Beachte die Hintergründe – Teil I

Von Thomas Powilleit


Mei­ne Kin­der schau­en mich ver­wun­dert an, wenn ich ihnen erzäh­le, dass Deutsch­land ein­mal ein geteil­tes Land war, mit einer Mau­er, die Ber­lin in zwei Tei­le geteilt hat. Wenn mei­ne Kin­der heu­te nach Ber­lin fah­ren, mer­ken sie davon nichts mehr. Aber man­che Pro­ble­me zwi­schen Ost und West ver­steht man bes­ser, wenn man sich mit der geschicht­li­chen Tat­sa­che beschäf­tigt, dass es West- und Ost­deutsch­land gab.

Auch in der Bibel ist man ver­wirrt, wenn man beim Lesen vie­len ver­schie­de­nen Köni­gen begeg­net. Wenn man aber ver­stan­den hat: Auch Isra­el war eine Zeit lang ähn­lich wie Deutsch­land zwei­ge­teilt, kann man die Berich­te bes­ser ein­ord­nen. Es sind die­se Hin­ter­grün­de, die hel­fen, die Bedeu­tung von Bibel­tex­ten tie­fer zu erfas­sen. Gera­de wenn wir uns mit den Hin­ter­grün­den beschäf­ti­gen, erle­ben wir beim Bibel­le­sen den einen oder ande­ren „Aha-Effekt“. 

Des­halb ist es bei der Vor­be­rei­tung für eine Pre­digt sehr wich­tig, sich nicht nur mit dem Text selbst zu beschäf­ti­gen, son­dern auch nach den Hin­ter­grün­den zu fra­gen. Rele­vant für die Aus­le­gung sind vor allem die poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de sowie das inten­si­ve Fra­gen nach den Umstän­den, in denen die­ser Text geschrie­ben wor­den ist. Auch die Fra­ge nach geo­gra­fi­schen Gege­ben­hei­ten kann uns sehr nahe an die geschil­der­te Situa­ti­on her­an­brin­gen, auch wenn wir Tau­sen­de Jah­re spä­ter leben. In die­sem Blog möch­te ich mich zunächst auf die poli­ti­sche Situa­ti­on und die kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de konzentrieren. 

Die politische Situation 

Wer das Alte Tes­ta­ment liest, erlebt Sze­na­ri­en der Bedro­hung mit. Hiskia wird von Sal­ma­nas­sar von Assur bedroht (2Kö 18,9). Bel­sa­zar wird von den Per­sern über­fal­len, als David aus Juda offen­sicht­lich im Staats­dienst der Baby­lo­ni­er steht. “Wie kommt der dort­hin?”, ist eine Fra­ge, die sich unwei­ger­lich stellt. Nehe­mia bemüht sich, die Mau­er Jeru­sa­lems auf­zu­bau­en und muss dabei man­chen Wider­stand über­win­den. Offen­sicht­lich sind die Juden zu die­ser Zeit nicht mehr die Her­ren im Land. Im Neu­en Tes­ta­ment sind die Aus­füh­run­gen um die Geburt Jesu auch bemer­kens­wert. Anschei­nend muss der Befehl eines römi­schen Kai­sers Augus­tus in Isra­el befolgt wer­den. Das lässt ver­mu­ten, dass Isra­el nicht mehr sou­ve­rän war.

Auch wenn man­che die­ser poli­ti­schen Umstän­de uns geläu­fig sind, leuch­tet schnell ein, dass die Kennt­nis der poli­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se sehr wich­tig sein kann, um die Situa­ti­on gut zu ver­ste­hen und des­halb auch ent­spre­chen­de heu­ti­ge Ver­glei­che brin­gen zu kön­nen. Wenn der assy­ri­sche König zum Bei­spiel vor den Toren Jeru­sa­lems steht, sieht sich Hiskia nicht mit einem gleich­wer­ti­gen Geg­ner, son­dern mit einer Welt­macht kon­fron­tiert. Damit wird Got­tes Ein­grei­fen noch grö­ßer, weil Gott den Geg­ner Assy­ri­en bezwingt, dem sich bis dahin nie­mand erfolg­reich in den Weg stel­len konnte. 

Kulturelle Hintergründe 

Wenn wir kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de ver­stan­den haben, sehen wir man­che Berich­te in einem ande­ren Licht. Gott schließt mit Abra­ham einen Bund, indem Abra­ham Tie­re zer­teilt, die jeweils zusam­men­ge­hö­ren­den Tei­le gegen­über­legt und zwi­schen ihnen eine klei­ne Gas­se frei­lässt (1Mo 15,19). Dann fällt Abra­ham in den Schlaf und Gott geht sicht­bar in der Feu­er­säu­le zwi­schen den Tier­hälf­ten hin­durch. War­um schließt Gott sei­nen Bund mit Abra­ham auf eine so selt­sa­me Art und Wei­se? Der ent­schei­den­de Hin­weis kommt aus Jer 34,18f. Dort lesen wir, dass die Obers­ten von Juda auch zwi­schen Tier­hälf­ten hin­durch gegan­gen sind und Gott dabei etwas ver­spro­chen haben. Sie haben es nicht gehal­ten und Gott droht an, sie genau­so wie die Tie­re zu behan­deln – auch sie sol­len ent­zwei­ge­schnit­ten wer­den. Damit wer­den der kul­tu­rel­le Hin­ter­grund die­ser Pra­xis und die Bedeu­tung solch eines Bun­des deut­lich. Gott zeigt Abra­ham gewis­ser­ma­ßen: „Wenn ich dir mei­nen Bund nicht hal­te, Abra­ham, dann kannst du mich so wie die­se Tie­re aus­ein­an­der­schnei­den”. Abra­ham selbst geht übri­gens nicht durch die Tier­hälf­ten hin­durch. Er hät­te Gott den Bund nicht hal­ten können. 

Viel­leicht wun­dert es uns, dass die Bibel berich­tet: Lot saß im Tor von Sodom (1Mo 19,1). Nor­ma­ler­wei­se sitzt man ja auf einer Bank im Park – aber doch nicht unter einem Stadt­tor. In der dama­li­gen Zeit wur­den hier aber die für die Stadt wesent­li­chen Ent­schlüs­se gefasst. Auch der recht­li­che Teil der Fami­li­en­ge­schich­te von Boas und Ruth wird vor Zeu­gen im Tor der Stadt ver­han­delt (Ruth 4,1). Wenn also Lot im Tor von Sodom saß, wird deut­lich, dass er am poli­ti­schen Gesche­hen der Stadt teil­nahm und dem­zu­fol­ge eine gewis­se Aner­ken­nung hat­te. Da die Men­schen in Sodom aber sehr gott­los leb­ten, liegt die Ver­mu­tung nahe, dass Lot sei­nen Glau­ben nicht aktiv bekannt hat. Damit hät­te er sich sicher zum Außen­sei­ter gemacht. 

In der bekann­ten Geschich­te vom ver­lo­re­nen Sohn bekommt der Heim­ge­kehr­te vom Vater gute Klei­dung, einen Ring und San­da­len (Lk 15,22). Wer die Kul­tur kennt, ver­steht, dass jedes die­ser auf­ge­zähl­ten Din­ge deut­lich macht, dass der Vater sein Kind wie­der völ­lig annimmt. Der Ring (viel­leicht ein Sie­gel­ring) war ein Sym­bol dafür, dass der Sohn wie­der in der Auto­ri­tät des Vaters han­deln darf. San­da­len wur­den nor­ma­ler­wei­se nicht von Skla­ven getra­gen, son­dern von den füh­ren­den Fami­li­en und deren Kin­dern. Die­se Hand­lun­gen haben also eine kla­re Bot­schaft, die der ver­steht, der in der Kul­tur lebt oder sich mit den Hin­ter­grün­den beschäf­tigt hat. 

Es fällt in Lk 22,17 auf, dass Jesus sei­nen Jün­gern einen Kelch gibt, bevor er ihnen beim Abend­mahl das Brot gibt. Dann wird anschlie­ßend wie­der von dem Kelch nach dem Mahl gere­det. Beim genau­en Lesen des Tex­tes fällt auf, dass es sich hier offen­sicht­lich um zwei ver­schie­de­ne Kel­che han­delt. Bei der Beschäf­ti­gung mit dem kul­tu­rel­len Hin­ter­grund erfährt man, dass die Juden zur Zeit Jesu das Pas­sah­mahl mit vier ver­schie­de­nen Kel­chen fei­er­ten. Mit die­sem Wis­sen im Hin­ter­kopf leuch­tet es auch ein, dass Lukas betont, Jesus gab ihnen den Kelch nach dem Mahl. Damit kann man sicher sagen, dass Jesus den Kelch der „Erlö­sung“ nimmt und ihm eine ande­re Bedeu­tung gibt. Denn die­ser Kelch wur­de direkt nach dem Pas­sah­mahl gereicht. Noch spä­ter wird Jesus sei­nen Jün­gern gemäß der Tra­di­ti­on den Kelch der „Annah­me“ geben. Davon lesen wir nichts in den Evan­ge­li­en. Aber von zwei Evan­ge­lis­ten wird erwähnt, dass Jesus mit sei­nen Jün­gern hin­aus an den Ölberg ging, als sie das Lob­lied gesun­gen hat­ten. Das war der übli­che Abschluss des Pas­sah – man sang gemein­sam die Psal­men 113–118 als Loblied. 

Das sind nur eini­ge Bei­spie­le, die zei­gen sol­len, wie wich­tig es ist, die Kul­tur zu ken­nen, auf die die Bibel immer wie­der Bezug nimmt. 

Recherche des politischen und kulturellen Hintergrundes mit Logos 

Um die poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de zu ver­ste­hen, sind natür­lich gute Kom­men­ta­re eine gro­ße Hil­fe. Aber nicht jeder Kom­men­tar geht dar­auf ein und bei man­chen Kom­men­ta­ren sind die poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Infor­ma­tio­nen in einen lan­gen Fließ­text ein­ge­bun­den, den man mehr oder weni­ger lesen muss. Da man oft nur begrenz­te Zeit hat, wünscht sich man­cher, schnel­ler an kon­kre­te Infor­ma­tio­nen zu kom­men, um mehr über bestimm­te Hin­ter­grün­de zu erfahren.

Logos bie­te eine gute Mög­lich­keit, sich schnell einen Über­blick über poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Hin­ter­grün­de zu ver­schaf­fen. Ein sehr gutes Werk­zeug hier­für ist der Assis­tent “Text­aus­le­gung”. Hier braucht man nur unter der ent­spre­chen­den Über­schrift z.B. “kul­tu­rel­ler Kon­text” sich die ver­schie­de­nen Schlag­wor­te anzu­schau­en, um die Stel­len im Text zu erken­nen, bei denen der kul­tu­rel­le Kon­text sehr wich­tig ist. Außer­dem bekommt man mit der Hil­fe des Assis­ten­ten “Text­aus­le­gung” und denen dort hin­ter­leg­ten Links schon vie­le Ant­wor­ten zum kul­tu­rel­len Kon­text. Hier spart man viel Zeit und erhält doch fun­dier­te Informationen.

Logos Bibelsoftware: Assistent Textauslegung

Wer noch wei­ter gra­ben möch­te, kann bei Logos (je nach Ver­si­on) ver­schie­de­ne Lexi­ka ein­se­hen. Zum Bei­spiel das „Lexi­kon zur Bibel” oder das “Cal­wer Bibel­le­xi­kon”. Auch eng­li­sche Lexi­kas wer­den ange­bo­ten. Mit Hil­fe die­ser Res­sour­cen kön­nen zu jedem Bibel­vers schnell wei­te­re inter­es­san­te Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen ange­zeigt wer­den, um den Text dadurch bes­ser zu verstehen.

Die­ses erwor­be­ne Wis­sen hilft, den Text aus­zu­le­gen und für den All­tag des Hörers anzu­wen­den. Nur muss der Aus­le­ger beim Lesen des Tex­tes aktiv nach poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­den fra­gen, um die­se nicht zu über­se­hen und die ent­spre­chen­den Hilfs­mit­tel bei Logos dann auch nutzen.

Lexikon zur Bibel - Logos Bibelsoftware

Thomas Powilleit

Über den Autor

Thomas Powilleit ist Pastor der evangelischen Freikirche „Evangelium für Alle“ in Stuttgart (www.efa-stuttgart.de). Neben seinen Aufgaben dort ist er überörtlich vor allen Dingen im Rahmen des gleichnamigen Netzwerkes „Evangelium für Alle“ zu Seminaren und ausgewählten Einzelveranstaltungen unterwegs.

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