Vier Möglichkeiten die Offenbarung zu interpretieren

Von Manuel Becker

Bibelkommentar, Hermeneutik, Offenbarung
Vor 4 Wochen

Die Offen­ba­rung – ein Buch mit 7 Sie­geln?! Ver­schaf­fen Sie sich in 14 Min. einen Über­blick über die vier ver­schie­de­nen Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten der Offen­ba­rung und die theo­lo­gi­schen Schlüs­sel­the­men des Buches. 

Die Offenbarung in der Bibel—welcher Gedanke kommt ihnen als Erstes?

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn das Buch der Offen­ba­rung erwähnt wird? Hier sind eini­ge Wör­ter und Aus­drü­cke, die oft mit der Offen­ba­rung in Ver­bin­dung gebracht wer­den: das Ende der Welt … die Ent­rü­ckung … der Anti­christ … die Zahl 666 … das End­ge­richt Got­tes … die Hure Baby­lon … das zwei­te Kom­men Jesu … der Him­mel. Inter­es­sant ist, dass zwei der am häu­figs­ten genann­ten Wör­ter aus die­ser Lis­te, näm­lich „Ent­rü­ckung“ und „Anti­christ“, in der Offen­ba­rung über­haupt nicht vorkommen.

Eini­ge der wich­tigs­ten Wör­ter in der Offen­ba­rung, wie „Zeu­ge“, „Thron“ und „Lamm“, kom­men einem selt­sa­mer­wei­se nicht so schnell in den Sinn, obwohl sie in die­sem Buch eine zen­tra­le Rol­le spie­len. In die­sem Arti­kel wer­den wir den Kern­the­men der Offen­ba­rung auf den Grund gehen. Außer­dem bie­tet die­ser Arti­kel einen kur­zen Über­blick über die vier Inter­pre­ta­ti­ons­ar­ten, wie die Offen­ba­rung im Lau­fe der Jahr­hun­der­te ver­stan­den wur­de und ent­hält eini­ge hilf­rei­che Über­le­gun­gen zum Ver­ständ­nis des letz­ten Buches der Bibel. 

Die vier klassischen Interpretationsmöglichkeiten der Offenbarung

Micha­el Heymel iden­ti­fi­ziert in sei­nem Bibel­kom­men­tar zur Offen­ba­rung „Die Johan­nes­of­fen­ba­rung heu­te lesenvier klas­si­sche Typen zur Aus­le­gung der Offen­ba­rung: die über­zeit­li­che, die welt- und kir­chen­ge­schicht­li­che, die end­ge­schicht­li­che und die zeit­ge­schicht­li­che Aus­le­gung (2018:23–25).

Die zeitgeschichtliche Auslegung (auch bekannt als die präteristische Auslegung)

Die prä­te­ris­ti­sche (ver­gan­gen­heits­ori­en­tier­te) Aus­le­gung geht davon aus, dass sich die Ereig­nis­se der Offen­ba­rung im Wesent­li­chen in den ers­ten Jahr­hun­der­ten der christ­li­chen Zeit­rech­nung erfüllt haben. Ver­schie­de­ne Ver­tre­ter stel­len die rele­van­ten Ereig­nis­se ent­we­der in einen Zusam­men­hang mit dem Fall Jeru­sa­lems im Jahr 70 n. Chr. oder sowohl mit dem Fall Jeru­sa­lems im ers­ten Jahr­hun­dert als auch mit dem Fall Roms im fünf­ten Jahr­hun­dert. Die Ver­tre­ter die­ser Schu­le ver­ste­hen die Offen­ba­rung vor allem als ein Buch, das zum Trost der Chris­ten geschrie­ben wur­de, die unter der Ver­fol­gung durch das Römi­sche Reich als auch durch die Juden litten.

Die­ses Modell hat sich in der wis­sen­schaft­li­chen Exege­se durch­ge­setzt. Die zeit­ge­schicht­li­che Aus­le­gung deu­tet die Apo­ka­lyp­se im Kon­text des aus­ge­hen­den 1. Jahr­hun­derts und der Chris­ten­ver­fol­gung unter Kai­ser Domi­ti­an (81–96 n. Chr.). In die­ser Situa­ti­on rich­te­te sich die Offen­ba­rung an bestimm­te Gemein­den in der Pro­vinz Asi­en (Offb 1,11). Mit zuneh­men­dem Abstand von der ursprüng­li­chen Situa­ti­on wur­den die zeit­be­zo­ge­nen Bil­der des Buchs unver­ständ­lich, sodass spä­te­re Inter­pre­ten dar­in Sym­bo­le für ande­re Sach­ver­hal­te sahen. Wer jedoch den Text sach­ge­mäss ver­ste­hen will, muss sei­ne zeit­ge­schicht­li­chen Hin­ter­grün­de und die Her­kunft der Visi­ons­bil­der beach­ten. (Heymel 2018:24–25)

Die welt- und kirchengeschichtliche Auslegung (auch bekannt als die historische Auslegung)

Die his­to­ri­sche Schu­le geht davon aus, dass sich die Ereig­nis­se der Offen­ba­rung im Lau­fe der Geschich­te ent­fal­ten. Die­se Sicht­wei­se kam beson­ders dem Den­ken der pro­tes­tan­ti­schen Refor­ma­to­ren ent­ge­gen, die das Papst­tum ihrer Zeit mit dem Anti­chris­ten gleich­setz­ten. Gene­rell führt die­se Art der Aus­le­gung jedoch oft zu wider­sprüch­li­chen Deu­tun­gen, da alle Aus­le­ger ihre eige­ne Zeit im Blick haben. Des­halb wird die­se Aus­le­gung heu­te kaum noch vertreten.

Die endgeschichtliche Auslegung (auch bekannt als die futuristische Auslegung)

Das futu­ris­ti­sche Sche­ma argu­men­tiert, dass die Ereig­nis­se der Offen­ba­rung sich wei­test­ge­hend noch nicht erfüllt haben, und ver­tritt die Ansicht, dass sich die Kapi­tel 4–22 auf die End­zeit bezie­hen und beschrei­ben, was dann gesche­hen wird. Die­se end­ge­schicht­li­che Aus­le­gung, die heu­te v. a. unter ame­ri­ka­ni­schen Evan­ge­li­ka­len ver­tre­ten wird, liest die Offen­ba­rung als einen ver­schlüs­sel­ten gött­li­chen Fahr­plan für die Endzeit.

Die­ser Ansatz ist jedoch kei­ne neue Erfin­dung, son­dern geht auf eini­ge der frü­hes­ten Aus­le­ger der Offen­ba­rung zurück, wie Jus­tin den Mär­ty­rer und Ire­nä­us im zwei­ten Jahr­hun­dert und Vic­to­rinus im drit­ten Jahr­hun­dert, der den ers­ten erhal­te­nen Kom­men­tar zur Offen­ba­rung ver­fasst hat. Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te haben vie­le christ­li­che Aus­le­ger die Erfül­lung der Drangsa­le, des Mill­en­ni­ums und/​oder der Figu­ren in der Offen­ba­rung in ihrer eige­nen Zeit oder in der nahen Zukunft gesehen.

Und genau das ist ein Pro­blem die­ses Ansat­zes: Es gibt Tau­sen­de von geschei­ter­ten Ver­su­chen, die Offen­ba­rung zur Vor­her­sa­ge der Geschich­te zu benut­zen. Jede Gene­ra­ti­on zwingt neu aktu­el­le Gescheh­nis­se in die Ver­se der Offen­ba­rung und glaubt die Gene­ra­ti­on zu sein, in der die End­zeit anbricht. Die­sem Ansatz wider­spricht, dass die Offen­ba­rung gera­de kein ver­schlüs­sel­tes Werk sein will (Offb 22,10) und den Lesern vor 2000 Jah­ren bereits ver­spricht, dass die Ver­hei­ßun­gen des Buches sich „bald erfül­len“ werden.

Die überzeitliche Auslegung (auch bekannt als die idealistische Auslegung)

Im Gegen­satz zu den drei zuvor beschrie­be­nen Inter­pre­ta­ti­ons­wei­sen hält sich die idea­lis­ti­sche Sicht­wei­se bei der his­to­ri­schen Ein­ord­nung der Sym­bo­lik aus der Offen­ba­rung zurück. Die Ver­tre­ter die­ses Ansat­zes behaup­ten, dass die Offen­ba­rung sich einer mythi­schen und poe­ti­schen Spra­che bedient, um gro­ße Wahr­hei­ten über Gott, das Böse, die Geschich­te usw. aus­zu­drü­cken. Somit inter­pre­tie­ren Aus­le­ger die­ser Schu­le die Offen­ba­rung als bild­haf­te Dar­stel­lung zeit­lo­ser Wahrheiten.

Die­ser Ansatz setz­te sich häu­fig kri­tisch mit ande­ren Aus­le­gungs­tra­di­tio­nen aus­ein­an­der und reagier­te auf wahr­ge­nom­me­ne Miss­stän­de bei der Aus­le­gung eines Zukunft-vor­aus­sa­gen­den Ansat­zes, aber auch auf Unzu­läng­lich­kei­ten einer rein his­to­ri­schen Les­art. Kir­chen­vä­ter wie Orig­e­nes, der gro­ße alle­go­ri­sche Aus­le­ger des 3. Jahr­hun­derts, und, in gerin­ge­rem Maße, Augus­ti­nus (354–430 n. Chr.), der sich auf die Arbeit eines Aus­le­gers namens Tyco­ni­us stütz­te, lehn­ten die futu­ris­ti­sche Aus­le­gung klar ab und leg­ten die Offen­ba­rung größ­ten­teils idea­lis­tisch aus. 

Da die Anhän­ger die­ser Schu­le glau­ben, dass die Offen­ba­rung zeit­lo­se Wahr­hei­ten prä­sen­tiert, sehen sie in der Geschich­te immer wie­der Par­al­le­len zur Offen­ba­rung. Sie argu­men­tie­ren also, dass die Bedeu­tung und die Wahr­heit der Offen­ba­rung weder auf ihre ursprüng­li­che Ver­bin­dung mit Rom und dem beson­de­ren his­to­ri­schen Kon­text, in dem sie geschrie­ben wur­de, noch auf ihre angeb­li­che Kor­re­la­ti­on mit bestimm­ten zukünf­ti­gen Rea­li­tä­ten beschränkt ist. 

Welcher Ansatz ist der Richtige? 

Wel­cher der vier Ansät­ze ist der rich­ti­ge? Die­se Fra­ge ist schwer zu beant­wor­ten, wie die lan­ge Geschich­te der Aus­le­gung der Offen­ba­rung zeigt. Jeder muss sich selbst mit den Fak­ten aus­ein­an­der­set­zen, die Offen­ba­rung stu­die­ren, gute Bibel­kom­men­ta­re lesen, beten und sei­ne eige­ne Ent­schei­dung tref­fen. Wenn man die Bibel ernst neh­men will, muss man dabei auch die lite­ra­ri­sche Gat­tung des vor­lie­gen­den Tex­tes berück­sich­ti­gen. Die Tat­sa­che außer Acht zu las­sen, dass es sich bei den Tex­ten der Offen­ba­rung um apo­ka­lyp­ti­sche Lite­ra­tur han­delt, führt oft zu gro­ßen Missverständnissen.

Was ist apokalyptische Literatur?

In den ers­ten Jahr­hun­der­ten unse­rer Zeit­rech­nung kann­te das dama­li­ge Juden­tum vie­le ver­schie­de­ne For­men der apo­ka­lyp­ti­schen Lite­ra­tur, z. B. Visio­nen, Rei­sen ins Jen­seits und Berich­te über den Zugang zu himm­li­schen Büchern. Wich­ti­ge Bei­spie­le für apo­ka­lyp­ti­sche Lite­ra­tur in der Bibel sind Dani­el 7–12 und Mar­kus 13.

Bei­spie­le für apo­ka­lyp­ti­sche Lite­ra­tur außer­halb der Bibel sind jüdi­sche Wer­ke wie 1 Henoch (eine Zusam­men­stel­lung meh­re­rer Apo­ka­lyp­sen aus dem 3. Jahr­hun­dert v. Chr. – 1. Jahr­hun­dert n. Chr.) und 4 Esra (1. Jahr­hun­dert n. Chr.), mit vie­len Par­al­le­len zur Offen­ba­rung), sowie christ­li­che Wer­ke wie die Apo­ka­lyp­se des Petrus und der Hir­te des Her­mas (bei­de wahr­schein­lich aus dem frü­hen 2. Jahr­hun­dert nach Christus). 

Welche Funktion hat die apokalyptische Literatur?

Die grund­le­gen­de Funk­ti­on der apo­ka­lyp­ti­schen Lite­ra­tur scheint ziem­lich klar zu sein: Sie soll dem Volk Got­tes Halt geben, vor allem in Zei­ten der Kri­se, wenn es von bösen Mäch­ten beherrscht und unter­drückt wird. Sie bringt Hoff­nung zum Aus­druck und schafft die­se, indem sie die Unter­drü­cker scharf kri­ti­siert, lei­den­schaft­lich zum Wider­stand gegen die­se auf­ruft und uner­schüt­ter­li­ches Ver­trau­en in Got­tes end­gül­ti­gen Sieg über das gegen­wär­ti­ge Übel ver­mit­telt. Die Auf­ga­be der apo­ka­lyp­ti­schen Lite­ra­tur besteht dar­in, Bil­der zu lie­fern, die uns zei­gen, was in unse­rem Leben vor sich geht (Gor­man 2011). 

Die jüdi­sche Apo­ka­lyp­tik greift zahl­rei­che Bil­der und The­men aus dem Alten Tes­ta­ment wie­der auf und so ist es nicht ver­wun­der­lich, dass von den 404 Ver­sen der Offen­ba­rung mehr als 250 Ver­se Anspie­lun­gen auf das Alte Tes­ta­ment ent­hal­ten. Mit dem Logos-Werk­zeug „Das Alte Tes­ta­ment im Neu­en“ ver­pas­sen Sie kei­ne die­ser Anspie­lun­gen und erhal­ten wert­vol­le Infor­ma­tio­nen, wie die Offen­ba­rung im Licht des Alten Tes­ta­ments aus­ge­legt wer­den sollte.

Das AT im NT Werkzeug

Lich­ten­ber­ger (2014:39) fasst in sei­nem Kom­men­tar zur Offen­ba­rung (ThKNT) die Bot­schaft der Offen­ba­rung als apo­ka­lyp­ti­sche Lite­ra­tur wie folgt zusammen:

Der Apo­ka­lyp­ti­ker hat nicht uns vor Augen, wenn er schreibt, son­dern kon­kre­te Gemein­den Klein­asi­ens sei­ner Zeit. Er schreibt also nicht eine ver­schlüs­sel­te Dar­stel­lung der Welt­ge­schich­te, son­dern er trös­tet die bedräng­ten Gemein­den mit dem, was nach Got­tes Wil­len gesche­hen muss; also kei­nen Welt- und Geschichts­fahr­plan für die spä­te­re Kir­che, son­dern Mah­nung und Trost in einer ganz bestimm­ten geschicht­li­chen Situa­ti­on. Die Adres­sa­ten sind bedräng­te Nach­fol­ge­rin­nen und Nach­fol­ger Jesu, denen die Herr­schaft Jesu Chris­ti und das Kom­men der neu­en Welt ver­kün­det wird, in der es „kein Leid noch Geschrei noch Schmerz (…) mehr geben wird“ (Apk 21,4).

Theologische Schlüsselthemen für die Auslegung der Offenbarung

Der ehe­ma­li­ge Bischof der Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che in Würt­tem­berg, Ger­hard Mai­er, (2015:39ff.), sieht den theo­lo­gi­schen Wert der Offen­ba­rung in sei­nem zwei­bän­di­gen Offen­ba­rungs-Kom­men­tar in der HTA-Bibel­kom­men­tar­rei­he u. a. in der rei­chen Chris­to­lo­gie, den vie­len Bei­trä­gen zur Got­tes­leh­re und den escha­to­lo­gi­schen Prin­zi­pi­en, die aus der Offen­ba­rung abge­lei­tet wer­den können. 

Hier sind ein paar die­ser theo­lo­gi­schen Schlüs­sel­the­men, die bei der Aus­le­gung der Offen­ba­rung nicht über­se­hen wer­den soll­ten (Gor­man 2011):

Der Thron: die Herrschaft Gottes und des Lammes.

Gott, der Schöp­fer, regiert! Jesus, der Erlö­ser, das geschlach­te­te Lamm, ist Herr! Die Herr­schaft des ewi­gen Got­tes ist nicht nur Zukunft oder Ver­gan­gen­heit, son­dern Gegen­wart, und sie mani­fes­tiert sich aus­ge­rech­net im geschlach­te­ten Lamm. Gott ist untrenn­bar mit dem Lamm ver­bun­den und umge­kehrt. Bei­de kön­nen als das Alpha und das Ome­ga bezeich­net wer­den, und regie­ren gemein­sam auf einem Thron. Jesus hat am Kreuz offen­bart, dass Got­tes Macht nicht durch Gewalt und Zwang, son­dern durch selbst­lo­se Lie­be offen­bar wird. Die­ses Ver­ständ­nis der gött­li­chen Macht stellt das Kreuz in die Mit­te und nimmt Jesus als Lamm Got­tes ernst.

Die Realität des Bösen.

Das Böse ist real. Es liegt in der Natur die­ser bösen Mäch­te, dass sie ver­füh­re­ri­sche, blas­phe­mi­sche und unmo­ra­li­sche Behaup­tun­gen auf­stel­len und ent­spre­chen­de Prak­ti­ken anwen­den, die sowohl die ver­ti­ka­len (Mensch-Gott) als auch die hori­zon­ta­len (Mensch-Mensch) mensch­li­chen Bezie­hun­gen in Unord­nung brin­gen und Leben ver­spre­chen, aber den Tod brin­gen – sowohl phy­sisch als auch geistlich.

Der Aufruf zu Bündnistreue und Widerstand.

Inmit­ten die­ser Welt ist die Kir­che als unver­meid­li­che Fol­ge der Bun­destreue zu Gott zum Wider­stand auf­ge­ru­fen. Die Auf­ga­be der Kir­che ist es, in einer von Ego­is­mus und Gier gepräg­ten Zeit das Reich Got­tes und sei­nen Weg der selbst­lo­sen Lie­be zu bezeu­gen. Die­ser Auf­ruf zum Wider­stand kann zu ver­schie­de­nen For­men von Leid und Ver­fol­gung führen.

Gottes Weg ist radikal anders als der Weg dieser Welt.

In der Offen­ba­rung wird das Wer­te­sys­tem die­ser Welt mit einem anti­christ­li­chen Tier ver­gli­chen. Die­se Bes­tie steht für Arro­ganz, Domi­nanz, Gewalt, Unter­drü­ckung und Ent­mensch­li­chung. In der Offen­ba­rung beten die Men­schen die­ses Tier an. Im Kon­trast dazu steht das klei­ne Lamm, das aus­sieht, als sei es geschlach­tet wor­den. Es ver­kör­pert das Gegen­teil des Tie­res: Demut, Mit­ge­fühl, Die­ner­schaft, Gewalt­lo­sig­keit, Ver­ge­bung und sich ver­schen­ken­de Liebe.

Die Visi­on die­ses klei­nen Lam­mes, das „auf dem Thron sitzt“ und das wah­re Wesen Got­tes offen­bart, wird von einer Welt, die im Bann des Tie­res steht, als Schwä­che und Tor­heit ange­se­hen. Und doch ist es ein klei­nes Lamm, auf das sich das Tier mit Macht stürzt.

Der Zorn des klei­nen Lam­mes ist eine iro­ni­sche Meta­pher für die Macht und Weis­heit Got­tes, die sich im Kreuz offen­bart. „Die Fins­ter­nis kann die Fins­ter­nis nicht ver­trei­ben, das kann nur das Licht tun. Der Hass kann den Hass nicht ver­trei­ben, das kann nur die Lie­be“ (Mar­tin Luther King). Der Zorn des klei­nen Lam­mes ist ein sub­ver­si­ves Bild dafür, wie die Schwach­heit und Tor­heit Got­tes die Macht und Weis­heit der Welt völ­lig zer­stört und zu einer neu­en Schöp­fung führt, in der sich jedes Knie vor dem Lamm beugt. Und wenn die neue Schöp­fung kommt, „ist das klei­ne Lamm das Licht, das in der Mit­te leuch­tet“ (Offb 21,23).

Die Offenbarung auf Jesus hin lesen

Der Jesus, der in der Zukunft wie­der­kom­men wird, ist der­sel­be Jesus, der bereits vor 2000 Jah­ren gekom­men ist. Der wie­der­kom­men­de Rich­ter ist das „klei­ne Lamm“ der Offen­ba­rung. Wenn wir das Buch der Offen­ba­rung nicht um das Bild des Lam­mes her­um lesen, dann lesen wir es falsch. Das Buch der Offen­ba­rung ver­herr­licht das Kreuz als die Macht und Weis­heit Got­tes und zeigt, wie es die Mäch­te und Gewal­ten besiegt.

Das ist die Kraft der sub­ver­si­ven Spra­che des „Zorns des klei­nen Lam­mes“. Das Schwert, das Jesus hat, geht aus sei­nem Mund her­vor. Es ist sei­ne Bot­schaft. Das Gewand Jesu ist mit Blut befleckt, bevor er gegen die Welt­mäch­te kämpft. Fritz Grün­zweig (2007:188–189) schreibt in sei­nem Kom­men­tar zur Offen­ba­rung (Edi­ti­on C): 

Es ist sein „eigen Blut“, mit dem er besprengt ist, so wie er auch als der gro­ße Hohe­pries­ter mit sei­nem „eige­nen Blut“ vor Gott trat, um unse­re Schuld zu süh­nen und uns mit Gott zu ver­söh­nen (Hebr 9, 12; 13, 12). Mit dem Ein­satz sei­nes eige­nen Blu­tes und Lebens ist er dem Feind ent­ge­gen­ge­tre­ten, um uns zu decken und frei­zu­kämp­fen. Er kommt her von der Schlacht um die Welt, einer Schlacht ohne­glei­chen, in der er ster­bend gesiegt hat.

Das Lamm besiegt das Tier, indem es sein Leben nicht bis zum Tod liebt und durch sein Wort die Ver­ge­bung Got­tes und sei­ne sich hin­ge­ben­de Lie­be bezeugt.

Treuer Zeuge: das Vorbild Christi.

Der christ­li­che Wider­stand gegen die bösen Mäch­te besteht dar­in, dem Vor­bild des Lam­mes zu fol­gen. Chris­tus-Nach­fol­ger sind geru­fen, ein Leben der selbst­lo­sen Lie­be zu füh­ren und Chris­tus durch ihr Leben zu bezeugen.

Das bevorstehende Gericht und die Erlösung/​Neuschöpfung Gottes.

Gott, der Schöp­fer und Chris­tus, der Erlö­ser, neh­men das Böse und das Unrecht in die­ser Welt ernst und wer­den eines Tages kom­men, um die Mensch­heit zu rich­ten und so all­um­fas­sen­de Gerech­tig­keit her­zu­stel­len. Alle Unge­rech­tig­keit wird besei­tigt wer­den. Jedem Men­schen wird Gerech­tig­keit wider­fah­ren. Das ist eine kraft­vol­le Bot­schaft der Hoff­nung für alle Men­schen, die Unter­drü­ckung erle­ben oder in unge­rech­ten Struk­tu­ren gefan­gen sind.

Fazit

Die Offen­ba­rung ist ein fas­zi­nie­ren­des Buch, vol­ler tie­fer Wahr­hei­ten. Gott will durch die Offen­ba­rung zu uns reden. Doch bevor man theo­lo­gi­sche Kon­struk­te und Dog­men auf ein­zel­nen Ver­sen der Offen­ba­rung auf­baut, soll­te man sich gut infor­mie­ren und über­le­gen, wel­che der vier Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten mit der lite­ra­ri­schen Gat­tung der Offen­ba­rung (Apo­ka­lyp­tik) und der Gesamt­bot­schaft der Bibel am bes­ten in Ein­klang zu brin­gen ist. 

Ich den­ke, es ist gut, die per­sön­li­che Aus­le­gung der Offen­ba­rung mit einer gro­ßen Por­ti­on Demut zu ver­kün­den und das Buch mit einem offe­nen Her­zen zu lesen, damit der Hei­li­ge Geist immer wie­der neu geist­li­che Schät­ze durch das Buch offen­ba­ren kann. 

Bibliografie

Gor­man, Micha­el. Rea­ding Reve­la­ti­on respon­si­bly. Cas­ca­de Books, 2011. 

Grünzweig, Fritz. Offen­ba­rung des Johan­nes. Her­aus­ge­ge­ben von Ger­hard Mai­er, Bd. 2, Häns­s­ler, 2007.

Heymel, Micha­el. Die Johan­nes­of­fen­ba­rung heu­te lesen. Theo­lo­gi­scher Ver­lag Zürich, 2018.

Mai­er, Ger­hard. Die Offen­ba­rung des Johan­nes: Kapi­tel 1–11. Her­aus­ge­ge­ben von Ger­hard Mai­er u. a., 3. Auf­la­ge, SCM R.Brockhaus; Brun­nen Ver­lag, 2015.

Lich­ten­ber­ger, Her­mann. Die Apo­ka­lyp­se. Her­aus­ge­ge­ben von Ekke­hard W. Ste­ge­mann u. a., Bd. 23, Ver­lag W. Kohl­ham­mer, 2014.


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Manuel Becker

Über den Autor

Manuel arbeitet als Gemeindegründer unter einer der 25 größten unerreichten Völkergruppen weltweit. Wenn seine vier Kinder ihn nicht gerade auf Trab halten, liest er gern theologische Bücher oder nutzt Logos, um sich in die Bibel zu vertiefen. Jetzt, wo sein MA-Studium an der Akademie für Weltmission abgeschlossen ist, plant er bald einen PhD in Theologie dranzuhängen. Er ist der Autor des beliebten Kinderbuchs „Der große Sieg“, welches das Evangelium in einer packenden Bildergeschichte für Jung und Alt illustriert.

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