Rechtfertigung – das Ende aller Religiosität

Von tarekmotheus


Die Recht­fer­ti­gung des Sün­ders ist eine zen­tra­le Grund­aus­sa­ge der Refor­ma­ti­on. Ich habe jedoch den Ein­druck, dass „Recht­fer­ti­gung“ für vie­le ein abs­trak­ter theo­lo­gi­scher Begriff ohne Aus­wir­kung auf das per­sön­li­che Leben ist. Dabei ist sie weit mehr als ein kirch­li­ches Dog­ma. „Es gibt kaum ein The­ma, das nicht von der Recht­fer­ti­gung betrof­fen wäre“, schreibt Dr. Rolf Sons in sei­nem Buch „Mar­tin Luther als Seel­sor­ger“1. War­um das so ist und wel­che unmit­tel­ba­ren Fol­gen die Recht­fer­ti­gung für einen Men­schen hat, dar­um soll es im Fol­gen­den gehen. 

Rechtfertigung ist das Grundbedürfnis des Menschen 

Der Begriff „Recht­fer­ti­gung“ meint u.a. „Begrün­dung, Berech­ti­gung“. Ande­re Syn­ony­me sind außer­dem „Legi­ti­ma­ti­on oder Ent­schul­di­gung“ 2. Im Straf­recht bedeu­tet das: der Ange­klag­te kann nach­wei­sen, dass sei­ne Hand­lung nicht rechts­wid­rig ist. 3 Als Fol­ge wird er von den Ankla­ge­punk­ten frei­ge­spro­chen. In der Bibel wird die­ser Begriff aus­schließ­lich in sei­ner foren­si­schen Bedeu­tung ver­wen­det. Der Schwer­punkt liegt dabei auf der Recht­fer­ti­gung des Sün­ders vor Gott, d.h. die­ser wird „von Gott im Blick auf die Sün­de als gerecht beur­teilt“ 4. Doch war­um soll­te sich der Mensch recht­fer­ti­gen müs­sen? Die Bibel berich­tet in 1. Mose 3, dass die ers­ten Men­schen Got­tes Gebot über­tre­ten haben. Seit­her sind und wer­den alle Men­schen schul­dig vor Gott (s. Röm 3,22f; 5,12). Sie sit­zen qua­si auf der Ankla­ge­bank und müs­sen sich beim letz­ten Gericht für ihr Leben ver­ant­wor­ten (s. Hebr 9,27). 

In der Tat haben Men­schen zu allen Zei­ten durch Riten und Opfer ver­sucht, einen Gott (oder meh­re­re Göt­ter) zufrie­den zu stel­len. Auch wenn der auf­ge­klär­te Mensch den Gedan­ken an einen gött­li­chen Rich­ter ver­wor­fen hat, gibt es zahl­rei­che Hin­wei­se für sei­ne Sehn­sucht nach Recht­fer­ti­gung. So las­sen sich bei nähe­rer Unter­su­chung zahl­rei­che Denk­mus­ter und Ver­hal­tens­wei­sen auf fol­gen­de Ursa­chen zurück­füh­ren: der Mensch möch­te gut sein, er möch­te es recht machen und er möch­te einen Grund zum Leben haben. 

Im Fol­gen­den sol­len meh­re­re Berei­che des Lebens genannt wer­den, in denen m.E. die­se Sehn­sucht zum Aus­druck kommt. Man kann sie z.B. in der Fra­ge nach dem Sinn des Lebens ent­de­cken. Jeder möch­te einen Grund zum Leben haben. Die einen suchen die­sen in Kar­rie­re und Erfolg, ande­re in sozia­lem Enga­ge­ment oder in der Aner­ken­nung der Gesell­schaft. Eng mit der Sinn­fra­ge ist die Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät ver­bun­den. Der Mensch fragt sich, wer er ist und ob es recht ist, wie er ist. Bran­chen wie die Schön­heits­chir­ur­gie und Kos­me­tik­in­dus­trie wol­len dem unzu­frie­de­nen Men­schen zu einem neu­en Äuße­ren ver­hel­fen. Psy­cho­the­ra­pie und Lebens­be­ra­tung geben neue Impul­se für sein Inneres. 

Exis­ten­zi­el­le Bedeu­tung gewinnt die Fra­ge nach der Recht­fer­ti­gung vor allem im ethi­schen Bereich. Ist das Leben eines alten, ein­ge­schränk­ten und kran­ken Men­schen gerecht­fer­tigt, wenn der Auf­wand und die Kos­ten, die er ver­ur­sacht, höher sind als der Nut­zen, den er bringt? Oder ver­liert er dann sei­ne Daseinsberechtigung? 

Recht­fer­ti­gung spielt außer­dem im zwi­schen­mensch­li­chen Bereich eine gro­ße Rol­le. Bereits im Gar­ten Eden scho­ben Adam und Eva die Schuld für ihr Ver­sa­gen jemand ande­res zu. Es ist dem Men­schen seit­her ange­bo­ren, sich zu ent­schul­di­gen, Schuld zu ver­tu­schen oder auf ande­re zu schie­ben. Vie­le Bezie­hun­gen schei­tern dar­an, dass kei­ner sei­ne Schuld zugibt und den ande­ren um Ver­ge­bung bit­tet. So ent­steht Bit­ter­keit im Her­zen und Bezie­hun­gen kön­nen für immer zer­bre­chen. Doch war­um tut sich der Mensch so schwer, Schuld zuzu­ge­ben? Die Ursa­che liegt in dem not­wen­di­gen Ein­ge­ständ­nis: Ich bin nicht so, wie ich sein soll­te bzw. woll­te. Ich bin nicht „recht“. Denn wenn er das zugibt, setzt er sich der Gefahr aus, ver­ach­tet zu wer­den. Und wenn er vor sich und ande­ren die Ach­tung ver­liert, wer kann ihm die­se zurückgeben? 

So ver­sucht der Mensch krampf­haft die Fas­sa­de der Recht­schaf­fen­heit auf­recht zu erhal­ten. Doch hin­ter die­ser Fas­sa­de lei­den vie­le an ihrer Schuld und ihrer Man­gel­haf­tig­keit, beson­ders dann, wenn sich die eige­ne Schuld nicht von der Hand wei­sen lässt, z.B. bei Schä­di­gung eines ande­ren durch Fahr­läs­sig­keit. Schuld­ge­füh­le, depres­si­ve Ver­stim­mun­gen, Schlaf­stö­run­gen und wei­te­re psy­cho­so­ma­ti­sche Beschwer­den kön­nen die Fol­ge sein (s. z.B. Ps 32). Auf der Suche nach Ent­las­tung des Gewis­sens wäh­len Men­schen ver­schie­de­ne Wege. Die einen grün­den z.B. ein sozia­les Pro­jekt. Ande­re stür­zen sich in reli­giö­se Übun­gen oder geben wie im Fall man­cher Pro­mi­nen­te sogar in der Öffent­lich­keit zu, Feh­ler gemacht zu haben. 5 Doch was sagt die Bibel dar­über aus, wie das Bedürf­nis des Men­schen nach Recht­fer­ti­gung gestillt wer­den kann und wel­che Fol­gen das für das all­täg­li­che Leben hat?

Gott als Schöpfer rechtfertigt den Menschen

Der Mensch erhält sei­ne Exis­tenz­be­rech­ti­gung dadurch, dass er ein Geschöpf Got­tes ist. Gott erschuf ihn nach sei­nem Bild (s. 1.Mo 1,26f) und das Urteil über sein Werk lau­te­te „sehr gut“ (s. 1.Mo 1,31). Die­ses Eben­bild Got­tes wur­de zwar durch den Sün­den­fall ent­stellt, aber nicht gänz­lich zer­stört. Für jeden Men­schen gilt, dass er von Gott gewollt und gemacht wur­de. Er ist ein Geschöpf Got­tes. Nicht die Eltern bestim­men die Ent­ste­hung eines Kin­des, son­dern Gott. Fer­ner gilt auch, dass jeder Mensch mit sei­nem Geschlecht, sei­ner Her­kunft, Gaben, Fähig­kei­ten, mit sei­ner Per­sön­lich­keit so von Gott gewollt ist (s. Ps 139, 13–16). 

Über jedem Leben steht der Plan Got­tes. Kann der Mensch anneh­men, dass er mit sei­nem gan­zen Sein so gewollt und gemacht ist, dass er so recht ist6, dann führt das zu einer Ant­wort auf die Iden­ti­täts­fra­ge. Der Mensch darf wis­sen: Ich bin ein Geschöpf Got­tes. Ich bin wert­voll, weil ich lebe und nicht, weil ich etwas tue oder kann. Die­se Tat­sa­che hilft zur Selbst­an­nah­me und führt zu einer inne­ren Gelas­sen­heit und Zufrie­den­heit. Ich muss mich nicht mit ande­ren ver­glei­chen; ich muss mich nicht ver­bie­gen, um es ande­ren recht zu machen. Mein Leben darf ich als Geschenk aus Got­tes Hand anneh­men, darf ent­de­cken, wel­che Fähig­kei­ten er hin­ein­ge­legt hat, und darf sie ent­fal­ten. Ich darf mei­nen Platz ein­neh­men, an den Gott mich gestellt hat. Die­ses Wis­sen kann mit Freu­de und Sinn erfüllen. 

Hier kommt auch der Leis­tungs­druck zum Erlie­gen. Ich muss mich nicht mehr im All­tag zer­rei­ßen, um der/​die Beste/​Schnellste und Geschei­tes­te zu sein. Hier gewin­nen Arbeit und Beruf – ein Bereich, der heu­te für vie­le eine enor­me Her­aus­for­de­rung dar­stellt, einen neu­en Stel­len­wert. Natür­lich ist es wich­tig, sich ein­zu­brin­gen, sei­ne Arbeit mit Enga­ge­ment zu tun, aber sie muss nicht mehr zum Kampf­platz um Aner­ken­nung und Bestä­ti­gung wer­den. Letzt­lich hat die­ser Punkt mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf den Umgang mit ethi­schen Fra­gen. Hier wird selbst­ver­ständ­lich, dass auch schwa­che, kran­ke und leis­tungs­un­fä­hi­ge Men­schen ein Recht auf Leben haben. Dem­zu­fol­ge wird der Umgang mit die­sen Men­schen von Wert­schät­zung und Respekt geprägt sein. Die Wür­de des Men­schen ist in der Recht­fer­ti­gung als Geschöpf Got­tes ver­an­kert. Der Wert eines Men­schen ist von höchs­ter Auto­ri­tät nicht ange­zwei­felt, wenn die­ser alt, krank und leis­tungs­un­fä­hig wird. An die­ser Grund­hal­tung klä­ren sich die Fra­gen um die Berech­ti­gung von Eutha­na­sie, Schwan­ger­schafts­ab­bruch usw. 

Gott als Erlöser rechtfertigt den Menschen

Die Recht­fer­ti­gung ist das Ende aller Reli­gio­si­tät7 . Der Mensch muss nicht mehr ver­su­chen, Gott durch eige­ne gute Wer­ke zufrie­den zu stel­len. Gott spricht ihn durch Chris­tus von sei­ner Sün­de frei, wenn er die­ses Ange­bot in Anspruch nimmt. (s. Röm 3,23–28). Er ist nun „recht“ in den Augen Got­tes. Luther hat Recht, wenn er von einem „fröh­li­chen Tausch­han­del“ spricht8. Gott nimmt die Sün­de des Men­schen und rech­net ihm statt­des­sen Chris­ti Gerech­tig­keit zu. Die­se Tat­sa­che hat die Kraft, das Leben eines Men­schen total zu ver­än­dern. Ent­las­tung von dem bösen Gewis­sen und Gewiss­heit der Ver­ge­bung sind die Fol­ge. Hoff­nung und Freu­de dür­fen Ein­kehr hal­ten. Die neue Stel­lung vor Gott bewirkt die Moti­va­ti­on, das Den­ken und Han­deln an Got­tes Maß­stä­ben aus­zu­rich­ten, qua­si auch als Gerech­ter zu leben. 

Pau­lus führt z.B. in Röm 12–16 auf, wie das kon­kret aus­sieht Auch Men­schen mit einer dunk­len Ver­gan­gen­heit kön­nen so ein neu­es Leben begin­nen, was gleich­zei­tig nicht heißt, dass dann alle Kon­se­quen­zen der Schuld auf­ge­ho­ben wer­den Aber kei­ner muss an sich und sei­nem Ver­sa­gen verzweifeln!

Pau­lus beschreibt in Röm 5,1 eine wesent­li­che Fol­ge der Recht­fer­ti­gung, näm­lich Frie­den mit Gott. Die Bezie­hung zwi­schen Gott und Mensch ist auf die­ser Grund­la­ge wie­der mög­lich. Der Mensch darf in die­ser Bezie­hung Ruhe, Sicher­heit und Gebor­gen­heit erle­ben. Er darf wis­sen: Gott ist für mich (s. Röm 8, 31). Wer das ver­in­ner­licht hat, muss sich nicht mehr von der Bestä­ti­gung ande­rer Men­schen abhän­gig machen. Er ist dazu befreit, sein Leben in Ver­ant­wor­tung vor Gott zu füh­ren, und für sei­ne Grund­sät­ze trotz Wider­stän­de einzutreten. 

Recht­fer­ti­gung bringt Abhän­gig­keit von Gott, aber auch eine gro­ße Frei­heit mit sich. Sehr befrei­end wirkt sich das auch auf zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen aus. Der Mensch darf der Rea­li­tät ins Auge sehen. Er muss kei­ne Aus­flüch­te mehr suchen. Die Mas­ke darf er fal­len las­sen und ehr­lich wer­den vor sich selbst, vor Gott und vor ande­ren. Er darf zuge­ben: Ja, ich bin schul­dig. Ja, ich ent­spre­che Got­tes voll­kom­me­nen Maß­stä­ben nicht. Ja, ich selbst und ande­re müs­sen wegen mei­nem Ver­sa­gen lei­den. Es tut weh, sich die­ser Tat­sa­che zu stel­len, aber letzt­lich wirkt sie unheim­lich befrei­end. „.. die Wahr­heit wird euch frei machen“, sagt Jesus in Joh 8,32. So ein ehr­li­ches Geständ­nis kann sich posi­tiv auf den eige­nen Kör­per, aber mit Sicher­heit auch auf die belas­te­te Bezie­hung zum Nächs­ten auswirken. 

Und ins­be­son­de­re für das Ende des Lebens gilt die fes­te Zuver­sicht: Trotz aller Feh­ler, allem Ver­sa­gen und allen „Umwe­gen“, ist mein Leben in der Hand Got­tes gebor­gen und trägt sei­nen Stem­pel „gerecht durch Chris­tus“. Die­se Tat­sa­che kann trös­ten und hel­fen mit Ver­säum­tem fer­tig zu wer­den. Und sie schenkt Hoff­nung im Hin­blick auf den Tod, das letz­te Gericht und das Leben danach. Eines Tages ste­he ich vor Gott und ich weiß schon jetzt, dass ich dann von Ihm als „gerecht“ befun­den wer­de und für immer in sei­ner Gegen­wart leben darf. Nicht wegen mir und mei­nem Ver­dienst, son­dern allein wegen Jesus Christus.


Fußnoten

1 Sons, Mar­tin Luther als Seel­sor­ger, S. 31.
2 S. http://​www​.duden​.de/​r​e​c​h​t​s​c​h​r​e​i​b​u​n​g​/​R​e​c​h​t​f​e​r​t​i​g​ung.
3 S. https://​www​.wort​be​deu​tung​.info/​R​e​c​h​t​f​e​r​t​i​g​u​ng/.
4 S. Rien­ecker, F. ; Mai­er, G. ; Schick, A. ; Wen­del, U. (Hrsg.). Lexi­kon zur Bibel: Per­so­nen, Geschich­te, Archäo­lo­gie, Geo­gra­fie und Theo­lo­gie der Bibel.
5 Die Aus­füh­run­gen in die­sem Abschnitt wer­den z.T. auch sehr tref­fend in dem Werk 500 Jah­re Refor­ma­ti­on: Bedeu­tung und Her­aus­for­de­rung unter “2. Recht­fer­ti­gung“ beschrie­ben.
6 Hier wird bewusst nur der Schöp­fungs­ge­dan­ke und nicht der sote­rio­lo­gi­sche Aspekt erwähnt. Natür­lich ist der Mensch ein erlö­sungs­be­dürf­ti­ger Sün­der. Das wird im letz­ten Abschnitt deut­lich.
7 Reli­gio­si­tät im nega­ti­ven Sinn, wo der Mensch selbst einen Weg zu Gott sucht.
8 Vgl. Luther, Von der Frei­heit eines Chris­ten­men­schen, S. 169.

tarekmotheus

Über den Autor

Tarekmotheus Masoud ist Jahrgang 1979 und seit 2017 mit Conny verheiratet. Sie haben eine Tochter. Nach über 20 Jahren Berufserfahrung im IT und Kommunikationsbereich, genießt er zur Zeit das Vorrecht, ein dreijähriges Theologiestudium am Bibelstudienkolleg (BSK) in Ostfildern bei Stuttgart besuchen zu dürfen. Als begeisterter Logos-User versucht er Stück für Stück die Möglichkeiten der Bibelsoftware auszuloten, um sie für das Studium am BSK verwenden zu können.

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