Helmut Burkhardt und die theozentrische Ethik

Von Johannes Traichel

Vor 9 Monaten

Christ­li­che Ethik ist ein span­nen­des, hei­ßes und ver­min­tes Gebiet. Wäh­rend frü­her die Dog­ma­tik als das Gebiet der Streit­fra­gen galt, ist es heu­te die Ethik in den christ­li­chen Kir­chen und Gemein­den. Frü­her zer­bra­chen christ­li­che Kir­che an der Fra­ge der Dog­ma­tik, sowie an der Fra­ge der Tau­fe oder des Ver­ständ­nis­ses des Abend­mahls, heu­te gibt es bereits Span­nun­gen und Tren­nun­gen von Gemein­den auf­grund der Ethik.

Ein Wandel in der Zeit

Diet­rich Bon­hoef­fer konn­te zu sei­ner Zeit noch in sei­ner Ethik schreiben:

Nur sel­ten mag eine Gene­ra­ti­on jeder theo­re­ti­schen und pro­gram­ma­ti­schen Ethik so unin­ter­es­siert gegen­über­ge­stan­den haben wie die unse­re. Die aka­de­mi­sche Fra­ge eines ethi­schen Sys­tems erscheint als die über­flüs­sigs­te aller Fra­gen.“ (Bon­hoef­fer, Ethik, S. 62).

Heu­te kann dies nicht mehr gesagt wer­den. Im Gegen­teil. Christ­li­che Ethik steht häu­fig im Mit­tel­punkt von umstrit­te­nen Debat­ten in der Theo­lo­gie und den christ­li­chen Gemeinden. 

Daher ist es umso erfreu­li­cher, dass mit den Ethik Bän­den von Hel­muth Burk­hardt nun ein fun­dier­ter Ent­wurf bei Logos erscheint! Um es vor­weg zu neh­men: Ich hal­te den Ent­wurf von Burk­hardt für die bes­te deutsch­spra­chi­ge Ethik, die aktu­ell (2023) auf dem Buch­markt ist. Burk­hardt legt einen fun­dier­ten Gesamt­ent­wurf dar, wel­cher durch­dacht, theo­lo­gisch sau­ber und von einer strin­gen­ten Argu­men­ta­ti­on durch­zo­gen ist. Künf­ti­ge Gesamt-Ent­wür­fe einer Ethik wer­den die schwe­re Auf­ga­be haben, aus sei­nem Schat­ten her­vor­zu­ste­chen. Für mich gehört Burk­hardt mit sei­ner Ethik in die Rei­he der gro­ßen theo­lo­gi­schen Ethi­ker wie Hel­mut Thieli­cke, Klaus Bock­mühl und Emil Brunner. 

Wer ist Helmut Burkhardt?

Hel­mut Burk­hardt ist vor allem als Dozent für Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie am Theo­lo­gi­schen Semi­nar St. Chrisch­o­na bekannt. Auch war Burk­hardt Grün­dungs­vor­sich­ten­der des Arbeits­krei­ses für evan­ge­li­ka­le Theo­lo­gie und somit ein prä­gen­der Theo­lo­ge im deutsch­spra­chi­gen evan­ge­li­kal /​pie­tis­ti­schen Kontext.

Anfang 2022 ver­starb Hel­mut Burk­hardt im Alter von 83 Jah­ren. Er wur­de in der dama­li­gen deut­schen Stadt Bres­lau gebo­ren. Als Zwan­zig­jäh­ri­ger kam er durch die „Fackel­trä­ger“ zum Glau­ben. Er stu­dier­te in Kiel und Tübin­gen evan­ge­li­sche Theo­lo­gie. Der bekann­te Neu­tes­ta­ment­ler Otto Michel soll­te prä­gend für ihn sein. Burk­hardt begann sei­nen Dienst in der Lan­des­kir­che von Eutin. Spä­ter war Burk­hardt ein Refe­rent der „Pfar­rer-Gebets­bru­der­schaft“. In die­ser Zeit gab es inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung von Bultmann. 

Burk­hardt wur­de auch zu einem der Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift „Theo­lo­gi­sche Bei­trä­ge“, wel­che bis heu­te eine gro­ße Reich­wei­te hat. Bekannt wur­de Burk­hardt auch durch die Her­aus­ga­be und Mit­ar­beit an ver­schie­de­nen Lexi­ka. So war er der Her­aus­ge­ber vom „Evan­ge­li­schen Lexi­kon für Theo­lo­gie und Gemein­de“, dem all­ge­mein ver­ständ­li­chen Lexi­kon „Das gros­se Bibel­le­xi­kon“ und das „Evan­ge­li­sche Gemein­de­le­xi­kon“. Auch war Burk­hardt im Bei­rat der „Theo­lo­gi­schen Ver­lags­ge­mein­schaft“, wel­che theo­lo­gisch fun­dier­te evan­ge­li­ka­le /​pie­tis­ti­sche theo­lo­gi­sche Bücher her­aus­gab. Burk­hardt wur­de im Jahr 1988 pro­mo­viert. Sei­ne Dok­tor­ar­beit trug den Titel „Die Inspi­ra­ti­on hei­li­ger Schrif­ten bei Phi­lo von Alexandrien“. 

Nach einer Begeg­nung mit dem ein­fluss­rei­chen Ethi­ker Klaus Bock­mühl, wur­de Burk­hardt im Jahr 1977 des­sen Nach­fol­ger als Dozent am Theo­lo­gi­schen Semi­nar St. Chrisch­o­na, an wel­chem er bis 2008 lehr­te und somit gan­ze Gene­ra­tio­nen von Pas­to­ren, Pre­di­ger und Mis­sio­na­re prägte. 

Für sei­ne Ethik bekam Burk­hardt vie­le posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen über die Gren­zen der Kon­fes­sio­nen hin­aus. So schrieb dazu der frü­he­re Rats­vor­sit­zen­der der EKD Dr. Bedford-Strohm zum Band II/​1:

Die Lek­tü­re die­ses Buches lohnt sich …, nicht nur, weil B. an vie­len Stel­len bibli­sche Ein­sich­ten für die Ethik frucht­bar macht, son­dern auch, weil er sich erfolg­reich bemüht, enge Glau­bens- und Denk­ho­ri­zon­te zu erwei­tern und den­noch eine kla­re Ori­en­tie­rungs­grund­la­ge zu ver­mit­teln.“ (Ver­öf­fent­licht in der Theo­lo­gi­schen Literaturzeitung)

Der Aufbau der Ethik Reihe

Die Ethik von Hel­mut Burk­hardt ist in drei Bän­de in vier Teil­bän­de unter­teilt. Im ers­ten Band legt Burk­hardt die Grund­la­gen der Ethik, wo er über die Fun­da­men­tal­ethik schreibt. Im zwei­ten Band, wel­ches in zwei Teil­bän­den ver­öf­fent­licht wur­de, geht Burk­hardt auf das gute Han­deln ein, also auf die Mate­ri­al-Ethik. Band III behan­delt dann noch die spe­zi­fisch christ­li­che Material-Ethik. 

Was will Ethik im Allgemeinen

Wor­um geht es in der Ethik? Ethik stellt sich die Fra­ge, was gutes Han­deln ist. Oder um es mit Burk­hardt zu sagen: „Ethik ist die Leh­re vom Ver­hal­ten des Men­schen.“ (Burk­hardt, Ein­füh­rung in die Ethik, S. 15).

Wie Burk­hardt auch ganz grund­sätz­lich auf­zeigt, gibt es in der Ethik zwei ver­schie­de­ne Ansät­ze. Es gibt die nor­ma­ti­ve Ethik und die deskrip­ti­ve Ethik. So kommt es bei der Wahl zwi­schen den bei­den Ansät­zen dar­auf an, ob man in der Auf­ga­be der Ethik die Begrün­dung von Prin­zi­pi­en und Nor­men sieht, oder ob Ethik die Auf­ga­be hat, zum Ver­ste­hen der mora­li­schen Pra­xis anzu­lei­ten. Burk­hardt ver­tritt die nor­ma­ti­ve Ethik. Bei ihm geht es um die Fra­ge, wie das rich­ti­ge Ver­hal­ten aus­sieht. Er schreibt:

In der Regel dage­gen wird Ethik als nor­ma­tiv ver­stan­den. Ihre Fra­ge ist dann nicht: Wie ver­hält der Mensch sich? son­dern: wie soll sich der Mensch ver­hal­ten? Nicht: Wel­ches ist fak­tisch in der Regel das Ver­hal­ten des Men­schen? son­dern: Wel­ches Ver­hal­ten ist das rech­te Ver­hal­ten? Ethik bleibt nicht bei der (mög­li­cher­wei­se schlech­ten) Wirk­lich­keit ste­hen, son­dern geht wei­ter zur Wahr­heits­fra­ge. Die Wahr­heit ist aber immer ver­pflich­tend. … Ethik ist die Leh­re vom Leben des Men­schen unter dem Gesichts­punkt sei­ner Ver­ant­wor­tung für des­sen rech­te Gestal­tung.“ (Burk­hardt, Ein­füh­rung in die Ethik, S. 16).

Hel­mut Burk­hardt zeigt ein­fach und ver­ständ­lich auf, wie sich Ethik in Fun­da­men­tal­ethik und Mate­ri­al­ethik (bei wel­cher es noch die spe­zi­fisch christ­li­che /​die Reich Got­tes Ethik gibt) auf­teilt. Wäh­rend die Fun­da­men­tal­ethik sich die Fra­ge stellt, wie der Mensch das gute Tun erkennt und wie der Mensch tun kann, was als das Gute erkannt wur­de, stellt sich die Mate­ri­al-Ethik die Fra­ge, was der Mensch zu tun hat, damit sein Han­deln gut sein soll.

Säkulare Ansätze der Ethik 

In sei­nem Band zur Fun­da­men­tal­ethik beschreibt Burk­hardt zunächst die ver­schie­dens­ten Ethik­ent­wür­fe. Er geht hier auf sämt­li­che säku­la­re Ethik­an­sät­ze ein und unter­zieht sie einer kri­ti­schen Wür­di­gung. So beschreibt er die posi­ti­vis­ti­sche Ethik, die uti­li­ta­ris­ti­sche Ethik, die natur­recht­li­che Ethik und die Situa­ti­ons­ethik. Er stellt die jewei­li­gen Ent­wür­fe sau­ber und fair dar, beschreibt ihre Begrün­dung, wür­digt ihre Wahr­heits­mo­men­te und beschreibt auch die Pro­ble­ma­tik des jewei­li­gen Ansatz. Bei der posi­ti­vis­ti­schen und situa­ti­ons­ethi­schen Ethik nimmt Burk­hardt wahr, dass sie die Geschicht­lich­keit des Lebens und der Situa­ti­on wahr­neh­men. Beim natur­recht­li­chen Ansatz sieht er die Bin­dung an gewis­se objek­ti­ve Norm posi­tiv an. Der uti­li­ta­ris­ti­sche Ansatz hat den posi­ti­ven Aspekt und begrün­det die inhalt­li­che Ori­en­tie­rung und Motivation.

In sei­nen Aus­füh­run­gen zur Mate­ri­al­ethik dis­ku­tiert Burk­hardt auch säku­la­re Ergeb­nis­se der Ethik und beschreibt die Unter­schie­de zu einer christ­li­chen, bzw. theo­zen­tri­schen Ethik. Dies wird unter Ande­rem an der pro­mi­nen­ten Fra­ge der Abtrei­bung deut­lich, in wel­cher Burk­hardt auch auf die Argu­men­ta­ti­on des aus­tra­li­schen Ethi­kers Peter Sin­ger und ande­ren säku­la­ren Ethik­an­sät­zen aus­führ­lich eingeht.

Wozu benötigen wir Ethik in der Theologie?

Braucht es eine spe­zi­fisch christ­li­che Ethik? In der christ­li­chen Exis­tenz gehö­ren Glau­ben und Leben zusam­men. Wah­rer Glau­be for­dert das rich­ti­ge Leben und das rich­ti­ge Leben, bzw. das rich­ti­ge Tun, benö­tigt den wah­ren Glau­ben. Eine Tren­nung von Glau­ben und Leben ist nicht vor­her­ge­se­hen. In der Theo­lo­gie gehö­ren daher christ­li­che Dog­ma­tik und christ­li­che Ethik zusam­men. Christ­li­che Ethik und christ­li­che Dog­ma­tik sind von­ein­an­der zu unter­schei­den, aber sie kön­nen nicht von­ein­an­der getrennt wer­den. So folgt die christ­li­che Ethik auf die Dog­ma­tik. Die Dog­ma­tik ist die Grund­la­ge der Ethik und die Ethik ist die Kon­se­quenz aus der zu Ende gedach­ten Dog­ma­tik. So schreibt auch Hel­mut Burkhardt:

Grund­sätz­lich gehö­ren also Dog­ma­tik und Ethik unlös­bar zusam­men. Ent­spre­chend ist eine ein­heit­li­che Dar­stel­lung der gan­zen christ­li­chen Leh­re immer wie­der wün­schens­wert. Die unter­schied­li­chen Aspek­te, die je in Dog­ma­tik und Ethik zum Zuge kom­men, kön­nen aber auch, vor allem aus prak­ti­schen Grün­den (geschlos­se­ne Dar­stel­lung der durch den je gemein­sa­men spe­zi­fisch dog­ma­ti­schen oder ethi­schen Aspekt ver­bun­de­nen Fra­gen), eine getrenn­te Dar­stel­lung recht­fer­ti­gen, die aber nie die sach­li­che Zusam­men­ge­hö­rig­keit ver­ges­sen darf. Des­halb muss die Dog­ma­tik immer auch ethi­sche Fra­gen mit im Blick haben, die Ethik dog­ma­ti­sche Fra­gen.“ (Burk­hardt, Ein­füh­rung in die Ethik, S. 25).

Inter­es­san­ter­wei­se wird der Zusam­men­hang von Dog­ma­tik und Ethik unter ande­rem bei Karl Barth in sei­ner Kirch­li­chen Dog­ma­tik deut­lich. In die­ser Dog­ma­tik fin­den sich regel­mä­ßig ethi­sche Impli­ka­tio­nen und Aus­füh­run­gen wie­der und zei­gen somit die Untrenn­bar­keit von bei­den theo­lo­gi­schen Dis­zi­pli­nen. In der evan­ge­li­ka­len gepräg­ten Ethik (6 Bän­de) von Tho­mas Schirr­ma­cher fin­den sich dage­gen regel­mä­ßig dog­ma­ti­sche Aus­füh­run­gen und Exkur­se wieder.

Die theozentrische Ethik 

Hel­mut Burk­hardt ver­tritt den Ansatz einer theo­zen­tri­schen Ethik. Dies hat zur Fol­ge, dass es bei Burk­hardt in der christ­li­chen oder theo­zen­tri­schen Ethik dar­um geht, dass der Mensch den Wil­len Got­tes erkennt und tut. Christ­li­che Ethik, so Burk­hardt, hat eine offen­ba­rungs­ge­schicht­li­che Begrün­dung und sie nimmt ernst, dass der Mensch für die Ethik auf Got­tes Anre­de und Wei­sung ange­wie­sen ist. 

Das leitende Motiv

Das Mot­to der theo­zen­tri­schen Ethik lau­tet: „Rich­tig han­delt, wer dem Wil­len Got­tes ent­spre­chend han­delt.“ (Burk­hardt, Ein­füh­rung in die Ethik, S. 49). Die­ser Ansatz fragt somit, was der Wil­le Got­tes ist, wel­cher in der Bibel bezeugt und offen­bart wird. Burk­hardt schreibt:

Wäh­rend alle bis­her behan­del­ten ethi­schen Ent­wür­fe im Vor­letz­ten ste­cken­blei­ben und damit in Unklar­heit und Unver­bind­lich­keit ver­har­ren, grün­det sich christ­li­che Ethik im Letz­ten, alles Begrün­den­den und Umfas­sen­den, in Gott, der nach bibli­schem Zeug­nis ein reden­der, sich und damit sei­nem Wil­len mit­tei­len­der Gott ist, grund­le­gend in sei­nen Gebo­ten (vgl. unter C I), uni­ver­sal in der Schöp­fung (vgl. unten C II), aber auch in indi­vi­du­el­ler Lebens­füh­rung durch den Geist (vgl. unten C III). Damit gewinnt christ­li­che Ethik zugleich Klar­heit und letz­te Ver­bind­lich­keit.“ (Burk­hardt, Ein­füh­rung in die Ethik, S. 50). 

Burk­hardt geht auch auf die Anfra­gen zur theo­zen­tri­schen Ethik ein. Die Fra­ge lau­tet, ob nicht des­halb etwas von Gott gewollt ist, weil es gut ist. Burk­hardt dreht die­sen Ansatz um und zeigt, dass Gott als sou­ve­rä­ner Schöp­fer der Herr über alles ist. Somit ist das, was Gott für gut erklärt, gut, weil Gott selbst gut ist. Er schreibt weiter:

Der Wider­stand gegen eine theo­lo­gi­sche Begrün­dung von Ethik ist in der Neu­zeit zusätz­lich ver­schärft durch das auf Auto­no­mie bedach­te moder­ne Bewußt­sein. Es steht im prin­zi­pi­el­len Gegen­satz zu den aus einer theo­zen­tri­schen Ethik sich erge­ben­den Gedan­ken des Gehor­sams. Indi­vi­du­el­le mensch­li­che Frei­heit ist der höchs­te Wert, in dem Mensch­sein sich ver­wirk­licht.“ (Burk­hardt, Ein­füh­rung in die Ethik, S. 51)

Geschichtliche Begründung und Ebenbildlichkeit

Anschlie­ßend beschreibt Burk­hardt die geschichts­theo­lo­gi­sche Begrün­dung der Ethik. In die­sem Kapi­tel behan­delt er die Geset­ze im Alten Tes­ta­ment, ihre wich­tigs­ten Inhal­te, die ent­spre­chen­den Fol­ge­run­gen dar­aus und die Refle­xi­on der alt­tes­ta­ment­li­chen Geset­ze im Zeug­nis des Neu­en Testaments. 

Im nächs­ten Teil geht Burk­hardt auf die schöp­fungs­theo­lo­gi­sche Begrün­dung der Ethik ein. Hier geht Hel­mut Burk­hardt auf Fra­gen von Gesetz und Schöp­fung, auf das Natur­recht und auf die grund­le­gen­de Leh­re vom Men­schen als Eben­bild Got­tes ein. Burk­hardt legt dar wie der Mensch als Got­tes Eben­bild im gefal­le­nen Zustand Sün­der und Geschöpf Got­tes ist, er dis­ku­tiert mit Barth über die Fra­ge der Eben­bild­lich­keit und kommt zu einem stim­mi­gen Gesamt­bild. Im Rah­men der Schöp­fung spricht er auch die Funk­ti­on und Eigen­art des mensch­li­chen Gewis­sens an und reflek­tiert diese. 

Die Ziel der theozentrischen Überlegung

Nach­dem Hel­mut Burk­hardt die Hand­lungs­frei­heit des Men­schen beschrie­ben hat, zieht er dar­aus die Kon­se­quen­zen. So ist der Mensch das Sub­jekt der Ethik, das Objekt der Ethik und die Mensch­lich­keit des Men­schen ist das Ziel der all­ge­mei­nen Ethik. 

In einem wei­te­ren Teil geht Burk­hardt auf die Fra­ge der Sün­de und Erlö­sung ein. Auch die Mög­lich­keit einer spe­zi­fisch christ­li­chen Ethik wird von der Escha­to­lo­gie her­kom­mend begrün­det. Das Christ­sein und das Christ­wer­den wird als eine Vor­aus­set­zung hier­für auf­ge­zeigt und in ihren Bedeu­tun­gen dar­ge­legt. Burk­hardt legt hier auch ver­schie­de­ne Ansät­ze der Hei­li­gung dar und begrün­det ein rea­lis­ti­sches Ver­ständ­nis der Hei­li­gung, wel­ches das Leben im Geist beschreibt. 

Als kon­stan­tes Ele­ment im Erken­nen von Got­tes Wil­len zeigt Burk­hardt den Wil­len Got­tes, wel­cher in den Büchern der Bibel auf­ge­schrie­ben wur­de. Burk­hardt schreibt:

Als Aus­druck der Schöp­fungs­ord­nung und des­halb all­ge­mein­gül­ti­ger Norm ist der Deka­log selbst­ver­ständ­lich auch für jeden Chris­ten ver­pflich­tend und Grund­la­ge aller christ­li­cher Ethik. Der Glau­be an Chris­tus löst uns kei­nes­wegs von die­ser Ver­pflich­tung (Mt 5,17; vgl. die aus­drück­li­che Rezep­ti­on des Deka­logs in Mt 15,4; 19,18f; Römer 13,9; Eph 6,2), son­dern ver­tieft sie eher noch. 1. For­mal ver­tieft sich die Ver­pflich­tung inso­fern, als der Gehor­sam gegen die Gebo­te nicht mehr nur auf die natür­li­chen Kräf­te des Men­schen ange­wie­sen ist, son­dern aus der Dank­bar­keit für die erfah­re­ne Gna­de lebt (Röm 8,4).… 2. Inhalt­lich kommt es zur Ver­tie­fung des Geset­zes durch die Kon­zen­tra­ti­on auf das Lie­bes­ge­bot (Mt 22,34–40; Röm 13,9f; Gal 5,14) und sei­ne radi­ka­le Aus­le­gung vor allem in der Berg­pre­digt, bis hin zum Gebot der Fein­des­lie­be (Mt 5,44; vgl. 1.Kor 13). … Neben dem Deka­log und als sei­ne Inter­pre­ta­ti­on tre­ten in der apos­to­li­schen Parä­ne­se des Neu­en Tes­ta­ments vor allem die sog. Haus­ta­fel.“ (Burk­hardt, Ein­füh­rung in die Ethik, S. 151).

Anschlie­ßend zeigt Burk­hardt auf, wie der Mensch in der Schrift Got­tes Wil­len durch Vor­bil­der erken­nen kann. So wird Jesus als das ulti­ma­ti­ve Vor­bild dar­ge­stellt, wel­chem in einer Nach­fol­ge Ethik zu fol­gen ist. Burk­hardt beschreibt auch das Vor­bild von Glau­ben­den, sieht aber auch die Gren­zen die­ses Ansatzes. 

Die Materialethik bei Helmut Burkhardt

In zwei Bän­den in drei Teil­bän­den geht Burk­hardt auf die Mate­ri­al-Ethik ein. Band II umfasst die Mate­ri­al-Ethik im Allgemeinen. 

Teilband I in Band II

Hier geht er im ers­ten Teil­band anhand der 10 Gebo­te vor. Auf­ge­teilt in eine Reli­gi­ons­ethik und eine Human­ethik wird die Ethik ent­fal­tet. Auch die heu­te eher kon­tro­vers debat­tier­ten Fra­gen der Human­ethik, wie die der Lebens­ethik, der Fra­ge nach der Todes­stra­fe, nach Krieg und Frie­den, sowie der Wehr­dienst­ver­wei­ge­rung wer­den behan­delt. Burk­hardt geht auch auf sen­si­ble Fra­gen wie die der Ster­be­hil­fe, der Organ­trans­plan­ta­ti­on und der Abtrei­bung ein. In sei­nen Aus­füh­run­gen zur Sozi­al­ethik beschreibt er die Funk­ti­on der Fami­lie und der Eltern und der Fami­li­en­ethik. Eine durch­aus span­nen­de Fra­ge ist bei Burk­hardt auch die Fra­ge nach der Demo­kra­tie und des Pro­blems vom Wider­stand gegen die Staatsgewalt.

Teilband II in Band II

Im zwei­ten Teil­band des zwei­ten Ban­des schreibt Burk­hardt über die Sexu­al­ethik, die Wirt­schafts­ethik, die Umwelt­ethik und die Kul­tur­ethik. Gründ­lich geht Burk­hardt hier auf die Fra­ge der Sexua­li­tät ein. Er beschreibt die Ganz­heit­lich­keit der Sexua­li­tät und ihre pro­ble­ma­ti­schen Ver­ein­sei­ti­gun­gen in Sexis­mus und Femi­nis­mus. Burk­hardt beschreibt das Ver­hält­nis der Geschlech­ter zuein­an­der, mit ihren jewei­li­gen Eigen­schaf­ten und Unter­schie­den und geht auch auf das Ver­hält­nis von Mann und Frau zuein­an­der ein. Er beschreibt die beja­hen­de Sicht der bibli­schen Schrif­ten zur Sexua­li­tät, wel­che ein inhalt­li­ches Kenn­zei­chen der Ehe ist. Er begrün­det die ethi­sche Posi­ti­on der Mono­ga­mie, bejaht die Lebens­läng­lich­keit der Ehe und begrün­det auch ihre Institutionalität. 

Auf­grund sei­ner beja­hen­den und posi­ti­ven Sicht über Sexua­li­tät und Ehe, kommt Burk­hardt im Ein­klang mit den bibli­schen Schrif­ten zu dem Ergeb­nis, dass die Ehe der Ort für die­se ist und somit schließt er Sexua­li­tät außer­halb, sprich vor oder neben einer Ehe aus. Es zeich­net sei­ne Ethik auch aus, dass er span­nungs­ge­la­de­ne The­men wie die der Ehe­schei­dung und Wie­der­hei­rat, aber auch die Fra­ge der Ehe­lo­sig­keit und der Homo­se­xua­li­tät nicht aus­spart, son­dern sach­lich, unauf­ge­regt und theo­zen­trisch behandelt. 

Ein gro­ßer Teil betrifft auch die Natur­ethik, bzw. die Wirt­schafts­ethik Hier geht er auf die Fra­ge nach Eigen­tum und Reich­tum, sowie Armut ein. Er behan­delt sowohl Fra­gen nach Schul­den und Zin­sen, aber auch gleich­zei­tig Fra­gen der Bil­dung. Ein sehr aktu­el­les The­ma ist auch die Umwelt­ethik, wel­che Burk­hardt hier ver­fasst hat. Hier beschreibt Burk­hardt die Ver­ant­wor­tung gegen­über der Gefähr­dung der Umwelt und bezeich­net dies als eine ethi­sche Her­aus­for­de­rung. Wohl­ge­merkt, Burk­hardt ver­öf­fent­lich­te die­se Aus­füh­run­gen im Jahr 2008. In die­sen Aus­füh­rung geht Burk­hardt auf die Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen mit sei­nem Ver­hal­ten gegen­über der Umwelt ein, aber auch auf die Fra­ge nach Ver­ant­wort­lich­keit im Gebiet der Poli­tik. Burk­hardt schreibt:

Das Bewusst­sein der mensch­li­chen Ver­ant­wor­tung für die Umwelt soll­te zunächst im Ver­hal­ten jedes Ein­zel­nen kon­kret wer­den. Auch wenn er kei­nen unmit­tel­ba­ren Ein­fluss auf die gro­ßen umwelt­po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen hat, kann er doch sei­ne eige­ne Ver­ant­wor­tung nicht ein­fach auf die anony­men Mäch­te Staat und Wirt­schaft abwäl­zen. Er ist viel­mehr in sei­nem pri­va­ten Umfeld auch selbst zu einem umwelt­schüt­zen­den Ver­hal­ten her­aus­ge­for­dert. … Es ist gut, wenn der Ein­zel­ne im pri­va­ten Bereich öko­lo­gi­sche Ver­ant­wor­tung wahr­nimmt. Aber das ist natür­lich nicht genug. Die öko­lo­gi­sche Pro­ble­ma­tik reicht über den pri­va­ten Bereich hin­aus und bedarf des­halb poli­ti­scher Rege­lung.” (Burhkardt, Ethik Band II/​2, S. 212–213)

Auch eine Tier­ethik wird bei Burk­hardt ange­spro­chen. Abge­schlos­sen wird Band II, die all­ge­mei­ne Mate­ri­al-Ethik durch Aus­füh­run­gen über die Kunst

Band III

Im Band III der Ethik beschreibt Hel­mut Burk­hardt die spe­zi­fisch christ­li­che Mate­ri­al­ethik. Hier geht es um eine Reich-Got­tes-Ethik, die noch­mals enger für den Glau­ben­den und die Gemein­de defi­niert wur­de. Im ers­ten Teil des Buches geht Burk­hardt exege­tisch durch die spe­zi­fisch christ­li­chen Ethik-Anwei­sun­gen im Neu­en Tes­ta­ment durch und behan­delt die­se aus­führ­lich. Hier wer­den Fra­gen der Ethik in der Gemein­de unter­ein­an­der, in der Mis­si­on, des Gebets und der Dia­ko­nie behan­delt. Bei der Mis­si­on und Dia­kon beschreibt Burk­hardt zu Recht, dass sie zum einen eine Ein­heit bil­den und zum ande­ren zu unter­schei­den sind. Burk­hardt schreibt:

Die eine Lie­be Chris­ti gibt also bei­de Auf­trä­ge: Mis­si­on und Dia­ko­nie. Mis­si­on wird durch Her­aus­for­de­run­gen des kon­kre­ten Lebens immer auch mit dia­ko­ni­schem Han­deln ver­bun­den sein, eben­so die Dia­ko­nie, bei aller nöti­gen Zurück­hal­tung, mit mis­sio­na­ri­schem Zeug­nis. Aber bei­de Auf­trä­ge set­zen doch unter­schied­li­che Akzen­te. Des­halb soll­ten auch die sie jeweils tra­gen­den Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen die­se unter­schied­li­chen Akzen­te in ihrer Ziel­set­zung und damit auch in der prak­ti­schen Arbeit klar zum Aus­druck brin­gen.” (Burk­hardt, Ethik Band III, S. 300).

Ein gesamter Eindruck

Wenn die drei Bän­de der Ethik von Hel­mut Burk­hardt betrach­tet wer­den, dann ergibt sich hier­aus eine über­zeu­gen­de und bibel­ge­bun­de­ne Sicht auf die Fra­ge des Lebens, der Hand­lung und des Guten, das der Mensch tut. Auf­grund sei­ner soli­den theo­lo­gi­schen Argu­men­ta­ti­on, sei­ner guten Ver­ständ­lich­keit und gleich­zei­tig sei­ner Kom­pakt­heit ist die­ser Ent­wurf eine enorm wert­vol­le Res­sour­ce für Theo­lo­gin­nen und Theo­lo­gen, sowohl im Stu­di­um, als auch im pas­to­ra­len Dienst. 

Wer einen guten Über­blick über eine soli­de pie­tis­tisch /​evan­ge­li­ka­le Ethik sich ver­schaf­fen möch­te, kommt an Burk­hardt nicht vor­bei, da er aus die­ser theo­lo­gi­schen Tra­di­ti­on den gründ­lichs­ten und gleich­zei­tig kom­pe­ten­tes­ten Ent­wurf lie­fert, der mir aus dem deutsch­spra­chi­gen Raum bekannt ist. Die Beschäf­ti­gung mit der Ethik von Hel­mut Burk­hardt ver­hü­tet auch gewis­se Stroh­mann-Argu­men­te gegen­über einer pie­tis­tisch /​evan­ge­li­ka­len Ethik, wel­che die­se zu Unrecht einen nai­ven Bibli­zis­mus vor­wirft. Daher wün­sche ich die­ser Ethik eine wei­te Ver­brei­tung. Sowohl inner­halb der pie­tis­ti­schen und evan­ge­li­ka­len Welt, als auch außer­halb die­ser Frömmigkeitsrichtungen. 

Auch für inter­es­sier­te Gläu­bi­ge aus den Kir­chen und Gemein­den lie­fert die­se Ethik eine ver­ständ­li­che und hilf­reich Dar­le­gung und Hilfestellung. 

Mein Wunsch für die­se Ethik Bän­de ist, dass sie noch von wei­te­ren Gene­ra­tio­nen von Chris­ten und Theo­lo­gen genutzt, debat­tiert und gele­sen wer­den. Die Ver­füg­bar­keit des Wer­kes mit allen Bän­den in Logos ist daher nicht nur zu begrü­ßen, son­dern ein wich­ti­ger Schritt, um die­ses Werk auch digi­tal zugäng­lich zu machen!

Johannes Traichel

Über den Autor

Johannes Traichel ist Pastor der FeG in Donaueschingen.
Der Theologe verfasste die Bücher "Die christliche Taufe" (2020) und "Evangelikale und Homosexualität" (2022). Hinzu kommen Aufsätze in Themenbänden, die sich mit der Systematischen Theologie beschäftigen.
Dazu ist Traichel ein begeisterter und leidenschaftlicher Kaffeetrinker.

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