Was „glückselig“ wirklich bedeutet (Teil 1): Das Wort makarios im Neuen Testament

Von Jakob Haddick

Bergpredigt, Wortstudie

Die Berg­pre­digt ist bekannt für den hohen ethi­schen Maß­stab, den Jesus an sei­ne Jün­ger legt. Jesus beginnt die Berg­pre­digt aller­dings nicht mit Ansprü­chen. Er beginnt mit Zusprü­chen, den soge­nann­ten Selig­prei­sun­gen. Anhand einer Wort­stu­die soll der fol­gen­de Bei­trag zei­gen, was es mit die­sen Zusprü­chen Jesus’ auf sich hat. Der Bei­trag soll außer­dem eine Anlei­tung geben, selbst­stän­dig Wort­stu­di­en mit Logos durchzuführen.

Der vor­lie­gen­de Bei­trag ori­en­tiert sich an den vier Schrit­ten für eine Wort­stu­die aus dem neu erschie­ne­nen Buch How to Unter­stand and Apply the New Tes­ta­ment von Andrew David Nasel­li, das wir an die­ser Stel­le herz­lich emp­feh­len wol­len. Die vier Schrit­te lauten:

  1. Wäh­le ein grie­chi­sches Wort für eine Wort­stu­die aus
  2. Ana­ly­sie­re sein Bedeu­tungs­spek­trum im Neu­en Testament
  3. Ver­glei­che, wie das Wort in der Sep­tu­ag­in­ta und außer­bi­bli­scher Lite­ra­tur ver­wen­det wird
  4. Ermitt­le die wahr­schein­li­che Bedeu­tung des Worts in Schlüs­sel­stel­len des Neu­en Testaments

Die­ser ers­te Teil des Bei­trags wid­met sich den Schrit­ten 1 und 2. Der zwei­te Bei­trag wid­met sich den Schrit­ten 3 und 4.

Schritt 1: Wähle ein griechisches Wort für eine Wortstudie aus

Merkmale von Wörtern, bei denen sich eine Wortstudie lohnt

Eine Wort­stu­die erfor­dert Zeit, des­halb ist es für die Pra­xis beson­ders wich­tig, sich bewusst zu sein, bei wel­chen Wör­tern es sich lohnt, tie­fer zu graben.

Nasel­li nennt sechs Merk­ma­le von Wör­tern, bei denen sich eine Wort­stu­die loh­nen könnte.

  1. Wör­ter, deren Bedeu­tung undurch­sich­tig ist
  2. Theo­lo­gisch bedeut­sa­me Wörter
  3. Wör­ter von unkla­rer Bedeutsamkeit
  4. Wör­ter, die sel­ten ver­wen­det werden
  5. Wör­ter mit Syn­ony­men oder Antonymen
  6. Wör­ter, die in einem rele­van­ten Abschnitt mehr­fach ver­wen­det werden

In den Selig­prei­sun­gen (Mt 5,3–12) gibt es ein Wort, das hier ganz beson­ders her­aus­sticht. Es ist das grie­chi­sche Wort maka­ri­os (selig, glück­se­lig, glück­lich). Es fällt in die ers­te Kate­go­rie, da es recht unter­schied­lich über­setzt wird. Wäh­rend die rev. Elber­fel­der und die Schlach­ter 2000 „glück­se­lig“ schrei­ben, schreibt die Luther 1984 „selig“. Die NGÜ schreibt „glück­lich zu prei­sen“. Es fällt evtl. auch in die zwei­te Kate­go­rie, da von sei­ner Bedeu­tung abhängt, wel­che Hoff­nung ein Nach­fol­ger Jesus’ haben darf – in geist­li­cher Armut, Trau­er… Es fällt ganz sicher auch in die sechs­te Kate­go­rie. In Mt 5,3–11 wird es ins­ge­samt neun Mal gebraucht.

Exkurs: Übersetzungsvergleich

Das ers­te Merk­mal lau­tet: Wör­ter, deren Bedeu­tung undurch­sich­tig ist. Sol­che Wör­ter erkennt man oft dar­an, dass ver­schie­de­ne Über­set­zun­gen sie unter­schied­lich wie­der­ge­ben. Um dem auf den Grund zu gehen, bie­tet sich ein Über­set­zungs­ver­gleich eini­ger gän­gi­ger deut­schen Über­set­zun­gen an.

Textvergleich zu glückselig

Über den Menü­punkt „Werk­zeu­ge“ kann man „Text­ver­gleich“ aus­wäh­len. So gelangt man zum Über­set­zungs­ver­gleich. In der ers­ten Spal­te steht die Aus­gangs­über­set­zung, hier die rev. Elber­fel­der. In den drei wei­te­ren ange­zeig­ten Über­set­zun­gen sind jeweils die Unter­schie­de her­vor­ge­ho­ben. Der klei­ne rote Kreis zeigt an, dass ein Wort in der Aus­gangs­über­set­zung, aber nicht im Text der Ver­gleichs­über­set­zung ent­hal­ten ist. Die blau her­vor­ge­ho­be­nen Wör­ter ste­hen in der Ver­gleichs­über­set­zung, aber nicht in der Aus­gangs­über­set­zung. Die schwar­zen Wör­ter stim­men in bei­den Über­set­zun­gen über­ein. Im Anschluss an den jewei­li­gen Vers ist ver­merkt, zu wie viel Pro­zent bei­de Über­set­zun­gen über­ein­stim­men. Die abwei­chen­de Über­set­zung von maka­ri­os (rev. Elber­fel­der: glück­se­lig) in der Luther 1984 und der NGÜ sticht so gleich hervor.

Schritt 2: Analysiere sein Bedeutungsspektrum im Neuen Testament

Der Assistent Wortstudie

Es gibt ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, eine Wort­stu­die durch­zu­füh­ren. Will man ein­fach die ver­schie­de­nen Bedeu­tungs­mög­lich­kei­ten eines Wor­tes betrach­ten, eig­net sich der in Logos inte­grier­te Assis­tent Wort­stu­die. Sie kön­nen eine Wort­stu­die direkt aus dem grie­chi­schen Grund­text her­aus star­ten, aber auch aus der Luther­bi­bel 1984, deren Text direkt mit dem Grund­text ver­knüpft ist.

Kli­cken Sie ein­fach mit der rech­ten Maus­tas­te auf das Wort selig, dann auf das Lem­ma maka­ri­os und schließ­lich auf Bibli­sche Wort­stu­die.

Unter dem Abschnitt Lem­ma kön­nen Sie das Wort in ver­schie­de­nen Wör­ter­bü­chern nach­schla­gen. Das tun wir hier aller­dings nicht, da wir uns die Bedeu­tung selbst­stän­dig erar­bei­ten wollen.

Unter dem Abschnitt Über­set­zung LU 84 wer­den die ver­schie­de­nen Wör­ter ange­zeigt, mit denen die Luther 1984 das Wort maka­ri­os über­setzt. Bei fast allen der 50 Vor­kom­men wird das Wort unter­schied­lich flek­tiert mit selig über­setzt. Es wird nur eine Aus­nah­me ange­zeigt, Apg 26,2: „Es ist mir sehr lieb…“. Ein Blick in eine wört­li­che­re Über­set­zung offen­bart aller­dings, dass kein Bedeu­tungs­un­ter­schied vor­liegt. Die rev. Elber­fel­der, die maka­ri­os in den Selig­prei­sun­gen mit glück­se­lig wie­der­gibt, über­setzt hier z. B.:

Ich schät­ze mich glück­lich…“ In Apg 26,2 hat maka­ri­os also kei­ne völ­lig ande­re Bedeu­tung als sonst.

Wenn Sie wei­ter nach unten scrol­len, wer­den wei­te­re Hilfs­mit­tel ange­bo­ten. So wird z. B. ange­zeigt, wel­che hebräi­schen Wör­ter dem grie­chi­schen maka­ri­os in der LXX zu Grun­de lie­gen oder wel­che Wör­ter direkt mit maka­ri­os ver­wandt sind. Die­se Mög­lich­kei­ten sind durch­aus inter­es­sant, wir blen­den sie aber hier aus. Im zwei­ten Teil des Bei­trags wer­den wir auf die LXX eingehen.

Für uns bleibt fest­zu­hal­ten, dass uns die ein­fa­che Über­sicht, die der Assis­tent Wort­stu­die bie­tet, hier nicht beson­ders wei­ter­hilft, da unser Wort im Grun­de immer gleich über­setzt wird. Der Assis­tent eig­net sich bes­ser für Wör­ter mit ver­schie­de­nen Kontextbedeutungen.

Ein klei­ner Tipp am Ran­de: Nut­zen Sie den Assis­ten­ten doch ein­mal für das Verb „getrös­tet wer­den“ (gr. para­ka­leo) in Mt 5,4 und sie wer­den sehen, dass die Über­sicht der Bedeu­tungs­mög­lich­kei­ten hier schon wesent­lich auf­schluss­rei­cher ist.

Nach makarios suchen

Um eine Wort­stu­die selbst­stän­dig durch­zu­füh­ren, müs­sen wir zuerst ein­mal nach allen wei­te­ren Vor­kom­men des Wor­tes suchen. Kli­cken Sie dazu wie­der zuerst mit der rech­ten Maus­tas­te auf das Wort selig (in der erwei­ter­ten Inter­li­near­bi­bel), dann wie­der auf das Lem­ma maka­ri­os und schließ­lich auf „die­ses Werk“.

In der ver­wen­de­ten Bibel wird jetzt auto­ma­tisch nach wei­te­ren Vor­kom­men des Wor­tes gesucht.

Es wer­den 50 Ergeb­nis­se in 49 Ver­sen ange­zeigt. Das sind rela­tiv vie­le. Wenn man eine Wort­stu­die durch­führt, um einen Begriff in einer Pas­sa­ge bes­ser zu ver­ste­hen, sind die Vor­kom­men am wich­tigs­ten, die vom glei­chen Autor stam­men (hier Mat­thä­us). Für die­sen Bei­trag kon­zen­trie­ren wir uns hier des­halb nur auf die Tref­fer im Matthäusevangelium.

Wir kön­nen die Suche auch direkt ein­gren­zen, indem wir uns nur die Vor­kom­men im Mat­thä­us­evan­ge­li­um anzei­gen las­sen. Wir kön­nen uns außer­dem den grie­chi­schen Grund­text par­al­lel anzei­gen lassen.

Wortstudie bei Matthäus

Um zu ver­ste­hen, was der Begriff maka­ri­os in den Selig­prei­sun­gen aus­sagt, unter­su­chen wir zuerst die Vor­kom­men bei Mat­thä­us außer­halb der Selig­prei­sun­gen. Das sind ins­ge­samt vier:

  • Mt 11,6 ist Teil von Jesu Ant­wort an Johan­nes den Täu­fer. Johan­nes war zu der Zeit im Gefäng­nis und hat­te sei­ne Jün­ger zu Jesus gesandt. Sie soll­ten ihn fra­gen, ob er der Chris­tus sei (11,2f). Jesus beant­wor­tet die Fra­ge nicht mit einem Ja oder Nein. Wie so oft in den syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en for­dert er Johan­nes’ Jün­ger viel­mehr auf, auf sei­ne Wun­der zu schau­en und ihre Schlüs­se dar­aus zu zie­hen (11,4f). Jesus schließt sei­ne Wor­te mit 11,6 ab: „Und glück­se­lig ist, wer sich nicht an mir ärgern wird!“ (Rev. Elber­fel­der). Für Men­schen, die sich an Jesus ärgern (gr. skan­da­li­zo), gebraucht Jesus weni­ge Kapi­tel spä­ter in Mt 15,12f zwei Bil­der. Das Bild einer Pflan­ze, die aus­ge­ris­sen wird und das Bild eines blin­den Füh­rers, der in die Gru­be fällt. Bei­de Bil­der spre­chen vom kom­men­den Gericht Got­tes. Dem­entspre­chend sind die­je­ni­gen, die Jesus in Mt 11,6 im Blick hat, des­we­gen maka­ri­os, weil sie nicht vom kom­men­den Gericht getrof­fen werden.
  • In Mt 13,16 nennt Jesus die Augen und Ohren sei­ner Jün­ger maka­ri­os, weil sie ihn und sei­ne Bot­schaft wahr­neh­men und anneh­men kön­nen. Die Jün­ger dür­fen erle­ben, was vie­le vor ihnen nur erseh­nen konn­ten. „Vie­le Pro­phe­ten und Gerech­te haben begehrt zu sehen, was ihr anschaut, und haben es nicht gese­hen; und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (V.17). Sie sind maka­ri­os, weil sie in die­sem Moment einen Ein­blick in Got­tes Geheim­nis­se bekommen.
  • In Mt 16,17 nennt Jesus Petrus maka­ri­os, weil er durch Got­tes Offen­ba­rung erken­nen durf­te, dass Jesus der Chris­tus ist. Die Bot­schaft scheint ähn­lich wie in 13,16 zu sein.
  • In Mt 24,46 nennt Jesus in einem Gleich­nis jenen Knecht maka­ri­os, der auf die plötz­li­che Wie­der­kunft sei­nes Herrn vor­be­rei­tet ist, denn er wird belohnt wer­den (V.47). Er ist maka­ri­os wegen der Beloh­nung, die ihn in der Zukunft erwar­tet. Im Gegen­satz dazu steht der böse unvor­be­rei­te­te Knecht (V.48–51), der bestraft wer­den wird.

Im Mat­thä­us­evan­ge­li­um wer­den Men­schen dem­entspre­chend aus zwei Grün­den maka­ri­os genannt. (1) Sie dür­fen bereits jetzt Zeu­gen von Got­tes Wir­ken in der Welt sein und (2) sie dür­fen eine gro­ße Beloh­nung in der Zukunft erwar­ten. Zwi­schen die­sen bei­den Polen bewe­gen sich auch die Ver­hei­ßun­gen der Selig­prei­sun­gen. Die Jün­ger gehö­ren bereits jetzt zum Him­mel­reich (5,3.10 – die Ver­hei­ßun­gen ste­hen im Prä­sens) und sie dür­fen eine gro­ße Beloh­nung für die Zukunft erwar­ten (5,4–9 – die Ver­hei­ßun­gen ste­hen im Futur).

Zwischenfazit

Die Selig­prei­sun­gen las­sen hin­ter die Fas­sa­de bli­cken. Egal, wie wir uns als Nach­fol­ger Jesus’ manch­mal füh­len mögen oder wie ande­re uns wahr­neh­men: arm im Geist, trau­ernd, nach der Gerech­tig­keit hun­gernd und dürs­tend… ver­ges­sen wir nicht, dass wir in Jesus unglaub­lich reich beschenkt sind und ein noch grö­ße­rer Reich­tum auf uns wartet.

Über den Autor: Jakob Had­dick ist Pas­tor der Frei­en Christ­li­chen Gemein­de Frei­mers­heim und ver­ant­wort­lich für das Trai­ning für Mit­ar­bei­ter beim Mis­si­ons­werk Evan­ge­li­um für Alle.

Jakob Haddick

Über den Autor

Jakob Haddick ist Pastor der Freien Christlichen Gemeinde Freimersheim und verantwortlich für das Training für Mitarbeiter beim Missionswerk Evangelium für Alle. Privat bloggt er auf jakobhaddick.de.

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