Ich habe die Wuppertaler Studienbibel belächelt. Und es tut mir leid.

Von Simon Rühl


Ich muss zuge­ben, dass ich die Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel lan­ge Zeit etwas belä­chelt habe. Das ver­al­te­te Design der Bän­de im Bücher­re­gal mei­ner Eltern wirk­te nicht son­der­lich anspre­chend. Beim Durch­blät­tern schie­nen mir die Kom­men­ta­re etwas zu schlicht. Mei­ne eng­li­schen Kom­men­ta­re wirk­ten moder­ner und theo­lo­gisch tie­fer – was auch immer das hei­ßen soll. 

Es liegt viel­leicht doch an mei­ner ver­bor­ge­nen Grund­hal­tung, die neu­es­ten Erkennt­nis­se sei­en auch immer die Bes­se­ren. Die jun­ge Genera­ti­on ver­gisst leicht, dass wir auf den Schul­tern von Theo­lo­gen und geist­li­chen Lei­tern ste­hen, die jah­re­lang Gemein­den gelehrt und gestärkt haben. 

Mit der Ver­öf­fent­li­chung der Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel in Logos habe ich mir eini­ge Bän­de etwas genau­er ange­schaut und durf­te mei­ne Mei­nung ändern: Die Kom­men­ta­re haben sich einen Platz im Regal von enga­gier­ten Bibel­le­sern, Haus­kreis­lei­tern und Pas­to­ren verdient. 

Machen wir es konkret

In die­sem Bei­trag möch­te ich gar nicht viel mehr über „die Wup­per­ta­ler“ spre­chen, son­dern las­se sie mit eini­gen Zita­ten für sich selbst spre­chen. Die fol­gen­den Aspek­te haben mir per­sön­lich beson­ders imponiert: 

Heilsgeschichtliche Auslegung – oder einfach gesagt: Es geht um Jesus

Mit der Berg­pre­digt beginnt nun das gewal­ti­ge Neue, das Jesus sei­ner Gemein­de zu sagen hat! Die Berg­pre­digt steht auf den ers­ten Blät­tern des NT. Was Jesus hier lehrt, das wird sich zunächst und zuerst in sei­nem eige­nen Leben in Wort und Geschich­te dar­stel­len. Jesus wird in sei­nem Tun selbst das voll­füh­ren und aus­füh­ren, was er hier in der Berg­pre­digt sei­nen Jün­gern als Auf­ga­be gibt. In sei­ner Nach­fol­ge sol­len dann sei­ne Jün­ger das zur Tat wer­den las­sen, was Jesus hier von ihnen verlangt. 

Aus der Ein­lei­tung zur Berg­pre­digt (Band zu Mat­thä­us, S. 73)

Die­se Ein­lei­tung gibt den Ton an, wie man die gesam­te Berg­pre­digt ver­steht. Die Berg­pre­digt ist also nicht nur dafür gedacht zu sagen, wie unser Cha­rak­ter aus­se­hen soll, son­dern beschreibt, wie der Cha­rak­ter von Jesus längst aus­sieht. Ganz nach einem mei­ner wich­tigs­ten Prin­zi­pi­en: Die Anbe­tung kommt vor der Anwendung. 

Die von Kohe­let ange­mahn­te Got­tes­furcht einer­seits und die Erwar­tung eines letz­ten Gerich­tes in der Ver­ant­wor­tung vor Gott ande­rer­seits wer­den im NT vom Heils­ge­sche­hen in Kreuz und Auf­er­ste­hung Jesu her neu beleuch­tet und fort­ge­führt. […] Wer Kohe­lets Gedan­ken ernst nimmt, wird sich wohl leich­ter der Zusa­ge des Evan­ge­li­ums öff­nen. Die Fra­gen, die Kohe­let auf­wirft, fin­den dann eine Antwort.

Aus der Ein­lei­tung zum Buch Pre­di­ger (Kohe­let), S. 34:

Es scheint so, dass das Buch Pre­di­ger pes­si­mis­tisch, dun­kel und letzt­lich ohne ech­te Lösung sei. Gott zu fürch­ten, scheint zumin­dest kei­ne zufrie­den­stel­len­de Ant­wort für den moder­nen Men­schen zu sein. Die­se weni­gen Ein­lei­tungs­wor­te von Claus-Die­ter Stoll haben mir immens gehol­fen, den Bezug zu heu­te über das Kreuz her­zu­stel­len. Der Pre­di­ger wird mit sei­ner Sicht­wei­se ste­hen gelas­sen, aber wir müs­sen dank des Evan­ge­li­ums nicht dort ste­hen bleiben.

Die richtige Dosis an Hintergrundinformationen

Ich habe mich mit dem The­ma Schei­dung und Wie­der­hei­rat lan­ge beschäf­tigt und aus­führ­li­che Bücher gele­sen. Die Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel hält sich prin­zi­pi­ell mit sper­ri­gen Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zurück. Aber hier schreibt der Autor zurecht:

Um das, was Jesus zu die­ser Fra­ge der Ehe­schei­dung sagt, recht ver­ste­hen zu kön­nen, bedarf es einer ein­ge­hen­den Schil­de­rung der durch die dama­li­ge Pra­xis der Pha­ri­sä­er leicht gemach­ten Ehe­schei­dung. Wir kön­nen uns die Ver­wir­rung und Ver­wüs­tung auf die­sem Gebiet nicht ver­häng­nis­voll genug vorstellen. 

(Fritz Rien­ecker, Mat­thä­us, S. 92)

Die dar­auf fol­gen­de Zusam­men­fas­sung ist sowohl kom­pakt als auch hilf­reich. Über die Schluss­fol­ge­rung lässt sich natür­lich treff­lich strei­ten, aber als Leser bekommt man zumin­dest ers­te Hin­wei­se, wo man weit­erfor­schen sollte. 

Keine Angst vor anderen Meinungen

Die Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel soll­te man stol­per­frei lesen kön­nen. Daher wur­den kom­ple­xe Dis­kus­sio­nen und Bibel­stel­len­ver­wei­se in Fuß­no­ten hin­ter­legt. So wird der Lese­fluss nicht gestört. Man kann aber auch anhal­ten und die Recher­che mit den emp­foh­le­nen Wer­ken wei­ter­füh­ren oder schnell die Par­al­lel­stel­len nach­schla­gen. Ein inter­es­san­tes Bei­spiel habe ich im Buch Pre­di­ger zu Vers 2 gefun­den, in dem steht: „Alles hat sei­ne Zeit, [auch eine] Zeit des Niederreißens“:

Man­che Aus­le­ger den­ken in Anleh­nung an die jüdi­sche Tra­di­ti­on an das kul­ti­sche Ein­rei­ßen der Klei­dung als Zei­chen der Trau­er oder des Ent­set­zens (z.B. Bran­den­burg; Cohen /​Rosen­berg; Delitzsch; vgl. 1 Mo 37,29; 44, 13: Ri 11,35; 2 Sam 1,2.11; 13,31). Dage­gen z.B. Gal­ling; Hertzberg. 

Claus-Die­ter Stoll zum Buch Pre­di­ger, S. 69

Ein guter Hin­weis und eine Deu­tung, auf die ich nicht gekom­men wäre. Viel­leicht lohnt sich hier eine Wort­stu­die zu dem ent­spre­chen­den Wort?

Das Leben im Blick, ohne zu konkret zu werden

Neben die­sen tech­ni­schen Fuß­no­ten bringt Claus-Die­ter Stoll die­sen Text aber auch ins Leben hin­ein und legt Wert auf eine brei­te Anwendung. 

Im Gegen­satz dazu ste­hen dann Ster­ben, Ent­wur­zeln, Töten und Nie­der­rei­ßen, Erfah­run­gen, die mit schwe­rer Bedrü­ckung und tie­fem Leid zu tun haben. Auch hier sind nicht nur die buch­stäb­li­chen Ereig­nis­se, son­dern bild­haf­te Vor­gän­ge gemeint. Nicht umsonst spricht man z.B vom »Ent­wur­zeln« eines Men­schen, wenn er in fort­ge­schrit­te­nem Alter sei­ne ange­stamm­te Hei­mat ver­las­sen und anders­wo neu ansäs­sig wer­den muss. Wenn jemand eine tief geheg­te Hoff­nung auf­ge­ben muß, dann »stirbt« etwas in ihm. Wer stän­dig nur Kri­tik und Unzu­frie­den­heit erfährt, gesti­chelt und abge­schrie­ben wird, kommt sich vor, als wür­de er »getö­tet«.

So wird die lan­ge Anein­an­der­rei­hung von Begrif­fen kon­kret. Es ist kei­ne kon­kre­te Anwen­dung, aber die Lebens­welt des Tex­tes und mei­ne eige­ne kom­men ein­an­der in weni­gen Sät­zen ganz nah. 

Die Bibel erklären, aber mit Begeisterung

Beson­ders wert­voll fin­de ich es, wenn der Autor nicht nur den Text wie in einem Rezept erklärt, son­dern wirk­lich Appe­tit dar­auf macht. Hier spürt man die per­sön­li­che Lei­den­schaft, die der Autor des Kom­men­tars mit dem Ver­fas­ser des Psalms teilt. Zu Psalm 63 schreibt Die­ter Schneider: 

Was gemeint ist, wird erläu­tert durch den Par­al­lel­satz: Es dürs­tet nach dir mei­ne See­le. Es schmach­tet nach dir mein Fleisch. Hin­ter die­sem Ver­lan­gen nach Gott steht eine gro­ße Lie­be, die sich nicht mit weni­gem zufrie­den geben will. Der gan­ze Mensch David, mei­ne See­le … mein Fleisch, braucht die Gewiß­heit der Nähe Got­tes. Im tro­cke­nen und lech­zen­den Land ohne Was­ser’ ver­langt es den Beter nach Gott als dem Ele­men­ta­ren (Was­ser), nach Gott allein. 

(Das Buch der Psal­men, S. 69)

Das sind nur eini­ge weni­ge Abschnit­te, die mich per­sön­lich ange­spro­chen und ermu­tigt haben. 

Die Wuppertaler Studienbibel: Eine wertvolle Ergänzung zu anderen Kommentaren

Wer eine soli­de, deut­sche Kom­men­tar­rei­he sucht, soll­te sich die Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel in sein digi­ta­les Bücher­re­gal stel­len. Natür­lich soll­te man dabei wis­sen, was man erwar­ten darf und was nicht. Der Schwer­punkt liegt auf der aus­führ­li­chen Erklä­rung, nicht die Detail­ex­ege­se mit dem Urtext. 

Die Bän­de eig­nen sich also zum einen sehr gut für ein inten­si­ves per­sön­li­ches Bibel­stu­di­um. Man ent­deckt in weni­gen Absät­zen so vie­le Aspek­te eines Bibel­tex­tes und erhält genü­gend Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen für eini­ge Aha-Momente. 

Die Infor­ma­tio­nen kom­men auch in der rich­ti­gen Dosis für eine ordent­li­che Vor­be­rei­tung von Andach­ten, Klein­grup­pen und Pre­dig­ten. Wer sich noch kon­kre­te­re Hil­fe­stel­lun­gen wünscht, kann sich auch die Bän­de des Edi­ti­on-C-Kom­men­tars anschau­en. Dort gibt es zusätz­lich zur Aus­le­gung auch Anre­gun­gen zu Bibel­ar­bei­ten oder Vor­schlä­ge für einen Predigttitel.

Eini­gen Bän­den merkt man die lan­ge Ent­ste­hungs­ge­schich­te am Sprach­stil und der Wort­wahl an. Das schmä­lert aber nicht den wer­ti­gen Inhalt, der von bewähr­ten Theo­lo­gen, Pas­to­ren und Seel­sor­gern zusam­men­ge­tra­gen wurde. 

Aus­führ­li­che Kom­men­ta­re wie die His­to­risch-Theo­lo­gi­sche Aus­le­gung (NT) oder Her­ders Theo­lo­gi­schen Kom­men­tar (AT & NT) soll­te man beson­ders für sprach­li­che Fein­hei­ten hin­zu­zie­hen. Mat­thew Hen­rys klas­si­sche Kom­men­tar­rei­he (AT und NT) legt noch mehr Wert auf per­sön­li­che Anwen­dung und N.T. Wrights „Das Neue Tes­ta­ment für heu­te“ liest sich deut­lich moderner. 

Natür­lich braucht es fri­sche Kom­men­ta­re. Jede Genera­ti­on braucht jun­ge Pas­to­ren und Theo­lo­gen, die mit Respekt gegen­über der Bibel pre­di­gen, lei­ten und viel­leicht selbst Kom­men­ta­re schrei­ben, damit Men­schen durch die Bibel Gott bes­ser ken­nen­ler­nen. In die­sem Sin­ne wird die Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel immer ein Vor­bild sein und wird ihrem eige­nen Anspruch gerecht: Sie erklärt den Bibel­text „für die bibel­le­sen­de Gemeinde“.

Mehr Infos zur digi­ta­len Aus­ga­be gibt es hier.

Simon Rühl

Über den Autor

Simon Rühl war 9 Jahre Pastor in Süddeutschland und Wien, bevor er ins deutsche Logos-Team einstieg. Er wohnt mit seiner Frau und 2 Jungs in Landau in der Pfalz. Bei Logos ist seine Leidenschaft, dass Christen zum Bibelstudieren motiviert und befähigt werden.

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  1. Die Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel stand frü­her nicht nur in mei­nem Bücher­schrank, son­dern sie lag auch zum Lesen und Stu­die­ren auf mei­nem Schreib­tisch und am Lese­platz. Uner­klär­li­cher­wei­se sträub­ten sich bei mir jedoch nach kur­zer Zeit unwill­kür­lich die Nacken­haa­re, wenn ich in einem Kom­men­tar von Rien­ecker las. Des­halb habe ich die­se Kom­men­tar­rei­he wei­ter­ge­ge­ben an einen Bru­der, dem sie mir zusag­te. Aber die Bän­de von Adolf Pohl habe ich behal­ten; ins­be­son­de­re sein Johan­nes-Evan­ge­li­um-Kom­men­tar und sei­ne 2 Bän­de zur Offen­ba­rung habe ich behal­ten und schät­ze sie unge­mein. Das ATD und das NTD sind zwar recht kri­ti­sche Kom­men­ta­re, doch wenn man sie kri­tisch liest, kann man für sein Glau­bens­le­ben vie­le gute Hin­wei­se fin­den. Weil ihnen jedoch das Prin­zip, „dem Ursprung mög­lichst nahe zu kom­men“ zugrun­de liegt, wird der Text in Mei­nung und Gegen­mei­nung, Dis­kus­si­on von Hin­wei­sen und wei­te­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen sehr stark zer­stü­ckelt. Ein Kom­men­tar am Text ent­lang und in den Text hin­ein, stets am Text blei­bend, ist nach mei­ner Mei­nung der Exo­dus-Kom­men­tar von Chris­toph Doh­men aus dem Herder-Verlag.

    Wer sind die Autoren der neu­en Aus­ga­be der Wup­per­ta­ler Stu­di­en­bi­bel, wel­che Grund­sät­ze ver­fol­gen sie, mit wel­cher Ziel­rich­tung arbei­ten Sie, wie gründ­lich gehen Sie vor? – Ihre Ankün­di­gung bedeu­tet eigent­lich, die Kat­ze im Sack zu kau­fen. Ich hät­te also gern eine detail­lier­te Ankündigung.
    Mit freund­li­chem Gruß
    Bol­ko Müller

    1. Vie­len Dank für den Kom­men­tar und die Anfra­ge! Es han­delt sich hier nicht um eine Neu­aus­ga­be, son­dern um eine Digi­ta­li­sie­rung der bekann­ten und gewohn­ten Wup­per­ta­ler Studienbibel.

  2. Statt „Ankün­di­gung“ soll­te es ein­mal „Rekla­me“ hei­ßen. Dies ist eine Kor­rek­tur des Kom­men­tars. Es han­delt sich um einen 2. Schritt.

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