Nach 60 Jahren: Neue Qumran-Höhle am Toten Meer gefunden

Von Benjamin Misja

Bibel, Craig Evans, Qumran, Randall Price, Schriftrollen vom Toten Meer, Tipps

Von Prof. Craig A. Evans

Die bis­lang letz­te der elf Qum­ran-Höh­len wur­de 1956 ent­deckt – elf Höh­len, in denen sich neben den berühm­ten Schrift­rol­len vom Toten Meer Kera­mik­ge­fä­ße und eini­ge wei­te­re Fund­stü­cke fanden.

Sech­zig Jah­re lang haben Archäo­lo­gen und Plün­de­rer nach einer zwölf­ten Höh­le gesucht. Wür­de eine wei­te­re je ans Licht kom­men? Die Meis­ten waren skep­tisch. Gera­de das macht die Bekannt­ma­chung der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät Jeru­sa­lem so erstaun­lich: Man hat eine zwölf­te Höh­le gefunden!

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Pho­to credit: Rand­all Price

Man ist nie zu alt für den Sandkasten…

Zu dem Team, das den Fund mach­te, gehör­te auch der Archäo­lo­ge Rand­all Pri­ce, der heu­te an der Liber­ty Uni­ver­si­ty lehrt. Eine im Jahr 1993 für kur­ze Zeit erkun­de­te Höh­le – Höh­le 53 – weck­te sei­ne Aufmerksamkeit.

Im ver­gan­ge­nen Jahr erhielt Pri­ce die Geneh­mi­gung, in der Höh­le Gra­bun­gen durch­zu­füh­ren. Im Janu­ar die­sen Jah­res mach­te er sich mit Oren Gut­feld, Ahi­ad Ova­dia von der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät und eini­gen Frei­wil­li­gen ans Werk. Unter den Frei­wil­li­gen war auch der fünf­und­sech­zig­jäh­ri­ge Prä­si­dent des Muse­ums der Bibel in Washing­ton, Cary Sum­mers. Die umfang­rei­che Samm­lung von Expo­na­ten des Bibel­mu­se­ums in der ame­ri­ka­ni­schen Haupt­stadt wer­den der Öffent­lich­keit ab Novem­ber zugäng­lich sein.

Man ist nie zu alt, um im Sand zu spie­len”, sag­te mir Sum­mers kürz­lich in einer Email. Da ich selbst Vete­ran zahl­rei­cher Gra­bun­gen als Frei­wil­li­ger bin, weiß ich genau, was er meint! Und wie sich her­aus­stell­te, hat­te sich Herr Sum­mers genau die rich­ti­ge Stel­le als Sand­kas­ten ausgesucht.

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Pho­to credit: Rand­all Price

Der Fund in Höhle 12

Pri­ce und sein Team mach­ten einen äußerst bedeut­sa­men Fund. Obwohl die Höh­le, die der Archäo­lo­ge und sein Team aus­gru­ben, bereits geplün­dert wor­den war (die Plün­de­rer hat­ten sogar eini­ge Spitz­ha­cken zurück­ge­las­sen), lie­fert ihre Ent­de­ckung wich­ti­ge Erkennt­nis­se. Pri­ce und sei­ne Hel­fer fan­den näm­lich sechs Ton­ge­fä­ße, die gro­ße Ähn­lich­kei­ten mit Fun­den aus meh­re­ren ande­ren Qum­ran-Höh­len auf­wie­sen. Die Gefä­ße waren zu dem Zweck her­ge­stellt, Schrift­rol­len dar­in aufzubewahren.

Dass etli­che der bis­her bekann­ten Rol­len in so gutem Zustand sind, stützt die ver­brei­te­te Annah­me, dass die­se Gefä­ße tat­säch­lich dazu bestimmt waren. Die meis­ten die­ser Behält­nis­se sind heu­te in Jeru­sa­lem und Bet­le­hem aus­ge­stellt. Zwar gibt es eini­ge Skep­ti­ker, aber die meis­ten Fach­leu­te glau­ben, dass die­se Ton­ge­fä­ße ein­mal vie­le der Schrift­rol­len vom Toten Meer enthielten.

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Pho­to credit: Rand­all Price

Antike Quellen bezeugen die Schriftrollenbehälter

Tat­säch­lich gibt es sogar anti­ke Quel­len, die erwäh­nen, dass Kera­mik­ge­fä­ße zu die­sem Zweck benutzt wur­den. So erhielt der Pro­phet Jere­mia die Anwei­sung: „Nimm die­se Brie­fe, den ver­sie­gel­ten Kauf­brief samt die­ser offe­nen Abschrift, und lege sie in ein irde­nes Gefäß, dass sie lan­ge erhal­ten blei­ben.” (Jer 32,14) In einer apo­kry­phen Schrift aus dem 1. Jahr­hun­dert soll Mose eine ihm anver­trau­te Schrift sicher auf­be­wah­ren – eben­falls in irde­nen Gefä­ßen (Him­mel­fahrt des Mose 1,16–17).

Lan­ge vor den Fun­den der Qum­ran-Schrift­rol­len am Toten Meer wur­den in der Gegend anti­ke Schrift­rol­len gefun­den. So berich­tet der Kir­chen­va­ter Euse­bi­us im 4. Jahr­hun­dert, dass Orige­nes im 3. Jahr­hun­dert irgend­wie in den Besitz einer bibli­schen Schrift­rol­le gekom­men war, die man in einem Gefäß in Jeri­cho ent­deckt hat­te (Kir­chen­ge­schich­te 6.16.3).

Wir wer­den nie erfah­ren, ob Orige­nes’ Bibel­hand­schrift aus der anti­ken Samm­lung stamm­te, die, in Tei­len erhal­ten, zwi­schen 1947 und 1956 in den berühm­ten elf Höh­len bei Qum­ran auf­ge­fun­den wur­de. Den­noch kann der Bericht eines Schrift­rol­len­funds in einem Ton­ge­fäß als Beleg eines ent­spre­chen­den anti­ken Brauchs dienen.

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Die Archäo­lo­gen Oren Gut­feld & Ahi­ad Ova­dia in der Höh­le. Pho­to credit: Casey L. Olson und Oren Gutfeld

Gibt es eine 13. Höhle?

Ent­ge­gen alle Vor­her­sa­gen schei­nen Pri­ce und sein Team tat­säch­lich eine zwölf­te Höh­le ent­deckt zu haben – davon träu­men Qum­ran-Fach­leu­te seit sech­zig Jah­ren. Und nicht nur das: Pri­ce ver­mu­tet in der Nähe der Rui­nen von Qum­ran sogar eine drei­zehn­te Höhle.

Im Gegen­satz zu der jetzt gefun­de­nen Höh­le 12 wäre der Ein­gang zu der ver­mu­te­ten Höh­le 13 ver­bor­gen – es wäre also gut mög­lich, dass auch Plün­de­rer sie noch nicht ange­tas­tet haben. In die­sem Fall bestün­de sogar die Mög­lich­keit wei­te­rer Textfunde!

Natür­lich kom­men schon seit Jahr­zehn­ten immer wie­der ein­mal neue Schrift­rol­len ans Licht. Viel­fach sind sie im Besitz von Bedui­nen, stam­men also aus der Zeit der ers­ten Fun­de in den 1940er und 1950er Jah­ren. Aus wel­chen Höh­len sol­che Rol­len stam­men, lässt sich dabei meist nicht mehr feststellen.

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Pho­to credit: Rand­all Price

Pergament, Papyri und Leinen!

Gera­de das macht die von Pri­ce gefun­de­ne Höh­le so bedeut­sam. Es steht zu erwar­ten, dass es sich dabei tat­säch­lich um eine zwölf­te Qum­ran-Höh­le han­delt. Denn neben den sechs töner­nen Schrift­rol­len­be­häl­tern fan­den sich klei­ne Per­ga­ment- und Papy­rus­frag­men­te sowie min­des­tens ein Stück Lei­nen­stoff, in den man Schrift­rol­len ein­wi­ckeln konn­te.

Labor­tests soll­ten eine Ver­bin­dung zwi­schen den Kera­mik­ge­fä­ßen und den Rui­nen in Qum­ran sowie eini­gen wei­te­ren Gefä­ßen aus benach­bar­ten Höh­len erwei­sen. DNA-Tests an den Per­ga­men­ten könn­ten Ver­bin­dun­gen zu ande­ren Schrift­rol­len zuta­ge brin­gen, deren Her­kunft bis­lang im Dun­keln lag. Der Fund der Gefä­ße und des Lei­nen­wi­ckels beweist, dass sich in die­ser Höh­le ein­mal Schrift­rol­len befun­den haben (wie es auch auf Höh­le 8 zutrifft).

Ein wahr­haft erstaun­li­cher Fund! Und viel­leicht darf ich ergän­zen, dass auch Erfor­scher der Urge­schich­te sich für die Arte­fak­te aus der neu­en Qum­ran-Höh­le inter­es­sie­ren dürf­ten. Dar­un­ter fan­den Pri­ce und sei­ne Hel­fer näm­lich auch Gegen­stän­de aus der Jung­stein­zeit, etwa Pfeil­spit­zen und Messer.

Die Schriftrollen verbinden Welten

Bedeu­tend sind die Höh­len, die Rui­nen und die Hand­schrif­ten von Qum­ran auch des­halb, weil sie eine Ver­bin­dung her­stel­len zwi­schen der Welt des Alten Tes­ta­ments und des Juden­tums einer­seits und der Welt Jesu, der frü­hen Kir­che und den Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments ande­rer­seits. Zudem lie­fern die­se Fun­de in der Nähe des Toten Meers kon­kre­te Bele­ge für hei­li­ge Tex­te. Die Tex­te erleuch­ten die kon­kre­ten Bele­ge, und die kon­kre­ten Bele­ge erleuch­ten die Texte.

So zei­gen uns archäo­lo­gi­sche Erkennt­nis­se, dass die uralten Erzäh­lun­gen unse­rer Hei­li­gen Schrift in einer anti­ken Welt ver­an­kert sind, die es tat­säch­lich so gab, nicht in einer aus­ge­dach­ten, fik­ti­ven Welt. Die Archäo­lo­gie hat uns in den ver­gan­ge­nen etwa hun­dert Jah­ren mit einer gro­ßen Men­ge alter Tex­te bekannt gemacht. Daher ist es ihr zu ver­dan­ken, dass wir inzwi­schen wis­sen, dass die uralten Tex­te tat­säch­lich von rea­len Men­schen, rea­len Orten und rea­len Ereig­nis­sen berichten.

Digi­ta­le Ver­sio­nen der Qum­ran-Tex­te kön­nen Sie übri­gens in Logos erkun­den – zum Bei­spiel in Logos 6 Gold (Deutsch)! Wei­te­re Infos erhal­ten Sie auf unse­rer eng­li­schen Qum­ran-Info­sei­te.

Das Judentum zur Zeit Jesu

Wei­ter­hin sind die Qum­ran-Schrif­ten bedeut­sam, weil sie Auf­schluss über vie­le Details bestimm­ter Leh­ren Jesu und sei­ner frü­hen Anhän­ger geben.

So spricht eine ara­mäi­sche Rol­le aus Höh­le 4 von der erwar­te­ten Ankunft einer Per­son, die als „Sohn Got­tes”, „Sohn des Höchs­ten” bezeich­net wird und die eine ewi­ge Herr­schaft füh­ren wird. Die Gemein­sam­kei­ten mit der Ankün­di­gung in Lukas 1 sind offen­sicht­lich. Eine wei­te­re Rol­le aus Höh­le 4 erwar­tet das Kom­men von Got­tes Mes­si­as, der den Blin­den Augen­licht geben, die Ver­letz­ten hei­len, die Toten auf­er­we­cken und den Armen fro­he Bot­schaft ver­kün­den wür­de. Die Par­al­le­len zu Jesu Ent­geg­nung an Johan­nes den Täu­fer sind klar ersichtlich.

Selbst wenn Pau­lus von „Wer­ken des Geset­zes” spricht, fin­den sich dazu wich­ti­ge Par­al­le­len in einem Brief aus Höh­le 4, der das Gesetz the­ma­ti­sier­te. Die Meli­chise­dek-Rol­le aus Höh­le 11 kün­digt die Ankunft eines Men­schen an, der Gott selbst zu sein scheint und über die Macht ver­fügt, Sün­de zu ver­ge­ben, zu hei­len und Satan zu besie­gen. Sol­che Bei­spie­le – es gibt noch weit­aus mehr – machen klar, wie groß die Bedeu­tung die­ser Schrift­rol­len ist.

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Pho­to credit: Rand­all Price

Eine neu entfachte Kontroverse

Natür­lich wird die­ser ver­blüf­fen­de Fund auch zu neu­en Dis­kus­sio­nen dar­über füh­ren, wem die Schrift­rol­len vom Toten Meer zuste­hen – Isra­el (zur Zeit der ers­ten Fun­de gehör­te Qum­ran zu Jor­da­ni­en) oder den Paläs­ti­nen­sern? Es war die­se erhitzt geführ­te poli­ti­sche Debat­te, die zu dem neu­en Fund führte.

Die orga­ni­sier­te, geneh­mig­te Suche nach Höh­len mit neu­en Tex­ten fand ihren Anfang im Kon­flikt um das West­jor­dan­land und die Befürch­tung, Isra­el könn­te den Zugang zu den berühm­ten Höh­len in der judäi­schen Wüs­te ver­lie­ren, die bis dato über 1.000 Doku­men­te her­vor­ge­bracht haben, dar­un­ter ins­be­son­de­re die erwähn­ten Qum­ran-Schrift­rol­len, die eini­ge für den bedeu­tends­ten archäo­lo­gi­schen Fund des 20. Jahr­hun­derts halten.

Auf­grund die­ser Befürch­tung wur­de 1993 die „Ope­ra­ti­on Scroll” ins Leben geru­fen. Ver­tre­ter der Israe­li­schen Alter­tü­mer­be­hör­de (unter Lei­tung Amir Dro­ris), der israe­li­schen Streit­kräf­te sowie ver­schie­de­ne Archäo­lo­gen und Frei­wil­li­ge began­nen nun an der West­küs­te des Toten Mee­res und wei­ter nörd­lich bei Jeri­cho mit der Erkun­dung und Erfas­sung von Hun­der­ten von Höh­len. Dabei wur­den zwar ein­zel­ne neue Ent­de­ckun­gen gemacht, aber nichts, das auch nur annä­hernd mit einer wei­te­ren Qum­ran-Höh­le ver­gleich­bar wäre.[1]

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Pho­to credit: Rand­all Price

Neue Schätze, neue Sorgen

Ich bin Dr Pri­ce zu gro­ßem Dank ver­pflich­tet, dass er mich in die Details sei­ner wich­ti­gen Ent­de­ckung ein­ge­weiht hat. Mit ihm tei­le ich die Hoff­nung, dass Höh­le 12 nicht die letz­te ent­deck­te Qum­ran-Höh­le blei­ben wird. Wer kann sagen, wel­che neu­en Schät­ze wir noch zuta­ge för­dern wer­den? Und wer kann sagen, wel­che neu­en poli­ti­schen Ver­wick­lun­gen etwai­ge wei­te­re Fun­de her­bei­füh­ren könn­ten? Wir leben in inter­es­san­ten Zeiten.

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Dr. Evans, im Hin­ter­grund Höh­le 4. Pho­to credit: Greg Monette

Über den Autor: Craig A. Evans ist Pro­fes­sor of Chris­ti­an Ori­gins an der Hous­ton Bap­tist Uni­ver­si­ty in Süd­te­xas. Evans ist Autor zahl­rei­cher Ver­öf­fent­li­chun­gen zum his­to­ri­schen Jesus, den Qum­ran-Schrift­rol­len und der Archäo­lo­gie. Er pro­mo­vier­te unter Wil­liam Hugh Brown­lee, einem der ers­ten Fach­leu­te, die die Schrift­rol­len zu Gesicht beka­men. Evans gehört der Scho­l­ars Initia­ti­ve an, die sich der Erfor­schung der bibli­schen Arte­fak­te im Muse­um der Bibel in Washing­ton (USA) wid­met. Evans lehrt zudem meh­re­re aka­de­mi­sche Video­kur­se unse­res „Mobi­le Ed”-Kursprogramms. Zudem ist er in der Doku-Serie Archaeo­lo­gy and Jesus zu sehen.

Die­ser Bei­trag erschien zuerst unter dem Titel Parch­ments found at new­ly dis­co­ve­r­ed Dead Sea Scrolls Cave 12 auf unse­rem eng­lisch­spra­chi­gen aka­de­mi­schen Blog the­LAB. Für die Über­set­zung haben wir den Text an man­chen Stel­len leicht gekürzt.

Digi­ta­le Ver­sio­nen der Qum­ran-Tex­te kön­nen Sie übri­gens in Logos erkun­den – zum Bei­spiel in Logos 6 Gold (Deutsch)! Wei­te­re Infos erhal­ten Sie auf unse­rer eng­li­schen Qum­ran-Info­sei­te.

[1] Einen Bericht zur „Ope­ra­ti­on Scroll” ver­fasst Neil Asher Sil­ber­man, “Ope­ra­ti­on Scroll,” Archaeo­lo­gy 47/​2 (1994) 27–28; ders., “Ope­ra­ti­on Scroll,” in K. D. Vitel­li (Hg.), Archaeo­lo­gi­cal Ethics (Lon­don: Alta­mi­ra Press, 1996) 132–35.

Benjamin Misja

Über den Autor

Benjamin Misja leitet das deutsche Logos-Team.

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