“Fünf Evangelien schildern das Leben Jesu; vier findest Du in Büchern – eines in der Landschaft. Liest Du das fünfte, eröffnet sich Dir die Welt der vier.”
Dieser vom Tiroler Benediktinerpater Bargil Pixner (1921–2005) kolportierte Spruch behauptet die geistliche Bedeutung Israels und seiner historischen Stätten für unser Glaubensleben. Ist diese hohe Wertschätzung berechtigt?
Ich will mich im Rahmen dieses Beitrags auf die neutestamentlichen Stätten in Israel beschränken.
Inhalt
Die Historizität der Stätten
Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob die Stätten, die heute den Touristen in Israel als echt präsentiert werden, tatsächlich auch historisch sind. Oder handelt es sich nur um Orte, die als historisch proklamiert wurden, um die Sehnsucht von Pilgern zu stillen. Eine Sehnsucht nach dem Kontakt zu Orten, die schon Jesus betreten hatte, an denen Wunder Jesu geschehen waren. Wie wahrscheinlich ist es, dass es sich bei einzelnen Stätten wirklich um die Orte handelt, die sie zu sein behaupten.
Für die Antwort auf diese Frage ist es entscheidend zu wissen, wie lange eine Stätte schon als historisch verehrt wurde. Dabei begegnen uns zwei wichtige Personen: Hadrian und Helena.
Kaiser Hadrian (117–138) und der zweite jüdische Aufstand
In den Jahren 132–135 war der Bar-Kochba-Aufstand der Juden in Israel. Aufständische sammelten sich um einen Revolutionsführer, der unter anderem vom angesehenen Rabbi Akiba zum Messias ausgerufen wurde. Hadrian schlug den Aufstand nieder. Damit sich ein solches Ereignis nicht zum dritten Mal innerhalb eines Jahrhunderts wiederholte, beschloss der Kaiser, die Erinnerung an das jüdische Land von der Landkarte zu tilgen. Aus Israel wurde Palästina. Aus Jerusalem wurde Aelia Capitolina. Stätten jüdischer und christlicher Verehrung wurden mit Heiligtümern römischer Gottheiten überbaut. Ironischerweise hat gerade diese Maßnahme dazu geführt, den Zustand im Jahr 135 zu zementieren. So wurde sowohl an der Stelle der Geburt als auch an der Stelle des Todes Jesu ein solches Heiligtum gebaut. Wir können daher mit Sicherheit sagen, dass diese und andere Stätten zur Zeit Hadrians religiös verehrt wurden.
Die Kaisermutter Helena (+329) und die konstantinische Wende

Die Mutter des Kaisers Konstantin, die sich noch vor dem Übertritt ihres Sohnes zum Christentum in Trier taufen ließ, unternahm um 325 eine Reise ins Heilige Land und veranlasste dort den Bau vieler Kirchen, wo sie Wirkungsstätten Jesu vermutete. Einerseits wies sie z.B. den Bischof von Jerusalem darauf hin, dass die von Hadrian errichteten Tempel auf historischen christlichen Stätten errichtet worden waren. Andererseits “entdeckte” sie – ob auf göttliche Weisung hin oder intuitiv kann heute nicht mehr entschieden werden – eine ganze Reihe anderer Stätten, von denen manche schon längere Zeit verehrt wurden, wie z.B. das Petrushaus in Kapernaum.
Andere ihrer Lokalisierungen dagegen festigten jüngere Lokaltraditionen oder begründeten sogar neue. Beispiel dafür ist z.B. die Eleonakirche (heute Vaterunserkirche, s. Bild) auf dem Ölberg, wo Jesus ihrer Erkenntnis nach in einer Höhle die Endzeitreden gehalten hatte. Helena verdanken wir somit die Grabes- und die Geburtskirche, eine Kirche an der Stelle des Petrushauses und viele andere Kirchengebäude wie z.B. an der Stelle der Speisung der 5000 im heutigen Tabgha am See Genezareth.
Weitere wichtige Ereignisse

Das Jahr 313, als Jahr der konstantinischen Wende, ist ebenfalls ein wichtiger Einschnitt, denn Stätten, die nachweislich älter sind, wurden zu einer Zeit verehrt, als das Christentum noch geächtet war. Erst danach war das Interesse an christlichen Stätten allgemein größer.
Im Jahr 427 verfügte Kaiser Theodosius II., dass Kreuze nicht mehr als Bodenverzierungen verwendet werden dürfen, weil man ja dann das Kreuz Christi mit Füßen trete. Mosaikfußböden mit Kreuzen müssen daher vor 427 entstanden sein, was damit auf das Alter einer Kirche schließen lässt. Das ist v.a. für Kursi (die Wohnhöhle des besessenen Geraseners) wichtig, wo es zwei übereinanderliegende Mosaikfußböden gibt, in denen beides mal Kreuze eingelegt waren.
Der Einfall der Perser ins Heilige Land (614–630) wurde begleitet durch ein unfassbares Gemetzel unter der Bevölkerung sowie der fast völligen Zerstörung aller christlichen Stätten – bis auf die Geburtskirche in Bethlehem, weil dort die persisch gekleideten Heiligen drei Könige abgebildet waren. Nicht die später kommenden Muslime, sondern die persischen Sassaniden waren also die Geißel der christlichen Bevölkerung. Dennoch verschlechterte sich ab etwa 750 die Lage der Christen durch eine Welle der Arabisierung und Islamisierung, die sich in den kommenden Jahrhunderten immer wieder fortsetzte. Das wirkte sich auch auf christliche Bauten aus. Viele christliche Kirchen wurden nach dem Persereinfall nicht wieder aufgebaut.
Ein achäologisches Erwachen von 200 Jahren
Ein archäologisches “Erwachen” fand im 19. und 20. Jahrhundert unter britischer Ägidie statt, als z.B. am Tempelberg alte Strukturen aus der Zeit Jesu gefunden wurden. Ein einschneidendes Ereignis war auch die Entdeckung des Teiches Bethesda, dessen Existenz bis dahin von manchen Exegeten angezweifelt wurde, so dass man an der historischen Kompetenz des Schreibers des Johannesevangeliums zweifelte und dieses Evangelium dem Jünger Jesu absprach. Nun war das fünfte Kapitel auch historisch-archäologisch untermauert. Aber auch die im Helena-Stil erfolgte “Entdeckung” des Gartengrabs durch den englischen Generalmajor Charles Gordon fällt in diese Ära. Damals wurde fälschlicherweise davon ausgegangen, dass die durch die Grabeskirche bestimmte Stätte der Kreuzigung zur Zeit Jesu innerhalb der Stadtmauern gewesen sei. Das wurde jedoch im 20. Jahrhundert widerlegt.
Man kann also anhand der historischen Ereignisse feststellen, wie lange eine Stätte christlich verehrt wurde. Ausgrabungen haben z.B. in der Grabeskirche und am Petrushaus Spuren der Verehrung gefunden, die bis ins erste Jahrhundert zurückreichen. Je weiter man aber christliche Aktivitäten zurückverfolgen kann, desto wahrscheinlicher wird es, dass es sich hier tatsächlich um die historischen Stätten handelt.
Aber was bringt uns das heute?
Der Wert dieser Erkenntnisse
Der historische Wert
Gerade bei solchen Stätten, die bereits kurz nach der Zeit Jesu verehrt wurden, bestätigt sich eben die Historizität der Evangelien. Aber auch durch moderne Ausgrabungen wie z.B. am Teich Bethesda wird diese Historizität untermauert. Die Archäologie bestätigt also auf breiter Front die Schilderungen der Evangelien, was uns Christen in der Diskussion mit Zweiflern helfen kann. Wer hätte am Ende des ersten Jahrhunderts sich noch auf einen Teich berufen, der seit dem Jahr 70 zerstört war?
Bargil Pixner äußerte sich einmal im Privatgespräch, dass viele historisch-kritische Theorien nicht entstanden wären, wenn ihre Urheber sich intensiv mit dem fünften Evangelium beschäftigt hätten. In der Tat bewirkt die Beschäftigung mit dem Heiligen Land vor Ort für viele eine veränderte Sicht auf die Schrift. Und das führt uns zum letzten Punkt.
Der geistliche Wert
Ich bin lutherischer Pietist. Nichts liegt mir ferner als die esoterische Suche nach spirituellen Kraftquellen an Orten, die Jesus angeblich betreten habe. Nichts liegt mir ferner als die Vorstellung, ich hätte einen geistlichen Gewinn davon, wenn ich z.B. den Ort der Kreuzigung in der Grabeskirche oder den Ort der Geburt Jesu berühren oder auch nur sehen würde. Ich habe mit Ehrfurcht die Umfassungsmauern des Tempels aus der Zeit Jesu berührt, die auch Jesus gesehen hat. Aber ich bin dadurch nicht heiliger geworden. Eine solche dinglich-mystische Einstellung lehne ich aus vollster Überzeugung ab.
Trotzdem stimmt der anfangs zitierte Satz vom fünften Evangelium. Meine Frau war im Februar mit mir und einem befreundeten Ehepaar zum ersten Mal in Israel. Sie sagte mir danach: Jedesmal, wenn ich nun die Bibel lese, kommt mir die Landschaft in den Sinn. Und das ist mir genauso gegangen, seit ich 1985 zum ersten Mal im Heiligen Land war. Die Landschaft war die Bühne, der Hintergrund des Wirkens Jesu. Die geographische Situation hat sich nicht verändert. Jesus hat aus dieser Landschaft, dieser Umgebung seine Beispiele genommen, sie haben seine Predigt geprägt und beeinflusst.
Meine Frau und ich, wir haben selbst erlebt, welche Veränderung in uns vorgegangen ist, nachdem wir diesen Hintergrund selbst gesehen haben. Ich kann nun Jesus sehen, wie er sich im Land bewegt hat, worauf sich seine Beispiele bezogen haben, vor welchem Hintergrund er seine Lehre verkündet hat, was für einen Eindruck das auf die Menschen dort gemacht haben muss.
Der Wert für die Exegese
Diese Erkenntnisse sind zwar nicht heilsnotwendig. Wir können die Botschaft der Bibel verstehen, auch wenn wir niemals ein einziges Bild oder eine Karte des Heiligen Landes gesehen haben. Aber es hilft uns, einzutauchen in die Welt der Bibel, und damit auch die biblische Botschaft besser zu verstehen, tiefer. Es ist keine Notwendigkeit, aber ein Privileg, die Landschaft gesehen zu haben, in der das Evangelium auf die Menschen getroffen ist. Dabei ist es nicht entscheidend, genau an dem Ort zu stehen, wo auch Jesus gestanden hat. Es ist aber äußerst hilfreich, in der Gegend zu sein, in der er seine Worte verkündigt hat. Es bewahrt einen vor einer abwegigen Schreibtischexegese und bettet das Evangelium ein in einen Rahmen, der es uns erlaubt, die Worte Jesu in dem Kontext zu sehen, in dem er sie ausgesprochen hat.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Bargil Pixner: “Ich wünschte, dass diese (kritischen) Bibelforscher für eine Zeitspanne ihren Schreibtischsessel verließen, um das ‘fünfte Evangelium der biblischen Landschaft’ sprechen zu lassen und dadurch ‘festen Boden’ unter ihre Füße (sic!) zu bekommen.”1
Fazit
Die Landschaft und die archäologischen Stätten Israels können nicht nur die historische Glaubwürdigkeit der Bibel unterstreichen. Betrachtet man Israel als Hintergrund der Evangelien, gar als “fünftes Evangelium”, so bekommt man einen wertvollen Rahmen für die biblische Botschaft, die uns einerseits vor abwegigen Theorien bewahren kann, uns aber auch andererseits in die Welt des Menschen Jesus Christus hineinführen kann, so dass wir seine Botschaft, eingebettet in den Hintergrund des Heiligen Landes, tiefer und besser verstehen können.
Wer sich für einzelne Stätten näher interessiert, kann sich vorerst in Artikeln diverser Bibellexika informieren, wie z.B. das Lexikon zur Bibel von Rienecker, Maier u.a., das auch für Logos erhältlich ist. Oder in dem Werk 1000 Bilder zur Bibel.

1 Dieses Zitat ist aus dem eher erbaulichen Werk “Mit Jesus durch Galiläa nach dem fünften Evangelium”, das wie der anschließende Band “Mit Jesus in Jerusalem” im Corazin-Verlag erschienen ist. Dort sind auch zwei Karten von Pixner, “Galiläa zur Zeitenwende” und “Israel zur Zeitenwende” erschienen. Wissenschaftlicher wird es beim von Rainer Riesner herausgegebenen Werk “Wege des Messias und Stätten der Urkirche”, das ausgewählte Aufsätze Pixners enthält.
Über den Autor: Martin Schröder, Jahrgang 1961, ist evangelischer Diplomtheologe, Religionslehrer an öffentlichen Schulen und beschäftigt sich intensiv mit den biblischen Ursprachen. Außerdem ist er in der Gemeindeleitung des Württ. Christusbundes in der Nähe seines Wohnortes und als Laienprediger unterwegs.
Vielen Dank, lieber Martin,
besonders für den Hinweis auf Bargil Pixner, dessen Einsichten nach wie vor hilfreich und weiterführend sind. Sie wären es wert in Logos aufgenommen zu werden. Eine gute Kompensation in dieser Hinsicht sind jedoch die beiden Bände des Lexham Geographic Commentary zum NT von Barry J. Beitzel und Kristopher A. Lyle, Bd. 1 „on the Gospels”, Bd. 2 „on Acts through Revelation”.
Übrigens wären natürlich noch die frühen Pilgerberichte zu erwähnen, die für die Lokalisierung und Zustandsbeschreibung im 4. Jahrhundert bedeutend sind (Pilger von Bordeaux, Egeria/Etheria) und damit die Brücke zwischen der römischen und byzantinischen Zeit schlagen.
Hallo C.D., das ist wunderbar, mal wieder direkt von Dir zu hören. Pixner war mir einer von denen, die mir äußerst wichtige Zugänge zur biblischen Welt eröffnet hatten, und ich hatte ja, zusammen mit Dir, die Gelegenheit, ihn auch persönlich zu erleben. Von Deinen Unterlagen für unsere beiden Israelreisen zehre ich noch heute. Die beiden Bände, die Du hier vorgeschlagen hast, werde ich mir mal zu Gemüte führen.
Ich wollte in dem Blogbeitrag nur die Problematik kurz beschreiben, ich denke, das Einbringen der alten Pilgerberichte hätte den Rahmen gesprengt. Vielleicht schreibe ich mal einen Artikel zu diesen alten Quellen. Einstweilen alles Gute, danke für Deinen Beitrag und Grüße an die Familie. Unsere Familie feiert an diesem Wochenende meinen 59. Geburtstag. Gott befohlen.
Herzlichen Dank, lieber Martin,
ich freue mich, Dich hier – bei der Arbeit – wieder zu treffen. Seit der Zeit im ABH haben sind wir uns real meines Wissens nicht mehr begegnet!
Hallo Albrecht, vielen Dank, ich hoffe, es geht Dir so gut wie mir. Gruß Martin