Lesen Sie den Bibeltext beobachtend – Die erste Phase der Exegese [Teil 5]

Lesen Sie den Bibeltext beobachtend

Rou­tinierte Verkündi­ger haben ihre Rou­tine bei der Vor­bere­itung ein­er Predigt oft über Jahre erar­beit­et und opti­miert. Im let­zten Beitrag habe ich darauf aufmerk­sam gemacht, dass ein sys­tem­a­tis­ch­er und zeitlich begren­zter Ablauf die Effizienz steigert. Es lohnt sich immer wieder zu fra­gen, was mache ich genau und warum mache ich es auf diese Weise. Nach vier ein­führen­den Beiträgen

  1. Ret­tet die Predigt
  2. Predi­ger, bleib bei der Bibel
  3. So find­en Sie den richti­gen Predigt­text für den näch­sten Sonntag
  4. Im Anlauf zur Ausle­gung – so gehen Sie die Predigtvor­bere­itung richtig an

tauchen wir jet­zt in die konkrete Predigtvor­bere­itung ein.

Die zwei Phasen der Predigtvorbereitung

Eine Predigtvor­bere­itung beste­ht aus zwei großen Phasen. Zuerst ver­sucht man so viele Fak­ten wie möglich über den Bibel­text zu sam­meln, über den man predigt. Erst in ein­er weit­eren Phase beschäftigt man sich inten­siv­er mit den Zuhör­ern. Der Predi­ger hat also immer das Wort und die Zuhör­er im Blick. Deshalb muss er das, was er als Verkündi­ger in der ersten Phase über den Text erfahren hat, so auf­bere­it­en, dass die Botschaft in den All­t­ag der Zuhör­er sprechen kann. Gottes Wort will den Zuhör­ern helfen, ihr Leben zu verän­dern. Dabei ist klar: Wenn Gott die Worte des Verkündi­gers nicht durch seinen Geist ins Leben der Zuhör­er reden lässt, ist alles Predi­gen umson­st. Der Unter­schied zwis­chen ein­er Predigt, die berührt und ein­er, die es nicht tut, liegt vor allem am Wirken des Heili­gen Geistes.1

In diesem Blog­beitrag beschäfti­gen wir uns zunächst mit der ersten Phase der Predigtvor­bere­itung. Diese Phase heißt Exegese. Das erk­lärte Ziel ein­er Exegese ist, die ursprüngliche Absicht des Autors wiederzugeben. Man kön­nte auch sagen: In der Exegese bemüht sich der Verkündi­ger, Gottes Gedanken nach zu denken. Dazu beschäftigt er sich mit den Fak­ten, mit den Argu­menten oder Begeben­heit­en, die im Text selb­st stehen.

Bibel­texte sind ver­gle­ich­bar mit Geset­zes­tex­ten. Diese kön­nen auch nicht irgend­wie aus­gelegt wer­den. Ver­schiedene Juris­ten wer­den eine große Schnittmenge haben, wenn es um die Frage geht, was die ursprüngliche Absicht des Textes ist. Zum Beispiel gibt § 1312 BGB vor:

Der Standes­beamte soll bei der Eheschließung die Eheschließen­den einzeln befra­gen, ob sie die Ehe miteinan­der einge­hen wollen, und, nach­dem die Eheschließen­den diese Frage bejaht haben, aussprechen, dass sie nun­mehr kraft Geset­zes recht­mäßig ver­bun­dene Eheleute sind. Die Eheschließung kann in Gegen­wart von einem oder zwei Zeu­gen erfol­gen, sofern die Eheschließen­den dies wünschen.

Jed­er Jurist erken­nt sofort: Bei­de Eheleute müssen öffentlich gefragt wer­den, ob sie einan­der heirat­en wollen. Wenn sie wollen, kön­nen sie Trauzeu­gen zu diesem Ver­sprechen ein­laden. Aber es gibt in diesem Text auch Dinge, die man ver­schieden hand­haben kann. Die Worte, mit denen man das Paar um ein Ehev­er­sprechen bit­tet und der atmo­sphärische Rah­men wer­den im Gesetz nicht fest­gelegt. Die kann jed­er Standes­beamte selb­st bestimmen.

Auch Bibel­texte kann man nicht beliebig ausle­gen. Ver­schiedene Verkündi­ger wer­den bei dem­sel­ben Text zu ähn­lichen Ergeb­nis­sen kom­men wenn es um die ursprüngliche Absicht des Textes und die grund­sät­zliche Anwen­dung geht. Aber abhängig von der speziellen Zuhör­ergruppe kön­nen weit­ere Anwen­dun­gen des Textes teil­weise ver­schieden sein. Ein Bibel­text hat also eine Absicht und Bedeu­tung, kann aber auf ver­schieden­ste Sit­u­a­tio­nen angewen­det werden.

Die Gefahr, nur zu sehen und nicht zu beobachten

Für jeden, der schon länger predigt, ist das eine Bin­sen­weisheit, dass der Text eine Absicht und Bedeu­tung hat, aber ver­schieden angewen­det wer­den kann. Doch es bleibt eine Her­aus­forderung, so lange wie möglich beim Text selb­st zu bleiben und sich nicht zu schnell mit den eige­nen Schlussfol­gerun­gen und Inter­pre­ta­tio­nen zu beschäfti­gen. Mir gefällt ein Ver­gle­ich von David Helm2. Er nen­nt das „Hinein­le­sen“ der eige­nen Gedanken in den Text „Impres­sion­is­tis­ches Predigen“.

Der Impres­sion­is­mus ist eine Kun­strich­tung, die Bilder her­vor­bringt, in der die Ein­drücke von der Wirk­lichkeit entschei­den­der sind, als die Wirk­lichkeit selb­st. Die Bilder mögen gut ausse­hen, doch wo der real­is­tis­che Maler zehn­mal hingeschaut und einen Strich gemalt hat, schaut der impres­sion­is­tis­che Maler ein­mal hin und malt zehn Striche, die aber die Wirk­lichkeit verzerren.

Mon­et nan­nte den Son­nenauf­gang von Le Havres „Impres­sion“. Dieses Wort haben Kri­tik­er benutzt, um diese Art von Bilder impres­sion­is­tis­che Bilder zu nennen.

Impression, Sonnenaufgang (Claude Monet)

Hier sind vor allem Ein­drücke wiedergegeben, auch wenn sie nicht ganz der Real­ität entsprechen. Deshalb durften die Werke von Mon­et auch nicht im „Salle de Paris” aus­gestellt wer­den, da sie die Wirk­lichkeit nicht so getreu wieder­gaben wie die Werke des Realismus

Im Blick auf den Bibel­text müssen wir Real­is­ten und keine Impres­sion­is­ten sein. Als Predi­ger sind wir dazu berufen, Gottes Wort zu predi­gen, und nicht nur unsere Ein­drücke über den Text wiederzugeben. Um ein anderes Bild zu gebrauchen: Wie Krim­i­nal­beamte ihren Tatort beobacht­en, so müssen wir als Verkündi­ger unseren Text genau beobacht­en. Das kön­nen wir nur durch inten­sives Lesen. Tre­f­fend hat Howard Hen­dricks gezeigt, dass Sehen nicht das Gle­iche ist, wie Beobacht­en. Um das deut­lich zu machen stellt Hen­dricks Fra­gen wie: Wie viele Trep­pen­stufen hat das Gebäude, dass du regelmäßig betrittst? Wie viele Verkehrsam­peln gibt es auf dem Weg zu dein­er Arbeit? Beschreibe alle Merk­male auf der Rück­seite eines 10 Euro Scheines. Man kön­nte hinzufü­gen: Welche Sock­en hat dein(e) Freund(in) getra­gen, als du ihn oder sie das let­zte Mal gese­hen hast?3 Das sind Dinge, die wir schon oft gese­hen haben, aber genau beobachtet haben wir sie nicht.

Lesen ist der Schlüssel, um genau zu beobachten

Für einen Verkündi­ger reicht es nicht aus, den Bibel­text nur ober­fläch­lich zu erfassen. Es geht darum, ihn inten­siv zu beobacht­en, um die Frage zu beant­worten: Was ste­ht tat­säch­lich da? Und um her­auszufind­en: Was wollte der Autor den ursprünglichen Empfängern sagen? Um Antworten auf diese Fra­gen zu bekom­men, sollte man sich den Predigt­text wieder und wieder aus ein­er wort­ge­treuen Über­set­zung laut vor­lesen. Was man zusät­zlich noch hört, prägt sich ein­fach bess­er ein. Mit diesem ersten Schritt der Vor­bere­itung macht man sich auf die Suche nach wichti­gen Details, die die Tür zur Predigt öff­nen kön­nen. Dabei ist es wichtig, Gott darum zu bit­ten, dass ER die Augen für diese Details im Text öffnet. Ein hil­fre­ich­es Gebet ist Ps 119,18: „Öffne meine Augen, damit ich schaue die Wun­der in deinem Gesetz“.

Das inten­sive Lesen eines Textes kann gar nicht oft genug betont wer­den. Der Herr Jesus selb­st fordert seine Zuhör­er her­aus, bib­lis­che Texte genau zu lesen (Lk 10,26). Paulus gibt Tim­o­theus den Rat, die Schrift vorzule­sen (1Tim4,13). Von Adolf Schlat­ter, dem bekan­nten Bibellehrer weiß man, dass er seine Antwort auf the­ol­o­gis­che Fra­gen sein­er Stu­den­ten oft mit dem Satz ein­leit­ete: „Meine Her­ren, sie kön­nen nicht lesen …“.

Ich las von Bibelschullehrern, die ihren Schülern den Auf­trag gaben, auf der Grund­lage von ein paar Bibel­versen möglichst viele Fra­gen zu stellen. Das kann eine hil­fre­iche Übung sein, auf­grund von zehn Versen aus dem Römer­brief fün­fzig Fra­gen über diesen Textab­schnitt zu for­mulieren. Dabei reicht es völ­lig aus, zunächst ein­fach nur zu beobacht­en und Fra­gen zu stellen ohne zu ver­suchen, sofort Antworten zu finden.

Fragen stellen, um den Bibeltext zu beobachten

Um konkrete Fra­gen an den Text zu stellen, braucht man nur eine ver­traute Über­set­zung in LOGOS aufzu­rufen, und mit einem Recht­sklick das Kon­textmenü öffnen.

Dort wählt man aus „Eine Notiz in … anle­gen“. So kann man alle Fra­gen die man hat, über­sichtlich erfassen.

Notitzen in Logos aufschreiben

Wer lieber noch mit Papi­er arbeit­et, kann den Bibel­text kopieren und seine Fra­gen direkt neben den Text schreiben. Wichtig ist nur, dass man die aufk­om­menden Fra­gen doku­men­tiert, um sie später bear­beit­en zu können.

Hen­dricks gibt seinen Lesern sechs Fra­gen an die Hand, die helfen, einen Text gut zu beobacht­en.4 Diese Fra­gen sind:

  • WER sind die Men­schen im Text? Wie han­delt diese Per­son? Was wird über sie gesagt?
  • WAS passiert im Text? Was ver­sucht der Schreiber seinen Lesern mitzuteilen?
  • WO geschieht die Hand­lung und wo kom­men die Men­schen her, um die es geht?
  • WANN find­et die Hand­lung statt oder in welch­er Rei­hen­folge – welch­es Ereig­nis war vorher, welch­es wird noch kommen?
  • WARUM ste­ht diese Aus­sage im Text? Diese Frage unter­sucht den Text mehr als jede andere und gibt die Möglichkeit, neue Ein­sicht­en zu bekommen.
  • WOZU ste­ht diese Aus­sage im Text? Welche Absicht ver­fol­gt Gott damit in meinem Leben? Diese Frage fordert mich her­aus, zu handeln.

Um seinen Blick für Auf­fäl­ligkeit­en zu schär­fen, kann man im Text nach fol­gen­den Din­gen Auss­chau halten:

  • Was wird betont? (z.B. wenn diesem Gedanken oder Ereig­nis viel Platz in dem Text eingeräumt wird)
  • Was wird wieder­holt? (z.B. wenn ein Wort immer wieder gebraucht oder ein Ort ständig genan­nt wird)
  • Was ist ver­bun­den? (Wenn Dinge in einem Zusam­men­hang oder in ein­er Wech­sel­beziehung stehen)
  • Was ist ähn­lich oder ver­schieden? (Diese Dinge sind an Sig­nal­wörtern wie „wie“ oder „aber“ zu erkennen)
  • Was ist leben­snah? (Wo sind Sit­u­a­tio­nen sehr ver­gle­ich­bar mit unserem Alltag?)

Let­ztlich ist das Ziel dieser Fra­gen, sich die geschilderte Sit­u­a­tion bess­er vorstellen zu kön­nen und sie gedanklich mitzuer­leben. Mit dem inneren Auge zum Beispiel zu sehen, wie die Jünger, von der Angst gepackt, glaubten, sie gehen mit ihrem Boot unter. Oder, das ver­bran­nte Opfer­fleisch auf dem Altar in der eige­nen Vorstel­lung zu riechen. Oder, die höh­nis­chen Worte des Goliath zu hören. Um es zu üben, sich in Sit­u­a­tio­nen hineinzu­denken, kann es auch hil­fre­ich sein, den Text mit der “großen Hör­bibel” zu hören. Dort sind dra­matur­gis­che Ele­mente einge­baut, die den Hör­er sehr gut in manche Sit­u­a­tio­nen hinein­nehmen und sie so dem Verkündi­ger selb­st ver­ständlich­er machen.

Wer gut Englisch kann, kön­nte auch auf die dra­matur­gis­che ESV Über­set­zung bei www​.bible​.is zurückgreifen.

Wer den Text gedanklich miter­lebt hat, wird einen Blick für die Details bekom­men, die oft überse­hen wer­den und darüber predi­gen kön­nen. Um eine Ahnung davon zu bekom­men, wie das in der Prax­is ausse­hen kann, empfehle ich Predi­gen über Texte aus den Evan­gelien von Theo Lehmann anzuhören. Dieser Pfar­rer kann seine Zuhör­er mit in die Sit­u­a­tio­nen hinein­nehmen, weil er sie zuvor gedanklich selb­st erlebt hat. Das ist das Ergeb­nis davon, wenn man Bibel­texte beobach­t­end liest und sich in die geschilderte Sit­u­a­tion oder Argu­men­ta­tion hinein denkt. Predigten von Theo Lehmann gibt es z.B. hier.

Über den Autor: Thomas Pow­illeit ist Pas­tor der evan­ge­lis­chen Freikirche „Evan­geli­um für Alle“ in Stuttgart (www​.efa​-stuttgart​.de). Neben seinen Auf­gaben dort ist er überörtlich vor allen Din­gen im Rah­men des gle­ich­nami­gen Net­zw­erkes „Evan­geli­um für Alle“ zu Sem­i­naren und aus­gewählten Einzelver­anstal­tun­gen unterwegs.


1. Tim­o­th­ey Keller, Preach­ing, Viking, New York, 2015, S. 11.

2. David Helm, Die Ausle­gung­spredigt, Betanien Ver­lag, Waldems, 2018, S. 16ff.

3. Howard G. Hen­dricks, Bibelle­sen mit Gewinn, Christliche Ver­lags­ge­sellschaft, Dil­len­burg, 2017 (7.Auflage), S. 56.

4. Howard G. Hen­dricks, Bibelle­sen mit Gewinn, Christliche Ver­lags­ge­sellschaft, Dil­len­burg, 2017 (7.Auflage), S. 153ff.

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thomaspowilleit
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