Was „glückselig“ wirklich bedeutet (Teil 3): Das Wort „makarios“ in den Apokryphen und Pseudepigraphen

Von Jakob Haddick

Tipps

Die Berg­pre­digt ist bekannt für den hohen ethi­schen Maß­stab, den Jesus an sei­ne Jün­ger legt. Jesus beginnt die Berg­pre­digt aller­dings nicht mit Ansprü­chen. Er beginnt mit Zusprü­chen, den soge­nann­ten Selig­prei­sun­gen (oder auch Maka­ris­men). Die­ser Bei­trag ist der drit­te Teil einer Wort­stu­die, die zei­gen soll, was es mit die­sen Zusprü­chen Jesu auf sich hat. Gleich­zei­tig soll dies eine Anlei­tung sein, selbst­stän­dig Wort­stu­di­en mit Logos durchzuführen.

Der Bei­trag ori­en­tiert sich an den vier Schrit­ten für eine Wort­stu­die aus dem neu erschie­ne­nen Buch How to Under­stand and App­ly the New Tes­ta­ment von Andrew David Nasel­li. Die vier Schrit­te lauten:

  1. Wäh­le ein grie­chi­sches Wort für eine Wort­stu­die aus.
  2. Ana­ly­sie­re sein Bedeu­tungs­spek­trum im Neu­en Testament.
  3. Ver­glei­che, wie das Wort in der Sep­tu­ag­in­ta und außer­bi­bli­scher Lite­ra­tur ver­wen­det wird.
  4. Ermitt­le die wahr­schein­li­che Bedeu­tung des Worts in Schlüs­sel­stel­len des Neu­en Testaments.

Der ers­te Teil war den Schrit­ten 1 und 2 gewid­met. Der zwei­te Teil des Bei­trags wid­me­te sich dem ers­ten Teil von Schritt 3, der Bedeu­tung von maka­ri­os in den kano­ni­schen Schrif­ten der Sep­tu­ag­in­ta. In die­sem drit­ten und letz­ten Bei­trag wer­den wir die Bedeu­tung von maka­ri­os in der außer­bi­bli­schen Lite­ra­tur betrach­ten1 und uns für die wahr­schein­lichs­te Bedeu­tung entscheiden.

Schritt 3: Vergleiche, wie das Wort in der außerbiblischen Literatur verwendet wird

Begriffsdefinitionen

Die LXX ent­hält nicht nur die (aus evan­ge­li­scher Sicht) kano­ni­schen Schrif­ten des Alten Tes­ta­ments, son­dern auch apo­kry­phe und pseu­depi­gra­phe Schrif­ten. Nach evan­ge­li­schem Ver­ständ­nis sind die Apo­kry­phen, ver­ein­facht aus­ge­drückt, jüdi­sche Schrif­ten, die in der zwi­schen­tes­ta­ment­li­chen Zeit ent­stan­den, also nach­dem der alt­tes­ta­ment­li­che Kanon abge­schlos­sen war (ca. 400 v. Chr.) und bevor die neu­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten ver­fasst wur­den.2 Dazu zäh­len z. B. Geschichts­bü­cher wie 1. und 2. Mak­ka­bä­er oder Weis­heits­bü­cher wie Sirach. Die Apo­kry­phen ent­hal­ten auch Zusät­ze zu den alt­tes­ta­ment­li­chen Büchern Ester und Dani­el. Die alt­tes­ta­ment­li­chen Pseu­depi­gra­phen sind jüdi­sche Schrif­ten außer­halb der kano­ni­schen und apo­kry­phen Schrif­ten, die fälsch­li­cher­wei­se einer bekann­ten jüdi­schen Per­son zuge­schrie­ben wer­den.3 Zu ihnen wer­den z. B. 3. und 4. Mak­ka­bä­er, 3. und 4. Esra und die Psal­men Salo­mos gezählt.

Die Suche in Logos vorbereiten

Um die Vor­kom­men von maka­ri­os in den Apo­kry­phen ange­zeigt zu bekom­men, fol­gen Sie den Schrit­ten, die im zwei­ten Bei­trag ange­führt sind, bis Sie die 68 Tref­fer in 66 Ver­sen in der LXX ange­zeigt bekommen.

Wortstudie in Logos - Begriffe aus der Bibel untersuchen

Im zwei­ten Bei­trag hat­ten wir einen Weg auf­ge­zeigt, wie wir uns mit Hil­fe einer ange­leg­ten Vers­lis­te nur die Vor­kom­men in den kano­ni­schen Schrif­ten anzei­gen las­sen kön­nen. Das geht ganz ähn­lich, wenn wir uns nur die Ver­se aus den Apo­kry­phen oder Pseu­depi­gra­phen anzei­gen las­sen wollen.

  1. Kli­cken Sie auf den Menü­punkt Doku­men­te und dann auf Vers­lis­te.
  2. Benen­nen Sie die Vers­lis­te mit Apo­kry­phen.
  3. Wäh­len Sie eine Bibel­über­set­zung mit Apo­kry­phen aus, z. B. die Luther 1984.
  4. Geben Sie im Feld Bibel­stel­le ein, dass sie vom ers­ten (Judit) bis zum letz­ten Buch der Apo­kry­phen (Das Gebet Manas­ses) alle mit ein­be­zie­hen wol­len. Das geht bei Luther, da die Apo­kry­phen hier alle zwi­schen dem AT und NT ste­hen: Judit-Gebet Manas­ses.

Suchbereich in Logos festlegen - Wortstudie

Nun haben wir die Lis­te für die Vers­lis­te für die Apo­kry­phen erstellt. Eine Vers­lis­te für die Pseu­depi­gra­phen zu erstel­len, ist nicht so ein­fach, da sie in kei­nem ver­füg­ba­ren Werk auf­ein­an­der­fol­gend ent­hal­ten sind. Des­we­gen ver­zich­ten wir hier darauf.

Makarios in den Apokryphen

Um die Vor­kom­men von maka­ri­os in den apo­kry­phen Schrif­ten ange­zeigt zu bekom­men, legen wir den Such­be­reich auf unse­re Vers­lis­te Apo­kry­phen fest und bekom­men 15 Vor­kom­men angezeigt.

In Logos makarios in den apokryphen Schriften angezeigen lassen - Wortstudie

Die 15 Vor­kom­men von maka­ri­os ver­tei­len sich auf die Bücher Tobi­as, Weis­heit, Jesus Sirach und Baruch. 11 Vor­kom­men davon befin­den sich allein im Buch Jesus Sirach. Jesus Sirach ent­stand ver­mut­lich im zwei­ten Jahr­hun­dert vor Chris­tus und wird zur Weis­heits­li­te­ra­tur gezählt. Hier wird der Mensch maka­ri­os genannt, der wei­se und mora­lisch han­delt (14,1f.20; 31,17; 34,8; 48,11; 50,28).4 Der Grund dafür, dass er maka­ri­os genannt wird, sind sei­ne guten Lebens­um­stän­de (25,8f; 26,1; 28,19). So heißt es z. B. in 25,8: „Wohl dem, der eine ver­stän­di­ge Frau hat! Wer mit sei­nen Reden nicht ent­gleist. Wer denen nicht die­ne n muss, die sei­ner nicht wert sind.“ Oder in 26,1: „Wohl dem, der eine gute Frau hat! Der lebt noch ein­mal so lange.“

Makarios in den Pseudepigraphen

Wenn wir uns noch ein­mal alle Vor­kom­men von maka­ri­os in der LXX anschau­en und die kano­ni­schen und die apo­kry­phen Schrif­ten außen vor­las­sen, fin­den wir maka­ri­os ins­ge­samt 11 Mal in der LXX – Fünf Mal in 4.Makkabäer und in sechs Mal den Psal­men Salo­mos. Da die­se pseu­depig­ra­hi­schen Bücher nicht in der Luther­über­set­zung ent­hal­ten sind, ist kein deut­scher Text ver­füg­bar. Wer eng­lisch ver­steht, kann sich aber mit „The Apocry­pha and Pseu­depi­gra­pha of the Old Tes­ta­ment in Eng­lish“ von R. H. Charles abhel­fen. In der ers­ten Spal­te steht wei­ter­hin der grie­chi­sche Text der LXX, in der zwei­ten die eng­li­sche Über­set­zung der Ver­se aus den Apo­kry­phen und in der drit­ten die eng­li­sche Über­set­zung der Ver­se aus den Pseudepigraphen.

In Logos Vorkommen von makarios in der LXX anzeigen lassen - Wortstudie

  1. Mak­ka­bä­er wird in etwa auf das Ende des ers­ten Jahr­hun­derts datiert. Wir blen­den die Ver­se des­halb hier aus. Die Psal­men Salo­mos wer­den aller­dings meis­tens auf das ers­te Jahr­hun­dert v. Chr. datiert. Von daher ist es für uns von gro­ßem Inter­es­se, wie die Schrei­ber des Buches maka­ri­os gebrauchten.

In den Psal­men Salo­mos sind die Per­so­nen, die als maka­ri­os bezeich­net wer­den (wie in Jesus Sirach) die­je­ni­gen, die got­tes­fürch­tig (6,1) sind und ein mora­li­sches Leben füh­ren (4,23), ggf. auch durch erfah­re­ne Zurecht­wei­sung Got­tes (10,1). Die Grund dafür, dass sie maka­ri­os genannt wer­den, liegt in der Ret­tung, die sie vom Herrn erfah­ren. Der Herr befreit sie von bösen Men­schen (4,23; 6,1) und er ver­sorgt sie (5,16). Die Ret­tung und Ver­sor­gung liegt dabei nicht in wei­ter Zukunft, son­dern ist in der Gegen­wart erfahr­bar. Das wird beson­ders in den letz­ten bei­den Vor­kom­men deut­lich, wo sie Bezug auf die Wie­der­her­stel­lung Isra­els neh­men (17,44; 18,6).

Zusammenfassung

Sowohl die Apo­kry­phen als auch die Pseu­depi­gra­phen nen­nen die Men­schen maka­ri­os, die sich durch ihre Got­tes­furcht und ihren mora­li­schen Cha­rak­ter aus­zeich­nen. Das haben wir am Bei­spiel von Jesus Sirach und den Psal­men Salo­mos auf­ge­zeigt. Sie gel­ten als maka­ri­os wegen ihrer guten Lebens­um­stän­de und weil sie Got­tes Hil­fe in der Gegen­wart erleben.

Schritt 4: Ermittle die wahrscheinliche Bedeutung des Worts

Wir haben die Bedeu­tung von maka­ri­os in den ver­schie­de­nen Tei­len der Bibel und der außer­bi­bli­schen Lite­ra­tur betrach­tet. Im Alten Tes­ta­ment haben wir die beson­de­re Rol­le von maka­ri­os in der Weis­heits­li­te­ra­tur gese­hen. Zen­tral ist Psalm 1, wo ein ganz­heit­li­ches Auf­blü­hen des Gerech­ten mit maka­ri­os ver­bun­den ist. In den Apo­kry­phen und den Pseu­depi­gra­phen hin­ge­gen steht der dies­sei­ti­ge Segen stark im Zen­trum, bis dahin, dass die Wie­der­her­stel­lung Isra­els und die Aus­rot­tung der Fein­de im Blick sind. Im neu­en Tes­ta­ment wird hin­ge­gen die escha­to­lo­gi­sche Span­nung sicht­bar. Im Kon­text die­ser escha­to­lo­gi­schen Span­nung las­sen sich auch die Maka­ris­men der Berg­pre­digt am bes­ten ein­ord­nen. Sie heben sich stark von den Erwar­tun­gen der zwi­schen­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten ab, indem sie die Men­schen maka­ri­os nen­nen, die Leid tra­gen, nicht die, die (bereits jetzt) tri­um­phie­ren. Jesus knüpft aller­dings an das Ver­ständ­nis der alt­tes­ta­ment­li­chen Weis­heits­li­te­ra­tur an.

Was ist nun die bes­te Über­set­zung für maka­ri­os? Selig? Glück­se­lig? Glück­lich? Kei­ner die­ser Begrif­fe spie­gelt die Bedeu­tung von maka­ri­os in den Selig­prei­sun­gen per­fekt wie­der. So schreibt auch Luz in sei­nem Kom­men­tar:5

The trans­la­ti­on ‚hap­py‘ sounds some­what banal, and it obscu­res the escha­to­lo­gi­cal cha­rac­ter of the pro­mi­ses in the second clau­ses. The tra­di­tio­nal inter­pre­ta­ti­on as ‚bles­sed‘ is not only a ‚reli­gious‘ term that is hard­ly in use any lon­ger; it also evo­kes in a much too uni­li­ne­ar way asso­cia­ti­ons with the bey­ond: in Ger­man ‚the bles­sed‘ is a com­mon desi­gna­ti­on of the dead. Howe­ver, the­se bea­ti­tu­des are not desi­gned to give com­fort by making pro­mi­ses about the next life; they are an aut­ho­ri­ta­ti­ve lan­guage act that pro­noun­ces peop­le hap­py in the here and now. In short, the­re is no ide­al trans­la­ti­on in Ger­man [or English].“

Man wird in einer Pre­digt nicht dar­um her­um­kom­men, den Begriff zu erklä­ren. Wesent­lich wird dabei sein (1) die escha­to­lo­gi­sche Span­nung auf­recht zu erhal­ten – wie im NT, (2) sich von einem rein dies­sei­ti­gen Glück zu distan­zie­ren – ent­ge­gen der Ten­denz der zwi­schen­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten und (3) das ganz­heit­li­che Auf­blü­hen aus Psalm 1 im Blick zu haben.

Über den Autor: Jakob Had­dick ist Pas­tor der Frei­en Christ­li­chen Gemein­de Frei­mers­heim und ver­ant­wort­lich für das Trai­ning für Mit­ar­bei­ter beim Mis­si­ons­werk Evan­ge­li­um für Alle.


1. Logos bie­tet auch die Mög­lich­keit, in den Kir­chen­vä­tern und ande­ren Quel­len zu suchen. Um nicht aus­zu­ufern, beschrän­ken wir uns hier aber auf die vor­christ­li­che Lite­ra­tur.

2. Die Begriffs­de­fi­ni­tio­nen sind je nach Kir­che unter­schied­lich und die Datie­rung der ein­zel­nen Bücher ist häu­fig umstrit­ten. Wir ver­wen­den der Ein­fach­heit hal­ber aber die­se Defi­ni­tio­nen.

3. Letz­te­res kann natür­lich auch auf apo­kry­phe Schrif­ten zutref­fen.

4. Die Vers­zäh­lung der hier ver­wen­de­ten Ver­si­on der LXX und der deut­schen Über­set­zun­gen (Luther 1984) wei­chen teil­wei­se von­ein­an­der ab. Die Vers­an­ga­be bezieht sich hier immer auf die LXX von Rahlfs.

5. https://www.logos.com/product/50219/hermeneia-matthew‑1–7‑a-commentary-on-matthew‑1–7

Jakob Haddick

Über den Autor

Jakob Haddick ist Pastor der Freien Christlichen Gemeinde Freimersheim und verantwortlich für das Training für Mitarbeiter beim Missionswerk Evangelium für Alle. Privat bloggt er auf jakobhaddick.de.

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