Die Einheitsübersetzung 2017 – im Schatten der großen Bibelübersetzungen

Von martinschroeder

Bibel, Tipps

Die Ein­heits­über­set­zung ist eine Bibel­aus­ga­be, die immer etwas im Schat­ten der gro­ßen Bibel­aus­ga­ben steht, aber die es trotz­dem wert ist, beach­tet zu werden.

Entstehung und Zielsetzung der Einheitsübersetzung

Bis ins Jahr 1965 genoss die latei­ni­sche Vul­ga­ta in der römisch-katho­li­schen Kir­che einen Vor­rang vor ande­ren Bibel­aus­ga­ben und wur­de teil­wei­se sogar als die eigent­lich inspi­rier­te Aus­ga­be der Hei­li­gen Schrift ange­se­hen (noch vor dem soge­nann­ten „Urtext“). Das änder­te sich nach dem Zwei­ten vati­ka­ni­schen Kon­zil. Nun stand nicht nur der „Urtext“ wie­der prio­ri­siert an ers­ter Stel­le, es wur­den – mit der Lit­ur­gie­re­form – auch volks­sprach­li­che Bibel­tex­te zuge­las­sen, wie auch die Lit­ur­gie nun in der Volks­spra­che gehal­ten wer­den durfte.

Das brach­te die römi­sche Kir­che in Ver­le­gen­heit, weil es bis dato kei­ne geeig­ne­te katho­li­sche deut­sche Bibel­über­set­zung gab. So mach­te sich eine Kom­mis­si­on aus katho­li­schen Theo­lo­gen unter teil­wei­se Hin­zu­zie­hung von evan­ge­li­schen Theo­lo­gen dar­an, eine „öku­me­ni­sche“ Über­set­zung zu erstel­len. Nach­dem zunächst nur das Neue Tes­ta­ment und die Psal­men her­aus­ge­ge­ben wur­den, war 1980 schließ­lich die gan­ze Bibel fer­tig, inklu­si­ve der Tex­te, die von der evan­ge­li­schen Kir­che als Apo­kry­phen bezeich­net wer­den, aber zum Kanon der römisch-katho­li­schen Kir­che gehö­ren. Trotz der Kon­zen­tra­ti­on auf den Urtext ist die Vul­ga­ta nach wie vor maß­geb­lich für den Umgang mit kri­ti­schen Stel­len. Das führ­te auch dazu, dass die EKD die Zusam­men­ar­beit an der Revi­si­on aufkündigte.

Die­se Revi­si­on wur­de nach zehn Jah­ren im Jahr 2016 abge­schlos­sen und das Ergeb­nis am 6. Dezem­ber 2016 veröffentlicht.

Ergebnis der Revision

Einheitsübersetzung 2017 Die Ein­heits­über­set­zung ist die Über­set­zung, die in der römisch-katho­li­schen Lit­ur­gie ver­wen­det wird. Sie ist damit die offi­zi­el­le Bibel­aus­ga­be der römisch-katho­li­schen Kir­che im deutsch­spra­chi­gen Raum, ähn­lich wie die Luther­bi­bel bei den evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen. Wer also in der römisch-katho­li­schen Kir­che tätig ist, kommt an die­ser Über­set­zung nicht vorbei.

Denn die Ein­heits­über­set­zung ist ein­deu­tig eine Über­set­zung, im Gegen­satz zu den Über­tra­gun­gen, die sich zuerst am Sprach­ge­brauch und dann erst an der Genau­ig­keit gegen­über dem „Urtext“ ori­en­tie­ren; die Über­set­zun­gen haben umge­kehr­te Schwer­punk­te. Trotz­dem ist die Über­set­zung gefäl­lig, flüs­sig zu lesen.

Mir gefällt vor allem die Über­set­zung der von evan­ge­li­scher Sei­te soge­nann­ten Apo­kry­phen, wel­che eine der bes­ten ist, die ich ken­ne. Häu­fig ist sie genau­er als bei der Luther­bi­bel, sodass man, wenn man die Apo­kry­phen im grie­chi­schen Text lesen will, in der Ein­heits­über­set­zung eine nütz­li­che­re Hil­fe fin­den wird als in der Luther­bi­bel. Zum Bei­spiel heißt es in der Sep­tu­ag­in­ta in Sirach 6,22:

σοφία γὰρ κατὰ τὸ ὄνομα αὐτῆς ἐστιν καὶ οὐ πολλοῖς ἐστιν φανερά.

Luther über­setzt hier:

Denn die Weis­heit wird ihrem Namen gerecht, aber sie offen­bart sich nur wenigen.

Die Ein­heits­über­set­zung, genauer:

Denn die Weis­heit ist wie ihr Name /​und nicht vie­len ist sie offenbar.

Es gibt aber auch Bei­spie­le, bei denen in einem Vers im ers­ten Teil die Ein­heits­über­set­zung genau­er ist, im zwei­ten Teil die Luther­über­set­zung: Der Sep­tu­ag­in­ta-Vers aus 1Makk 1,9 lau­tet beispielsweise:

καὶ ἐπέθεντο πάντες διαδήματα μετὰ τὸ ἀποθανεῖν αὐτὸν καὶ οἱ υἱοὶ αὐτῶν ὀπίσω αὐτῶν ἔτη πολλὰ καὶ ἐπλήθυναν κακὰ ἐν τῇ γῇ.

Luther:

Nach sei­nem Tod setz­ten sie sich die Kro­ne auf und regier­ten mit ihren Nach­kom­men lan­ge Zeit, und sie ver­mehr­ten die Schlech­tig­keit auf Erden.

Die Ein­heits­über­set­zung:

Nach sei­nem Tod setz­ten sich alle das Königs­dia­dem auf; eben­so hiel­ten es ihre Nach­kom­men lan­ge Zeit hin­durch. Sie brach­ten gro­ßes Unglück über die Erde.

Man muss hier ein­ge­ste­hen, dass die Luther­bi­bel auch bei den Apo­kry­phen bes­ser gewor­den ist, sodass der Unter­schied nicht mehr so deut­lich ist.

An der Ein­heits­über­set­zung ist aber auch hef­ti­ge Kri­tik laut gewor­den, von der ich hier ein paar Stel­len aus dem Inter­net anfüh­ren will:

Kritik an der Revision von 2017

Wäh­rend eini­ge Feh­ler, die sich in die Revi­si­on ein­ge­schli­chen hat­ten, schnell kor­ri­giert wur­den (beim Gleich­nis von den bei­den Söh­nen wur­de aus Ver­se­hen der zwei­te, der schließ­lich doch nicht gehorch­te, als der bezeich­net, der das Rich­ti­ge tat), gibt es bei ande­ren Stel­len teil­wei­se hef­ti­ge Kri­tik. So wird bemän­gelt, dass in der Schöp­fungs­ge­schich­te „Adam“ nicht mehr genannt wird; statt­des­sen steht geschlechts­neu­tral „Mensch“. Auch die Tat­sa­che, dass das Wort „Wun­der“ durch „Macht­ta­ten“ ersetzt wur­de, dies aber nicht kon­se­quent, führ­te zu Kri­tik. Der katho­li­sche Jesu­it Klaus Mer­tes kri­ti­siert dar­über hin­aus wei­te­re „Ver­schlimm­bes­se­run­gen“ wie z. B., dass man­che Zita­te aus dem AT im NT anders über­setzt wer­den. Ins­ge­samt emp­fiehlt er die Rück­nah­me der Revision.

Ins­ge­samt ist sie aber anschei­nend sti­lis­tisch bes­ser und – inter­es­san­ter­wei­se – wie­der mehr an die Luther­über­set­zung ange­gli­chen. Das wird bei­spiels­wei­se augen­fäl­lig bei der Weih­nachts­ge­schich­te, wo das grie­chi­sche Ἐγένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις ἐκείναις, das Luther klas­sisch „Es begab sich aber zu der Zeit“ bei der Ein­heits­über­set­zung von „In jenen Tagen“ zu „Es geschah aber in jenen Tagen“ umge­wan­delt wird. Bei Mt 16,18 bleibt die Abwei­chung zur Luther­bi­bel „wer­de ich mei­ne Kir­che bau­en“ (Luther: Gemein­de, eben­so Elber­fel­der), aber aus den „Mäch­ten der Unter­welt“ wer­den ent­spre­chen­der zum Grund­text: „Pfor­ten der Unter­welt“ (aber nicht „Pfor­ten der Höl­le“ wie bei Luther). Bern­hard Lang schreibt in der Neu­en Zür­cher Zei­tung vom 24.3.2017: „Wer als Pro­tes­tant die neue Über­set­zung auf­schlägt, merkt kaum, dass es sich um eine katho­li­sche Bibel han­delt.“ Nicht zuletzt des­halb, weil nun auch, wie bei Luther, der Got­tes­na­me wie­der mit HERR wie­der­ge­ge­ben wird. Aller­dings – und auch das ist mit Lang zu bemän­geln – wird auch die­se Revi­si­on gegen­dert, beim „Ein­schmug­geln der Schwes­tern“ (sie­he mein Bei­trag zur Luther­bi­bel 2017).

Fazit

Trotz der teil­wei­se berech­tig­ten Kri­tik an die­ser Über­set­zung hal­te ich die­se „katho­li­sche“ Aus­ga­be für eine gute und zuver­läs­si­ge Quel­le für das Stu­di­um in Got­tes Wort. Für sol­che, die weder Grie­chisch noch Hebrä­isch kön­nen, emp­fiehlt es sich sowie­so, immer meh­re­re Bibeln, dar­un­ter die Elber­fel­der, neben­ein­an­der zu legen, wenn man Got­tes Wort stu­die­ren will. Hier­bei kann die Ein­heits­über­set­zung eine wert­vol­le Hil­fe sein, weil sie ins­ge­samt ein guter Kom­pro­miss zwi­schen Genau­ig­keit und Les­bar­keit ist.

Die Ein­heits­über­set­zung ist ab dem Logos 9 Bron­ze-Paket ent­hal­ten oder kann hier ein­zeln erwor­ben werden.

Mitt­ler­wei­le wur­de die Ein­heits­über­set­zung auf­ge­wer­tet mit der Erwei­ter­ten Inter­li­near­bi­bel zur Ein­heits­über­set­zung (2017). Sie eröff­net eine neue Dimen­si­on des Bibel­stu­di­ums. Sie ver­knüpft die neue Ein­heits­über­set­zung unmit­tel­bar mit dem hebräi­schen und grie­chi­schen Grund­text. Damit kön­nen Sie die Über­set­zung auf einen Blick nach­voll­zie­hen und mit Logos’ leis­tungs­star­ken exege­ti­schen Werk­zeu­gen wich­ti­ge Erkennt­nis­se über den Bibel­text gewinnen.

martinschroeder

Über den Autor

Martin Schröder, Jahrgang 1961, ist evangelischer Diplomtheologe, Religionslehrer an öffentlichen Schulen und beschäftigt sich intensiv mit den biblischen Ursprachen. Außerdem ist er in der Gemeindeleitung des Württ. Christusbundes in der Nähe seines Wohnortes und als Laienprediger unterwegs.

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