Wie perfekt muss ich sein, um zu predigen?

Von Thomas Powilleit

Homiletik, Prediger, Predigt, Verkündigung

Mei­ne Blog-Bei­trä­ge sol­len vor allen Din­gen prak­ti­sche Rat­schlä­ge für die Pre­digt­vor­be­rei­tung geben. Doch ab und zu lege ich auf dem Weg vom Text zur Pre­digt eine Pau­se ein, um über das Pre­di­gen selbst oder über uns als Pre­di­ger nach­zu­den­ken. Mein Arti­kel heu­te ist so ein „Pau­sen­bei­trag“. Ich möch­te über eine Fra­ge nach­den­ken, die vor allen Din­gen jun­ge Pre­di­ger beschäftigt. 

Die Fra­ge ist: Wie per­fekt muss ich sein, um zu pre­di­gen? Kann ich am Sonn­tag auf der Kan­zel ste­hen, auch wenn ich es am Sams­tag­abend nicht geschafft habe, die nack­ten Tat­sa­chen in mei­nem Com­pu­ter sofort weg­zu­kli­cken? Wie glaub­haft bin ich, wenn ich in der Bibel­stun­de dar­über rede, dass wir Got­tes Lie­be wei­ter­ge­ben dür­fen und ein paar Stun­den vor­her war bei uns zu Hau­se noch dicke Luft? Manch­mal sit­zen Zuhö­rer vor mir, die schon viel län­ger mit Jesus unter­wegs sind als ich. Kann ich denen über­haupt etwas sagen? Ich bin doch viel jün­ger als sie. 

Grund­sätz­lich soll­te jemand, der Got­tes Wort ver­kün­digt, einer sein, der eine Bezie­hung zu Gott hat, Grund­prin­zi­pi­en der Schrift­aus­le­gung kennt und die Bibel immer bes­ser ken­nen­ler­nen möch­te. Eine Abhän­gig­keit von Gott, die durch ein regel­mä­ßi­ges Gebets­le­ben sicht­bar wird, ist exis­ten­ti­ell notwendig. 

Die cha­rak­ter­li­chen Kri­te­ri­en, die Pau­lus in 1. Timo­theus 3,1–7 für Ältes­te nennt, soll­ten auch für einen Pre­di­ger gel­ten. Man soll­te ihm also nicht nach­sa­gen kön­nen, unmo­ra­lisch, aus­schwei­fend oder herrsch­süch­tig zu leben. 

Er soll­te Auto­ri­tät haben und auch kein Neu­be­kehr­ter sein, der sich auf den Ver­kün­di­gungs­dienst schnell etwas ein­bil­den kann. Außer­dem soll­te er einen guten cha­rak­ter­li­chen Ruf bei Nicht­chris­ten haben. Hilf­reich für uner­fah­re­ne Ver­kün­di­ger ist es, sich einen Men­tor zu suchen, der sie auf den ers­ten Schrit­ten der Ver­kün­di­gung begleitet. 

Da die Zuhö­rer oft Ver­trau­en zu dem Men­tor haben, genießt der jun­ge Ver­kün­di­ger als Men­tee auch eine Art Vor­schuss­ver­trau­en. Außer­dem ist es für Ver­kün­di­ger sehr wich­tig, sich um gutes Feed­back zu bemü­hen und dadurch in der Ver­kün­di­gung zu wachsen. 

Gnade macht das Predigen möglich

Wir ver­kün­di­gen nicht uns selbst, son­dern Jesus Chris­tus und ihn als gekreu­zigt. Das ist die Mit­te unse­rer Bot­schaft. Davon reden wir, aber davon leben wir auch selbst. Wir ste­hen nicht auf der Kan­zel, weil wir etwas geleis­tet haben, son­dern weil wir Got­tes Gna­de erlebt haben. Das gibt uns die Berech­ti­gung, zu pre­di­gen. Egal, wie wir uns füh­len. Die Bibel macht deut­lich: Jesus Chris­tus selbst ist mei­ne Gerech­tig­keit gewor­den (Röm 3,23–26). Jesus hat ein per­fek­tes gött­li­ches Füh­rungs­zeug­nis. Bei ihm gibt es kei­nen Sün­den­ein­trag. Sein Füh­rungs­zeug­nis ist ganz anders als mei­nes. Jede Men­ge Ein­trä­ge gibt es bei mir. Völ­lig unmög­lich, dass ich eine Bezie­hung zu Gott bekom­me. „Jesus recht­fer­tigt mich” heißt: Jesus streicht mei­nen Namen über mei­nem sün­di­gen Füh­rungs­zeug­nis durch und schreibt sei­nen Namen dort­hin. Das heißt: Er nimmt mei­ne Schuld auf sich, auf sei­nen Namen. 

Dann streicht Jesus sei­nen Namen auf sei­nem eige­nen Füh­rungs­zeug­nis durch und schreibt mei­nen Namen dort­hin. Das heißt: Dort wo mein Name steht, steht kei­ne ein­zi­ge Sün­de. Gott wird kei­ne Sün­de mehr zur Spra­che brin­gen, wenn ich vor ihm ste­he. Weil Jesus Chris­tus mei­nen Namen auf sein Füh­rungs­zeug­nis geschrie­ben hat, bin ich in Got­tes Augen per­fekt. Dafür kann ich nur „DANKE“ sagen. Erar­bei­tet habe ich es mir nicht. Gott hat mich in sei­ner Gna­de per­fekt gemacht. Des­halb darf ich davon auch pre­di­gen, auch wenn ich mich für mei­ne Ver­gan­gen­heit ohne Gott schä­men muss. Mein Trost ist, dass Pau­lus auch gepre­digt hat, trotz sei­ner schlim­men Vergangenheit.

Gottes Kraft macht das Predigen möglich

Das Evan­ge­li­um selbst ist Got­tes Kraft, die jeden Men­schen der glaubt, ret­tet (Röm 1,16). Aber die Zuhö­rer soll­ten auch im Leben des Ver­kün­di­gers Got­tes Kraft sehen kön­nen, denn das Reich Got­tes besteht nicht allein in Wor­ten, son­dern in Kraft (1Kor 4,20). Die gute Nach­richt ist, dass wir es nicht aus eige­ner Kraft kön­nen, ein Leben wie Jesus zu führen. 

Wir müs­sen Gott nicht bewei­sen, dass wir gut sein kön­nen, wenn wir uns anstren­gen. Wir haben kei­ne Kraft, ein Leben wie Jesus zu füh­ren. Je eher wir das ver­ste­hen, des­to bes­ser. Der Herr Jesus zeigt uns, aus wel­cher Kraft er gelebt hat. Jesus sagt in Joh 14,10f: Gott der Vater in ihm, tut sei­ne Wer­ke. So hat der Herr Jesus gelebt. Er hat sich als Gott-Mensch Gott zur Ver­fü­gung gestellt und damit gerech­net, dass der Vater durch ihn wirkt. Ich darf genau das­sel­be tun. Ich stel­le mich Jesus zur Ver­fü­gung und rech­ne damit, dass Jesus sein Leben durch mich lebt. 

Das heißt prak­tisch: Ich gehe freund­lich mit mei­nem Nächs­ten um, auch wenn er nicht nett zu mir ist. Mein Geheim­nis: Ich bete: Herr Jesus, ich schaf­fe das nicht, auf den Nächs­ten freund­lich zuzu­ge­hen – aber dan­ke, dass du in mir die Kraft bist, auf ihn zuzu­ge­hen. Mit Jesus zu leben heißt nicht, aus der eige­nen Kraft zu leben, son­dern mit der Kraft zu leben, die Jesus mir gibt. Die­se Kraft zu erle­ben, macht es mög­lich, davon zu reden und zu predigen. 

Vergebung macht das Predigen möglich

Auch auf der Kan­zel ste­hen Sün­der. Men­schen, aus Fleisch und Blut. Men­schen mit ihren Ver­su­chun­gen und ihrem Ver­sa­gen. Lei­der erwar­ten vie­le Gemein­den, dass hin­ter der Kan­zel Men­schen ste­hen, die fast per­fekt sind. Weil das so ist, wagen Pre­di­ger es nicht, zuzu­ge­ben, dass hin­ter der from­men Mas­ke ein Mensch steckt, der Got­tes Ver­ge­bung immer wie­der braucht. Weil es Ver­ge­bung gibt, kön­nen Chris­ten zu ihrer Sün­de ste­hen. Sie müs­sen ihren Kopf nicht hoff­nungs­los in den Sand ste­cken. Des­halb kann auch ein Pre­di­ger im Kampf mit der Sün­de ver­sa­gen. Wich­tig ist, dass er sei­ne Sün­de nicht ver­steckt, son­dern sie Jesus bekennt. Nicht alles gehört auf die Kan­zel. Man­ches aber in ein Beichtgespräch. 

Die gute Nach­richt ist: Wenn wir unse­re Sün­de beken­nen und sie uns leid tut, ver­gibt Gott Sün­de. Sehr ein­drück­lich sehen wir das beim König David. Er bekennt Gott sei­ne Sün­de, indem er sagt: Ich tat dir kund mei­ne Sün­de und deck­te mei­ne Schuld nicht zu. Ich sag­te: Ich will dem Herrn mei­ne Über­tre­tun­gen beken­nen und du, du hast ver­ge­ben die Schuld mei­ner Sün­de (Ps 32,5). So weit so gut. Der nächs­te Vers macht dann aber deut­lich: David hat Got­tes Ver­ge­bung ernst genom­men. David fängt an, zu leh­ren und ande­ren Gläu­bi­gen zu sagen: Dar­um soll jeder From­me zu dir beten, zur Zeit, da du zu fin­den bist … (Ps 32,6a). Wenn ich also auch als Pre­di­ger im Kampf mit der Sün­de ver­sagt habe, ist es wich­tig, Sün­de zu beken­nen und Got­tes Ver­ge­bung in Anspruch zu neh­men. Ich sehe bei Sün­den, die nicht die Glaub­wür­dig­keit des Ver­kün­di­gers in Fra­ge stel­len, kei­nen Grund, dem Ver­kün­di­ger die Kan­zel zu verbieten. 

Ehrlichkeit macht das Predigen möglich

Es gibt Lebens­be­rei­che, in denen man damit kämpft, Got­tes Wil­len zu tun. Man ist mög­li­cher­wei­se noch nicht viel wei­ter, als die Zuhö­rer. Das ist aber auch nicht schlimm. Wich­tig ist, dass man ehr­lich ist. Sich selbst gegen­über und auch den Zuhö­rern gegen­über. Schlimm wird es dann, wenn man wie die Pha­ri­sä­er so tut, als ob man z. B. sei­nen Stolz oder sei­ne Hab­sucht unter den Füßen hät­te und von den Zuhö­rern for­dert, in die­sen Berei­chen schnel­ler vor­an­zu­kom­men und mehr wie Jesus zu leben. 

Jesus kom­men­tiert so ein ver­werf­li­ches Ver­hal­ten mit: … han­delt nicht nach den Wer­ken der Pha­ri­sä­er. Denn sie sagen es und tun es nicht. Sie legen schwe­re Las­ten auf die Schul­tern der Men­schen, sind aber selbst nicht bereit, sie mit ihrem Fin­ger zu bewe­gen (aus Mt 23,3–4). Aber solan­ge ich als Ver­kün­di­ger mich nicht über mei­ne Zuhö­rer stel­le, son­dern an ihrer Sei­te genau­so wie sie unter dem Anspruch des Wor­tes Got­tes ste­he, kann ich das nach­spre­chen, was Gott in sei­nem Wort sagt. Ich muss es nicht in allen Berei­chen in mei­nem Leben umge­setzt haben. Es soll­te aber bei mir die Sehn­sucht da sein, es umzu­set­zen und mich Gott zur Ver­fü­gung zu stel­len, damit ER mich durch sei­ne Kraft ver­än­dern kann. Wich­tig ist, dass ich ehr­lich bin und kein Bild von mir zeich­ne, das nicht der Wirk­lich­keit ent­spricht. Auch hier gilt wie­der: Nicht alles gehört auf die Kan­zel, aber man­ches ins Beichtgespräch. 


Über den Autor: Tho­mas Powil­leit ist Pas­tor der evan­ge­li­schen Frei­kir­che „Evan­ge­li­um für Alle“ in Stutt­gart (www​.efa​-stutt​gart​.de). Neben sei­nen Auf­ga­ben dort ist er über­ört­lich vor allen Din­gen im Rah­men des gleich­na­mi­gen Netz­wer­kes „Evan­ge­li­um für Alle“ zu Semi­na­ren und aus­ge­wähl­ten Ein­zel­ver­an­stal­tun­gen unterwegs. 

Thomas Powilleit

Über den Autor

Thomas Powilleit ist Pastor der evangelischen Freikirche „Evangelium für Alle“ in Stuttgart (www.efa-stuttgart.de). Neben seinen Aufgaben dort ist er überörtlich vor allen Dingen im Rahmen des gleichnamigen Netzwerkes „Evangelium für Alle“ zu Seminaren und ausgewählten Einzelveranstaltungen unterwegs.

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  1. Das kann ich nur unterstreichen:

    Gott stellt sün­di­ge Men­schen in ihrer sün­di­gen Wirk­lich­keit in sei­nen Dienst.” (Emil Brunner)

    Wenn wir erst war­ten wol­len, bis wir voll­kom­men gewor­den sind,
    wer­den wir unse­rem Gott nie­mals dienen.

  2. Eine sehr rea­lis­ti­sche und gnä­di­ge Sicht, ohne die Sün­de zu dulden.
    Sehr hilf­reich für mei­nen Dienst im Wort.

  3. Wenn der Pre­di­ger war­ten müß­te, bis er voll­kom­men ist, so wür­de das Evan­ge­li­um wohl nie gepre­digt werden.”
    So oder ähn­lich soll es Luther gesagt haben. Stimmt das, und wo fin­de ich das?

    1. Hal­lo Herr Berger
      da eine E‑Mail Adres­se in Ihrem Kom­men­tar steht, habe ich den Teil ent­fernt. Ich weiß nicht, wo die­ses Zitat zu fin­den ist und ob es von Luther stammt. Gehört habe ich es auch bereits. Viel­leicht weiß ja einer mehr und kann das hier kommentieren?
      LG
      Chris

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