Die Arbeiter im Weinberg: 6 häufig übersehene Aspekte

Von Manuel Becker

Bibelstudium, Gleichnis, Gnade, Güte, Skandal

Unge­recht? Das Gleich­nis von den Arbei­tern im Wein­berg illus­triert Got­tes skan­da­lö­se Güte, die Gerech­tig­keit über­trifft und wütend macht. Lesen Sie in 15 Min. wel­che 6 Aspek­te für eine fun­dier­te Aus­le­gung des Gleich­nis­ses unver­zicht­bar sind. 

Die Gleichnisse Jesu

Jesus war ein meis­ter­haf­ter Geschich­ten­er­zäh­ler. Wann immer er zu den Men­schen rede­te, ver­wen­de­te er Gleich­nis­se (Mt 13,34). Geschich­ten und Gleich­nis­se berüh­ren das Herz in einer Tie­fe, wie abs­trak­te Ideen es nie­mals tun kön­nen. In den Gleich­nis­sen fass­te Jesus die Kern­ideen sei­ner Leh­re zusam­men und ver­mit­tel­te sie ein­präg­sam sei­nen Zuhö­rern. Wei­ter­hin waren die Gleich­nis­se Jesu so kurz und ein­fach, dass die Leu­te sie ein­fach wei­ter­erzäh­len konn­ten. So konn­te sich die Bot­schaft Jesu ein­fach und weit­rei­chend verbreiten.

Die Gleich­nis­se Jesu sind zutiefst ver­wur­zelt in der dama­li­gen Zeit und Kul­tur. Moder­ne Leser ver­ste­hen die Aus­sa­ge der Gleich­nis­se oft schwer, weil ihnen die Bezugs­punk­te unklar sind und ihnen die kul­tu­rel­len Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen feh­len, die zum Ver­ständ­nis des Gleich­nis­ses not­wen­dig sind. Gute Bibel­kom­men­ta­re fül­len die­se Wis­sens­lü­cken und ermög­li­chen eine soli­de, in der Kul­tur und Zeit Jesu ver­wur­zel­te, Aus­le­gung der Gleich­nis­se Jesu.

Aspekt 1: Aus der Lebensrealität der Leute

Die Gleich­nis­se Jesu spie­geln das all­täg­li­che Leben der Men­schen des ers­ten Jahr­hun­derts wider, das Leben der Bau­ern, der Hir­ten, der Knech­te und Her­ren, der Frau­en, der Väter und Söh­ne. Es geht um Schul­den, Unge­rech­tig­keit, Gier, Not und Bezie­hun­gen. Jesu Leh­re war ganz nah dran am Leben sei­ner Zuhö­rer. Er hat kei­ne welt­frem­den theo­lo­gi­schen Kon­zep­te gepre­digt, son­dern es ging um prak­ti­sche The­men des Alltags.

Zur Zeit Jesu herrsch­te gro­ße Armut in Isra­el. Hero­des der Gro­ße galt als der größ­te Bau­herr sei­ner Zeit, aber sei­ne Bau­ten wur­den finan­ziert durch die Steu­ern, die er aus der jüdi­schen Bevöl­ke­rung her­aus­press­te. Aber die jüdi­sche Bevöl­ke­rung muss­te nicht nur Hero­des Steu­ern bezah­len, son­dern zusätz­lich auch noch Kai­ser Augus­tus. Dies hat Paläs­ti­na in die abso­lu­te Armut getrie­ben. Tau­sen­de sind ver­hun­gert und vie­le sind geflo­hen oder in die Kri­mi­na­li­tät geflüch­tet, um über­le­ben zu können.

Es wird ver­mu­tet, dass es zur Zeit Jesu ca. 5% Ober­schicht, 5% Mit­tel­schicht (z.B. Beam­ten) und 80% Unter­schicht (z.B. Hand­wer­ker, Klein­bau­ern, Tage­löh­ner; sie muss­ten täg­lich hart arbei­ten, um gera­de so über­le­ben zu kön­nen) gab. Die letz­ten 10% leb­ten in extre­mer Armut (z.B. Bett­ler & Aus­sät­zi­ge). Für detail­lier­te Infor­ma­tio­nen zur Situa­ti­on Jeru­sa­lems zur Zeit Jesu emp­feh­le ich „Jeru­sa­lem in the Time of Jesus“ von Joa­chim Jeremias.

Jesus war ein Freund der Armen. Er hat sich für die Armen ein­ge­setzt und ihnen Mut und Hoff­nung gege­ben in die­ser Zeit der schwe­ren exis­ten­zi­el­len Kri­se. Das Gleich­nis von den Arbei­tern im Wein­berg war ver­wur­zelt in der har­schen Lebens­rea­li­tät der Zuhö­rer Jesu.

Aspekt 2: Die Tagelöhner

Die Tage­löh­ner gehör­ten zur unters­ten Klas­se der Unter­schicht. Ihnen erging es schlech­ter als den Haus­skla­ven. Für die Haus­skla­ven muss­ten die Besit­zer einen hohen Kauf­preis bezah­len, des­halb wur­de auf­ge­passt, dass die Haus­skla­ven nicht zu extrem belas­tet wur­den, damit sie vie­le Jah­re arbei­ten konn­ten. Aber für die Tage­löh­ner hat sich nie­mand inter­es­siert, des­halb muss­ten sie die här­tes­ten und gefähr­lichs­ten Jobs machen. Sie haben von der Hand in den Mund gelebt.

Die Tage­löh­ner stan­den schon vor Son­nen­auf­gang an öffent­li­chen Plät­zen, wie dem Markt­platz, und war­te­ten dar­auf, dass sie ein­ge­stellt wur­den. Der Druck auf ihnen war groß, denn ob ihre Fami­lie etwas essen konn­te oder hun­gern muss­te, war davon abhän­gig, ob sie Arbeit für den Tag fan­den oder nicht.

Aspekt 3: Der übliche Lohn in der damaligen Zeit

In wirt­schaft­lich guten Zei­ten war ein Dinar ein guter Tages­lohn. Ein hal­ber Dinar galt als schlech­ter Lohn. Aber in wirt­schaft­lich schlech­ten Zei­ten war auch ein hal­ber Dinar ein guter Lohn. Dem­nach war 1 Dinar in jedem Fall ein guter Lohn.

Aber wie viel war ein Denar über­haupt wert? Ein Ober­ge­wand oder ein Paar Schu­he kos­te­te ca. 30 Dina­re, des­halb besa­ßen vie­le Tage­löh­ner nur ein ein­zi­ges Ober­ge­wand. Ein Och­se kos­te­te 300 Dina­re. Fleisch jeg­li­cher Art war teu­er, des­halb ernähr­ten sich fast alle Men­schen der Unter­schicht vege­ta­risch und Fleisch gab es nur zu sel­te­nen und beson­de­ren Gelegenheiten.

Am Sab­bat wur­de nicht gear­bei­tet, dem­nach konn­te Geld nur an 6 Tagen ver­dient wer­den, des­halb muss­te jedes Fami­li­en­mit­glied, so früh wie mög­lich, arbei­ten gehen, um das Über­le­ben der Fami­lie zu sichern.

Aspekt 4: Ab hier wird es komisch…

Das Schockelement in Gleichnissen

Obwohl es sich bei den Gleich­nis­sen Jesu um Beschrei­bun­gen aus der Lebens­rea­li­tät der Men­schen han­del­te, schil­dern sie nicht unbe­dingt all­täg­li­che Ereig­nis­se. Vie­le Ele­men­te der Gleich­nis­se waren scho­ckie­rend, viel­leicht sogar befremd­lich, für die Zuhö­rer, wie etwa Mil­lio­nen­schul­den (Mt 18,23–35), ein Vater, der sei­nem weg­ge­lau­fe­nen Sohn ent­ge­gen­rennt (Lk 15,20) oder eben der Besit­zer eines Wein­bergs, der sei­ne Arbei­ter mit über­trie­be­ner Groß­zü­gig­keit bezahlt (Mt 20,1–16).

Fee & Stuart erklä­ren, dass die meis­ten Gleich­nis­se mit Wit­zen ver­gleich­bar sind (2015:182). Ein Witz hat eine Poin­te, und wer die Poin­te ver­steht, ver­steht auch den Witz. So ist es auch mit den Gleich­nis­sen. Vie­le Gleich­nis­se hat­ten eine Poin­te, und wer die Poin­te ver­stand, ver­stand auch die Bedeu­tung des Gleich­nis­ses. Snod­grass fügt hin­zu, dass die Poin­te des Gleich­nis­ses, „das Ent­schei­den­de“ des Gleich­nis­ses, in der Regel am Ende des Gleich­nis­ses zu fin­den ist (2018: Cha­rac­te­ris­tics of Jesus’ Parables).

Die Schwachen und Alten

Das Gleich­nis von den Arbei­tern im Wein­berg fängt an komisch zu wer­den, als der Wein­berg­be­sit­zer noch ein­mal auf den Markt­platz geht, um zur elf­ten Stun­de (17 Uhr) noch ein­mal Leu­te ein­zu­stel­len. Der Arbeits­tag ende­te um 18 Uhr und der Weg in den Wein­berg (wel­cher gewöhn­lich außer­halb der Stadt lag) war ver­mut­lich auch min­des­tens 15 Minu­ten lang. Nie­mand stell­te mehr Leu­te zu so spä­ter Stun­de ein.

Hin­zu kommt, dass die übrig geblie­be­nen Arbei­ter ver­mut­lich die schwa­chen und älte­ren Arbei­ter waren. Die jun­gen und star­ken Tage­löh­ner wur­den zuerst aus­ge­wählt und am Ende des Tages blie­ben die übrig, die nie­mand sonst ein­stel­len woll­te. Es waren die Ver­zwei­fel­ten, weil sie sich nach Arbeit sehn­ten, um ihre Fami­li­en ernäh­ren zu kön­nen, aber nie­mand sie haben wollte.

Der Wein­berg­be­sit­zer stell­te sie ein mit dem Satz „Ich will euch geben, was gerecht ist“. Die Tage­löh­ner, die um 6 Uhr ange­stellt wur­den, denen wur­de ein gan­zer Dinar zuge­sagt. Der Teil der Tage­löh­ner, die zur drit­ten Stun­de (um 9 Uhr) ange­stellt wur­den, haben maxi­mal 3/​4 Dina­re erwar­tet, ver­mut­lich deut­lich weni­ger. Aber die Tage­löh­ner, die um 15 Uhr und um 17 Uhr ein­ge­stellt wur­den, hat­ten die Aus­sicht auf so gut, wie gar kei­nen Lohn, sie gin­gen aus rei­ner Ver­zweif­lung und Hoff­nung immer­hin ein biss­chen Essen für die Fami­lie ver­die­nen zu können!

Aspekt 5: Skandalöse Güte

Das Ein­stel­len von Tage­löh­nern um 17 Uhr war komisch, aber dass die­se, die nur 45 Minu­ten (in der Abend­küh­le!) gear­bei­tet haben, dann einen gan­zen Dinar (einen Tage­lohn!) beka­men war ein abso­lu­ter Skan­dal. Das war unvor­stell­bar. Die müs­sen gehüpft und getanzt haben vor Freu­de. Die­se Groß­zü­gig­keit war unvor­stell­bar und ohnegleichen.

Ab jetzt muss die Geschich­te durch die Augen derer gele­sen wer­den, die den gesam­ten Tag, 12 Stun­den, in der bru­ta­len Hit­ze des Tages hart gear­bei­tet haben. Die haben Groß­zü­gig­keit gese­hen und natür­lich auf mehr Lohn gehofft. Das ist ganz natür­lich. Ihre Ent­täu­schung war selbst­ver­ständ­lich. „Das ist unge­recht. Nicht fair.“

Der Wein­berg­be­sit­zer ant­wor­te­te freund­lich („Mein Freund“), mit einer sach­li­chen Infor­ma­ti­on (V.13) und einer Fra­ge (V.15). „Ich habe nie­man­dem Unrecht getan. Ich habe mich an alle Abspra­chen gehal­ten. Alles ist juris­tisch kor­rekt. Ich woll­te groß­zü­gig sein. Es war mein Wil­le. Es war kei­ne Pflicht. Mein Herz hat das gesagt.“ Er begrün­det sein Ver­hal­ten. Er ver­steht die Ent­täu­schung, aber er hat sich an sei­nen Teil der Abma­chung gehalten.

Für die erschöpf­ten Tage­löh­ner war es Unge­rech­tig­keit. Für sie wäre es gerecht gewe­sen, wenn sie mehr Gehalt oder die letz­ten Tage­löh­ner weni­ger bekom­men hät­ten. Aber die Güte und Groß­zü­gig­keit des Wein­berg­be­sit­zers über­traf die Vor­stel­lung von Gerech­tig­keit der Tage­löh­ner. Er wuss­te, dass die letz­ten Tage­löh­ner hun­gern­de Fami­li­en zu Hau­se hat­ten, die auf den gesam­ten Dinar ange­wie­sen waren, genau wie die Fami­li­en der Tage­löh­ner, die den gesam­ten Tag gear­bei­tet hatten.

Ver­ein­fach­te Gerech­tig­keit („jeder bekommt was er ver­dient“), die die Wur­zel von Pro­ble­men und den grö­ße­ren Kon­text igno­riert, kann die Not der Welt nicht lösen. Wenn Men­schen unschul­dig unter dem Recht der Welt lei­den, dann muss Güte begin­nen. Güte geht über das Recht hin­aus. Güte erkennt die Not und ist bereit die Extra­mei­le zu gehen.

Aspekt 6: Gericht

Mai­er weist dar­auf hin:

Der gan­ze 8. Vers wim­melt von bibli­schen Sym­bol­wör­tern: „Herr“ (κύριος [kyri­os]), „Wein­berg“, „Arbei­ter“, „Lohn“, „aus­zah­len“, „Abend“. Sie sind für die Hörer leicht zugäng­lich. Alle müs­sen begrei­fen, dass es um ein Gerichts­ge­sche­hen am Ende der Zei­ten geht“ (Mai­er 2017:204).

Wäh­rend die­ses Gleich­nis vie­le all­ge­mein­gül­ti­ge Wahr­hei­ten ent­hält, soll­te es dem­nach beson­ders im Lich­te des zukünf­ti­gen Gerichts Got­tes ver­stan­den werden.

Fazit: Was ist die Bedeutung des Gleichnisses?

Die Poin­te des Gleich­nis­ses ist:

Gott wählt die, die nie­mand sonst haben will. Aber nicht nur das, Got­tes Güte, sei­ne Groß­zü­gig­keit, über­trifft, was Men­schen als gerecht defi­nie­ren und führt des­halb oft zu Unver­ständ­nis und Zorn über die­se skan­da­lö­se Güte. Nie­mand kann glau­ben, wie gut und groß­zü­gig Gott wirk­lich ist (gera­de auch im Kon­text sei­nes zukünf­ti­gen Gerichts)! 

Die Schluss­fra­ge des Wein­berg­be­sit­zers ist ent­schei­dend: „Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?“ (Mt 20,15 ELB)

Die Tage­löh­ner, die den gesam­ten Tag gear­bei­tet haben, waren zor­nig über die skan­da­lö­se Güte des Wein­berg­be­sit­zers mit den letz­ten Tage­löh­nern. Die Fra­ge könn­te umfor­mu­liert wer­den: „War­um pro­tes­tierst du eigent­lich? War­um freust du dich nicht für dei­ne Brü­der und Schwes­tern? Ihr gehört doch alle zu den Ärms­ten, ihr seid doch eigent­lich eine Familie.“

Die eigent­li­che Fra­ge des Gleich­nis­ses ist: War­um freu­en wir uns nicht über Got­tes skan­da­lö­se Gna­de und Güte? Die besorg­nis­er­re­gen­de Wahr­heit ist, dass unse­re Empö­rung über Got­tes skan­da­lö­se Güte offen­bart, wie wenig wir von sei­nen Wer­ten und sei­nem barm­her­zi­gen Wesen ver­in­ner­licht haben.

Got­tes Güte über­trifft unser Den­ken. Er ist groß­zü­gi­ger, als wir es jemals ermes­sen kön­nen. Dies ist ein Grund zur Freu­de. Wenn sei­ne Güte uns wütend macht, dann ver­weist das dar­auf, dass wir das Maß sei­ner Barm­her­zig­keit und Groß­zü­gig­keit noch nicht ver­stan­den haben.

Bibliografie:

Fee, GD. & Stuart, D. 2015. Effek­ti­ves Bibel­stu­di­um: Die Bibel ver­ste­hen und aus­le­gen. Kind­le ed. Gie­ßen: Brun­nen Verlag.

Mai­er, Ger­hard. 2017. Das Evan­ge­li­um des Mat­thä­us: Kapi­tel 15–28. Her­aus­ge­ge­ben von Ger­hard Mai­er u. a., SCM R. Brock­haus; Brun­nen Verlag.

Snod­grass, K. 2018. Sto­ries with intent: a com­pre­hen­si­ve gui­de to the para­bles of Jesus. Kind­le ed. Grand Rapids: Wm. B. Eerd­mans Publi­shing Co.

Manuel Becker

Über den Autor

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine 4 Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, dann liebt er es theologische Bücher in seiner freien Zeit zu lesen, zu fotografieren oder seine Logos-Bücherei zu erweitern. Aktuell studiert er nebenher an der Akademie für Weltmission in Korntal und hofft 2023 sein MA-Studium zu beenden. Er ist der Autor von dem beliebten Kinderbuch „Der große Sieg“.

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