­ge­li­ka­len AT-Theo­lo­gie sind Her­bert H. Kle­ment und Juli­us Stein­berg. Juli­us Stein­berg ist Ihnen even­tu­ell bereits bekannt für sein aktu­el­ler Hohe­lied Kom­men­tar, für den er eine anschau­li­che und moder­ne Über­set­zung des Hohe­lieds geschrie­ben hat. Er ist ein deut­scher Theo­lo­ge und Pro­fes­sor für Altes Tes­ta­ment und Hebrä­isch an der theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le Ewers­bach. Her­bert H. Kle­ment ist deut­scher Theo­lo­ge und eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Altes Tes­ta­ment an der Staats­un­ab­hän­gi­gen theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le Basel.

Die vierzehn theologischen Aufsätze

Mit den bei­den Her­aus­ge­ber haben For­sche­rin­nen und For­scher am Band zu fol­gen­den The­men mit­ge­wirkt (in der Rei­hen­fol­ge der Aufsätze):

  1. Juli­us Stein­berg mit dem Auf­satz: Dimen­sio­nen alt­tes­ta­ment­li­cher Theologie“
  2. Ste­fan Fel­ber: „Typo­lo­gie als Denk­form bibli­scher Theologie“
  3. Tors­ten Uhl­ig: „Zur Bedeu­tung des Alten Tes­ta­ments für Christen“
  4. Ger­hard Mai­er: „Heils­ge­schich­te und Geschichte“
  5. Hen­drik J. Koor­e­vaar: „Eine struk­tu­rel­le Theo­lo­gie von Exodus –Levi­ti­kus – Numeri“
  6. Hart­mut Schmid: „Köni­ge – Struk­tur und Theologie“
  7. Tho­mas Renz: „Hese­kiel – Auf­bau und Theologie“
  8. Juli­us Stein­berg: „Die Chro­nik – eine ‚Theo­lo­gie‘ des Alten Testaments“
  9. Her­bert H. Kle­ment: „Krieg und Frie­den im Alten Testament“
  10. Juli­us Stein­berg: „Eine Theo­lo­gie der alt­tes­ta­ment­li­chen Weisheit“
  11. Het­ty Lal­le­man: „Ethik des Alten Testaments“
  12. Sieg­bert Riecker: „Segen für die Völ­ker. Got­tes Mis­si­on im Alten Testament“
  13. Her­bert H. Kle­ment: „Alt­tes­ta­ment­lich-theo­lo­gi­sche Aspek­te zur Rol­le des Königs in Israel“
  14. Syl­vain Rome­row­ski: „Opfer und Ver­söh­nung im Alten Testament“.

Eine Theologie erarbeiten ja, aber wie?

Wie soll der Bibel­le­ser vor­ge­hen, um die ein­zel­nen Tex­te des Alten Tes­ta­ments in ihrer Ein­zig­ar­tig­keit zum Spre­chen zu brin­gen? Wie kann dar­aus ein theo­lo­gi­sches Gesamt­bild ent­ste­hen, das in sich geschlos­sen ist und zugleich das Alte Tes­ta­ment als Gan­zes umfasst? 

Grund­sätz­lich kann alt­tes­ta­ment­li­che Theo­lo­gie in drei ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen ent­fal­tet wer­den, näm­lich in der sys­te­ma­ti­schen, der his­to­ri­schen und der lite­ra­ri­schen Dimen­si­on. Oft wird in der Fach­li­te­ra­tur eine Mischung die­ser drei Ansät­zen benutzt. In die­sem Sam­mel­band wer­den jedoch nur der sys­te­ma­ti­sche und der lite­ra­ri­sche Ansatz genutzt.

Erste Möglichkeit einer AT-Theologie: Ein literarisch-theologischer Ansatz

Der zwei­te Teil des Ban­des beinhal­tet vier Auf­sät­ze nach die­sem Sche­ma. Nach die­sem kano­ni­schen Sche­ma wer­den vor­wie­gend ein­zel­ne Bücher und ihre ent­hal­te­nen Bot­schaf­ten unter­sucht. Man geht also vom Text aus und kommt so auf Glau­bens­aus­sa­gen und theo­lo­gi­sche Stand­punk­te. Die­ses induk­ti­ve Vor­ge­hen hat den Vor­teil, den Text und sei­ne ent­hal­te­ne Bot­schaft selbst zu hören. Ein­zel­ne Bücher des Kanons wer­den lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich unter­sucht, um ihre theo­lo­gi­sche Bot­schaft zu erar­bei­ten. Bibel­kom­men­ta­re bei­spiels­wei­se ver­fah­ren oft nach die­sem Ansatz.

Zweite Möglichkeit einer AT-Theologie: Ein systematischer Ansatz

Der letz­te Teil des Buches und somit Auf­satz Num­mer 9–14 behan­deln The­men sys­te­ma­tisch. Das heißt, ein The­ma wie etwa Mis­si­on wird durch das gan­ze AT hin­durch unter­sucht. Es wird also die Fra­ge beant­wor­tet: Was sagt das Alte Tes­ta­ment zu Mis­si­on? Auch wenn in Josefs Geschich­te im ers­ten Buch der Bibel das Wort Mis­si­on nicht vor­kommt, ist es wohl impli­zit vor­han­den. Gott hat einen Plan mit den Men­schen, der über das Volk von Jakob hin­aus­geht. Somit ist die­ser Ansatz ein umfassender.

Die Pro­ble­ma­tik oder Gefahr liegt dann dar­in, dass ein­zel­ne Bücher der Bibel zu wenig Beach­tung fin­den. Beim sys­te­ma­ti­schen Ansatz greift man auf The­men und Ras­ter zurück, die deduk­tiv an die Bibel her­an­ge­tra­gen wer­den. So wird zum Bei­spiel das AT auf die Leh­re von Gott unter­sucht. Beim Buch Ruth ange­kom­men, schält man die Ergeb­nis­se für die­se Leh­re hin­aus, dabei geht jedoch die Bot­schaft des Buches als gan­zes ver­lo­ren. Wie sie sehen, kann und soll so ein Ansatz hilf­reich sein. Er wird jedoch dann gefähr­lich, wenn man ihn allein ein­setzt. Er soll und darf zusam­men mit den bei­den ande­ren Ansät­zen benutzt wer­den. Ein sol­cher Ansatz fin­det man meist bei Dog­ma­ti­ken und Glaubenslehren.

Dritte Möglichkeit einer AT-Theologie: Ein historischer Ansatz

Der wohl am wenigs­ten belieb­te Ansatz ist der his­to­ri­sche. Dar­in wird ein über­ge­ord­ne­tes The­ma an ein Teil der Bibel her­an­ge­tra­gen. So könn­te man fra­gen: Was ist die Theo­lo­gie des Petrus? Oder was beinhal­tet die Pro­phe­tie von Nathan? Bei solch einem his­to­ri­schen Ansatz wird zwar ein The­ma deduk­tiv vor­ge­ge­ben, jedoch nur dort unter­sucht, wo es im bibli­schen Bericht auch vor­kommt. Stein­berg beschreibt die Schwie­rig­keit die­ses Ansatzes:

Auch hier ergibt sich aller­dings eine Schwie­rig­keit: Die von der bibli­schen Theo­lo­gie behan­del­ten his­to­ri­schen The­men schei­nen, beson­ders wenn es um das Alte Tes­ta­ment geht, für unse­ren heu­ti­gen Glau­ben oft nicht direkt rele­vant zu sein.“ (Stein­berg, S. 19)

Also auch hier: Der Ansatz dürf­te allein nur wenig Sinn machen. Bei eini­gen The­men mag er sogar eine hohe Berech­ti­gung haben, jedoch nur his­to­risch vor­zu­ge­hen wür­de auch bedeu­ten, die bei­den ande­ren Ansät­ze nicht zu beachten.

Vierte Möglichkeit: die Mischung aller Ansätze

Wie ich ver­sucht habe zu zei­gen, liegt in der Mischung die­ser Ansät­ze das höchs­te Poten­zi­al. Eini­ge The­men wie das Land oder die Stell­ver­tre­tung der Opfer machen Sinn, sys­te­ma­tisch unter­sucht zu wer­den. Der lite­ra­ri­sche Ansatz wird zum Bei­spiel ein­satz­fä­hig beim Buch Ruth oder beim Buch Esther, wo man mit sol­chem eine gro­ße Fül­le an Bot­schaf­ten gewinnt, wel­che sonst kaum zu fin­den sind. Somit soll­te man sich nie nur einem Ansatz ver­schrei­ben und immer offen sein für eine ande­re Methodik.

Benutzung dieser und anderer AT-Theologien

Zum Schluss möch­te ich Ihnen noch eini­ge Tipps mit auf den Weg geben, wie man die­ser Sam­mel­band und ande­re Theo­lo­gien des AT’s gewinn­brin­gend lesen und benut­zen kann.

  1. Erst­mals, lesen Sie breit. Benut­zen Sie in Ihrer Arbeit oder Pre­digt­vor­be­rei­tung nicht nur ein Werk, son­dern meh­re­re. Dies gilt für Dog­ma­ti­ken, Kom­men­ta­re und der­glei­chen. Anhand die­ser Mischung hat man nicht nur unter­schied­li­che Posi­tio­nen ent­deckt, son­dern auch unter­schied­li­che Methoden!
  2. Trau­en Sie sich, ihre eige­ne Theo­lo­gie zu erar­bei­ten. Was mei­ne ich damit? Neh­men Sie ein The­ma, wel­ches Sie inter­es­siert und for­schen Sie anhand eines der in die­sem Arti­kel oder dem Buch ken­nen­ge­lern­ten Ansat­zes. Schrei­ben Sie Ihre Erkennt­nis­se in ein Doku­ment. Solch ein Vor­ge­hen mag für Sie selbst gewinn­brin­gend sein, oder auch für Ihre nächs­te Themenpredigt!
  3. Schnup­pern Sie in ein Kapi­tel rein, wel­ches für Sie inter­es­sant erscheint. Die Mit­be­ar­bei­ter des Ban­des machen es Ihnen leicht zu erken­nen, wel­chem Ansatz sie fol­gen und war­um sie dies tun.

Wenn Sie, wie ich, dass Sam­mel­band gewinn­brin­gend fan­den, aber eben noch wei­te­re Ansät­ze tie­fer ken­nen­ler­nen wol­len, möch­te ich Ihnen noch zwei Lite­ra­tur­vor­schlä­ge machen. Für einen umfas­send his­to­ri­schen Ansatz ist das The­men­buch von Rein­hard Gre­gor Kratz zu emp­feh­len. Anders, aber nicht schlech­ter bie­tet Horst Diet­rich Preuss eine umfas­sen­de AT-Theo­lo­gie mit vor­wie­gend sys­te­ma­ti­schem Blickfeld.


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Joshua Ganz

Über den Autor

Joshua ist seit seinem Bachelor in Theology als Jugendpastor in der Nordostschweiz tätig. In der Schweizer Armee dient er als Armeeseelsorger. Er liebt Theologie, sein Rennrad und Kaffee. Am liebsten alles miteinander, oder zumindest nacheinander ;)

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