Chiasmen im Neuen Testament

Von Michael Lauth

Chiasmus, Neues Testament, NT, Stilmittel, Struktur

Nach­dem wir uns eini­ge Stil­mit­tel im letz­ten Blog in einer Über­sicht ange­schaut haben, gehen wir nun im Blick auf Chi­as­men etwas mehr ins Detail. Das Ver­ständ­nis die­ser Struk­tu­ren hilft uns, Aus­sa­gen bes­ser ein­ord­nen und ver­ste­hen zu kön­nen. Auch bei der Über­set­zungs­ar­beit ist das Erken­nen die­ser Struk­tur eine Hilfe.

Da die Schrei­ber des Neu­en Tes­ta­men­tes über­wie­gend Juden waren, fin­den sich dort Hebrais­men und jüdi­sche Denk­wei­sen, auch wenn uns das NT in der grie­chi­schen Spra­che über­lie­fert wor­den ist. Es ist daher nichts Unge­wöhn­li­ches, hier auch auf Chi­as­men zu treffen.

Erkennen von Chiasmen hilft beim Verstehen von Texten 

Als west­lich gepräg­te Leser stol­pern wir manch­mal über Tex­te, die mit unse­rem gewohn­ten Lese­fluss nicht zusam­men­pas­sen. Wir schau­en uns dazu zwei ein­fa­che Bei­spie­le an.

Matthäus 7:6

Der Text lau­tet nach der revi­dier­ten Elber­fel­der Bibel (1993):

Gebt nicht das Hei­li­ge den Hun­den; werft auch nicht eure Per­len vor die Schwei­ne, damit sie die­se nicht etwa mit ihren Füßen zer­tre­ten und sich umwen­den und euch zerreißen!“

Beim Lesen wun­dert man sich dann, dass Schwei­ne nicht nur zer­tre­ten, son­dern auch zer­rei­ßen, was nicht zu ihnen passt. Als west­lich gepräg­te Leser ver­bin­den wir bei­de Aus­sa­gen (zer­tre­ten und zer­rei­ßen) mit dem vor­her genann­ten Tier, dem Schwein. Das passt nicht zusam­men und die Aus­sa­ge Jesu ist uns daher unverständlich.

Schrei­ben wir die vier Aus­sa­gen zunächst untereinander:

Gebt nicht das Hei­li­ge den Hunden;
werft auch nicht eure Per­len vor die Schweine,
damit sie die­se nicht etwa mit ihren Füßen zertreten
und sich umwen­den und euch zerreißen!

Jetzt kann man schon erken­nen, dass die zwei­te und drit­te Aus­sa­ge eine Ein­heit bil­det. Schaut man sich nun die ers­te und letz­te Aus­sa­ge an, wird klar, dass sie auch zusam­men­ge­hö­ren. Es sind also die Hun­de, die zer­rei­ßen – was auch typisch für die­se Tie­re ist. Schon lässt sich der Chi­as­mus gemäß nach­fol­gend auf­ge­zeig­ter Struk­tur dar­stel­len (ABB’A‘) und die Aus­sa­ge des Tex­tes wird uns klar und verständlich!

A) Gebt nicht das Hei­li­ge den Hunden;

B) werft auch nicht eure Per­len vor die Schweine,

B‘) damit sie die­sel­ben nicht etwa mit ihren Füßen zertreten

A‘) und sich umwen­den und euch zerreißen!

Es ist dies die ein­fachs­te Form eines Chi­as­mus, wovon wir uns ein wei­te­res Bei­spiel anschauen.

Philemon 1:5

Der Text lau­tet nach der alten Elber­fel­der Über­set­zung (1905):

da ich höre von dei­ner Lie­be und von dem Glau­ben, den du an den Herrn Jesus und zu allen Hei­li­gen hast,“

Irgend­wie stol­pern wir hier über die Aus­sa­ge „Lie­be und Glau­ben“ im Blick auf die Hei­li­gen (die Gläu­bi­gen). Schrei­ben wir auch hier die Aus­sa­gen untereinander:

da ich höre von dei­ner Liebe
und von dem Glauben,
den du an den Herrn Jesus
und zu allen Hei­li­gen hast,

Hier lässt sich eben­falls erken­nen, dass Glau­be an den Herrn Jesus zusam­men­ge­hört, und somit auch die ers­te und letz­te Aus­sa­ge wie­der zuein­an­der pas­sen, näm­lich Lie­be zu allen Hei­li­gen. Auch hier liegt ein Chi­as­mus vor, der sich wie beim vor­he­ri­gen Bei­spiel in fol­gen­der Wei­se darstellt:

A) da ich höre von dei­ner Liebe

B) und von dem Glauben

B‘) den du an den Herrn Jesus

A‘) und zu allen Hei­li­gen hast,

Der Prolog zum Evangelium nach Johannes 1:1–18

Die Ein­lei­tung des Johan­nes­evan­ge­li­ums ist ein lite­ra­ri­sches Pracht­stück und die chi­as­ti­sche Struk­tur macht nicht nur deut­lich, dass die­se Ver­se die Ein­lei­tung bil­den, son­dern betont auch die Bot­schaft und das Ziel des Evan­ge­li­ums, Men­schen zum Glau­ben an den Namen des Soh­nes Got­tes, Jesus Chris­tus, zu füh­ren und sie durch Geburt zu Kin­dern Got­tes zu machen (die Ver­se 12 und 13).

Wenn wir uns die ers­te Aus­sa­ge in den Ver­sen 1 und 2 sowie die letz­te Aus­sa­ge in Vers 18 anschau­en, stel­len wir fest, dass bei­de Aus­sa­gen das glei­che The­ma behan­deln. Das ewi­ge Wort bei Gott und der Sohn beim Vater. Auch die nächs­te Aus­sa­ge in Vers 3, das alles durch das Wort gewor­den ist, geht par­al­lel zu der Aus­sa­ge von Vers 17, wo beschrie­ben wird, was durch den Sohn gewor­den ist. Die wei­te­re Ana­ly­se führt dann zu fol­gen­dem, etwas umfang­rei­che­ren Chiasmus:

A) Das Wort bei Gott (Ver­se 1–2)

B) Was durch das Wort gewor­den ist (Vers 3)

C) Was wir durch das Wort emp­fan­gen haben (Vers 4–5)

D) Das Zeug­nis von Johan­nes dem Täu­fer (Ver­se 6–8)

E) Der Sohn kommt in die Welt (Ver­se 9–11)

F) Durch den Sohn wer­den wir Kin­der Got­tes (Ver­se 12–13)

E’) Das Wort kommt in die Welt (Vers 14)

D’) Das Zeug­nis von Johan­nes dem Täu­fer (Vers 15)

C’) Was wir durch den Sohn emp­fan­gen haben (Vers 16)

B’) Was durch den Sohn gewor­den ist (Vers 17)

A’) Der Sohn beim Vater (Vers 18)

Der Wech­sel in Teil E vom Wort auf den Sohn („Er“ und nicht „Es“) und in Teil E‘ die Nen­nung des Wor­tes, wo sonst von dem Sohn die Rede ist, machen deut­lich, dass Sohn und Wort ein und das­sel­be sind, d.h. das ewi­ge Wort Got­tes ist gleich­zei­tig der Sohn Got­tes. Das gan­ze Bestre­ben Got­tes bzw. des Soh­nes mit dem Ziel der Aus­sa­gen von Vers 12–13 wird durch den Auf­bau unter­stri­chen und geht mit der Bot­schaft der in die­sem Evan­ge­li­um beschrie­be­nen Zei­chen ein­her, von denen Johan­nes in Kapi­tel 20:31 sagt:

Die­se aber sind geschrie­ben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Chris­tus ist, der Sohn Got­tes, und damit ihr durch den Glau­ben Leben habt in sei­nem Namen.“

Erkennen von Chiasmen hilft beim Übersetzen von Texten

Römer 11:33–35

Der Anfang des grie­chi­schen Text lau­tet: Ὦ βάθος πλούτου καὶ σοφίας καὶ γνώσεως θεου

Das gr. Wort kai bedeu­tet im Sin­ne von ver­bin­dend „und“, wird auch expli­ka­tiv im Sin­ne von „näm­lich“ und bei einer Anein­an­der­rei­hung in der Bedeu­tung von „sowohl … als auch“, oder „einer­seits, ande­rer­seits“ ver­wen­det (Details sie­he im Wör­ter­buch zum Neu­en Tes­ta­ment, Wal­ter Bau­er, Sei­ten 795–798).

Die Fra­ge, die sich hier in Röm 11:33 stellt, ist, wie muss über­setzt wer­den? Im Sin­ne einer Auf­zäh­lung drei­er durch „und” ver­bun­de­ner Sub­stan­ti­ve „Reich­tum und Weis­heit und Erkennt­nis“ (Deut­sche Über­set­zun­gen mit die­ser Auf­fas­sung sind z.B. Ein­heits­über­set­zung, Gute Nach­richt, Hoff­nung für alle und die Neue Gen­fer Über­set­zung), oder in der Bedeu­tung von im Reich­tum ent­hal­ten sind Weis­heit und Erkennt­nis, also „O Tie­fe des Reich­tums, sowohl der Weis­heit als auch der Erkennt­nis Got­tes“ (Deut­sche Über­set­zun­gen mit die­ser Vari­an­te sind z.B. Elber­fel­der Bibel, Revi­dier­te Elber­fel­der, Schlach­ter 2000 oder die Zür­cher Bibel).

Wenn wir uns den wei­te­ren Text in den Ver­sen 34 und 35 anschau­en, ent­de­cken wir die The­men aus Vers 33 in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge wie­der. Es geht um erken­nen (den Sinn des Herrn, vgl. dazu Jes 55:8.9 „Denn mei­ne Gedan­ken sind nicht eure Gedan­ken, und eure Wege sind nicht mei­ne Wege, spricht der HERR. Denn so viel der Him­mel höher ist als die Erde, so sind mei­ne Wege höher als eure Wege und mei­ne Gedan­ken als eure Gedan­ken.“), es geht um Weis­heit (denn die benö­tigt ein Bera­ter, vgl. dazu Spr 21:30 „Es gibt kei­ne Weis­heit und kei­ne Ein­sicht und kei­nen Rat gegen­über dem HERRN.“) und um Besitz/​Reichtum (Gott besitzt alles, vgl. z.B. Ps 50:12b „denn mein ist die Welt und ihre Fül­le.“, aller Reich­tum ist bei Gott).

D.h. wir haben es mit einer chi­as­ti­schen Struk­tur zu tun, die fol­gen­der­ma­ßen aus­sieht. Damit ist auch klar, wie zu über­set­zen ist!

A) O Tie­fe des Reichtums

B) und der Weisheit

C) und der Erkennt­nis Gottes!

D) Wie uner­forsch­lich sind sei­ne Gerich­te und unauf­spür­bar sei­ne Wege!

C’) Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt,

B’) oder wer ist sein Mit­be­ra­ter gewesen?

A’) Oder wer hat ihm vor­her gege­ben, und es wird ihm ver­gol­ten werden?

Das Nach­den­ken von Pau­lus über den unend­li­chen Reich­tum Got­tes, Sei­ne Weis­heit, die höher ist, als wir uns aus­den­ken kön­nen und Sei­nen unfass­ba­ren Reich­tum füh­ren zu die­ser wun­der­schö­nen Doxolo­gie, womit der zwei­te gro­ße Abschnitt des Römer­brie­fes sei­nen Abschluss fin­det (Römer 11:33–36).

Dies sind nur eini­ge Bei­spie­le, die hof­fent­lich zum wei­te­ren Stu­di­um anre­gen. Viel Freu­de beim Erfor­schen von Struk­tu­ren im Neu­en Testament!

Ausblick

Im nächs­ten Blog gehen wir auf Chi­as­men im Alten Tes­ta­ment ein, und zwar von der Vers­ebe­ne über Kapi­tel bis auf gan­ze Bücher, die so struk­tu­riert sind. Als Abschluss wird es dann in einem wei­te­ren Blog eine Anlei­tung zum Anle­gen der beschrie­be­nen Struk­tu­ren in Logos. Es lohnt sich dranzubleiben.

Literaturhinweise

CHIASMUS IN THE NEW TESTAMENT, Nils W. Lund, Hendrick­son Publishers

Michael Lauth

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