Das Theologische Wörterbuch zu den Qumrantexten (ThWQ) – Warum sich die digitale Version in Logos unbedingt lohnt. Eine Rezension.

Von Stephanus Schäl


End­lich: Das drei­bän­di­ge Theo­lo­gi­sche Wör­ter­buch zu den Qum­ran­tex­ten (ThWQ) ist nun voll­stän­dig und in digi­ta­ler Form für Logos erhält­lich. Damit ist ein ein­zig­ar­ti­ges und für die bibli­sche Theo­lo­gie hoch rele­van­tes Werk in die Biblio­thek von Logos inte­griert wor­den. Spoi­ler Alarm: Obwohl das ThWQ durch­aus sei­nen Preis hat, ist es sein Geld auf jeden Fall wert!

Was ist das ThWQ eigentlich?

Das ThWQ ist ein theo­lo­gi­sches Wör­ter­buch, das alle in den Höh­len vom Toten Meer gefun­de­nen Tex­te im Blick auf die dar­in ent­hal­te­nen Wör­ter untersucht.

Der Name ist dabei Pro­gramm. Das ThWQ ist einer­seits ein Wör­ter­buch, weil es den Fokus auf die ein­zel­nen Wör­ter der Qum­ran­tex­te und ihre Seman­tik legt. Ande­rer­seits ist das ThWQ dezi­diert ein theo­lo­gi­sches Wör­ter­buch, weil es weni­ger an der rein lexi­ka­li­schen Über­set­zung oder der hebräi­schen (bzw. ara­mäi­schen) Sprach­ge­schich­te inter­es­siert ist, als viel­mehr an der theo­lo­gi­schen Bot­schaft und Bedeu­tung hin­ter den Wörtern.

Das ThWQ ist damit das Begleit­werk zum wohl wich­tigs­ten theo­lo­gi­schen Stan­dard­wör­ter­buch für das Alte Tes­ta­ment, dem Theo­lo­gi­schen Wör­ter­buch zum Alten Tes­ta­ment (ThWAT) – das eben­falls als digi­ta­le Logos-Res­sour­ce erhält­lich ist.

Welches Ziel verfolgt das ThWQ?

Nach­dem die Tex­te von Qum­ran in den letz­ten Jahr­zehn­ten in mühe­vol­ler Klein­st­ar­beit rekon­stru­iert, ent­zif­fert und edi­tiert wur­den, zielt das ThWQ nun dar­auf ab, die inhalt­li­che Erfor­schung der Tex­te vor­an­zu­trei­ben und ihre theo­lo­gi­sche Bot­schaft zu erhe­ben. Kon­kret will das ThWQ (sie­he Ein­lei­tung, V):

  • das Voka­bu­lar der Qum­ran­tex­te, sei­ne seman­ti­schen Valen­zen und Ver­schie­bun­gen weit­ge­hend voll­stän­dig aufnehmen;
  • die Fort­ent­wick­lung der hebräi­schen und ara­mäi­schen Spra­che analysieren;
  • das Nach­le­ben und die Rezep­ti­on alt­tes­ta­ment­li­cher Vor­ga­ben im dama­li­gen Juden­tum darstellen;
  • den so auf­be­rei­te­ten Wur­zel­bo­den für das Urchris­ten­tum und das rab­bi­ni­sche Juden­tum deut­lich machen;
  • eine prä­zi­se­re Pro­fi­lie­rung der ver­schie­de­nen theo­lo­gi­schen Strö­mun­gen des dama­li­gen Juden­tums ermög­li­chen und
  • eine „Theo­lo­gie von Qum­ran“ im Span­nungs­feld von Hebräi­scher Bibel, Neu­em Tes­ta­ment und rab­bi­ni­schem Juden­tum erheben.

Das über­ge­ord­ne­te Ziel ist es also, die Theo­lo­gie- und Lite­ra­tur­ge­schich­te der soge­nann­ten „zwi­schen­tes­ta­ment­li­chen Zeit” am Bei­spiel der Qum­ran­ge­mein­schaft dar­zu­stel­len und mit­tels Ver­wei­sen auf Pri­mär­quel­len zugäng­lich zu machen.

Warum ist das ThWQ für Exegese und Theologie hoch relevant?

Das ThWQ ist für die bibli­sche Exege­se und auch die Juda­is­tik von enor­mer Bedeu­tung – pri­mär aus den fol­gen­den vier Gründen.

  1. Mit dem ThWQ liegt erst­mals ein theo­lo­gi­sches Wör­ter­buch vor, das die Gesamt­heit der Qum­ran­tex­te hin­sicht­lich theo­lo­gisch wich­ti­ger Wör­ter unter­sucht. Ein ver­gleich­ba­res Werk gibt es bis­her nicht.
  2. Vie­le alt- und neu­tes­ta­ment­li­che Wör­ter­bü­cher bezie­hen sich auf die Hand­schrif­ten vom Toten Meer eher mar­gi­nal und meist nur des­halb, um die Bedeu­tung eines Wor­tes im alt­tes­ta­ment­li­chen bzw. neu­tes­ta­ment­li­chen Kon­text zu erhel­len. Das ThWQ fokus­siert sich hin­ge­gen ganz auf die zwi­schen­tes­ta­ment­li­che Zeit und den Kon­text der Qum­ran­ge­mein­schaft selbst und malt gera­de dadurch die genui­nen Cha­rak­te­ris­ti­ka früh­jü­di­scher Theo­lo­gie vor Augen.
  3. Das ThWQ ver­mit­telt ein umfas­sen­des und vor allem durch Pri­mär­quel­len doku­men­tier­tes Bild des anti­ken Juden­tums. Damit hilft es, den Kon­text und die Theo­lo­gie bes­ser zu ver­ste­hen, in die die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te hineinsprechen.
  4. Das ThWQ schließt – und das ist der wich­tigs­te Punkt – die „theo­lo­gi­sche Lücke” zwi­schen Altem und Neu­em Tes­ta­ment. Bestimm­te theo­lo­gi­sche Vor­stel­lungs­fel­der (wie z.B. Auf­er­ste­hung; Mes­sia­ser­war­tung; Apo­ka­lyp­tik; Ekkle­sio­lo­gie, etc.) sind in der Hebräi­schen Bibel nur in Früh­sta­di­en zu erken­nen, dafür aber um so pro­mi­nen­ter im Neu­en Tes­ta­ment vor­han­den. Durch den ein­zig­ar­ti­gen Fokus auf die zwi­schen­tes­ta­ment­li­che Zeit selbst, macht das ThWQ deut­lich, wel­che theo­lo­gie­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lun­gen die­se Epo­che zwi­schen dem Abschluss des Alten und dem Beginn des Neu­en Tes­ta­ments geprägt haben. Das ThWQ ist folg­lich eine Art theo­lo­gi­scher Brü­cke zwi­schen Ers­tem und Zwei­tem Testament.

Ins­ge­samt ist das ThWQ also vor allem des­halb so rele­vant, weil es der prä­zi­se­ren Erfas­sung von Theo­lo­gie und Lite­ra­tur des Früh­ju­den­tums und damit des Kon­tex­tes der neu­tes­ta­ment­li­chen Urge­mein­de dient. Es zeigt die Ver­bind­ungli­ni­en zwi­schen der aus­ge­hen­den Theo­lo­gie des Alten und der Bot­schaft des Neu­en Testaments

Wie ist das ThWQ aufgebaut?

Das ThWQ beinhal­tet neben einer knap­pen Ein­lei­tung ca. 1000 Arti­kel zu hebräi­schen bzw. ara­mäi­schen Lem­ma­ta. Dabei berück­sich­tigt das Wör­ter­buch sämt­li­che Qum­ran­tex­te (dar­un­ter über 200 Bibel­hand­schrif­ten) und ent­hält ein weit­ge­hend voll­stän­di­ges Voka­bu­lar in Bezug auf die Schrift­rol­len vom Toten Meer.

Die Struk­tur der ein­zel­nen Arti­kel ist nicht ein­heit­lich, lehnt sich aber im All­ge­mei­nen an das Mus­ter des Theo­lo­gi­schen Wör­ter­buchs zum Alten Tes­ta­ment (ThWAT) an:

  • Abschnitt 1: Seman­tik und Ver­tei­lung (sowohl in der Hebräi­schen Bibel, als auch in den Qumrantexten)
  • Abschnitt 2: Bedeu­tung und Vor­kom­men in nicht-theo­lo­gi­schen Kontexten
  • Abschnitt 3: Bedeu­tung und Vor­kom­men in theo­lo­gi­schen Kontexten

Jeder Wör­ter­buch­ar­ti­kel ent­hält Infor­ma­tio­nen zu fol­gen­den Berei­chen: Wort­vor­kom­men und ‑sta­tis­ti­ken; Syn­ony­me und Ant­ony­me; dia­chro­ne Dar­stel­lung des Wort­ge­brauchs; Ver­gleich mit dem alt­tes­ta­ment­li­chen, neu­tes­ta­ment­li­chen und rab­bi­ni­schen Sprach­ge­brauch; Erör­te­rung pro­fa­ner, reli­giö­ser und theo­lo­gi­scher Bedeu­tungs­be­rei­che, Literaturhinweise.

Welche Vorteile hat die Logos-Version des ThWQ ?

Die digi­ta­le Logos­ver­si­on des ThWQ hat eine gan­ze Rei­he an Vor­tei­len gegen­über einer gedruck­ten Ausgabe.

Intui­ti­ves Wahr­neh­men des ThWQ

Gera­de bei einem Wör­ter­buch, das von Natur aus nicht zu jedem hebräi­schen /​ara­mäi­schen Wort des Alten Tes­ta­ments einen Ein­trag ent­hält, hilft die digi­ta­le Res­sour­ce, um das ThWQ über­haupt wahr­zu­neh­men. Anstatt auf Ver­dacht hin in den drei Bän­den des gedruck­ten Wör­ter­buchs zu suchen, reicht ein kur­zer Blick in die Infobox.

Atem­be­rau­ben­de Geschwin­dig­keit und Markierungen

Ein wei­te­rer Vor­teil der digi­ta­len Aus­ga­be liegt nicht nur in der atem­be­rau­ben­den Geschwin­dig­keit, mit der man einen Ein­trag im ThWQ nach­schla­gen kann, son­dern vor allem auch in der auto­ma­ti­schen Mar­kie­rung von akti­ven Bibel­stel­len oder Lem­ma­ta. Sind beim visu­el­len Fil­ter „Akti­ve Bibel­stel­len her­vor­he­ben” und „Akti­ve Lem­ma­ta mar­kie­ren” akti­viert, so wird bei­des voll­kom­men auto­ma­tisch ange­zeigt. Eine enor­me Erleich­te­rung für die Praxis.

Umfas­sen­de Such­funk­ti­on inner­halb des ThWQ

Was frü­her ein Buch­in­dex nur teil­wei­se und unter hohem Arbeits­auf­wand leis­ten konn­te, ist in der elek­tro­ni­schen Ver­si­on ein Kin­der­spiel. Möch­te man z.B. alle Stel­len im ThWQ fin­den, die etwas zur Mes­si­as­vor­stel­lung in den Qum­ran­tex­ten aus­sa­gen, so hilft die ein­fach Suche nach „mes­sia*” („mes­sia*” des­halb, um nicht nur das Wort „Mes­si­as”, son­dern auch Wör­ter wie „mes­sia­nisch” und „mes­sia­ni­sches” usw. zu fin­den). Als Ergeb­nis bekommt man 445 mar­kier­te Beleg­stel­len, die nun der Rei­he nach erforscht wer­den kön­nen. Schnel­ler und unkom­pli­zier­ter geht es nicht.

Ein­fa­cher und direk­ter Zugang zu Primärquellen

Der größ­te Vor­teil einer digi­ta­len Biblio­thek ist die Mög­lich­keit der Ver­lin­kung – und die nutzt das ThWQ inten­siv. Jeder Qum­ran­text, auf den sich das ThWQ bezieht, ist durch einen Klick erreich­bar – vor­aus­ge­setzt man hat die ent­spre­chen­den Res­sour­cen in sei­ner Biblio­thek. Mit die­ser Mög­lich­keit kön­nen Bedeu­tung und Seman­tik der ein­zel­nen Wor­te auf ein­fa­che Art und Wei­se an den Pri­mär­quel­len selbst über­prüft und vali­diert werden.

Übri­gens: Für die bibli­schen Qum­ran­tex­te emp­feh­len sich die Qum­ran Bibli­cal Dead Sea Scrolls sowie The Dead Sea Scrolls BibleFür die nicht-bibli­schen Tex­te sind hin­ge­gen The Dead Sea Scrolls: A New Trans­la­ti­on und The Dead Sea Scrolls Stu­dy Edi­ti­on die ers­te Wahl.

Wie hilft das ThWQ zum Verständnis der Bibel? – Zwei Beispiele

Zwei kur­ze Bei­spie­le zei­gen die Rele­vanz des ThWQ für Exege­se und Theologie.

Beispiel 1 – Bund

Eine der gro­ßen roten Lini­en der Bibel ist das Rede vom „Bund”. Schlägt man im ThWQ das Stich­wort „neu­er Bund” (ברית חדשה) nach, so lie­fert das Wör­ter­buch eine gan­ze Rei­he an nütz­li­chen Infor­ma­tio­nen. Unter ande­rem wird deut­lich, dass der neue Bund „zu den bekann­tes­ten Aspek­ten der qum­ra­ni­schen Bun­des­theo­lo­gie gehört”, dass für die Qum­ran­ge­mein­de „der Bund der Gemein­schaft und Isra­el in der End­zeit iden­tisch wer­den” und sie sich folg­lich als gegen­wär­ti­ge Rea­li­tät des neu­en Bun­des verstehen.

Gleich­zei­tig ist in den Schrift­rol­len vom Toten Meer erkenn­bar, dass der neue Bund – im Gegen­satz zu den uni­ver­sa­len Ver­hei­ßun­gen des Alten Tes­ta­ments – auf eine klei­ne Grup­pe von Aus­er­wähl­ten beschränkt ist. „Die Mit­glie­der ver­ste­hen sich als ein aus­er­wähl­tes Volk, aus­ge­son­dert aus Isra­el: Erwähl­te aus Erwählten.”

All das macht deut­lich, dass das Neue Tes­ta­ment im Blick auf die gegen­wär­ti­ge Rea­li­tät des neu­en Bun­des in star­ker Kon­ti­nui­tät zur früh­jü­di­schen Theo­lo­gie steht. Ande­rer­seits zeigt sich aber auch, dass sich die neu­tes­ta­ment­li­chen Autoren hin­sicht­lich der Reich­wei­te des neu­en Bun­des ganz bewusst an der Uni­ver­sa­li­tät des Alten Tes­ta­ments und nicht an der Abgren­zungs­men­ta­li­tät der Qum­ran­ge­mein­schaft orientieren.

Beispiel 2 – Messias

Ähn­li­che Augen­öff­ner sind im Arti­kel über das Wort „Mes­si­as” (מָשִׁיחַ) zu fin­den. Das ThWQ dis­ku­tiert aus­führ­lich die Fra­ge, ob die Qum­ran­tex­te zwei ver­schie­de­ne Mes­si­as­se erwar­ten: einen pries­ter­li­chen Mes­si­as aus Aaron und einen Mes­si­as Isra­els. Die meis­ten Tex­te schei­nen das nahe­zu­le­gen und wer­fen dadurch ein neu­es Licht auf die Mes­sia­ser­war­tung im anti­ken Juden­tum. Dar­über hin­aus macht der Arti­kel zum Bei­spiel auch deut­lich, dass sich in einem bemer­kens­wer­ten Abschnitt von 1QSa auf die Zeit bezo­gen wird, „wenn Gott den Mes­si­as bei ihnen zeugt“ (1QSa 2,11f.).

Obwohl die Rekon­struk­ti­on schwie­rig ist, gibt die­se Qum­ran­hand­schrift eine kla­re Vor­la­ge für die damals schon vor­han­de­ne Idee, dass Gott den Mes­si­as zeugt. Die Ver­bin­dung zur Bot­schaft der Evan­ge­li­en ist offensichtlich.

Fazit

Das ThWQ ist ein her­vor­ra­gen­des Werk­zeug für alle, die die „theo­lo­gi­sche Brü­cke” zwi­schen Ers­tem und Zwei­ten Tes­ta­ment über­que­ren wol­len. Es hilft unge­mein, die gro­ßen zusam­men­hän­gen­den Lini­en der Hei­li­gen Schrift und den Kon­text der neu­tes­ta­ment­li­chen Bot­schaft bes­ser zu ver­ste­hen. Das Wör­ter­buch ist wis­sen­schaft­lich soli­de, ein­fach zu nut­zen und theo­lo­gisch rele­vant. Die digi­ta­le Aus­ga­be des ThWQ bie­tet noch dazu einen ein­fa­chen und unkom­pli­zier­ten Zugang zu den Pri­mär­quel­len, also den Qum­ran­hand­schrif­ten selbst. Fazit: Das ThWQ ist abso­lut empfehlenswert!

Stephanus Schäl

Über den Autor

Stephanus Schäl (Jg. 1982) lebt mit seiner Frau und ihren vier Kindern in Lemgo. Er ist Dozent für Altes Testament an der Bibelschule Brake, promoviert gerade im Bereich der theologischen Ausbildung und verantwortet darüber hinaus die theologische Leitung des Bibelprojekts in Deutschland. Neben seiner Familie begeistert ihn alles, was mit Theologie, Bildung und Leiterschaft zu tun hat.

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