Erkenne die Struktur des Bibeltextes – Die erste Phase der Exegese [Teil 06]

Von Thomas Powilleit

Homiletik, Predigt, Propositionale Gliederung, Psalmenexplorer, Satzschaubild

Um einen Bibel­text rich­tig zu erfas­sen, ist es wich­tig, die Haupt­aus­sa­ge des Tex­tes zu ver­ste­hen. Die Haupt­aus­sa­ge fin­det man her­aus, indem man den Text beim mehr­ma­li­gen Lesen in Sinn­ein­hei­ten unter­teilt, aus der sich dann eine aus­führ­li­che Glie­de­rung des Tex­tes ergibt. Sie ist oft die Grund­la­ge für spä­te­re Pre­dig­t­über­schrif­ten. Wer sich also viel Zeit für die Arbeit am Text nimmt, wird es spä­ter bei der Aus­ge­stal­tung der Pre­digt ein­fa­cher haben.

Erkenne Textgattungen und suche nach Gliederungsmöglichkeiten

Zunächst ist es wich­tig, sich die Fra­ge zu stel­len, zu wel­cher Text­gat­tung der jewei­li­ge Text gehört. Davon hängt es ab, wel­che Text­tei­le man zu einer Ein­heit zusam­men­fasst. Es ist ein Unter­schied, ob man über einen Lehr­text oder einen poe­ti­schen Text reden will. Ob man über Gleich­nis­se spricht oder Erzäh­lun­gen als Pre­digt­grund­la­ge nimmt.

Die­ser Schritt nach der Bestim­mung der Text­gat­tung wird spä­ter unbe­wusst ablau­fen. Doch soll­te man die Fra­ge nach der Text­gat­tung bewusst stel­len, wenn man noch nicht so viel Erfah­rung im Umgang mit bibli­schen Tex­ten hat.

Wenn man etwas sys­te­ma­ti­scher ver­an­lagt ist, kann man sich eine Vor­la­ge erstel­len, auf der die Fra­ge steht: „Mit wel­cher Text­gat­tung habe ich es zu tun?“ Dann kön­nen die erwähn­ten Text­gat­tun­gen dort auf­ge­führt sein, so dass man nur noch das Ent­spre­chen­de ankreu­zen muss.

Auf poe­ti­schen Tex­ten wie den Psal­men, darf man kei­ne dog­ma­ti­schen Aus­sa­gen auf­bau­en. Auch kann man die bild­haf­te Spra­che nicht immer wört­lich neh­men. So führt Gott sei­ne Nach­fol­ger nicht buch­stäb­lich auf eine Wei­de, wie in Psalm 23 beschrie­ben. Der Sinn des Bil­des ist, dass Gott für jeden Gläu­bi­gen des­sen gan­ze Erfül­lung sein will. Die­ses Bild zu ver­ste­hen und zu erklä­ren, dar­um geht es immer wie­der bei poe­ti­schen Texten.

Bei Erzäh­lun­gen ist es hilf­reich, die Sinn­ein­hei­ten nach den Orten der beschrie­be­nen Hand­lung abzu­gren­zen. So könn­te man bei der Weih­nachts­ge­schich­te in Lukas 2 fra­gen: Was fand in Jeru­sa­lem statt und was schloß sich dann in Beth­le­hem an? In 1. Mose 13 kann die Ein­tei­lung nach Per­so­nen hilf­reich sein. Dar­aus ent­ste­hen Fra­gen wie: Was sagt Abra­ham? Wie reagiert Lot? Wel­che Mei­nung haben die Kanaa­ni­ter, die im Land wohnen?

Auch der Fort­schritt einer Erzäh­lung kann eine gute Vor­la­ge für eine Glie­de­rung sein. Am Bei­spiel von 1. Mose 19 könn­te die Glie­de­rung in Sinn­ein­hei­ten lauten:

  • Gott begeg­net Abraham.
  • Abra­ham betet für Sodom.
  • Lot wird aus Sodom auf­grund des Gebe­tes des Abra­ham gerettet.
  • Die Töch­ter Lots geben sich dem Inzest hin.

In Grun­de genom­men geht es bei der Suche nach Sinn­ein­hei­ten oder Glie­de­rungs­schwer­punk­ten dar­um, den Fort­schritt der Erzäh­lung oder die Argu­men­ta­ti­ons­ket­te zu verstehen.

Die mit Abstand meis­ten Tex­te, über die gepre­digt wird, sind Lehr­tex­te. Um Lehr­tex­te in Sinn­ein­hei­ten auf­zu­tei­len, muss man feststellen:

  • Was sind Haupt­sät­ze und was Nebensätze?
  • Wo begin­nen neue Gedanken?
  • Wel­che Gedan­ken gehö­ren zusammen?

Sol­che Zusam­men­hän­ge ent­deckt man am bes­ten, indem man für sich selbst for­mu­liert, was in bestimm­ten Ver­sen aus­ge­sagt wird. Dadurch erkennt man oft auch, wo ein neu­er Gedan­ke beginnt.

Schaffe dir eine Vorlage, um den Text zu gliedern

Men­schen sind ver­schie­den. Man­che brau­chen immer einen glei­chen Ablauf, für ande­re ist das zu lang­wei­lig. Sie lie­ben die Abwechs­lung. Bei der Vor­be­rei­tung einer Pre­digt ist es aber sehr hilf­reich, eine gewis­se Struk­tur, ein Sche­ma zu haben, an das man sich hält. Es spart Zeit, weil man nicht immer wie­der neu über­le­gen muss, wie man die­ses mal die Pre­digt vor­be­rei­tet. Ein Sche­ma hilft auch, wich­ti­ge Schrit­te in der Pre­digt­vor­be­rei­tung zu ver­in­ner­li­chen und kei­ne Schrit­te zu über­se­hen. Ich fin­de es hilf­reich für sich selbst “Vor­la­gen zur Pre­digt­vor­be­rei­tung” zu erstel­len, mit denen man die Pre­digt vorbereitet.

So eine Vor­la­ge könn­te eine, in einem Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramm erstell­te Tabel­le mit vier Spal­ten sein. In der drit­ten Spal­te von links fügt man den Bibel­text in 9er Schrift ein.

In der zwei­ten Spal­te von links fügt man hand­schrift­lich (dazu müss­te man die Tabel­le aus­dru­cken) oder mit dem Com­pu­ter Stich­wor­te zu den ein­zel­nen Sinn­ein­hei­ten des Tex­tes ein. Zur bes­se­ren Über­sicht könn­te man die Sinn­ein­hei­ten durch Absät­ze von­ein­an­der trennen.

In die ers­te Spal­te von links fasst man ver­schie­de­ne Sinn­ein­hei­ten zusam­men und fin­det dafür zusam­men­fas­sen­de Über­schrif­ten. Die­se Über­schrif­ten wer­den spä­ter die Grund­la­ge für die Pre­dig­t­über­schrif­ten sein.

In die vier­te Spal­te von links schreibt man alle Fra­gen und Beob­ach­tun­gen, die man selbst zum Text hat und die man im Ver­lauf der Pre­digt­vor­be­rei­tung spä­ter wie­der auf­grei­fen wird.

In Logos 8 gibt es dafür vor­ge­fer­tig­te Stu­di­en­hil­fen, die in einem ande­ren Bei­trag vor­ge­stellt werden.

Nutze Logos als Unterstützung bei der Textgliederung

Wer mit Logos arbei­tet, hat die Mög­lich­keit, Fea­tures zu nut­zen, die sehr dabei hel­fen, einen Text sinn­voll zu glie­dern. Eini­ge die­ser Mög­lich­kei­ten stel­le ich jetzt vor.

Proportionale Gliederung

Die Pro­por­tio­na­le Glie­de­rung hilft sehr, den Gedan­ken­gang des Tex­tes zu erfas­sen. Man schal­tet sie ein, indem man eine Über­set­zung ver­wen­det, die für die­se Funk­ti­on geeig­net ist, wie z.B. Luther 1984. Die pro­por­tio­na­le Glie­de­rung beschreibt vor allem die Rela­ti­on der Sät­ze zuein­an­der. Wenn man auf die ent­spre­chen­de Beschrei­bung geht, taucht eine Beschrei­bung die­ses Aus­dru­ckes auf. Durch die­se Funk­ti­on erkennt man bes­ser die Auf­for­de­run­gen, Begrün­dun­gen, Bedin­gun­gen, Ergeb­nis­se und vie­les ande­re mehr.

Proportionale Gliederung in Logos

Der Psalmenexplorer

Mit dem Psal­men­ex­plo­rer bekommt man Zugang zu dem hebräi­schen Ver­ständ­nis von Poe­sie. Hier kann man sehr gut Ent­spre­chun­gen erken­nen. Immer wie­der ist es in den Psal­men so, dass die ent­spre­chen­den The­men, über die der Psalm spricht, kunst­voll in einer fes­ten Rei­hen­fol­ge ange­ord­net sind. Die­se Rei­hen­fol­ge erkennt man mit die­sem Tool auf einen Blick. Des­halb hilft der Psal­men­ex­plo­rer Glie­de­run­gen zu ent­de­cken, die man selbst nie­mals ent­deckt hät­te, weil das ent­spre­chen­de Hin­ter­grund­wis­sen fehlt.

Der Psalmenexplorer in Logos

Satzschaubild

Durch die Funk­ti­on „Cas­ca­dia Syn­tax Graph“ zeigt Logos die gram­ma­ti­ka­li­sche Funk­ti­on jedes ein­zel­nen Wor­tes. Grund­sätz­lich: Ein Satz­schau­bild ver­sucht, den Haupt­satz her­aus­zu­fin­den und die Funk­ti­on der Wor­te zu ergrün­den. Es geht nicht so sehr um den gedank­li­chen Zusam­men­hang der Sät­ze und ihre Bezie­hung zuein­an­der. Die­ser gedank­li­che Zusam­men­hang wird mehr durch die pro­por­tio­na­le Glie­de­rung gezeigt.

Satzschaubild in Logos

Einer der wich­tigs­ten Schrit­te zur Aus­le­gung der Bibel­tex­te ist also, den Text zu glie­dern und dem Gedan­ken­gang des Autors zu fol­gen. Hier­für gibt es ver­schie­de­ne Hilfs­mit­tel. Eini­ge davon habe ich in die­sem Blog vor­ge­stellt. Grund­sätz­lich gilt: Wenn ein Hilfs­mit­tel mir hilft, die Glie­de­rung des Tex­tes zu erfas­sen, muss ich nicht noch ein wei­te­res Tool ein­set­zen. Ich set­ze immer nur soviel Tools ein, wie ich brau­che, um eine bestimm­te Fra­ge zufrie­den­stel­lend zu beant­wor­ten. Soll­te ich das mit einem Tool nicht errei­chen, grei­fe ich auf ein ande­res zurück.

Schreibt doch bit­te in die Kom­men­ta­re: Wie glie­dert ihr Bibel­tex­te? Was hilft euch, die Glie­de­rung zu erkennen?

Hier die Über­sicht über bis­her ver­öf­fent­lich­te Arti­kel die­ser Reihe:

Über den Autor: Tho­mas Powil­leit ist Pas­tor der evan­ge­li­schen Frei­kir­che „Evan­ge­li­um für Alle“ in Stutt­gart (www​.efa​-stutt​gart​.de). Neben sei­nen Auf­ga­ben dort ist er über­ört­lich vor allen Din­gen im Rah­men des gleich­na­mi­gen Netz­wer­kes „Evan­ge­li­um für Alle“ zu Semi­na­ren und aus­ge­wähl­ten Ein­zel­ver­an­stal­tun­gen unterwegs.

Thomas Powilleit

Über den Autor

Thomas Powilleit ist Pastor der evangelischen Freikirche „Evangelium für Alle“ in Stuttgart (www.efa-stuttgart.de). Neben seinen Aufgaben dort ist er überörtlich vor allen Dingen im Rahmen des gleichnamigen Netzwerkes „Evangelium für Alle“ zu Seminaren und ausgewählten Einzelveranstaltungen unterwegs.

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  1. Hal­lo
    Schö­ne und hilf­rei­che Blog Bei­trä­ge Herr Powilleit!
    Wäre schön wenn ange­ben wäre, ab wel­chem Logos Paket die o.g. Tools ver­wen­det wer­den können.

    Grü­ße

    1. Hal­lo Samu­el, ger­ne lie­fe­re ich dir die Informationen:
      1. Die Pro­po­si­tio­na­le Glie­de­rung ist ab Sil­ber verfügbar.
      2. Den Psal­men­ex­plo­rer gibt es in Logos Gold.
      3. Cas­ca­dia Syn­tax Graph ist ab Sil­ber verfügbar.

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