Das Curriculum – Die Integration von Logos an einer theologischen Ausbildungsstätte – Teil 5

DAS CURRICULUM – Die Integration von Logos an einer theologischen Ausbildungsstätte 5

Soll der Traum von der Inte­gra­tion von Logos an ein­er the­ol­o­gis­chen Aus­bil­dungsstätte (siehe „Der Traum“) Wirk­lichkeit wer­den, braucht es im wesentlichen zwei Dinge. Ein­er­seits müssen alle Studieren­den ein Logos-Paket bekom­men, das für ihre Aus­bil­dung und ihren Kon­text zugeschnit­ten ist (wie das möglich ist, kannst du in den Beiträ­gen 2–4 nach­le­sen). Das ist aber bei Weit­em nicht alles. Wenn die Inte­gra­tion von Logos wirk­lich gelin­gen soll, dann muss der Umgang mit der Soft­ware tat­säch­lich ins ganze Cur­ricu­lum inte­gri­ert wer­den. Dies muss päd­a­gogisch und didak­tisch durch­dacht und reflek­tiert geschehen. Es braucht also konkrete Lernziele, Ler­nak­tiv­itäten und auch Lern­nach­weise. Und genau das ist The­ma dieses fün­ften Beitrages. Der Artikel soll Ihnen helfen, den Umgang mit Logos didak­tisch reflek­tiert zu lehren.

Das Konzept des Constructive Alignments

In den let­zten Jahrzehn­ten fand ein all­ge­mein­er bil­dungs­the­o­retis­ch­er Par­a­dig­men­wech­sel statt – auch an the­ol­o­gis­chen Aus­bil­dungsstät­ten. Dieser tief greifende Wan­del der päd­a­gogis­chen und didak­tis­chen Überzeu­gun­gen, hat zu ein­er neuen Lernkul­tur geführt, die durch min­destens vier Charak­ter­is­ti­ka gekennze­ich­net ist:

  1. Der Fokus der neuen Lernkul­tur liegt auf dem learn­ing des Ler­nen­den und seinem Kom­pe­ten­zgewinn, nicht mehr vor­rangig auf dem teach­ing des Lehrenden.
  2. Im Mit­telpunkt der neuen Lernkul­tur ste­ht der Stu­dent, nicht mehr der Dozent.
  3. Es geht beim neuen Ler­nen nicht mehr auss­chließlich um die (immer noch notwendi­ge) Ver­mit­tlung von Inhal­ten, son­dern v. a. um die Entwick­lung von Kompetenzen.
  4. Die neue Lernkul­tur ori­en­tiert sich zen­tral an Learn­ing-Out­comes bzw. Lernzie­len. Entschei­dend ist nicht primär die Frage „Welche Stoffe müssen Studierende beherrschen?“, son­dern v. a. die Frage „Über welche Kom­pe­ten­zen müssen Studierende am Ende verfügen?“

Für die Inte­gra­tion von Logos entschei­dend ist vor allem Let­zteres. Jedes päd­a­gogis­che Han­deln inner­halb ein­er Aus­bil­dung muss sich an konkreten Lernzie­len ori­en­tieren. Damit ver­bun­den ist das Konzept des Con­struc­tive Alig­ments.

Unter Con­struc­tive Align­ment bzw. Didak­tis­chem Dreis­chritt ver­ste­ht man in der Päd­a­gogik die Kohärenz bzw. Pas­sung zwis­chen Lernzie­len, Lehr- und Lern­meth­o­d­en und Kom­pe­ten­z­nach­weisen. Effek­tives Ler­nen geschieht dem­nach dort, wo im Vor­feld konkrete Lernziele for­muliert wur­den, die im Unter­richt genutzten Lehr- und Lern­meth­o­d­en die Entwick­lung hin zu diesen Lernzie­len unter­stützen und sich dann auch die Lern­nach­weise an diesen Lernzie­len orientieren.

Ich bin davon überzeugt, dass the­ol­o­gis­che Aus­bil­dungsstät­ten und andere Werke nur dann ihren Studieren­den einen kom­pe­ten­ten Umgang mit Logos beib­rin­gen kön­nen, wenn sie sich an diesen didak­tis­chen Dreis­chritt hal­ten. Von daher lohnt es sich, die einzel­nen Bestandteile etwas näher anzuschauen. Um das Ganze so anschaulich wie möglich zu machen, werde ich immer wieder Beispiele nen­nen, wie wir die konkreten Schritte bei uns an der Bibelschule Brake umge­set­zt haben.

Lernziele

Lernziele sind kompetenz‑, out­put- und hand­lung­sori­en­tierte Zielfor­mulierun­gen, die deut­lich machen, was ein Ler­nen­der am Ende eines Lern­prozess­es kann und weiß bzw. welche Ein­stel­lun­gen, Werte und Fer­tigkeit­en er erwor­ben hat. Lernziele beze­ich­nen also das, was Ler­nende wis­sen, ver­ste­hen und in der Lage sind zu tun, nach­dem sie einen Lern­prozess abgeschlossen haben.

Wer Logos in sein Cur­ricu­lum inte­gri­eren will, sollte deshalb mit fol­gen­der Frage begin­nen: Was soll der Studierende am Ende der Aus­bil­dung mit Logos kön­nen? Am Anfang muss die Frage nach dem Wis­sen und Kön­nen bzw. den Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en am Ende des Lern­prozess­es ste­hen. Wichtig ist dabei, dass man – wie bei allen Lernzielfor­mulierun­gen – vom Ende her denkt. Die Frage ist also, was der Ide­al­ab­sol­vent der Aus­bil­dungsstätte in Bezug auf Logos wis­sen, kön­nen und tun soll.

Die besten Ergeb­nisse erhält man auch hier, wenn man die Lernziele gemein­sam entwick­elt. In unserem Fall war es so, dass wir mehrere Kol­legiumssitzun­gen hat­ten, an denen alle Dozen­ten zusam­men an den Lernzie­len gear­beit­et haben. Das Ergeb­nis sieht für unser drei­jähriges Pro­gramm wie fol­gt aus:

Der Studierende…

  1. ken­nt die Benutze­r­ober­fläche von Logos und ver­ste­ht das dahin­ter­liegende Prinzip (v. a. Arbeits­bere­iche, Bib­lio­thek, Assis­ten­ten, Stu­di­en­hil­fen, usw.).
  2. nutzt die ver­schieden­sten Ressourcen von Logos (Bibel­texte; Kom­mentare; Lexi­ka; Wörter­büch­er; Stu­di­en­hil­fen; Werkzeuge; usw.) und kann entschei­den, welche Ressource für welche konkrete Auf­gabe am besten geeignet ist.
  3. kann Bibel­texte mith­il­fe von Logos unter­suchen, kom­men­tieren, markieren und ver­gle­ichen, sowie alt- als auch neutes­ta­mentliche Par­al­lel­stellen find­en und begründen.
  4. gebraucht Logos zuse­hends, um Perikopen abzu­gren­zen und Bibel­texte zu gliedern (Perikopen­analyse; Gliederun­gen; Satz­di­a­gramme, usw.).
  5. ist in der Lage, ver­schiedene Bibelüber­set­zun­gen in Logos zu ver­gle­ichen und auf­grund des Urtextes begrün­dete Entschei­dun­gen zu treffen.
  6. kann mit Logos erk­lären, wie die LXX alttes­ta­mentliche Texte über­set­zt und welchen Ein­fluss das auf die neutes­ta­mentlichen Zitate des ATs hat.
  7. entwick­elt einen sicheren Umgang mit dem hebräis­chen, aramäis­chen und griechis­chen Grund­text der Bibel und kann die gram­matikalis­chen und syn­tak­tis­chen Angaben von Logos sich­er deuten.
  8. nutzt die wis­senschaftlichen Stan­dard­wörter­büch­er (Pons; Gese­nius; DCH; THAT; Bauer-Aland, EWNT, LSJ) in Logos fachkundig und inter­pretiert deren Angaben kompetent.
  9. verknüpft die mor­phol­o­gis­chen und syn­tak­tis­chen Angaben von Logos mit Stan­dard­gram­matiken (Gese­nius-Kautzsch; NSS; Blaß, Sieben­thal) und kann deren exegetis­che Bedeu­tung erklären.
  10. führt mit Logos Wort­stu­di­en im Grund­text durch, analysiert die bere­it­gestell­ten Dat­en und for­muliert deren exegetis­chen Ertrag.
  11. erlernt den grundle­gen­den Umgang mit den tex­tkri­tis­chen Appa­rat­en von BHS und NA in Logos und kann damit wesentliche tex­tkri­tis­che Fra­gen selb­st beurteilen.
  12. führt kom­plexere Suchen in Logos aus (gram­matikalis­che Kon­struk­tio­nen, Per­so­n­en; Orte; Ereignisse; The­men usw.) und kann deren Ergeb­nisse deuten.
  13. arbeit­et mit Hil­fe von Logos zeit­geschichtliche, kul­turelle und his­torische Hin­ter­gründe zu Bibel­tex­ten her­aus (Bibellexi­ka; Zeittafeln; Atlanten; Fak­ten­buch; usw.).
  14. ver­wen­det Logos zunehmend zur Bear­beitung von The­men und sys­tem­a­tisch-the­ol­o­gis­chen Fragestel­lun­gen (the­ma­tis­che Bibel­stel­len­suche; The­me­nas­sis­tent; Dog­matikas­sis­tent; Verknüp­fung zu Dog­matiken; usw.).
  15. nutzt Logos und vor allem dessen Predigte­d­i­tor inten­siv und kom­pe­tent in der Vor­bere­itung von Predigten und bib­lis­chen Botschaften.
  16. lernt, Logos als wis­senschaftliche Quelle und Bib­lio­thek für Fachar­beit­en usw. zu nutzen.
  17. ver­ste­ht und benutzt Logos mehr und mehr als lebenslanges Werkzeug und Daten­bank für sein the­ol­o­gis­ches Arbeit­en (eigene Bibellese; eigene Noti­zen und Ressourcen; indi­vidu­elle Anpas­sung; Wieder­holen von Bibel­versen, usw.)

Natür­lich sind diese Lernziele auf unsere Aus­bil­dung und unseren Kon­text zugeschnit­ten. Allerd­ings kön­nen sie dur­chaus als Grund­lage für ähn­lich aus­gerichtete Aus­bil­dun­gen dienen.

Lehr- und Lernaktivitäten

Die For­mulierung von Lernzie­len ist das eine. Wichtig ist nun, dass die Lehr- und Ler­nak­tiv­itäten im Unter­richt selb­st die Entwick­lung hin zu diesen Lernzie­len fördern. Die Frage muss deshalb immer sein: Welche Lehr- und Ler­nak­tiv­itäten helfen dem Studieren­den, die Lernziele in Bezug auf Logos zu erre­ichen? Das Unter­richts­geschehen darf also nie los­gelöst von den Lernzie­len sein – auch nicht in Bezug auf Logos.

Unser­er Erfahrung nach kommt man hier am ehesten voran, wenn man eine Über­sicht erar­beit­et, in der alle Lehr- und Ler­nak­tiv­itäten in Bezug auf Logos über die gesamte Aus­bil­dung deut­lich wer­den. Am besten geschieht dieser Arbeitss­chritt wieder im gesamten Kol­legium. Die Über­sicht soll klar machen, wer, was, in welchem Fach und auf welchem Lev­el unter­richtet (Fach; Dozent; Lev­el). Wenn ich zum Beispiel dem ersten Jahrgang im Fach Exo­dus beib­ringe, wie man eine hebräis­che Wort­studie zum Wort תֵּבָה in Exo­dus 2,3 macht und dies das erste Mal ist, dass die Studieren­den etwas über Wort­stu­di­en in Logos hören, dann trage ich unter Lernziel 10 „Exo­dus; StS; 1“ ein. Ins­ge­samt kön­nte das dann – aus­ge­hend von den oben genan­nten Lernzie­len – wie fol­gt aussehen:

Lernziel1. Jahrgang2. Jahrgang3. Jahrgang
#1Fach; Dozent; Level
#2
#3
#4
#5
#6
#7
#8
#9
#10Exo­dus; StS; 1
#11
#12
#13
#14
#15
#16
#17

Zu beacht­en ist bei dieser Art der Cur­ricu­lum­sin­te­gra­tion Folgendes:

  1. Jedes Lernziel muss inner­halb der gesamten Aus­bil­dungszeit min­destens ein­mal vorkom­men. Dabei sollte die Kom­pe­ten­zen­twick­lung in Bezug auf Logos beachtet wer­den (Grund­sät­zlich­es eher am Anfang der Aus­bil­dung; Kom­plex­eres eher am Ende).
  2. Jedes Lernziel sollte nicht nur ein­ma­lig, son­dern mehrfach the­ma­tisiert wer­den, denn: „Wieder­hol­ung ist die Mut­ter allen Ler­nens.“ Das bedeutet ein­er­seits, dass die gle­ichen Lernziele in unter­schiedlichen Aus­bil­dungs­jahren the­ma­tisiert wer­den müssen. Ander­er­seits meint das aber auch, dass ein und das­selbe Lernziel inner­halb eines Jahrgangs häu­figer und von ver­schiede­nen Dozen­ten the­ma­tisiert wer­den kann und sollte. 
  3. Die Über­sicht über die Lehr- und Ler­nak­tiv­itäten ist keine bloße Absicht­serk­lärung – die entsprechen­den Kom­pe­ten­zen müssen auch tat­säch­lich unter­richtet wer­den. Ger­ade dieser Überblick kann dem Stu­di­en­dekan oder anderen ver­ant­wortlichen Per­so­n­en helfen, mit den einzel­nen Dozen­ten ihre Lehr- und Ler­nak­tiv­itäten in Bezug auf Logos zu reflektieren.

Kompetenznachweise

Um Logos ganzheitlich in das Cur­ricu­lum zu inte­gri­eren, müssen wir schließlich noch über Kom­pe­ten­z­nach­weise nach­denken. Die Lern- und Leis­tung­se­val­u­a­tion ist ein zen­traler Bestandteil des Con­struc­tive Align­ments. Entschei­dend ist hier ein Zweifaches:

  1. Leis­tungsnach­weise müssen sich an den for­mulierten Lernzie­len ori­en­tieren. Es muss also das geprüft wer­den, was als Ziel aus­gegeben und in den Lehrver­anstal­tun­gen tat­säch­lich gelehrt wurde.
  2. Leis­tungsnach­weise gehören zum Lern­prozess und müssen deshalb inner­halb ein­er Lehrver­anstal­tung erfol­gen, nicht erst an deren Ende. Nur so kommt das for­ma­tive Poten­zial von Leis­tungsnach­weisen zur Geltung.

Die Frage muss also immer auch sein: Wie weist der Studierende nach, dass er die Lernziele in Bezug auf Logos erre­icht hat? Hier wird vor allem eines deut­lich: Wenn Logos ganz zen­tral in die the­ol­o­gis­che Aus­bil­dung inte­gri­ert wird, dann hat das auch Auswirkun­gen auf Prü­fungs­for­men und Leis­tungsnach­weise. Wenn eine Aus­bil­dungsstätte mit Logos ver­bun­dene Lernziele in ihr Cur­ricu­lum aufn­immt, dann muss es auch Prü­fungs­for­men geben, die den Gebrauch von Logos und das Erre­ichen der Lernziele evaluieren. Logos muss also auch Teil der Prü­fun­gen werden.

Hier sind ver­schiedene Wege denkbar. Ein­er­seits kön­nte Logos als Werkzeug für die bish­eri­gen Prü­fun­gen zuge­lassen wer­den. Noch bess­er ist es aber, wenn man die Studieren­den selb­st in Logos Auf­gaben erledi­gen lässt (z. B. über indi­vidu­ell angepasste Stu­di­en­hil­fen), die dann online abgegeben und bew­ertet wer­den. Wie das konkret ausse­hen kann, werde ich im siebten Teil dieser Rei­he („Der Unter­richt“) beschreiben.

Fazit

Die Inte­gra­tion von Logos in eine the­ol­o­gis­che Aus­bil­dung wird nur dann gelin­gen, wenn dies päd­a­gogisch und didak­tisch durch­dacht geschieht. Am wichtig­sten ist dabei die For­mulierung von konkreten Lernzie­len, die Anpas­sung der Lehr- und Ler­nak­tiv­itäten im Unter­richt und passende for­ma­tive Leistungsnachweise.

So What?!

Was ich auf der Ebene ein­er the­ol­o­gis­chen Aus­bil­dungsstätte beschrieben habe, gilt nicht nur dort. Wo auch immer Sie Logos inte­gri­eren wollen: Denken Sie doch ein­mal über Ihre konkreten Lernziele, die entsprechen­den Lehr- und Ler­nak­tiv­itäten und die For­men der Kom­pe­ten­z­nach­weise nach. Wenn Sie auf diesen drei Ebe­nen eine hohe Pas­sung erre­ichen, wer­den Sie andere für Logos begeis­tern und befähi­gen – und damit Ihrem Traum ein großes Stück näher kom­men. Auf gehts!


Über den Autor: Stephanus Schäl ist Dozent für Altes Tes­ta­ment an der Bibelschule Brake, pro­moviert ger­ade in Lead­er­ship in The­o­log­i­cal Edu­ca­tion an der Colum­bia Inter­na­tion­al Uni­ver­si­ty und gehört unter anderem zum Leitung­steam vom Bibel­pro­jekt und visio­me­dia.

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Stephanus Schäl
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