Was „glückselig“ wirklich bedeutet (Teil 2): Das Wort makarios im Alten Testament

Von Jakob Haddick


Die Berg­pre­digt ist bekannt für den hohen ethi­schen Maß­stab, den Jesus an sei­ne Jün­ger legt. Jesus beginnt die Berg­pre­digt aller­dings nicht mit Ansprü­chen. Er beginnt mit Zusprü­chen, den soge­nann­ten Selig­prei­sun­gen (gr. maka­ri­os, μακάριος). Die­ser Bei­trag ist der zwei­te Teil einer Wort­stu­die, die zei­gen soll, was es mit die­sen Zusprü­chen Jesus’ auf sich hat. Gleich­zei­tig soll dies eine Anlei­tung sein, selbst­stän­dig Wort­stu­di­en mit Logos durchzuführen.

Der Bei­trag ori­en­tiert sich an den vier Schrit­ten für eine Wort­stu­die aus dem Buch How to Under­stand and App­ly the New Tes­ta­ment von Andrew David Nasel­li. Die vier Schrit­te lauten:

  1. Wäh­le ein grie­chi­sches Wort für eine Wort­stu­die aus
  2. Ana­ly­sie­re sein Bedeu­tungs­spek­trum im Neu­en Testament
  3. Ver­glei­che, wie das Wort in der Sep­tu­ag­in­ta und außer­bi­bli­scher Lite­ra­tur ver­wen­det wird
  4. Ermitt­le die wahr­schein­li­che Bedeu­tung des Worts in Schlüs­sel­stel­len des Neu­en Testaments

Der ers­te Teil war den Schrit­ten 1 und 2 gewid­met. Wir hat­ten dar­in fest­ge­hal­ten, dass maka­ri­os in den deut­schen Über­set­zun­gen weit­ge­hend ein­heit­lich über­setzt wird, mit selig, glück­se­lig oder glück­lich. Es ist also nicht so, als hät­te maka­ri­os ein wei­tes Bedeu­tungs­spek­trum und es müs­se geklärt wer­den, wel­che Bedeu­tung maka­ri­os in den Selig­prei­sun­gen habe. Es soll aber geklärt wer­den, wel­ches deut­sche Wort maka­ri­os am bes­ten wie­der­gibt und wel­ches Kon­zept dahin­ter­steckt. Bereits der Befund des NT hat­te ange­deu­tet, dass es eine Span­nung zwi­schen dem bereits gegen­wär­ti­gen Segen und dem für die Zukunft ver­hei­ße­nen Segen gibt. Die­ser zwei­te Teil des Bei­trags wid­met sich dem ers­ten Teil von Schritt 3, der Bedeu­tung von maka­ri­os in den kano­ni­schen Schrif­ten der Sep­tu­ag­in­ta. Im drit­ten und letz­te Bei­trag wer­den wir die Bedeu­tung von maka­ri­os in der außer­bi­bli­schen Lite­ra­tur betrach­ten und uns für die wahr­schein­lichs­te Bedeu­tung entscheiden.

Schritt 3: Vergleiche, wie das Wort in der Septuaginta verwendet wird

Die Verwendung in der LXX

Wir wol­len uns nun den alt­tes­ta­ment­li­chen Befund anschau­en. Wir las­sen uns dazu die Vor­kom­men von maka­ri­os in der grie­chi­schen Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments, der LXX (Sep­tu­ag­in­ta), anzei­gen. Wir nut­zen die Logos LXX von Rahlfs.

Wie Sie sich die Vor­kom­men im Grie­chi­schen Neu­en Tes­ta­ment anzei­gen las­sen kön­nen, wird im ers­ten Bei­trag gezeigt. Ich fas­se das Wesent­li­che in Kür­ze zusam­men: Öff­nen Sie in der erwei­ter­ten Luther-Inter­li­near­bi­bel Mt 5,3 (unse­ren Aus­gangs­text). Kli­cken Sie nun zuerst mit der rech­ten Maus­tas­te auf das Wort selig, dann auf das Lem­ma μακάριος und schließ­lich auf „die­ses Werk“.

Wech­seln Sie die Bibel­über­set­zung jetzt zu Logos LXX und las­sen Sie sich den Text par­al­lel in der Luther 1984 anzeigen.

68 Tref­fer in 66 Ver­sen wer­den uns ange­zeigt. Hier wer­den aber nicht nur die Vor­kom­men in den kano­ni­schen Schrif­ten der 39 alt­tes­ta­ment­li­chen Bücher gezählt, auch wei­te­re in der LXX ent­hal­te­ne jüdi­sche Schrif­ten sind hier inbe­grif­fen. Wir wol­len die Suche des­halb vor­erst auf das Alte Tes­ta­ment ein­gren­zen. Das geht über eine Vers­lis­te, mit der genau defi­niert wer­den kann, wel­chen Bereich wir betrach­ten wollen.

Wäh­len Sie im Menü Doku­men­te den Punkt Vers­lis­te aus.

Füh­ren Sie anschlie­ßend fol­gen­de drei Schrit­te aus: (1) Nen­nen Sie die Lis­te „Kano­ni­sche Bücher“, (2) fügen Sie nun eine Bibel ohne Apo­kry­phen hin­zu, z. B. die Rev. Elber­fel­der, und (3) legen Sie als Bereich Gene­sis-Offen­ba­rung fest.

Nun haben Sie eine Vers­lis­te ange­legt, die die Ver­se aller kano­ni­schen Bücher beinhal­tet.[1] Jetzt kön­nen Sie als Such­be­reich Kano­ni­sche Bücher festlegen.

Es wer­den immer noch 42 Ergeb­nis­se in 40 Ver­sen ange­zeigt. Inner­halb die­ses Arti­kels kön­nen nicht alle Vor­kom­men unter­sucht wer­den. Wir beschrän­ken uns des­halb exem­pla­risch auf die ers­ten Vor­kom­men unter­schied­li­cher Text­gat­tun­gen (Geschichts­bü­cher, Weis­heits­li­te­ra­tur und Pro­phe­ten) und regen dazu an, selbst wei­ter zu graben.

Makarios in den Geschichtsbüchern

Die ers­ten zwei Vor­komm­nis­se in der LXX fin­den sich in den fünf Büchern Mose. Lea bezeich­net sich selbst als glück­se­lig, nach­dem ihre Magd Sil­pa ihr einen zwei­ten Sohn gebo­ren hat. So klingt auch der Name des Soh­nes, Asser (Glück, Glück­se­lig­keit) an das hebräi­sche glück­se­lig an (1Mo 30,13). Der Grund für die Glück­se­lig­keit ist hier also ein wei­te­rer Nachkomme.

Das zwei­te Vor­kom­men steht im letz­ten Buch des Pen­ta­teuch. Mose nennt Mose Isra­el glück­se­lig, da Gott sich ihm ret­tend zuge­wandt hat und ihn vor sei­nen Fein­den beschützt hat (5Mo 33,29). Isra­el wird glück­se­lig genannt, weil Gott es äußer­lich schützt.

Die zwei wei­te­ren Vor­kom­men in den Geschichts­bü­chern las­sen wir hier außen vor. Wer sich fragt, was es mit dem Buch ‚3 King­doms‘ auf sich hat, die LXX ver­wen­det gele­gent­lich abwei­chen­de Buch­be­zeich­nun­gen. ‚3 King­doms‘ ist 1.Chronik.

Makarios in der Weisheitsliteratur

In den Psal­men wird gleich zu Beginn der Mensch glück­se­lig genannt, der sich zu Gott hält, weil Gott ihn wie einen blü­hen­den Baum seg­net (Ps 1,1). Wer genau hin­schaut, fin­det über­ra­schend vie­le Par­al­le­len zwi­schen Psalm 1 und den Selig­prei­sun­gen. Pen­ning­ton nennt in sei­nem kürz­lich erschie­ne­nen Buch The Ser­mon on the Mount and Human Flou­ris­hing sechs Par­al­le­len:

  1. Bei­de laden Hörer auf den Weg der Weis­heit ein (Ps 1,1; Mt 7,24),
  2. bei­de stel­len zwei Wege für das Leben in der Welt gegen­über (Ps 1,1.6; Mt 7,13f),
  3. bei­de gebrau­chen die Meta­pher eines frucht­brin­gen­den Bau­mes (Ps 1,3f; Mt 7,16–20),
  4. bei­de spre­chen vom kom­men­den Gericht und der Tren­nung der Gerech­ten von den Gott­lo­sen (Ps 1,5f; Mt 7,13.21–23.26f).
  5. bei­de stel­len die, die der Herr „kennt“, denen gegen­über, auf die das nicht zutrifft (Ps 1,6; Mt 7,23),
  6. bei­de beto­nen das Hören und Beach­ten von Got­tes Offen­ba­rung (Ps 1,2; Mt 7,24).

Pen­ning­ton ver­or­tet die Wur­zeln der Selig­prei­sun­gen der Berg­pre­digt neben der grie­chi­schen Tugend­ethik dem­entspre­chend auch in der jüdi­schen Weis­heits­li­te­ra­tur. Psalm 1 wird nicht kon­kre­ter, wie die Seg­nun­gen des Gerech­ten (V.5f) aus­se­hen, aber es ist ver­mut­lich an ein ganz­heit­li­ches Auf­blü­hen zu den­ken, das in der Gegen­wart und in der Zukunft statt­fin­det. Der Gerech­te bringt jetzt Frucht und alles, was er tut, gelingt ihm (V.3), aber das eben­falls impli­zit ange­deu­te­te Ver­wel­ken der Unge­rech­ten (V.3) und ihr kom­men­des Gericht (V.4–5) ver­wei­sen auch auf die Zukunft.

Psalm 1 stellt das Leben der Gerech­ten in idea­li­sier­ter Wei­se dar, aber das Auf­blü­hen wird klar ver­hei­ßen. Van­Ge­me­ren drückt es in sei­nem Kom­men­tar über die Psal­men (The Revi­sed Expositor’s Com­men­ta­ry) fol­gen­der­ma­ßen aus: „Even when the righ­te­ous do not feel hap­py, they are still con­si­de­red ‚bles­sed‘ from God’s per­spec­ti­ve. He bes­tows his gift on them. Neit­her nega­ti­ve fee­lings nor adver­se con­di­ti­ons can take away his bles­sing.“ Das klingt doch sehr nach den Selig­prei­sun­gen der Bergpredigt.

Der ers­te Psalm beginnt mit einer Selig­prei­sung, der zwei­te Psalm endet damit (Ps 2,12). Wir könn­ten dar­über nach­den­ken, was uns das für das Buch der Psal­men als Gan­zes zu sagen hat. Das ist aber nicht das The­ma die­ses Bei­trags – und doch ist es inter­es­sant, wel­che Beob­ach­tun­gen wir mit Hil­fe von Logos ganz neben­bei machen kön­nen. Im zwei­ten Psalm bezeich­net der Psal­mist alle glück­se­lig, die ihm ver­trau­en, weil sie nicht dem Zorn Got­tes aus­ge­setzt sind (Ps 2,12). Es ist also vor allem das End­ge­richt im Blick. In Ps 32,1f (die Num­me­rie­rung der Psal­men weicht in der Sep­tu­ag­in­ta von der uns­ri­gen ab, des­halb zeigt Logos Ps 31 an) wird bei­spiels­wei­se der­je­ni­ge glück­se­lig genannt, dem sei­ne Sün­den ver­ge­ben sind, was inne­re Befrei­ung zur Fol­ge hat (Ps 32,3f). Die vie­len wei­te­ren Stel­len in der Weis­heits­li­te­ra­tur las­sen wir hier wie der außen vor. Es lohnt sicher aber, die Stel­len selbst nachzuschlagen.

Makarios in den Prophetischen Schriften

In den pro­phe­ti­schen Schrif­ten fin­den wir fünf Vor­kom­men von maka­ri­os, drei davon in Jes 30–32. Wäh­rend Kap. 30 und 31 Wehe­ru­fe gegen Israe­li­ten beinhal­ten, die von Gott abge­irrt sind, geht es in Kap. 32 um die Ret­tung der Gerech­ten. Inmit­ten der Wehe­ru­fe wer­den Jes 30,18 die glück­se­lig genannt, die auf Gott har­ren. In Jes 31,19 wird inter­es­san­ter­wei­se Gott selbst glück­se­lig genannt (hier fällt aller­dings auf, dass das in der Sep­tu­ag­in­ta ent­hal­te­ne Adjek­tiv glück­se­lig in unse­ren Über­set­zun­gen gar nicht vor­kommt – wir müss­ten in den hebräi­schen Grund­text schau­en, um dem auf den Grund zu gehen. In Jes 32,20 wie­der­um wer­den die Gerech­ten glück­se­lig genannt.

Exkurs: Der Assistent Wortstudie

Wir haben uns ange­schaut, wie das Wort maka­ri­os in der LXX ver­wen­det wird, indem wir eini­ge Vor­kom­men exem­pla­risch betrach­tet haben – das ist ein Weg. Einen ande­ren möch­te ich aber nicht unge­nannt las­sen. Es macht durch­aus Sinn, zu fra­gen, wel­che hebräi­schen Wör­ter einem in der LXX ver­wen­de­ten grie­chi­schen Begriff zugrun­de lie­gen. Das geht auch ohne Hebräisch­kennt­nis­se sehr leicht mit dem Assis­ten­ten Wort­stu­die. Kli­cken Sie dazu rechts auf das Wort und wäh­len Sie Wort­stu­die“ aus.

Wenn Sie nun im neu geöff­ne­ten Fens­ter etwas nach unten scrol­len, bekom­men Sie ange­zeigt, wel­che hebräi­schen Wör­ter von den Über­set­zern der LXX mit maka­ri­os über­setzt wur­den. Sie sehen, dass fast aus­schließ­lich ein Wort zugrun­de liegt, näm­lich das Wort ’ašrê. Wenn Sie auf den gro­ßen Kreis­aus­schnitt kli­cken, bekom­men Sie die­se Trans­li­te­ra­ti­on des hebräi­schen Wor­tes und die Vor­kom­men des Wor­tes im Bibel­text ange­zeigt. Wie Sie sehen, ist die Lis­te nahe­zu iden­tisch mit der Lis­te der Ver­se, in denen maka­ri­os in der LXX vorkommt.

Ein zweites Zwischenfazit

Bei der Unter­su­chung des Wor­tes maka­ri­os im Neu­en Tes­ta­ment hat­ten wir im ers­ten Bei­trag die Span­nung zwi­schen dem gegen­wär­ti­gen Segen und dem noch aus­ste­hen­den Segen fest­ge­hal­ten. Die­se Span­nung ist auch im Alten Tes­ta­ment sicht­bar. Wir haben aber auch die beson­de­re Rol­le von maka­ri­os in der Weis­heits­li­te­ra­tur gese­hen. 31 der 42 Vor­kom­men von maka­ri­os sind dort zu fin­den. Und wir haben die beson­de­re Par­al­le­le zwi­schen Psalm 1 und den Selig­prei­sun­gen der Berg­pre­digt gese­hen. Wie Psalm 1 den Gerech­ten ein ganz­heit­li­ches Auf­blü­hen ver­heißt, so liegt das auch für die Selig­prei­sun­gen der Berg­pre­digt nahe. Im drit­ten und letz­ten Bei­trag wer­den wir einen Blick in die außer­bi­bli­sche Lite­ra­tur wer­fen und uns für die wahr­schein­lichs­te Bedeu­tung von maka­ri­os in den Selig­prei­sun­gen entscheiden.

Über den Autor: Jakob Had­dick ist Pas­tor der Frei­en Christ­li­chen Gemein­de Frei­mers­heim und ver­ant­wort­lich für das Trai­ning für Mit­ar­bei­ter beim Mis­si­ons­werk Evan­ge­li­um für Alle.


[1] Die Tat­sa­che, dass je nach ver­wen­de­tem Grund­text ein­zel­ne Ver­se, die nach Ansicht der Her­aus­ge­ber nicht gut bezeugt sind, aus­ge­las­sen wer­den, las­sen wir hier der Ein­fach­heit hal­ber unbeachtet.

Jakob Haddick

Über den Autor

Jakob Haddick ist Pastor der Freien Christlichen Gemeinde Freimersheim und verantwortlich für das Training für Mitarbeiter beim Missionswerk Evangelium für Alle. Privat bloggt er auf jakobhaddick.de.

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