Selbstauferbauung in Liebe – Gemeindegründung und Gemeindeaufbau

Von Jens Binfet


Der christ­li­che Glau­be ist schon immer untrenn­bar mit der Kir­che ver­bun­den. Die Kir­chen­vä­ter, wie Cypri­an von Kar­tha­go fan­den dafür sogar recht dras­ti­sche Wor­te: „Extra eccle­si­am salus non est“ (Außer­halb der Kir­che gibt es kein Heil). Ähn­lich auch Johan­nes Cal­vin: „Wer also Gott zum Vater hat, der muss auch die Kir­che zur Mut­ter haben“. Immer gehö­ren Glau­be und Kir­che untrenn­bar zusammen. 

Heut­zu­ta­ge mag die­se enge Ver­bin­dung bes­ten­falls fremd, rigo­ros dog­ma­tisch oder gar nach berech­nen­der Macht­po­li­tik aus­se­hen. Aber ist das so?

Wenn wir das Ver­hält­nis zwi­schen Glau­be und Kir­che unter­su­chen wol­len, dann müs­sen wir zunächst klä­ren, was denn die Kir­che ist. Ist sie eine Insti­tu­ti­on? (Wenn ja, wel­che?) Wor­auf basiert sie und was kon­sti­tu­iert sie? Was defi­niert und bestimmt sie? 

Die­se Fra­ge gewinnt beson­ders an Rele­vanz, weil Reli­gi­on in unse­rer Gesell­schaft so plu­ral ist, wie seit der Anti­ke nicht mehr. Der reli­giö­se Markt ist unüber­schau­bar. Alle Optio­nen ste­hen offen, aber damit haben wir als Gesell­schaft auch kei­ne gemein­sa­me Vor­stel­lung mehr davon, was denn Kir­che ist. Vor­aus­zu­set­zen, dass es eine Defi­ni­ti­on von Kir­che gäbe, die jeder aner­ken­nen wür­de, wäre also fahrlässig.

War­um dann über­haupt die Anstren­gung wagen? Lohnt es sich Kir­che zu defi­nie­ren? Ich glau­be: Ja, es lohnt sich. Denn erst, wenn ich weiß, WAS etwas ist und sein soll, kann ich begin­nen zu gestal­ten. Andern­falls ist jede Anstren­gung, Gemein­de­bau zu betrei­ben, plan­lo­ser Aktio­nis­mus. Wenn ich eine Uhr bau­en will, muss ich wis­sen, was eine Uhr ist. Danach kann ich mich den Details zuwen­den: Was tut sie und wel­che For­men kann ich ihr geben?

Genau in die­sem Drei­schritt möch­te ich im Fol­gen­den die Fra­gen des Gemein­de­baus betrachten:

  1. Was Kir­che ist (Wesen)
  2. Was Kir­che tut (Auf­ga­ben)
  3. Wie Kir­che sein kann (Form)

Die Auf­ga­ben und die Form der Kir­che wer­de ich schwer­punkt­mä­ßig vom Stand­punkt der Gemein­de­grün­dung beleuch­ten. Gera­de in einer Gemein­de­grün­dungs­si­tua­ti­on ist die umfas­sen­de Beschäf­ti­gung mit den grund­le­gen­den Fra­gen wich­tig. Hier wer­den – bewusst oder unbe­wusst – Wei­chen für die nächs­ten Jahr­zehn­te der noch jun­gen Gemein­de gestellt. 

Von ihm aus gestal­tet der gan­ze Leib sein Wachs­tum, sodass er sich selbst auf­baut in der Lie­be. (Eph 4,16a)

Was Kirche ist

Vor allem ande­ren ist die Kir­che ein Geschöpf. Was heißt das? Sie erschafft sich nicht selbst. Sie wird erschaf­fen – und zwar vom Wor­tes Got­tes: Jesus Chris­tus (crea­tu­ra ver­bi). Ein star­ker bibli­scher Anhalts­punkt dafür ist Mt. 16,18: “Ich will mei­ne Gemein­de bau­en”. Aber die Kir­che ist auch ein Geschöpf der Hei­li­gen Schrift, die von Chris­tus zeugt: “Als sie aber das [=Wort Got­tes] hör­ten, ging’s ihnen durchs Herz… Der Herr aber füg­te täg­lich zur Gemein­de hin­zu, die geret­tet wur­den.” (Apg 2,37+47)

Manch­mal wird so getan, als ob man das fleisch­ge­wor­de­ne Wort Got­tes und das Schrift­wort Got­tes tren­nen könn­te. Aber gera­de das Neue Tes­ta­ment zeigt: Bei­des kann man nicht aus­ein­an­der­di­vi­die­ren. War­um fan­gen wir mit dem Wort Got­tes an? Die Fra­ge nach der Schrift und was die Schrift ist, ist grund­le­gend für das resul­tie­ren­de Ver­ständ­nis von Kir­che. Ohne die­sen Ansatz­punkt bleibt die Kir­che nichts wei­ter als ein sozio­lo­gi­sches Gebil­de – ein simp­ler Ver­ein. Von Gott her – ver­mit­telt durch sein Wort – wird sie zu einer über­na­tür­li­chen Gemeinschaft.

Was ist also die­ses Wort? Es ist das­sel­be Wort, das das Uni­ver­sum ins Dasein rief (Gen 1). Und die­ses Wort wird greif­bar in Jesus Chris­tus – dem Wort Got­tes. Sein Wesen und sei­ne Taten (=Evan­ge­li­um) grün­den das, was wir die christ­li­che Kir­che nen­nen. Also muss die Kir­che im Evan­ge­li­um wur­zeln und dar­aus ihren Dienst ent­wi­ckeln. Die Grund­le­gung in der Leh­re vom Wort Got­tes ist übri­gens ganz klas­sisch, wir fin­den sie aber auch in den gro­ßen neu­zeit­li­chen Dog­ma­ti­ken z.B. von Karl Barth, John Frame oder Tho­mas Oden.

Wenn der Urhe­ber und Erhal­ter Chris­tus durch sein Wort ist, dann ist auch klar, wem die Kir­che gehört: Sie ist κυριακή ἐκκλησία (Ver­samm­lung des HERRN). So nennt sie auch das Neue Tes­ta­ment häu­fig. Das deut­sche Wort “Kir­che” lei­tet sich sogar sprach­ge­schicht­lich aus dem grie­chi­schen “kyria­kos” (dem HERRN gehö­rend) ab. 

Auch in den Bekennt­nis­sen der Refor­ma­ti­on fin­den wir die­ses Ver­ständ­nis von Kir­che: Die Kir­che ist „die Ver­samm­lung aller Gläu­bi­gen, bei denen das Evan­ge­li­um rein gepre­digt und die hei­li­gen Sakra­men­te gemäß des Evan­ge­li­ums gereicht wer­den“ (Con­fes­sio Augusta­na /​Augs­bur­ger Bekennt­nis). Hier ver­bin­det sich die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen in Wort und Sakra­ment mit Chris­tus. Auch der Hei­del­ber­ger Kate­chis­mus bekräf­tigt, dass die Kir­che kein rein mensch­li­ches Gebil­de ist, son­dern eine gott­ge­wirk­te Gemein­schaft der Gläu­bi­gen aller Zei­ten, die von Jesus Chris­tus ver­sam­melt, geschützt und erhal­ten wird.

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Das Evan­ge­li­um ist also nicht nur die Wur­zel der Kir­che: Es ist der Lebens­saft für alle Diens­te und Wir­kun­gen der Kir­che. Genau­so wie das Evan­ge­li­um für den ein­zel­nen Gläu­bi­gen „nicht nur das Abc, son­dern das ‚A bis Z‘ des christ­li­chen Lebens“ ist, so durch­dringt das Evan­ge­li­um alle Aspek­te der Gemein­schaft der Gläubigen.

Wenn Kir­che also ein Geschöpf des Wor­tes ist, dann müs­sen wir im Blick auf Gemein­de­grün­dung fol­gen­des neu beden­ken: Nicht (nur) die Idee der Gemein­schaft „zwei­er oder drei­er“ Chris­ten ist für eine

Gemein­de­grün­dung grund­le­gend. Schon gar nicht, wenn die­se Grup­pe sich im Streit aus einer ande­ren Gemein­de her­aus­löst. Die­se Idee von Kir­che macht sie von Beginn an zum Men­schen­werk. Selbst­ver­ständ­lich besteht die Kir­che letzt­end­lich aus der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen. Das Kol­lek­tiv allein kann sie aber nicht begrün­den, son­dern nur Christus.

Es kann daher kei­ne eigen­mäch­ti­ge Gemein­de­grün­dung geben. Viel­mehr sen­det die Kir­che – in Form ihrer Lei­tung (die das Amt der Wort­ver­kün­di­gung inne­ha­ben) – Gemein­de­grün­der aus. Eine sol­che Her­an­ge­hens­wei­se betont die Ver­bin­dung der Kir­che unter­ein­an­der, durch die Zei­ten und mit Christus. 

Wenn wir das alles also fest­hal­ten, kön­nen wir nur zurück­hal­tend von Gemein­de­bau als unse­rem Hand­lungs­feld als Men­schen spre­chen. Der Ursprung der Kir­che liegt im Wort Got­tes und der Got­tes­sohn selbst füllt alle wich­ti­gen Rol­len des Baus aus: Bau­herr, Grün­der, Erhal­ter, Eckstein… 

Trotz­dem beauf­tragt Chris­tus sei­ne Gemein­de und auch Sie und mich durch die Kraft des Hei­li­gen Geis­tes am Auf­bau der Gemein­de (οἰκοδομὴ τῆς ἐκκλησίας – 1Kor 14,12) mitzuarbeiten.

Was Kirche tut

Das Evan­ge­li­um ist auch die Quel­le für das, was die Kir­che tut und tun soll. Sie zeigt sich nicht in einem Gebäu­de, son­dern in ihren Auf­ga­ben. Wenn wir uns die Auf­ga­ben der Kir­che anschau­en, dann ist eine der klas­si­schen Dif­fe­ren­zie­run­gen im Kir­chen­be­griff hilf­reich: man unter­schei­det die noch hier auf der Erde im Kampf des Lebens ste­hen­de Kir­che (eccle­sia mili­tans) von der schon tri­um­phie­ren­den Kir­che im Him­mel (eccle­sia tri­um­phans). Die eccle­sia mili­tans soll in die­ser Welt vor allem die­nen (vgl. Rö 12,11;14,18f; 1Kor 10,24.33; Phil 2,4; 1Pe 4,10f). Die Auf­ga­ben der eccle­sia tri­um­phans dage­gen haben vor allem Herr­schafts­cha­rak­ter (vgl. 2Tim 2,12; Offb 5,10; Lk 19,11ff). Die bei­den For­men wer­den von der Bibel auch immer ins Ver­hält­nis gesetzt: zuerst das Lei­den und der Dienst, dann die Herr­lich­keit und die Herr­schaft. Für den Gemein­de­bau kom­men dem­zu­fol­ge nur die Auf­ga­ben der eccle­sia mili­tans infra­ge, da die eccle­sia tri­um­phans bereits voll­kom­men ist.

Es ist also der Dienst der Gemein­de, der ihre Gestalt in die­ser Welt bestim­men soll. Alle prak­ti­schen und struk­tu­rel­len Maß­nah­men des Gemein­de­baus fin­den ihre Ein­ord­nung im Dienst der Kir­che. In der Ent­fal­tung, was der Dienst der irdi­schen Gemein­de ist, fol­ge ich einer drei­glied­ri­gen Struk­tur anhand des Objek­tes ihres Dienstes:

  • Der ver­ti­ka­le Aspekt: Dienst für Gott
  • Der hori­zon­ta­le Aspekt: Dienst an der Welt
  • Der refle­xi­ve Aspekt: Dienst an sich selbst

Vertikal: Dienst für Gott

Damit wir zum Lob sei­ner Herr­lich­keit leben. (Eph 1,12)

Als Geschöpf Got­tes ist die Kir­che, wie jedes ande­re Geschöpf, „zu ihm hin“ (Rö 11,36) geschaf­fen. Als Teil des zukünf­ti­gen Rei­ches Got­tes, das in Chris­tus schon jetzt ange­bro­chen ist, soll sie in beson­de­rer Wei­se Gott ver­eh­ren und anbe­ten. Dies ist ihr höchs­tes Ziel und alle ande­ren Aspek­te sind dar­auf ausgerichtet.

Damit ist der ver­ti­ka­le Dienst der Kir­che im Ein­klang mit dem höchs­ten Ziel in der Exis­tenz des Men­schen: Der Ver­herr­li­chung Got­tes und der Freu­de an ihm (West­mins­ter Bekennt­nis). Die Kir­che bie­tet somit auch den opti­ma­len Ort für die schöp­fungs­ge­mä­ße Ent­fal­tung jedes Einzelnen.

Der gemein­sa­me Got­tes­dienst ist das Zen­trum in der gemein­schaft­li­chen Anbe­tung Got­tes. Die Gemein­de sam­melt sich im Namen des drei­ei­n­i­gen Got­tes, um ihn zu loben und zu ehren. Das tut sie aus­drück­lich in Ele­men­ten wie Pre­digt, Gesang oder Gebet aber auch impli­zit im evan­ge­li­ums­ge­mä­ßen Dienst anein­an­der. Die Anbe­tung Got­tes ist sowohl das zen­tra­le Iden­ti­täts­mo­ment der Gemein­de als auch der ent­schei­den­de Ver­bin­dungs­punkt als Kol­lek­tiv. Ohne ver­ti­ka­len Dienst­aspekt ver­liert die Kir­che ihr Wesen und wird zu einem belie­bi­gen sozia­len Kon­strukt. Die Ehre Got­tes muss für alle Dienst­aspek­te der Gemein­de lei­tend wir­ken, genau­so wie sie das auch für den ein­zel­nen Gläu­bi­gen wer­den soll.

Horizontal: Dienst an der Welt

Ihr seid das Licht der Welt. (Mt 5,14)

Zen­tral für das Wesen der Kir­che ist ihre Sen­dung. Der auf­er­stan­de­ne Chris­tus sen­det uns „bis an die Enden der Erde“. Vor die­sem Hin­ter­grund muss sich der Dienst der Gemein­de in jedem Fall in die Welt um sie her­um erstre­cken und kann sich nicht klös­ter­lich abkap­seln. Die hori­zon­ta­le Per­spek­ti­ve erschöpft sich dabei nicht nur im Mis­si­ons­ge­dan­ken im enge­ren Sin­ne (Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums), son­dern muss auch in der Pra­xis dem Wesen ihres HERRN ent­spre­chen. Das kön­nen wir den „Dienst der Barm­her­zig­keit“ nen­nen. Die­ser sozi­al-dia­ko­ni­sche Aspekt wirkt zwar unter­stüt­zend und bekräf­ti­gend für die Evan­ge­li­ums­ver­kün­di­gung, aber er ist nicht nur Mit­tel zum Zweck der Evan­ge­li­sa­ti­on. Dienst am Men­schen soll statt­fin­den, weil der Mensch Geschöpf Got­tes ist. Hier ist wie­der Got­tes Han­deln die Richt­schnur: Er lässt reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te – ein­fach, weil sie sei­ne Geschöp­fe sind.

Die Mis­si­on der Kir­che hängt an ihrer Prä­senz in geo­gra­fi­schen Gebie­ten, Kul­tur­krei­sen und Milieus. Dort wo die Kir­che (auch und gera­de phy­sisch) prä­sent ist, kann sie die hori­zon­ta­le Dimen­si­on ihres Diens­tes am bes­ten aus­füh­ren. Sie ist das Werk­zeug des Segens Got­tes für die­se Welt. Ziel jeder evan­ge­lis­ti­schen – und im Zusam­men­hang damit auch jeder sozi­al-dia­ko­ni­schen – Bemü­hung muss es also sein, Kir­che in dem Umfeld zu sein, dem man die­nen möch­te. Die­se Aus­rich­tung muss ein bestim­men­der Fak­tor des Gemein­de­auf­baus sein.

Wie kann Kir­che also sowohl in neue Milieus und geo­gra­phi­sche Gebie­te vor­sto­ßen als auch ihre hori­zon­ta­le Auf­ga­be in bereits kirch­lich gepräg­ten Gebie­ten am bes­ten aus­füh­ren? C. Peter Wag­ner fasst es prä­gnant zusam­men: „Die für sich genom­men effek­tivs­te Evan­ge­li­sa­ti­ons­me­tho­de, die es gibt, ist die Grün­dung neu­er Gemein­den.“ Die­ser Grund­satz gel­te durch­aus kul­tur­über­grei­fend, sowohl auf „altem“ wie auf „neu­em“ Grund. Hier hal­te ich jedoch einen Gegen­pol zur rein prag­ma­tisch-öko­no­mi­schen Sicht auf Gemein­de­grün­dung („Effi­zi­enz der Evan­ge­li­sa­ti­on“) für ange­bracht: Kir­che soll­te durch eine sen­den­de Gemein­de (also nicht aus Initia­ti­ve einer los­ge­lös­ten oder gar unzu­frie­de­nen Grup­pe) und in größt­mög­li­cher Koope­ra­ti­on und Einig­keit mit bereits lokal exis­tie­ren­den Gemein­den gegrün­det wer­den. Andern­falls steht die Glaub­wür­dig­keit ihres Wesens, vor allem bezüg­lich ihrer Einig­keit (Katho­li­zi­tät), auf dem Spiel.

Die­ser balan­cier­te Ansatz der Gemein­de­grün­dung ist weder neu noch ohne bibli­sches Vor­bild. Sowohl Wag­ner als auch Dar­rin Patrick sehen in gemein­de­grün­den­den Gemein­den eine Fort­set­zung des Mus­ters aus der Apostelgeschichte.

Reflexiv: Dienst an sich selbst

Lasst uns auf­ein­an­der acht­ha­ben und ein­an­der anspor­nen zur Lie­be und zu guten Wer­ken. (Heb 10,24)

Nicht zuletzt wen­det sich der Dienst der Kir­che auch sich selbst zu. Auch wenn sich die Kir­che bewusst ist, dass ihr Ursprung in Gott liegt und sie völ­lig abhän­gig von Chris­tus ist, muss sie sich den­noch mit aller Kraft ihrer eige­nen Auf­er­bau­ung wid­men. Hier ist das Mus­ter des Neu­en Tes­ta­ments ein­deu­tig: Die Ent­fal­tung und Auf­er­bau­ung des Ein­zel­nen geschieht im wech­sel­sei­ti­gen Mit­ein­an­der. Iso­la­ti­on ist kei­ne Opti­on für den christ­li­chen Glau­ben. Der über­aus häu­fi­ge Gebrauch des Wor­tes ἀλλήλων (ein­an­der) in den neu­tes­ta­ment­li­chen Brie­fen im Bezug auf das christ­li­che Leben macht die­sen Punkt beson­ders deut­lich. Die Iden­ti­tät als Christ wird von der Bibel nie los­ge­löst von der Gemein­de als pri­va­te Sache betrach­tet. Der refle­xi­ve Dienst der Gemein­de ist sozu­sa­gen der Über­le­bens­me­cha­nis­mus jedes ein­zel­nen Chris­ten und auch das opti­ma­le Umfeld für sein Wachs­tum. Des­halb kann Cal­vin auch von der müt­ter­li­chen Für­sor­ge der Kir­che spre­chen, die Schutz, Nah­rung und Rei­fe­pro­zess bereitstellt.

Wie Kirche sein kann

Kirche und Kultur: Kontextualisierung

Die Kir­che exis­tiert nicht im luft­lee­ren Raum. Sie hat – genau wie ihre ein­zel­nen Mit­glie­der – einen Kon­text. Die­ser setzt sich (unter ande­rem) aus kul­tu­rel­len, geo­gra­fi­schen und sprach­li­chen Aspek­ten zusam­men. Wenn Kir­che nun ihrem Wesen gemäß in einem kon­kre­ten Kon­text die­nen will, müs­sen ihre Auf­ga­ben in ange­mes­se­ner Wei­se „auf die Stra­ße gebracht“ wer­den. Die Kon­tex­tua­li­sie­rung stellt also die Fra­ge nach dem „Wie?“. Die Aus­rich­tung an der Ziel­kul­tur bedeu­tet jedoch kei­ne kri­tik­lo­se Anpas­sung. Wenn die Kir­che ihren Auf­trag zur Kon­tex­tua­li­sie­rung ernst nimmt, wird sie – wie die neu­tes­ta­ment­li­che Kir­che – Wider­spruch und Zuwen­dung erleben.

Nach Tim Kel­ler erzeugt die Kon­fron­ta­ti­on der Umwelt mit A‑Beliefs (gesell­schaft­lich aner­kann­te Ansich­ten) Zustim­mung, und B‑Beliefs (gesell­schafts­kon­trä­re Ansich­ten) Kon­flikt. Das Evan­ge­li­um ent­hält aber immer bei­de Aspek­te. Gute Kon­tex­tua­li­sie­rung ver­sucht dabei den Ein­stieg bei den A‑Beliefs zu schaf­fen und dar­über auch die Plau­si­bi­li­tät der B‑Beliefs zu ver­mit­teln. Wirk­sam kann Kir­che also nur als Kon­trast­ge­sell­schaft nach dem Mot­to aus dem Johan­nes­evan­ge­li­um „in die­ser Welt, aber nicht von die­ser Welt“ sein. Weder Iso­la­ti­on, noch kri­tik­lo­se Anpas­sung kön­nen in die Gesell­schaft hin­ein wir­ken. Das Evan­ge­li­um muss einer­seits ver­stan­den wer­den, es muss aber auch sein nor­ma­tiv-kon­fron­ta­ti­ves Wesen behal­ten, um Ver­än­de­rung mög­lich zu machen.

Kul­tu­rel­le und sprach­li­che Aspek­te kön­nen die Kom­mu­ni­ka­ti­on des Evan­ge­li­ums behin­dern oder unmög­lich machen. Genau­so kann auch die Art und Wei­se des Gemein­de­auf­baus dem eigent­li­chen Dienst der Kir­che ent­ge­gen­wir­ken, wenn er den Kon­text miss­ach­tet. Die Kir­che muss wis­sen, wo sie sich befin­det und wel­che Leu­te sie errei­chen will. Demo­gra­phi­sche und Milieu­stu­di­en kön­nen hier bei der (Neu)ausrichtung nütz­lich sein. Beson­ders für die Vor­be­rei­tung einer Gemein­de­grün­dung ist es not­wen­dig den Kon­text zu erfor­schen. Ihre Ziel­set­zung soll­te es ja sein, Kir­che in einem neu­en Kon­text zu sein. Die Grün­dungs­si­tua­ti­on bie­tet auch die größt­mög­li­che Frei­heit die Kon­tex­tua­li­sie­rung der Kir­che so zu gestal­ten, dass sie ihr Umfeld erreicht.

Kirche als Kollektiv

Christ­li­cher Glau­be ist in sei­nem Kern gemein­schaft­lich. Und die Kir­che ist der Aus­druck davon: Sie ist die Gemein­schaft der Gläu­bi­gen. Dies geht jedoch weit über die blo­ße Zuge­hö­rig­keit hin­aus. Die Kir­che wird auch von allen ihren Mit­glie­dern erbaut. Die Leh­re vom all­ge­mei­nen Pries­ter­tum der Gläu­bi­gen weist jedem Chris­ten einen akti­ven Part in der Gemein­de zu. Wäh­rend ein Ziel der Gemein­de – die För­de­rung der Frucht des Geis­tes – für alle Chris­ten gleich ist, so gibt es in der Bega­bung und in den Auf­ga­ben des Ein­zel­nen kei­ne Uni­for­mi­tät. Denn die Gemein­de ist nicht nur die Gemein­schaft der Hei­li­gen, son­dern vor allem auch eine Gemein­schaft des Hei­li­gen Geis­tes. Die­ser Geist ist es, der den indi­vi­du­el­len Gläu­bi­gen Cha­ris­men (Gna­den­ga­ben) zuteilt. Die christ­li­che Welt­an­schau­ung betrach­tet alles – phy­sisch oder nicht – als Gabe Got­tes und erfor­dert also eine Hal­tung des treu­hän­di­gen Ver­wal­ters zum Woh­le der Gemein­schaft. Zudem drückt die Cha­ris­men­viel­falt die gegen­sei­ti­ge Abhän­gig­keit und den Dienst anein­an­der aus. Der Gedan­ke der Gaben darf jedoch nicht nur auf den Nut­zen oder Kom­pe­tenz-Aspekt redu­ziert blei­ben. Viel­mehr ist jede Per­son, die der Kir­che hin­zu­ge­fügt wird, bereits eine Gabe für die Gemein­schaft, bevor sie je etwas gege­ben oder getan hat. Gemein­de­auf­bau muss, wenn er den refle­xi­ven Dienst im Sin­ne von ἀλλήλων ernst nimmt, daher immer auch im umfas­sen­den Sin­ne gaben­ori­en­tiert sein.

Kirche als Institution

Die Kir­che als Insti­tu­ti­on weckt unter­schied­li­che Asso­zia­tio­nen. Einer­seits legt man­che Mei­nung und Stu­die nahe, dass die Men­schen Insti­tu­tio­nen im all­ge­mei­nen und Kir­chen im spe­zi­el­len mehr­heit­lich miss­trau­en. Ande­rer­seits stellt bei­spiels­wei­se Her­bert Döring in einer sozio­lo­gi­schen Ana­ly­se der Inter­na­tio­na­len Wer­te­stu­die 1981 die Insti­tu­ti­on Kir­che als gesell­schaft­lich sta­bi­li­sie­ren­den Fak­tor dar: „Häu­fi­ger Kirch­gang hängt in der Tat […] mit höhe­rem Ver­trau­en in alle – nicht etwa nur die kir­chen­na­hen – Insti­tu­tio­nen zusammen.“

Macht­miss­brauch und auto­ri­tä­re Züge mögen ihren Bei­trag zum schlech­ten Image der Insti­tu­ti­on Kir­che – und Insti­tu­tio­nen gene­rell – bei­getra­gen haben. Die Lösung ist jedoch nicht die Abschaf­fung des insti­tu­tio­nel­len Wesens der Kir­che. Die Struk­tu­ren einer Insti­tu­ti­on ermög­li­chen Trans­pa­renz in Macht- und Ent­schei­dungs­fra­gen erst. Infor­mel­le Bewe­gun­gen haben auch Macht­struk­tu­ren, aber die­se sind von außen nicht erkenn­bar und auch oft von innen nicht geklärt, sodass es hier gro­ße Gefah­ren gibt, dass die Macht unkon­trol­liert vom Cha­ris­ma oder Netz­werk oder Ver­mö­gen abhängt. Dies gilt vor allem dann, wenn die Anzahl der Mit­glie­der den fami­liä­ren Rah­men über­steigt. Wel­che insti­tu­tio­nel­le Struk­tur ist der Kir­che also ange­mes­sen? Die­se Fra­ge kann nicht biblisch-theo­lo­gisch beant­wor­tet wer­den, denn die Bibel redet nicht dar­über. Die weni­gen Hin­wei­se auf die Pra­xis der ers­ten Chris­ten in der Apos­tel­ge­schich­te sind so unter­schied­lich, dass es sich aus mei­ner Sicht bei Struk­tur­fra­gen vor allem um beschrei­ben­de Ele­men­te han­delt. Prin­zi­pi­en wie Trans­pa­renz und Gewal­ten­tei­lung oder geist­li­che Lei­ter­prin­zi­pi­en kön­nen dage­gen sicher abge­lei­tet wer­den. Die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung ist aber eine Fra­ge der Weis­heit und auch kul­tu­rell bedingt. Carl F. Geor­ge legt nahe, dass bei der Fra­ge der Struk­tur die Gemein­de­grö­ße der ent­schei­den­de Fak­tor ist. Fra­gen nach dem Zusam­men­spiel von Haupt­amt­li­chen und Ehren­amt­li­chen sowie Ent­schei­dungs- und Ver­än­de­rungs­pro­zes­se wer­den abhän­gig von Kul­tur und Gemein­de­grö­ße ver­schie­den aus­ge­prägt sein.

Einen Ansatz bie­tet hier u.a. McIn­tosh mit sei­ner Typo­lo­gie von Gemein­de­grö­ßen, die er mit unter­schied­li­chen Struk­tur­mo­del­len aus sei­ner Beob­ach­tung zusam­men­bringt. Die Fra­ge der Lei­tung der Gemein­de wird jedoch auch von einer theo­lo­gi­schen Fra­ge­stel­lung abzu­lei­ten sein, näm­lich vom Amts­ver­ständ­nis. Abge­se­hen von einem strikt kon­gre­ga­tio­na­lis­ti­schen Modell (wie z.B. in klas­si­schen Brü­der­ge­mein­den), ken­nen alle ande­ren Model­le min­des­tens ein Lei­tungs­amt, wie auch immer es benannt wird (oder ob es über­haupt als “Amt” bezeich­net wird). Egal ob dies sich nun in einer Bischofs­kir­che, einem Modell mit Syn­oden (Kir­chen­par­la­ment) oder einem pres­by­te­ria­len Modell (Orts­äl­tes­te) aus­prägt. Biblisch schei­nen mir zwei Aspek­te für die Aus­ge­stal­tung der Lei­tung grund­le­gend zu sein:

  1. Die gesamt­ver­ant­wort­li­che Lei­tung der Gemein­de ist theo­lo­gisch, nicht orga­ni­sa­to­risch geprägt.
  2. Es han­delt sich um eine Plu­ra­li­tät im Lei­tungs­amt (im Sin­ne der gegen­sei­ti­gen Ergän­zung und von „Checks and Balances“).

Fazit

Gemein­de­bau muss immer im Ein­klang mit dem Wesen der Kir­che als Geschöpf des Wor­tes und durch den Bau­meis­ter Chris­tus betrie­ben wer­den. Sie ist nie rei­ne mensch­li­che Anstren­gung, die mit einem guten Hand­buch umfäng­lich bear­bei­tet wer­den kann. Den Auf­trag des Neu­en Tes­ta­ments zum Gemein­de­bau in Lie­be nimmt die Kir­che jedoch auch selbst in die Ver­ant­wor­tung: Wir sind betei­ligt für ihren Auf­bau und ihre Aus­brei­tung (durch Gemein­de­grün­dung). Wenn wir von dem Wesen der Kir­che als Grund­la­ge für unser Han­deln aus­ge­hen, dann kann sie eine Form gewin­nen, mit der sie ihren Dienst in ihrem Kon­text best­mög­lich aus­füh­ren kann.

Im Sin­ne einer ver­ant­wort­li­chen Ver­wal­tung der Gaben Got­tes müs­sen wir hier jede Anstren­gung und jede hilf­rei­che Metho­de und Quel­le nut­zen. Eine gene­rel­le Scheu vor Hilfs­wis­sen­schaf­ten, wie Demo­sko­pie, Sozio­lo­gie oder Psy­cho­lo­gie ist fehl am Plat­ze. Ganz nach dem refor­mier­ten Mot­to „Alle Wahr­heit ist Got­tes Wahr­heit“ müs­sen wir alles prü­fen und das Gute verwenden.

Viel­leicht bleibt die Fra­ge bestehen: Ist Got­tes Sou­ve­rä­ni­tät oder die mensch­li­che Anstren­gung im Gemein­de­bau ent­schei­dend? Die Ant­wort auf die­se Oder-Fra­ge lau­tet ganz über­ra­schend: Ja. Bei­de. Christ­li­cher Gemein­de­bau kann sich der Span­nung zwi­schen die­sen bei­den Polen nicht ent­zie­hen und soll­te es auch nicht.


Jens Binfet

Über den Autor

Der Autor Jens Binfet ist Theologiestudent an der STH Basel. Er hat ein Anliegen, Theologie für die Kirche und den einzelnen Menschen zugänglich zu machen. Er bloggt privat unter https://gott.ist.

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