Stilmittel in der Bibel

Von Joshua Ganz

Altes Testament, Gleichnisse, Neues Testament, Stilmittel
Vor 1 Monat

Was ist eine Hyper­bel? Wer kennt die Alli­te­ra­ti­on? Was will der alt­tes­ta­ment­li­che Autor mit einer Syn­ek­doche aus­drü­cken? Was für vie­le wie neue Fremd­wör­ter klingt, ist in Wirk­lich­keit die Viel­falt der bibli­schen Spra­che. Die Autoren der Bibel nut­zen Stil­mit­tel, Rede­wei­sen und Glie­de­rungs­for­men, um die Bot­schaft der Bibel zu dem zu machen, was sie ist: ein lite­ra­ri­sches Meisterwerk. 

In sei­nem Buch Die Viel­falt der bibli­schen Spra­che nimmt uns der Ethi­ker und Theo­lo­ge Tho­mas Schirr­ma­cher (ehe­ma­li­ger Gene­ral­se­kre­tär der Welt­wei­ten Evan­ge­li­schen Alli­anz) mit auf eine fas­zi­nie­ren­de Rei­se durch die rei­che Sprach­welt der Bibel. In die­ser Rezen­si­on erfah­ren Sie in 5 Minu­ten, für wen das Buch ist, was es kann und was nicht. Zudem gibt es am Ende eine Aus­wahl von Tipps und wei­ter­füh­ren­der Lite­ra­tur, die für Pro­se­mi­nar­ar­bei­ten und das Ver­fas­sen von Exege­sen von gro­ßem Nut­zen sein können.

Über die Vielfalt der biblischen Sprache

Beein­dru­ckend ist die sys­te­ma­ti­sche Vor­stel­lung von über 100 rhe­to­ri­schen Stil­mit­teln. Von der Meta­pher bis zum Typus wird der Leser durch eine Fül­le sprach­li­cher Tech­ni­ken geführt, die ihm hel­fen, die Schön­heit, Kraft und Viel­falt der bibli­schen Spra­che zu ver­ste­hen und zu schätzen.

Dar­über hin­aus erläu­tert Schirr­ma­cher in einem ein­füh­ren­den Text die Bedeu­tung von Stil­mit­teln und war­um sie in der bibli­schen Spra­che von gro­ßer Bedeu­tung sind. Er hebt ihre Rol­le bei der Beto­nung von Bot­schaf­ten her­vor, näm­lich bei der Schaf­fung von Bil­dern und der Erzeu­gung von rhe­to­ri­scher Kraft.

In die­sem Buch wer­den kei­ne exak­ten Defi­ni­tio­nen der ein­zel­nen Stil­ar­ten, Rede­wei­sen usw. gege­ben, da es vie­le Über­schnei­dun­gen gibt. Eben­so wenig wird ein voll­stän­di­ger Über­blick prä­sen­tiert. Statt­des­sen soll der Leser einen klei­nen Ein­blick in die unglaub­lich gro­ße Viel­falt der Aus­drucks­wei­sen der bibli­schen Ver­fas­ser erhal­ten. Er soll dadurch ange­regt wer­den, bei sei­nem eige­nen Stu­di­um mehr auf die Viel­falt der bibli­schen Spra­che zu achten. 

Das Buch rich­tet sich ins­be­son­de­re an Leser, die des Hebräi­schen und Grie­chi­schen nicht mäch­tig sind. Aus die­sem Grund wer­den hebräi­sche und grie­chi­sche Wör­ter, wenn nötig, in einer ein­fa­chen Umschrift wiedergegeben.

Stilmittel in der Literatur

Stil­mit­tel sind sprach­li­che Tech­ni­ken und rhe­to­ri­sche Figu­ren, die dazu die­nen, die sprach­li­che Aus­drucks­kraft zu erhö­hen, die Auf­merk­sam­keit des Lesers zu len­ken und bestimm­te Effek­te zu erzie­len. Sie wer­den in der Lite­ra­tur und beson­ders häu­fig in anti­ken Tex­ten ein­ge­setzt, um Tex­te leben­di­ger, anschau­li­cher und wir­kungs­vol­ler zu gestalten.

Der Ein­satz von Stil­mit­teln ermög­licht es Autoren, kom­ple­xe Gedan­ken und Emo­tio­nen kraft­voll und effek­tiv zu ver­mit­teln. Sie kön­nen dazu bei­tra­gen, Bil­der im Kopf des Lesers zu erzeu­gen, Gefüh­le zu wecken und eine bestimm­te Stim­mung oder Atmo­sphä­re zu schaf­fen. Dar­über hin­aus tra­gen sie zur Struk­tu­rie­rung und Glie­de­rung von Tex­ten bei und hel­fen dabei, die Auf­merk­sam­keit des Lesers auf­recht­zu­er­hal­ten. Beim Lesen einer deut­schen Bibel geht die­se Struk­tu­rie­rung jedoch ver­lo­ren, sie fin­det sich nur im Urtext.

Stilmittel in der Bibel

In der Bibel spie­len Stil­mit­tel vor allem in Erzäh­lun­gen sowie in poe­ti­schen und pro­phe­ti­schen Tex­ten eine wich­ti­ge Rol­le. Sel­te­ner fin­den sich ent­spre­chen­de Bei­spie­le in den Brie­fen und Geset­zes­tex­ten. Die Ver­wen­dung von Meta­phern, Para­beln, Hyper­beln und ande­ren sprach­li­chen Tech­ni­ken dient dazu, kom­ple­xe theo­lo­gi­sche Kon­zep­te zu ver­an­schau­li­chen und für den Leser ver­ständ­lich zu machen. Noch häu­fi­ger die­nen sie dazu, geist­li­che Wahr­hei­ten auf anspre­chen­de und prak­ti­sche Art und Wei­se zu ver­mit­teln. Ein gutes Bei­spiel dafür sind sicher­lich die Gleich­nis­se von Jesus.

Ein Gleich­nis ist „ein erwei­ter­ter und fort­ge­setz­ter Ver­gleich, der einen Sach­ver­halt näher ver­an­schau­li­chen und wei­ter aus­füh­ren will. Wie im Ver­gleich wer­den alle Aus­drü­cke in ihrem eigent­li­chen rea­len Wort­sinn genom­men. Im Unter­schied aber zum Ver­gleich han­delt es sich beim Gleich­nis nicht um eine Bezie­hung zwi­schen ein­zel­nen Begrif­fen (wie z. B. er kämpft wie ein Löwe), son­dern um die Beschrei­bung eines Gesche­hens, des­sen Schwer­punkt (Poin­te) in Bezie­hung zur inten­dier­ten Sache gebracht wird” (Bühl­mann, S. 70).

Jesus ver­folg­te das Anlie­gen, sei­nen Mit­men­schen tief­grün­di­ge Wahr­hei­ten zu ver­mit­teln. Zu die­sem Zweck wähl­te er Ver­an­schau­li­chun­gen, die dazu dien­ten, die Auf­merk­sam­keits­ei­ner Zuhö­rer zu gewin­nen und ihnen das zu erklä­ren, was mit gewöhn­li­chen Wor­ten zu schwer zu ver­ste­hen ist. Stil­mit­tel sind daher nicht nur ein wesent­li­cher Bestand­teil der lite­ra­ri­schen Kunst, son­dern auch ein wich­ti­ges Instru­ment der Kom­mu­ni­ka­ti­on und der Ver­mitt­lung von Ideen. Ihr Ein­satz erwei­tert den sprach­li­chen Aus­druck und eröff­net Autoren die Mög­lich­keit, ihre Bot­schaf­ten kraft­voll und über­zeu­gend weiterzugeben.

Eine Auswahl von Stilmitteln

Ich möch­te Ihnen ger­ne einen guten Über­blick über das Werk ver­schaf­fen, indem ich Ihnen nach­fol­gend ein­zel­ne Defi­ni­tio­nen von Stil­for­men auf­zäh­le. Schirr­ma­cher defi­niert ein­gangs jeweils die Stil­for­men und bringt anschlie­ßend bibli­sche Bei­spie­le dafür. Dazu neh­me ich bewusst einer­seits bekann­te, ande­rer­seits aber auch unbe­kann­te Stilformen.

Groteske Bilder

Gro­tes­ke Bil­der, die zum Schmun­zeln anre­gen, aber doch eine erns­te Mah­nung ent­hal­ten, fin­den sich vor allem bei Jesus.“ (S. 40)

Bei­spiel: Mt 7,9–10: „Wer ist unter euch Men­schen, der sei­nem Kind, wenn es ihn um Brot bit­tet, einen Stein anbie­tet?; oder der ihm, wenn es ihn um einen Fisch bit­tet, eine Schlan­ge anbie­tet?

Metapher (Vergleich ohne Hinweis)

Ein Ver­gleich bzw. eine über­tra­ge­ne Bedeu­tung wird ohne jeden Hin­weis dar­auf, dass es sich um einen Ver­gleich han­delt, im lau­fen­den Text benutzt (dt. Bsp. ‚Ich bin doch kein D‑Zug‘). Der größ­te Teil jeder Spra­che besteht letzt­lich aus Meta­phern und über­tra­ge­nen Bedeu­tun­gen.“ (S. 49)

Bei­spiel: 1Kor 5,7–8: „Fegt den alten Sau­er­teig aus!“ (gemeint ist die Sün­de, die wie ein Sau­er­teig wirkt.)

Antithetischer Parallelismus

Der Inhalt eines Sat­zes wird bestä­tigt, indem die­sel­be Aus­sa­ge nega­tiv aus­ge­drückt wird.“ (S. 56)

Bei­spiel: Jesa­ja 5,20: „Wehe denen, die das Böse gut nen­nen und das Gute böse, die Fins­ter­nis zu Licht machen und Licht zu Fins­ter­nis, die Bit­te­res süß machen und Süßes bit­ter!

Redewendungen

Ein Bild oder eine Beschrei­bung sind so gebräuch­lich gewor­den, dass sie auch unab­hän­gig von der eigent­lich beschrie­be­nen Situa­ti­on wei­ter­exis­tie­ren (dt. Bsp. ‚dar­auf kannst du Gift neh­men‘)“ (S. 60)

Bei­spiel: Apg 2,42+46: „Brot­bre­chen“ wird zum Aus­druck für das Abend­mahl, das natür­lich nicht nur das ‚Bre­chen‘, son­dern auch das Aus­tei­len und das Essen des Bro­tes, sowie das Aus­tei­len und Trin­ken des Wei­nes umfasst.

Ironie

Fei­ner, ver­deck­ter Spott, der etwas zu tref­fen ver­sucht, indem er es durch über­trie­be­ne Zustim­mung lächer­lich macht. Dabei wird meist ein Gedan­ke kon­se­quent zu Ende gedacht und der Schluss dar­aus gezo­gen, selbst wenn und gera­de weil die­se Kon­se­quenz absurd ist; vgl. ‚Sar­kas­mus‘.“ (S. 42)

Bei­spiel: Hiob 12,2: Hiob über sei­ne Freun­de: „Wahr­haf­tig, ihr seid die Leu­te [schlecht­hin] und mit euch wird die Weis­heit aus­ster­ben!

Pleonasmus mit Verneinung

Ein Begriff und die Ver­nei­nung sei­nes Gegen­teils wer­den neben­ein­an­der­ge­stellt, so dass eine Aus­sa­ge eigent­lich zwei­mal gemacht und damit unter­stri­chen wird (dt. Bsp. ‚er sieg­te und ver­lor nicht‘); vgl. ‚Wie­der­ho­lung von Aus­drü­cken‘“ (S. 58)

Bei­spiel: Hes 18,21+28: „Er soll leben und nicht ster­ben.“

Stilmittel in Logos erforschen

Alle die­se Stil­mit­tel machen die bibli­sche Bot­schaft span­nen­der und leben­di­ger. Eine sol­che Lis­te hilft natür­lich einer­seits als Nach­schla­ge­werk, um bestimm­te Stil­fi­gu­ren aktiv im Text zu suchen. Wenn Sie eine Exege­se zu einem pro­phe­ti­schen Text schrei­ben und nicht wis­sen, ob dar­in ein Stil­mit­tel ver­wen­det wird, kön­nen Sie natür­lich auch in der Index-Suche ein­fach ihre Bibel­stel­le ein­ge­ben. Wenn Sie noch einen Schritt wei­ter­ge­hen wol­len, emp­feh­le ich Ihnen nach­fol­gend noch ein wei­te­res Werk vom Brun­nen-Ver­lag, wel­ches um eine län­ge­re Auf­lis­tung der Stil­fi­gu­ren bemüht ist. Des Wei­te­ren gibt es ein eng­li­sches Werk, wel­ches sehr vie­le Stil­mit­tel defi­niert, lei­der jedoch ohne Beispiele.

Abschlie­ßend sei noch auf zwei hilf­rei­che Tools für die Psal­men und Sprü­che hin­ge­wie­sen. Es gibt von Logos jeweils einen Psal­men­ex­plo­rer und einen Sprü­che­ex­plo­rer (nur auf Eng­lisch). Neben vie­len ande­ren Tools kön­nen Sie damit die Psal­men – wie im fol­gen­den Screen­shot gezeigt – nach Stil­mit­teln gliedern. 

Psalmenexplorer und Stilmittel
Hier kann man die Sprü­che nach Simi­le filtern.

Literaturverzeichnis

Bühl­mann, W., & Sche­rer, K. (1994). Sprach­li­che Stil­fi­gu­ren der Bibel: Von Asso­nanz bis Zah­len­spruch: Ein Nach­schla­ge­werk (2. ver­bes­ser­te Auf­la­ge). Gies­sen: Brun­nen Verlag.

Schirr­ma­cher, T. (2017). Die Viel­falt bibli­scher Spra­che: Über 100 alt- und neu­tes­ta­ment­li­che Stil­ar­ten, Aus­drucks­wei­sen, Rede­wei­sen und Glie­de­rungs­for­men (3. Auf­la­ge, Bd. 5). Ver­lag für Kul­tur und Wissenschaft.

Man­gum, D. (2014). The Lex­ham Glos­sa­ry of Theo­lo­gy. Lex­ham Press.


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Joshua Ganz

Über den Autor

Joshua ist seit seinem Bachelor in Theology als Jugendpastor in der Nordostschweiz tätig. In der Schweizer Armee dient er als Armeeseelsorger. Er liebt Theologie, sein Rennrad und Kaffee. Am liebsten alles miteinander, oder zumindest nacheinander ;)

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