Eine 3D Brille für Weihnachten

Von Johannes Traichel


Die Welt in die Christus hineingeboren wurde

Die Weih­nachts­zeit gilt als eine Zeit für die Fami­lie, in der Frie­den und Gemein­schaft vor­herrscht. Fami­li­en sit­zen an Weih­nach­ten bei einem guten Bra­ten und in einer gemüt­li­chen Atmo­sphä­re zusam­men. Es wer­den klas­si­sche und moder­ne Weih­nachts­lie­der gehört und gesun­gen. Es wird vom Frie­den auf der Erde geträumt und gepredigt.

Glüh­wein wird liter­wei­se ver­nich­tet. Das Feu­er im Kamin brennt trotz der Ener­gie­kri­se gut und warm. Der mehr oder weni­ger geschmack­voll deko­rier­te Weih­nachts­baum tut sein Übri­ges, um eine weih­nacht­li­che Atmo­sphä­re zu schaf­fen. Es ist eine Wohl­fühl­zeit mit hohen Erwar­tun­gen und immer erschüt­tert durch die Realität.

Über das Kind in der Krip­pe, Hir­ten auf dem Feld und süße, wat­te­ar­ti­ge Engel mit hel­ler Stim­me kur­sie­ren roman­ti­sche Vor­stel­lun­gen. Und ja, es sind in der Tat inkor­rek­te Vor­stel­lun­gen und zum Teil fal­sche Illusionen.

Ich möch­te Ihnen mit die­sem Arti­kel nicht Ihre Weih­nachts­stim­mung ver­der­ben, ich möch­te aller­dings eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung der Gescheh­nis­se rund um Chris­ti Geburt vor­neh­men, die wie eine Art von 3D Bril­le fun­giert und die wah­ren Ereig­nis­se von Weih­nach­ten deut­lich wer­den lässt.

Eine klei­ne Vor­war­nung möch­te ich hier jedoch anbrin­gen: Es kann pas­sie­ren, dass Ihnen nach die­sem Arti­kel die Weih­nachts­ge­schich­te nicht mehr so ange­nehm roman­tisch erscheint und die Plätz­chen­stim­mung durch die Rea­li­tät ver­dampft. Zu Risi­ken und Neben­wir­kun­gen lesen Sie bit­te die Bibel oder fra­gen Ihren Pas­tor oder einen Theo­lo­gen Ihres Vertrauens.

Dunkle Zeiten und die Schatten der Vergangenheit

Geboren hinein in eine spannungsreiche Welt

Die Zeit in die Jesus hin­ein­ge­bo­ren wur­de war von deut­lich mehr Kri­sen durch­schüt­telt als wir sie heu­te ken­nen. Es war ein Land­strich in dem sich die Kri­sen nicht abwech­sel­ten und ablös­ten, son­dern in der sich Kri­sen über­lapp­ten, gegen­sei­tig hoch­koch­ten und ein unschö­nes Mit- und Neben­ein­an­der lebten.

Poli­ti­sche Ver­wer­fun­gen, eine gespal­te­ne Gesell­schaft und eine blut­ge­tränk­te Ver­gan­gen­heit las­te­ten schwer auf dem Land. Die Kil­ler­ma­schi­ne­rie des römi­schen Impe­ri­ums war für Unrecht und für Mas­sa­ker ver­ant­wort­lich. Der Reich­tum war extrem unge­recht ver­teilt, was für gro­ße Span­nun­gen im sozia­len Gefü­ge sorg­te. Gerd Thei­ßen und Annet­te Merz beschrei­ben die­se Zeit wie folgt:

Gali­läa war von tie­fen struk­tu­rel­len Span­nun­gen durch­zo­gen, von Span­nun­gen zwi­schen Juden und Hei­den, Stadt und Land, Rei­chen und Armen, Herr­schern und Beherrschten.“

Der Schatten von Game of Thrones

Wer die Wer­ke von Fla­vi­us Jose­phus liest, wird schnell zum Ergeb­nis kom­men, dass Game of Thro­nes oder ande­re kaum zu emp­feh­len­de Seri­en etwas für Anfän­ger sind. Die wah­ren poli­ti­schen Intri­gen vol­ler Grau­sam­keit, Macht­geil­heit und Sex fin­den nicht in Film oder Seri­en statt. Viel­mehr schreibt die Geschich­te sie in den dun­kels­ten Farben.

Die Geschich­te beginnt mit der Zeit der Mak­ka­bä­er. Isra­el hat­te unter den Mak­ka­bä­ern in einem blu­ti­gen Unab­hän­gig­keits­krieg die Herr­schaft der Grie­chen abge­schüt­telt. Nach einer Zeit der grau­sa­men Unter­drü­ckung erhob sich die Bevöl­ke­rung gegen das Régime von Antio­chus IV.

Unter Judas Mak­ka­bä­us wur­de gegen die hel­le­nis­ti­sche Fremd­herr­schaft eine Art von Gue­ril­la-Krieg geführt. Im Jahr v.Chr. 164 wur­de der Tem­pel befreit und gerei­nigt. Isra­el wur­de zum ers­ten Mal seit dem baby­lo­ni­schen Exil wie­der unab­hän­gig. Eine Unab­hän­gig­keit, die ledig­lich knapp 100 Jah­re wäh­ren sollte.

Die­se Unab­hän­gig­keit kann als eine Blau­pau­se für spä­te­re Unab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen gese­hen wer­den, wel­che sich in Revo­lu­ti­ons­ver­su­chen äußer­ten und schluss­end­lich im gro­ßen jüdisch-römi­schen Krieg mündete.

Zurück zur Mak­ka­bä­er­zeit. Aus dem Geschlecht der Mak­ka­bä­er wur­den Pries­ter­kö­ni­ge ein­ge­setzt. Die reli­giö­se und die welt­li­che Macht wur­den mit­ein­an­der ver­schmol­zen (gegen das alt­tes­ta­ment­li­che Gesetz, das hier eine Gewal­ten­tei­lung vorsah).

Die Zeit war aber kei­ne Zeit des Frie­dens. Das Reich Isra­el erreich­te mit der Zeit eine gro­ße Aus­deh­nung und war poli­tisch durch­aus erfolg­reich. Im Inne­ren des Rei­ches gab es aber Intri­gen und Mach­kämp­fe die grau­sam geführt wurden.

Die Herrschaft Roms

Rom herrsch­te mit­tels ver­schie­de­ner For­men erst seit 63 v.Chr. über Isra­el. Schuld dar­an war ein Mephis­to-Pakt zwi­schen Jeru­sa­lem und Rom in den 60er Jah­ren vor Chris­tus. Mit Rom ging Isra­el qua­si einen Pakt mit dem Teu­fel ein, aus dem sie nicht mehr raus­kom­men sollten.

Wäh­rend der Herr­schaft der Mak­ka­bä­er ver­bün­de­te sich das unab­hän­gi­ge Reich mit Rom. Als dann zwei Prin­zen-Brü­der sich nicht eini­gen konn­ten, wer die Macht als König bekom­men soll­te, began­nen sie damit, einen blu­ti­gen Bür­ger­krieg zu füh­ren. Bei­de rie­fen nach Rom um Hilfe.

Rom kam um zu blei­ben und besetz­te seit­dem das Land und glie­der­te es lang­fris­tig in sein Impe­ri­um ein. Sogar der Tem­pel wur­de 63 v.Chr. durch den römi­schen Feld­herrn Pom­pei­us ent­weiht; er ging ein­fach in das Aller­hei­ligs­te des Tem­pels hin­ein. Rom war seit­dem völ­lig humor­los, was bereits gerings­te Ver­su­che zur Unab­hän­gig­keit betraf.

Auf­stän­de wur­den durch Mas­sen­kreu­zi­gun­gen blu­tig nie­der­ge­schla­gen. Das Impe­ri­um schlug erbar­mungs­los zu und zurück. Eine inter­es­san­te Wen­dung nahm die Geschich­te von Pom­pei­us für die Juden der Zeit damals, als die­ser meh­re­re Jah­re nach sei­ner Tem­pel­ent­wei­hung sei­nen Kopf los wur­de. Dies sahen eini­ge Juden als eine Stra­fe Got­tes an.

Der bri­ti­sche Neu­tes­ta­ment­ler Nico­las Tho­mas Wright schreibt in sei­nem Werk „Das Neue Tes­ta­ment und das Volk Gottes“:

Die Römer erb­ten die Ver­ach­tung gegen­über Baby­lon und Antio­chus, die Ver­ach­tung der gan­zen ein­drin­gen­den hel­le­nis­ti­schen Kul­tur. Sie schaff­ten es, die Lage noch dadurch zu ver­schlim­mern, dass sie (so erschien es den meis­ten Juden) mit einer unsen­si­blen Arro­ganz regier­ten, die stän­dig an die Art von Pro­vo­ka­ti­on gren­ze, die zur Rebel­li­on reizt.“ 

Es muss einer kommen: Die Messiashoffnung

Die Zeit war Mes­si­as-Schwan­ger. Im wahrs­ten Sinn des Wortes.

Es gab die Hoff­nun­gen, die im Alten Tes­ta­ment for­mu­liert wur­den. Die­se wur­den wach­ge­hal­ten. Dass Gott selbst sein Reich auf­rich­ten wür­de, war durch die Pro­phe­ten vor­her­ge­sagt wor­den (Jes 2,2–4; Micha 4,15 usw.). Eine end­zeit­li­che Heils­zeit wur­de erwartet.

Alle Völ­ker soll­ten sich zu Gott wen­den und die Welt erfüllt wer­den von der Erkennt­nis Got­tes, sowie Was­ser die Mee­re bede­cken (Jes 56,1–8; Sachar­ja 2,19–15 und 9,5–7). Damit gab es auch die Hoff­nung auf einen mes­sia­ni­schen König, der ein Nach­fah­re des berühm­ten Königs Davids sein wird (2. Samu­el 7,12–16; Jesa­ja 11,1 und Jere­mia 33,15).

Die­ser Mes­si­as soll­te sein Reich auf­rich­ten (Dani­el 7,12–16 und 27). In die­sem Reich Got­tes wird Gott Heil schaf­fen und die Schöp­fung in ihrer Gesamt­heit in Ord­nung brin­gen (Jesa­ja 24–27; 52,7–60; 60 und 65; Sachar­ja 14 und Malea­chi 1,14). Der end­gül­ti­ge Sieg über das Böse wird ange­kün­digt und beschrie­ben. Alle Fein­de Got­tes soll­ten ver­nich­tet wer­den (Micha 5,8–14 und Zefan­ja 2,9–13).

Die Art, wie die Men­schen auf den Mes­si­as hoff­ten, war durch­aus viel­sei­tig. Wäh­rend die Esse­ner sich in die Ein­sam­keit zurück­zo­gen und eine Gegen­ge­sell­schaft bil­de­ten, erhoff­ten die Pha­ri­sä­er die­se Zeit durch eine strik­te Ein­hal­tung des Geset­zes her­bei­zu­füh­ren. Auf­rüh­re­ri­sche Grup­pen (die spä­ter Zelo­ten genannt wur­den) woll­ten die Sache selbst in die Hand neh­men und erwar­te­ten Got­tes Ein­grei­fen erst dann, wenn sie selbst zu den Waf­fen griffen.

Herodes und die Weihnachtsgeschichte

Ein König der Gegensätze

Hero­des war ein König der Gegen­sätz­lich­keit. Er war eine Mischung aus geni­al und grau­sam, spen­da­bel und para­no­id. Die Römer hat­ten Hero­des den Gro­ßen als König ein­ge­setzt. Er soll­te dort in einer schwie­ri­gen Gegend für Ord­nung sor­gen und Ruhe schaf­fen. Ansons­ten hat­te er aber viel Nar­ren­frei­heit. In einer Zeit, in der das römi­sche Impe­ri­um auf dem Zenit sei­ner Macht war. Es galt als unbesiegbar.

Rom setz­te die­sen Hero­des als König über Isra­el ein. Er war ein Vasall von Roms Gna­den. Die­ser Hero­des, es gab vie­le mit dem Namen, wur­de Hero­des der Gro­ße genannt. Er regier­te zur Zeit von Jesu Geburt. Ins­ge­samt regier­te er über 30 Jah­re. Von sei­ner Her­kunft wegen war er schon nicht son­der­lich beliebt.

Hero­des war kein Nach­kom­me Davids, des eigent­li­chen Herr­scher­ge­schlechts. Sei­ne Mut­ter war ver­mut­lich eine Ara­be­rin, sein Vater war ein Idu­mä­er, als ein Nach­fah­re der Edo­mi­ter, wel­che auf Esau zurück­ge­führt wer­den. Unter den Mak­ka­bä­ern wur­den die Edo­mi­ter in den jüdi­schen Glau­ben eingegliedert.

Der paranoide König: Herodes

Hero­des war der Inbe­griff eines para­no­iden Des­po­ten. Er regier­te grau­sam und war gleich­zei­tig geni­al. Geni­al war er in sei­nen Bau­pro­jek­ten. Pres­ti­ge Pro­jek­te konn­te er so über­all aus dem Boden stamp­fen. Bei Hero­des dem Gro­ßen gab es kein PR Desas­ter wie bei manch einem Flug­ha­fen­bau in der jün­ge­ren Geschich­te eines füh­ren­den euro­päi­schen Industrielandes.

Den Tem­pel ließ er völ­lig erneu­ern und qua­si neu bau­en. Er finan­zier­te die Olym­pi­schen Spie­le. Im gan­zen Land ver­an­lass­te er Bau­pro­jek­te. Eine beson­de­re Erwäh­nung ver­dient noch den Aus­bau einer schwer ein­nehm­ba­ren Wüs­ten­fes­tung in Massa­da, wel­che im Jüdi­schen Krieg eine beson­de­re Bedeu­tung noch erhal­ten sollte.

Gleich­zei­tig war er auch grau­sam. Selbst­ver­ständ­lich gegen sei­ne Fein­de, aber auch gegen­über Freun­den und sogar gegen­über sei­nen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, die viel­leicht ein­mal etwas gegen ihn gehabt haben könn­ten, unter Umstän­den, die mög­li­cher­wei­se ein­mal ein­tre­ten wür­den. In sei­nem Herr­schafts­ge­biet war klar: Ein Hero­des teilt sei­ne Macht mit niemandem.

Er war das Gesetz. Er ent­schied. Einen Wider­spruch dul­de­te er nicht. Dort, wo er sei­ne Macht in Gefahr sah, schlug die eiser­ne Faust sei­nes Appa­rats bru­tal zu. Zumeist mit der poli­ti­schen Waf­fe des Mor­des. Dies muss­te auch sei­ne Frau erlei­den. Hero­des hat­te zwar 10 Frau­en, aber eine von ihnen war sei­ne Lieb­lings­frau. Ihr Name war Mariamne.

Herodes tötliche Liebschaft

Mari­an­ne war eine jüdi­sche Venus. Eine Prin­zes­sin aus der Mak­ka­bä­er-Dynas­tie, der Sip­pe der frü­he­ren Köni­ge von Isra­el. Für die­se Schön­heit war er Feu­er und Flam­me. Aller­dings galt dies nicht für ihren Bru­der. Er befürch­tet, dass die­ser ihm ein­mal, viel­leicht, unter Umstän­den, wenn sich für ihn die Gele­gen­heit erge­ben soll­te, zum Riva­len wer­den könn­te. Denn was wäre schließ­lich, wenn?

Daher ließ er ihn kur­zer­hand umbrin­gen. Sein Mot­to lau­te­te: Ein Mensch, ein Pro­blem – ein toter Mensch, kein Pro­blem. Sei­ne Frau Mariam­ne fand das ver­ständ­li­cher­wei­se gar nicht in Ord­nung und mach­te aus der Ehe eine WG. Sie trat also in den Sex-Streik. Hero­des, der davon nicht son­der­lich begeis­tert sein dürf­te, ließ sie spä­ter im Streit hinrichten.

Wohl­ge­merkt sei­ne ehe­ma­li­ge Lieb­lings­frau. Das ist übri­gens die schlech­tes­te Form der Kon­flikt­be­wäl­ti­gung über­haupt. Die bei­den Kin­der, die er mit ihr hat­te, muss­ten auch noch ster­ben. Denn was wäre, wenn sie ihre Mut­ter hät­ten rächen wollen?

Kai­ser Augus­tus soll über Hero­des gesagt haben: “An sei­nem Hof ist es bes­ser, ein Schwein zu sein, als einer sei­ner Söh­ne.” Schließ­lich ernähr­te sich König Hero­des Koscher und ver­zich­te­te auf Schwei­ne­fleisch. Das war immer­hin ein Bereich, an dem er sich an die alt­tes­ta­ment­li­chen Gebo­te hielt.

Der klebende Geruch des Todes

Hero­des war ein Des­pot, der über­all Fein­de sah. Man kann mit Fug und Recht von einem para­no­iden König spre­chen. Übri­gens, einen drit­ten Sohn ließ er auch noch ermor­den. Als eini­ge sei­ner Ange­stell­ten dies zu kri­ti­sie­ren wag­ten, ließ er hun­der­te Offi­zie­re töten. Kri­tik war unerwünscht.

Auch gegen die Bevöl­ke­rung wütet er bru­tal. Als es Demons­tra­tio­nen gegen einen römi­schen Adler auf dem Tem­pel gab, den Hero­des hat­te anbrin­gen las­sen, ließ er die Anfüh­rer, die den Adler abge­hängt hat­ten, verbrennen.

Als Hero­des der Gro­ße dann schwer krank wur­de (ver­mut­lich hat­te er Darm­krebs) und sich auf das Ster­ben vor­be­rei­ten soll­te, hat­te er die Befürch­tung, dass sein Tod Jubel­stür­me in Isra­el aus­lö­sen könn­ten. Das war für ihn ein Alptraum.

Kei­ner soll­te sich an dem Tag sei­nes Todes freu­en. Des­we­gen befahl er, dass vie­le jüdi­sche Pro­mi­nen­te gefan­gen genom­men wer­den soll­ten, um an sei­nem Todes­tag abge­schlach­tet zu wer­den. So soll­te das Volk sei­nen Todes­tag betrau­ern und es ver­hin­dert wer­den, dass die­ser Tag als Fest gefei­ert wird. Die­ser Befehl wur­de von sei­nen Offi­zie­ren glück­li­cher­wei­se nicht vollstreckt.

Übri­gens: Weil Hero­des so ein gefähr­li­cher Des­pot war, flo­hen vie­le Bür­ger aus Isra­el nach Ägyp­ten. In Alex­an­dria gab es eine gro­ße jüdi­sche Community.

Herodes: Der Kindermörder von Bethlehem?

Eng mit der Weih­nachts­ge­schich­te ver­bun­den ist der Kin­der­mord in Beth­le­hem. Der Evan­ge­list Mat­thä­us berich­tet davon. Da Hero­des Jesus nicht als Kind direkt töten kann, lässt er pau­schal alle Kin­der in der Alters­klas­se von unter zwei Jah­ren umbringen.

Die His­to­ri­zi­tät die­ses Berich­tes wur­de immer wie­der ange­zwei­felt. Dies hängt unter ande­rem auch damit zusam­men, dass zeit­ge­nös­si­sche Quel­len die­sen Kin­der­mord nicht erwäh­nen. Der Exeget Ulrich Luz schreibt in sei­nem Evan­ge­lisch-Katho­li­schen Kom­men­tar zu Matthäus:

Weder die satt­sam bekann­te Grau­sam­keit des Hero­des noch die Tat­sa­che, daß Ägyp­ten immer schon Zufluchts­ort für Ver­folg­te in Isra­el gewe­sen ist hel­fen viel […] Ein­zel­hei­ten blei­ben his­to­risch unver­ständ­lich, etwa, war­um der schlaue Fuchs Hero­des so lan­ge war­tet, bis ihm nur noch ein poli­tisch unklu­ger Mas­sen­mord übrig­blieb. Unse­re Geschich­te hängt außer­dem an der ver­mut­lich unhis­to­ri­schen Tra­di­ti­on von der Geburt Jesus in Bethlehem.”

In sei­nem Kom­men­tar „Mat­thä­us für Heu­te“ schreibt der angli­ka­ni­sche Theo­lo­ge N. T. Wright aller­dings zu die­ser Frage:

Hero­des der Gro­ße dach­te sich nichts dabei, Mit­glie­der sei­ner eige­nen Fami­lie zu ermor­den. Wenn er Men­schen ver­däch­tig­te, Plä­ne gegen ihn zu schmie­den, ließ er sie ein­fach umbrin­gen, sogar sei­ne eige­ne gelieb­te Frau. Er ord­ne­te noch im Ster­ben an, man möge die füh­ren­den Bür­ger Jeri­chos umbrin­gen. Damit woll­te er sicher­stel­len, dass die Men­schen an sei­ner Beer­di­gung wei­nen wür­den. Die­ser Hero­des wür­de bei dem Gedan­ken, vie­le klei­ne Babys zu töten, weil eines ein Anwär­ter auf den Königs­thron sein könn­te, nicht ein­mal mit der Wim­per zucken. Mit sei­ner Macht hat­te auch sei­ne Para­noia zuge­nom­men – kei­ne unbe­kann­te Ent­wick­lung, wie man bei Dik­ta­to­ren rund um die Welt von damals bis heu­te fest­stel­len kann.“

Zu beach­ten ist aller­dings, dass Hero­des immer sehr weit ging, um sei­ne Macht zu sichern. Skru­pel kann­te er nicht und Gewis­sens­bis­se schien er erfolg­reich zu ver­drän­gen. Auch ein Kin­der­mord ist ihm durch­aus zuzu­trau­en. In Beth­le­hem dürf­ten zu die­ser Zeit unge­fähr 20–30 Kin­der in der Alters­klas­se gelebt haben.

Dass ande­re his­to­ri­sche Quel­len den Kin­der­mord nicht erwäh­nen, spricht nicht gegen des­sen His­to­ri­zi­tät. Für Hero­des wäre solch eine Tat nicht außer­ge­wöhn­lich und die Tat wäre nicht viel mehr als eine his­to­ri­sche Fußnote.

Christus ist geboren! Aber wo?

Geboren in Bethlehem oder Nazareth?

Die Berich­te der Evan­ge­li­en stim­men über­ein. Jesus ist in Beth­le­hem gebo­ren und in Naza­reth erwach­sen geworden.

Mit der Zeit der his­to­risch-kri­ti­schen Erfor­schung der Evan­ge­li­en kamen Zwei­fel an der Rich­tig­keit die­ser Anga­ben auf. In ihrem Lehr­buch „Der his­to­ri­sche Jesus“ (wel­ches als ein Stan­dard­werk gilt) kom­men die Autoren Gerd Thei­ßen und Annet­te Merz zu dem Schluss:

Jesus stammt aus Naza­reth. Die Ver­la­ge­rung des Geburts­or­tes nach Beth­le­hem ist ein Ergeb­nis reli­giö­ser Phan­ta­sie und Vor­stel­lungs­kraft: Weil der Mes­si­as nach der Schrift in Beth­le­hem gebo­ren wer­den muß­te, wur­de Jesu Geburt dort­hin verlegt.“

Kurz gesagt: Für eini­ge Theo­lo­gen klin­gen die­se Berich­te etwas zu fin­giert, um die alt­tes­ta­ment­li­che Pro­phe­zei­ung zu erfül­len, dass der Mes­si­as in Beth­le­hem gebo­ren wur­de. Eng damit zusam­men hing auch die Fra­ge, ob in der Zeit von Jesu Geburt wirk­lich ein Zen­sus, sprich eine Volks­zäh­lung, statt­ge­fun­den hatte.

Das spricht für Betlehem

Schließ­lich berich­tet der jüdi­sche His­to­ri­ker Fla­vi­us Jose­phus erst 6 n. Chr. von einer Volks­zäh­lung. Aller­dings bedeu­tet dies nicht, dass die Anga­ben von Lukas falsch sind. Zum einen unter­lie­fen Fla­vi­us Jose­phus gele­gent­lich Feh­ler, was Jah­res­an­ga­ben betraf und zum ande­ren gab es zahl­rei­che Volks­zäh­lun­gen in den Jah­ren vor der Zei­ten­wen­de. Augus­tus schien Zah­len und Sta­tis­ti­ken zu mögen.

Zugleich macht auch für Josef ein Umzug vor der Geburt von Naza­reth nach Beth­le­hem Sinn. Die Frau, die er hei­ra­ten woll­te, Maria, war schwan­ger. Vor der Ehe­schlie­ßung, was bereits Skan­dal genug war und zusätz­lich wuss­te er, dass er nicht der Vater war. Beth­le­hem bot eine gute Gele­gen­heit, aus die­sem Skan­dal her­aus­zu­kom­men, bzw. dies nicht sicht­bar wer­den zu lassen.

In Naza­reth ent­brann­te in der Zeit, in der Jesus in Bet­le­hem bzw. in Ägyp­ten war, die Lun­te einer Kata­stro­phe. Wenn Maria und Joseph tat­säch­lich nach Beth­le­hem gin­gen (wovon ich aus­ge­he), dann ret­te­te dies ihnen unter Umstän­den sogar das Leben. In Gali­läa gab es nach dem Tod von Hero­des dem Gro­ßen Aufstände.

Auch in Naza­reth ist die Stim­mung revo­lu­tio­när. Die Wut und der Frust der Bevöl­ke­rung ent­lädt sich mit Gewalt. Der römi­sche Feld­herr Varus schlägt die­se Auf­stän­de mit äußers­ter Bru­ta­li­tät nie­der. Rom setz­te sein Mili­tär als Kil­ler­ma­schi­ne ein.

Mas­sa­ker rund um Naza­reth (und ver­mut­lich auch in Naza­reth) wur­den began­gen, Aber­tau­sen­de Men­schen wur­den ver­sklavt. Es war übri­gens der Varus, der spä­ter im Kampf mit den Ger­ma­nen sei­nen Kopf ver­lie­ren sollte.

Lassen wir den Stall im Haus?

In tra­di­tio­nel­len Dar­stel­lun­gen wird Jesus außer­halb der Häu­ser in einem Stall oder einer Stall­höh­le zur Welt gebracht. Nach dem bibli­schen Zeug­nis wur­de er im Stall gebo­ren, aber unse­re Vor­stel­lung von die­sem Stall könn­te falsch sein.

Auf den Weih­nachts­märk­ten der heu­ti­gen Zeit fin­den wir schö­ne Nach­bil­dun­gen von Maria und Josef, mit Jesus in einem (euro­päi­schen) Stall. Maria und Josef fan­den kei­ne Her­ber­ge. Die­se Her­ber­gen darf man sich aller­dings nicht wie ein heu­ti­ges Hotel oder eine Jugend­her­ber­ge vor­stel­len. Es ähnelt viel­mehr dem, was wir heu­te als ein Gäs­te­zim­mer in einem Pri­vat­haus kennen.

N. T. Wright schreibt dazu:

Wir soll­ten klar vor Augen haben, wo die bei­den unter­ge­kom­men waren. In vie­len Krip­pen­spie­len sehen wir, wie sie an die Tür einer Gast­stät­te anklop­fen. Weil es dort kein Zim­mer mehr für sie gab, bot man ihnen den Stall an, in dem auch Tie­re waren. Aber das Wort für „Her­ber­ge“ in der tra­di­tio­nel­len Über­set­zung hat ver­schie­de­ne Bedeu­tun­gen. Wahr­schein­lich über­nach­te­ten sie im Erd­ge­schoss eines Hau­ses, in dem Men­schen nor­ma­ler­wei­se im Ober­ge­schoss leb­ten. Das Erd­ge­schoss wur­de oft als Stall für die Tie­re genutzt – daher die Krip­pe, die sich dann als Wie­ge anbot –, aber es steht nir­gends, dass tat­säch­lich Tie­re dort waren.“

Auch wenn es nicht gesi­chert ist, könn­te der Stall durch­aus im Haus gewe­sen sein. Ein Fut­ter­trog für Tie­re war auch dann vor­han­den. Im Isra­el des 1. Jahr­hun­derts kam es durch­aus vor, dass Haus und Stall eine bau­li­che Ein­heit waren.

Besucher ohne Prestige

Die Gratulanten aus der Unterschicht

Die Hir­ten auf dem Feld waren die ers­ten Gra­tu­lan­ten. Wir kön­nen auch sagen, dass die Unter­schicht zu Besuch kommt. Die Arbeit als Hir­te war kei­ne roman­ti­sche Arbeit. Sie war vol­ler Ent­beh­run­gen und von der unan­ge­neh­men nächt­li­chen Kälte.

Es war ein Kno­chen­job der Unter­schicht. Es waren auch in der Regel nicht die eige­nen Scha­fe, son­dern die Scha­fe eines gut betuch­ten Bau­ers, auf die sie auf­zu­pas­sen hat­ten und dem sie auch einen Aus­gleich zah­len muss­ten, wenn ein Schaf ver­lo­ren ging.

So waren die ers­ten Besu­cher nicht die klas­si­schen Gäs­te einer Königs­ge­burt, son­dern die­je­ni­gen, die am Rand der Gesell­schaft stan­den und mit ihren stin­ken­den Klei­dern zum Neu­ge­bo­re­nen kamen.

Beschenkt von Heiden

Las­sen Sie es mich direkt sagen. Die „Hei­li­gen drei Köni­ge“ hat es nicht gege­ben. Ihre Bezeich­nung ent­stand erst 200 Jah­re nach Chris­tus. Die Bibel berich­tet nicht von Köni­gen, son­dern von Magi­ern aus dem Osten.

Es könn­ten Ange­hö­ri­ge einer per­si­schen Pries­ter­kas­te sein, die sich auch mit der Stern­kun­de und mit der Deu­tung von Träu­men beschäf­ti­gen. Einen guten Ruf hat­ten sie in der jüdi­schen Kul­tur eher nicht. Zum Teil wur­den sie von Rab­bi­nern als Got­tes­läs­te­rer bezeichnet.

Wir sehen, die ers­ten Besu­cher des Chris­tus waren Men­schen von zwei­fel­haf­tem Ruf.

Fazit: Eine Welt aus den Fugen

Sie haben sich mit mir auf eine Rei­se in die Zeit von Weih­nach­ten gemacht. Soll­ten Sie ver­klär­te Vor­stel­lun­gen über Weih­nach­ten gehabt haben, dann hof­fe ich, dass die­se Vor­stel­lun­gen einen Pro­zess der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung durch­lau­fen haben.

Schließ­lich ist es unmög­lich, einer­seits die moder­nen For­schungs­er­geb­nis­sen zu betrach­ten, d.h. die Geschich­te, Quel­len wie Jose­phus und das Wis­sen über die Lebens­rea­li­tät der Welt des 1. Jahr­hun­derts, ande­rer­seits aber gleich­zei­tig an den roman­ti­schen Vor­stel­lungs­wel­ten der moder­nen Weih­nachts­markt-Gefüh­le festzuhalten.

Und wer es doch tut, muss wis­sen, dass er der Bot­schaft von Weih­nach­ten kei­nen Gefal­len tut.

Viel­mehr tut sich uns die scho­nungs­lo­se Welt der ers­ten Weih­nacht auf. Eine Welt aus den Fugen. Eine Welt der Dun­kel­heit. Eine Welt vol­ler Unsi­cher­heit und poli­ti­scher und sozia­ler Gewalt. Eine Welt, in der die Grund­ver­sor­gung nicht für alle gege­ben war. Die­se Welt war vol­ler Unsicherheiten.

In die­se Welt der Intri­gen und Gewalt, in eine Gesell­schaft, die zer­ris­sen und ener­gie­ge­la­den war, ist Gott in Chris­tus hin­ein­ge­bo­ren. Got­tes Pro­jekt ging mit­ten in der dun­kels­ten Dun­kel­heit in eine neue Pha­se hinein.

Die Welt, die in der Fins­ter­nis leb­te, wur­de von einem hel­len Licht über­rascht, aber der Groß­teil hat es nicht erfasst. Wer es erfass­te und sich dar­auf ein­ge­las­sen hat, der wur­de von Hoff­nung über­rascht. Und hier ent­steht mehr als Hoff­nung. Hier bricht ein neu­es Kapi­tel der Welt­ge­schich­te an. Die Welt wur­de für immer verändert.

Mit dem Bild eines Com­pu­ters gespro­chen: Got­tes Königs­herr­schaft wur­de „her­un­ter­ge­la­den” und zwi­schen dem ers­ten und zwei­ten Kom­men von Jesus wird die­ses „Update” instal­liert. Noch sind wir in die­sem Pro­zess, aber weil Chris­tus Mensch wur­de, haben wir die Per­spek­ti­ve auf die neue Ver­si­on, die kom­men wird.

Weihnachten für heute

Wie geht es Ihnen nach die­sem Arti­kel mit dem Weih­nachts­fest? Ich wün­sche Ihnen, dass für Sie das, was an Weih­nach­ten wirk­lich gesche­hen ist, in einer neu­en Schär­fe vor Augen steht. Hoff­nung, die nicht naiv ist, beginnt mit dem rea­lis­ti­schen Blick auf die Welt und einem Gott, der trotz­dem handelt.

Sie öff­net eine Per­spek­ti­ve, die gesell­schaft­li­che Unru­hen nicht ein­fach weg­wischt, die das Leid und die Not nicht klein redet oder aus­klam­mert, son­dern die durch die­se Situa­tio­nen hin­durch eine Per­spek­ti­ve hat, durch den, der an der ers­ten Weih­nacht kam und der wie­der­kom­men wird.

Die Gewiss­heit von Weih­nach­ten ist, dass Gott in die Dun­kel­heit und in die Grau­sam­keit unse­rer Welt hin­ein­ge­kom­men ist. Schutz­los als Säug­ling und dass dort die gro­ße Geschich­te begon­nen hat, als Gott mit Chris­tus anfing, unse­re Welt in Ord­nung zu bringen.

Weih­nach­ten ist mehr als eine Erin­ne­rung der Hoff­nung, son­dern viel­mehr deren Grund­la­ge, “denn euch ist heu­te der Hei­land gebo­ren, wel­cher ist Chris­tus, der Herr, in der Stadt Davids.” (Lk 2,11)

Johannes Traichel

Über den Autor

Johannes Traichel ist Pastor der FeG in Donaueschingen und Autor von zwei Bücher.

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  1. Ein sehr guter Arti­kel, wel­cher mir zum einen vie­le neue Fak­ten über die Zeit Jesu auf­ge­zeigt hat (und mich somit auch moti­viert hat, mich selbst inten­si­ver mit den geschicht­li­chen Hin­ter­grün­den aus­ein­an­der­zu­set­zen) und zum ande­ren sehr gut die Erlö­sungs­be­dürf­tig­keit der Mensch­heit auf­ge­zeigt hat. Und die­se ist in der heu­ti­gen Zeit nicht gerin­ger als damals, als der Hei­land gebo­ren wurde.

    Fro­he Weihnachten.

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