Die Revision der Hoffnung für alle 2015 – ein Gespräch mit Projektleiter Urs Stingelin

Von Johannes Traichel

Bibel, Bibelübersetzung, Hoffnung für alle, Pre-Pub, Urs Stingelin

Inhalt

Wer schreibt eigentlich deutsche Bibeln?

Urs Stin­ge­lin (42) ist ver­hei­ra­tet und hat drei Kin­der. Er stu­dier­te Klas­si­sche Phi­lo­lo­gie und Alte Geschich­te an der Uni­ver­si­tät Basel. Stin­ge­lin ist Lehr­be­auf­trag­ter für Text­kri­tik an der Staats­un­ab­hän­gi­gen Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le Basel und hat wei­te­re Lehr­auf­trä­ge an diver­sen Bibel­schu­len (Umwelt- und Zeit­ge­schich­te AT/​NT, Her­me­neu­tik, Ein­füh­rung Grie­chisch, Exege­se und Kir­chen­ge­schich­te I). Zudem ist er Lek­tor und Bera­ter des Ver­lags Fon­tis AG. Dort lei­te­te er die Revi­si­on der Bibel Hoff­nung für alle, die 2015 abge­schlos­sen wur­de. Die Über­set­zung lässt sich bei uns vorbestellen. 

Mitt­ler­wei­le ist auch der 2. Teil des Inter­views erschienen.

Das Inter­view führ­te Johan­nes Trai­chel [JT].

Das Gespräch mit einem Bibelübersetzer

JT: Wie bist du zu einem Bibelübersetzer geworden?

Ich erzäh­le hier nur die Kurz­fas­sung. Die Beru­fung dazu erfolg­te in drei Schrit­ten: Als 16-Jäh­ri­ger wur­de mir plötz­lich klar, dass Gott mir mei­ne sprach­li­che Bega­bung nicht für mich selbst gege­ben hat, son­dern um damit ihm und sei­ner Kir­che zu die­nen. Das war der ers­te Schritt einer Beru­fung zum Bibelübersetzer.

Ent­spre­chend ent­schied ich mich für das alt­sprach­li­che Gym­na­si­um und im Anschluss dar­an für das Stu­di­um der Klas­si­schen Phi­lo­lo­gie mit Alt­grie­chisch im Haupt­fach. Der zwei­te Schritt führ­te mich in den Brun­nen Ver­lag Basel (heu­te Fon­tis AG), in jenen Ver­lag also, der bis heu­te ver­ant­wort­lich ist für die Bibel­über­set­zung Hoff­nung für alle. Nach mei­nem Stu­di­en­ab­schluss bewarb ich mich dort auf eine Stel­le, die es eigent­lich gar nicht gab. In der ers­ten Run­de sag­te man mir ver­ständ­li­cher­wei­se ab. Nur wenig spä­ter erhielt ich eine zwei­te Mail, die mich zu einem Gespräch ein­lud. Kurz dar­auf war ich eingestellt.

Ich wuss­te damals nicht, was im Hin­ter­grund zwi­schen den bei­den Mails pas­siert war. Spä­ter erzähl­te man mir: Die Frau des dama­li­gen CEOs erfuhr von mei­ner Bewer­bung und sag­te zu ihrem Mann: „Ich ken­ne die­sen Bewer­ber, der dir geschrie­ben hat, über­haupt nicht, und ich weiß auch nicht, war­um ich dir das jetzt sage, aber du musst ihn unbe­dingt ein­stel­len!“ Ein­ge­stellt wur­de ich zunächst als Lek­tor. Mit dem drit­ten Schritt wur­de die Sache spä­ter dann kon­kret: Der dama­li­ge Chrischo­na-Direk­tor Mar­kus Mül­ler und der Euro­pa-Lei­ter von Bibli­ca baten mich im Jahr 2010, die Pro­jekt­lei­tung der seit 2007 lau­fen­den “Hoff­nung für alle”-Revision zu über­neh­men. [Anm. der Redak­ti­on: Die ame­ri­ka­ni­sche Orga­ni­sa­ti­on Bibli­ca hält die Rech­te an der HFA und der Fon­tis Ver­lag gehört zu Chrischo­na. Bei­de geben in einer Koope­ra­ti­on die HfA heraus.]

JT: Ist das dein Kindheitstraum gewesen?

Nein, mein Kind­heits­traum war es, Bun­des­rat [= obers­te lei­ten­de und voll­zie­hen­de Behör­de der Schweiz] zu wer­den. Aber Bibel­über­set­zer ist noch bes­ser, weil es da inhalt­lich nicht um einen mensch­li­chen Bund, son­dern um Got­tes Bund geht!

JT: Wie kam es zu deiner Liebe für die griechische Sprache?

Mir fiel die Schu­le immer sehr leicht. Ent­spre­chend war ich stets auf der Suche nach neu­en Her­aus­for­de­run­gen. Als ich in der 9. Klas­se die Chan­ce bekam, Grie­chisch zu ler­nen, pack­te ich die Gele­gen­heit beim Schopf. Wir waren damals drei Schü­ler bei einem Leh­rer. Wäh­rend des Gym­na­si­ums waren wir noch zu zweit. Die­ses sehr per­sön­li­che Umfeld hat sicher zusätz­lich dazu bei­getra­gen, dass Grie­chisch für mich immer etwas Beson­de­res war.

#Revisionsarbeit

JT: Für die Übersetzung der Hoffnung für alle warst du der Projektleiter. Was war da deine Rolle?

Kurz zusam­men­ge­fasst hat­te ich drei Auf­ga­ben: Ers­tens war ich für die gan­ze Koor­di­na­ti­on und für die Per­so­nal­füh­rung des Pro­jekts ver­ant­wort­lich, zwei­tens muss­te ich dar­auf ach­ten, dass qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig gear­bei­tet wird, und drit­tens erfüll­te ich die Funk­ti­on eines Bera­ters bei metho­di­schen und exege­ti­schen Fragen.

JT: Wie kam es dazu, dass du die Projektleitung der Übersetzung übernommen hast?

Wie bereits gesagt, wur­de ich vom dama­li­gen Chrischo­na-Direk­tor und vom Euro­pa-Lei­ter von Bibli­ca dar­um gebe­ten. Ich hat­te damals gera­de mit mei­ner Dis­ser­ta­ti­on begon­nen und muss­te mich ent­schei­den zwi­schen der Pro­jekt­lei­tung der Bibel­re­vi­si­on und mei­ner Pro­mo­ti­on. Die Bibel­über­set­zung war mir wichtiger.

JT: Was sollte mit der Revision erreicht werden?

Das Ziel der Revi­si­on war es, dass die Tex­te der Hoff­nung für alle kla­rer, schär­fer und leben­di­ger werden.

JT: Wie verlief diese Arbeit?

Der Weg zu die­sem Ziel bestand aus drei Etap­pen: Zuerst wur­de der bestehen­de Text (= Hoff­nung für alle 2002) Wort für Wort und Vers für Vers mit dem hebräi­schen, ara­mäi­schen und grie­chi­schen Urtext abge­gli­chen. Lin­gu­is­ten ver­merk­ten sämt­li­che Stel­len, an denen die Über­set­zung bis­her hin­ter dem infor­ma­ti­ven Gehalt der Aus­gangs­spra­chen zurück­ge­blie­ben war. Die so gewon­ne­nen Erkennt­nis­se wur­den von Theo­lo­gen auf­ge­grif­fen und flos­sen zusam­men mit ihren eige­nen exege­ti­schen Unter­su­chun­gen in den Erst­ent­wurf ein. Der Erst­ent­wurf wie­der­um wur­de in regel­mä­ßig statt­fin­den­den Revi­si­ons­sit­zun­gen dis­ku­tiert und anschlie­ßend zu einer pro­vi­so­ri­schen Text­fas­sung ver­ar­bei­tet. In der letz­ten Run­de wur­de der gan­ze Text noch­mals aus über­set­zungs­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve über­prüft, um auch der Ziel­spra­che gerecht zu werden.

JT: Gab es Momente, in denen du den Sinn dieser Arbeit bezweifelt hast?

Nein, ich war immer von Sinn und Wert unse­rer Arbeit über­zeugt. Was mich stär­ker unter Druck gesetzt hat, war das Wis­sen, dass man durch eine Revi­si­on Din­ge nicht nur bes­ser, son­dern auch schlech­ter machen kann. Ein brei­tes, gut qua­li­fi­zier­tes Bera­ter­team unter­stütz­te uns aber, damit das nicht geschah.

JT: Welche Stellen waren die schwierigsten bei der Übersetzung?

Zu den anspruchs­volls­ten Pas­sa­gen wür­de ich im Alten Tes­ta­ment die Psal­men zäh­len auf­grund ihrer rei­chen Bil­der­spra­che. Im Neu­en Tes­ta­ment emp­fand ich den 2. Korin­ther­brief als beson­ders schwierig.

JT: Wie gingen du und dein Team mit Stellen um, bei denen die Übersetzung unklar war und ihr zu verschiedenen Ergebnissen gekommen seid?

Wir haben es gemacht, wie vom Kir­chen­schrift­stel­ler Augus­ti­nus gefor­dert: Im Wesent­li­chen waren wir eins, im Zwei­fel­haf­ten frei und in bei­dem lie­ßen wir uns von der Lie­be lei­ten. Dort, wo der Text tat­säch­lich zwei oder meh­re­re gut begründ­ba­re Ver­ständ­nis­mög­lich­kei­ten offen ließ, haben wir in der Regel eine Fuß­no­te ein­ge­fügt. Außer­dem haben wir sorg­fäl­tig dar­auf geach­tet, dass wir in unse­rem Text kei­ne Son­der­erkennt­nis­se ver­tre­ten. Die von uns gewähl­te Deu­tung des Aus­gangs­tex­tes wird immer von min­des­tens einer, in der Regel aber von meh­re­ren ande­ren aner­kann­ten Bibel­über­set­zun­gen unterstützt.

Hoffnung für alle - Logos-Edition

#Hoffnung für Alle

JT: Die aktuelle Ausgabe der Hoffnung für Alle ist bereits ihre vierte Revision. Was unterscheidet die neue Ausgabe von den bisherigen? Und warum wird sie immer wieder überarbeitet?

Streng genom­men ist es nicht die vier­te Revi­si­on, son­dern nur die zwei­te, für das Alte Tes­ta­ment sogar die ers­te. 1983 erschien zum ers­ten Mal das Neue Tes­ta­ment. 1991 kamen die Psal­men dazu und 1996 der Rest des Alten Tes­ta­ments. 2002 erschien die ers­te Revi­si­on. Revi­diert wur­de damals aber nur das Neue Testament.

In unse­rer zwei­ten Revi­si­on, die im Jahr 2015 been­det war, über­ar­bei­te­ten wir dann die gesam­te Bibel, deren ältes­te Tex­te zu die­ser Zeit vor über 25 Jah­ren über­setzt wor­den waren. Wenn man sich über­legt, was wäh­rend die­ser Zeit nur schon auf der Ebe­ne der wis­sen­schaft­li­chen Com­pu­ter­soft­ware mög­lich gewor­den ist, und wie vie­le Kom­men­ta­re, Mono­gra­phien etc. in der Zwi­schen­zeit publi­ziert wur­den, kann man sich leicht vor­stel­len, dass Hand­lungs­be­darf vor­han­den war. Außer­dem hat sich in den letz­ten 20 Jah­ren auch die deut­sche Spra­che noch­mals stark verändert.

JT: Es gibt in Deutschland unzählige Bibelübersetzungen auf dem Markt. Warum soll ich ausgerechnet die Hfa vorziehen?

Die Hoff­nung für alle zeich­net sich vor allem durch ihre inhalt­li­che Treue aus. Die­se ist mit einer wort­ge­treu­en Bibel­über­set­zung nicht immer gege­ben. Anders gesagt: Wört­li­che Über­set­zun­gen geben Ein­blick in die Wör­ter, die in der Aus­gangs­spra­che ver­wen­det wur­den, was aber nicht unbe­dingt zum rich­ti­gen Ver­ständ­nis der Tex­te beiträgt.

In 1. Samu­el 24,4 lesen wir bei­spiels­wei­se wört­lich: „Und er kam zu den Schaf­hür­den am Weg. Dort war eine Höh­le, und Saul ging hin­ein, um sei­ne Füße zu bede­cken.“ Jah­re­lang las ich sel­ber aus die­sem Vers her­aus, dass Saul geschla­fen hat­te, als ihm David begeg­net war. Erst sehr viel spä­ter ver­stand ich, dass man sich nur in unse­rer Kul­tur zum Schla­fen die Füße zudeckt, in der jüdi­schen jedoch die­ses Bild benutzt wird, wenn gesagt wer­den soll, dass jemand sei­ne Not­durft ver­rich­tet. Ent­spre­chend wird der Sach­ver­halt in der Hoff­nung für alle wie­der­ge­ge­ben. Dazu kommt, dass die Hoff­nung für alle eine gut ver­ständ­li­che Spra­che ver­wen­det und in der Deu­tung beson­ders sorg­fäl­tig auf den jewei­li­gen Kon­text achtet.

JT: Wie entstand erstmals die Idee für diese Übersetzung?

Der „Vater“ der Hoff­nung für alle war Hans-Peter Züb­lin, der frü­he­re Lei­ter des Brun­nen Ver­lags Basel. Zu sei­ner Zeit gab es nebst der „Guten Nach­richt Bibel“ und der alten Bruns-Bibel noch kei­ne ande­re Über­set­zung, die den Bibel­text in einer gut ver­ständ­li­chen Spra­che wie­der­gab. Hoff­nung für alle war also gewis­ser­ma­ßen die ers­te kom­mu­ni­ka­ti­ve Über­set­zung mit rei­nem evan­ge­li­schen und evan­ge­li­ka­len Hintergrund.

JT: Was ist das Ziel der Hfa, welchen Aspekt möchte sie priorisieren?

Hoff­nung für alle will die Bibel sein, „die dei­ne Spra­che spricht“. Gleich­zei­tig will sie den Bibel­text zuver­läs­sig wiedergeben.

JT: Gibt es eine bestimmte Zielgruppe für diese Übersetzung?

Grund­sätz­lich ist unse­re Bibel­über­set­zung pas­send für alle. Ent­spre­chend lau­tet ihr Name. Wegen ihrer guten Ver­ständ­lich­keit wird sie von allen Genera­tio­nen geschätzt. Ich erle­be es regel­mä­ßig, dass alte, rou­ti­nier­te Bibel­le­ser auf mich zukom­men und mir berich­ten, dass sie mit der Hoff­nung für alle die Bibel noch­mals von einer ganz neu­en Sei­te ent­deckt haben. Beson­ders emp­feh­lens­wert hal­te ich sie aber für jun­ge Men­schen und für die Evangelisation.

JT: Inwiefern können Studenten, Theologen oder Prediger von der Hfa profitieren?

Den ers­ten Gewinn für die genann­te Grup­pe sehe ich dar­in, dass sie durch die Hoff­nung für alle für die Ziel­spra­che und damit auch für die Leu­te, für die sie arbei­ten, sen­si­bi­li­siert wer­den. Außer­dem hilft unse­re Bibel­über­set­zung, die gram­ma­ti­schen und kul­tu­rel­len Fein­hei­ten der bibli­schen Urspra­chen zu ver­ste­hen. Nicht zuletzt ist die Hoff­nung für alle durch ihre natür­li­che Spra­che ein rei­cher Schatz für die per­sön­li­che Spi­ri­tua­li­tät. Man ist weni­ger stark ana­ly­tisch gefor­dert und kann sich dadurch stär­ker dar­auf kon­zen­trie­ren, sich das Gele­se­ne zu Her­zen zu neh­men und es in den eige­nen All­tag zu übersetzen.

JT: Ich erlebe immer wieder, dass die Hoffnung für alle in einigen traditionell geprägten Gemeinden, oder auch von manchen Theologen, als ungenau verurteilt wird oder per se schlecht gemacht wird. Wie gehst du mit solchen Vorwürfen um, und was sind die Ursachen für dieses Misstrauen?

Die Haupt­ur­sa­che die­ses Miss­trau­ens ist, dass sich man­che Leu­te des­sen nicht bewusst sind, dass jede Bibel kom­mu­ni­ka­tiv wird – näm­lich in dem Moment, in dem der Leser/​die Lese­rin sich ein bestimm­tes Ver­ständ­nis bil­det. Das tut er/​sie aber auch bei der wört­lichs­ten Über­set­zung. Selbst die Bibel­lek­tü­re in den Urspra­chen kommt nicht ohne Inter­pre­ta­ti­on aus (vgl. Petrus über Pau­lus in 2. Petrus 3,14–16). Die Fra­ge ist also nicht, ob eine Bibel­über­set­zung Inter­pre­ta­ti­on ist, son­dern nur, wer inter­pre­tiert. Hier bin ich der Mei­nung, dass im Rah­men der Hfa-Revi­si­on die­se Inter­pre­ta­ti­on sehr sorg­fäl­tig gesche­hen ist. Und Gott sei Dank dür­fen wir Gläu­bi­ge auch den Hei­li­gen Geist haben, der uns das Wort ver­ste­hen lässt!

Zum zwei­ten Teil des Inter­views: Urs Stin­ge­lin über die unschätz­ba­re Rol­le, die Logos bei der Hfa-Revi­si­on und in sei­ner pro­fes­sio­nel­len Tätig­keit spielt.

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Die Logos-Edi­ti­on der Hoff­nung für Alle ist ab sofort erhältlich.

Hoffnung für alle - Logos-Edition

Bild­nach­weis: © Gabri­el Walt­her /​www​.walt​her​.pho​to​gra​phy

Johannes Traichel

Über den Autor

Johannes Traichel ist Prediger der FeG in Glauchau. Privat schreibt er auf seinem Blog evangelikaletheologie.net und auf Twitter unter @Johannes_Tr.

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