Menge-Bibel: Einleitung und Biographie

Von Philipp Keller

Bibel, review

Kommt die Fra­ge nach einer guten, genau­en deut­schen Über­set­zung auf, wer­den meist Luther, Elber­fel­der und Schlach­ter genannt. Men­ge steht da meist im Abseits. Zu Unrecht! Die Men­ge-Über­set­zung ist sprach­lich gelun­gen. Aber was mir vor allem impo­nier­te, war ihre Entstehungsgeschichte…

Wieso ein Sprachwissenschaftler die ganze Bibel im Alleingang übersetzte

Her­mann Men­ge (1841–1939) war Leh­rer für Alt­phi­lo­lo­gie (Grie­chisch und Latein) und unter­rich­te­te 30 Jah­re am Gym­na­si­um, wo er auch Direk­tor war. Er war wirk­lich gut, so dass er für sei­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit das Prä­di­kat “Pro­fes­sor” erhielt (dies ist wohl einem heu­ti­gen Ehren-Pro­fes­sor-Titel gleich­zu­set­zen). Obwohl er sowohl Grie­chisch wie auch Hebrä­isch beherrsch­te, hat­te er sich bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung nie mit der Bibel aus­ein­an­der­ge­setzt. Als dann 1926 die Men­ge-Bibel her­aus­kam, waren sei­ne frü­he­ren Schü­ler und die Leser sei­ner Bücher über­rascht: Was hat denn die­sen Her­mann Men­ge dazu getrie­ben, die Bibel zu über­set­zen? Men­ge wuchs in einer vom Chris­ten­tum gepräg­ter Kul­tur auf: äußer­lich war er wohl christ­lich, aber inner­lich hat­te er kein Inter­es­se an Jesus. Wohl­ge­merkt: Sei­ne Schu­len gal­ten als christ­li­che Schu­len: Men­ge hielt zum Bei­spiel regel­mä­ßi­ge Mor­gen­an­dach­ten, aber dies tat er nicht aus einer Ehr­furcht zu Gott, son­dern es war im Deutsch­land sei­ner Zeit ein­fach selbst­ver­ständ­lich. In die­ser aka­de­mi­schen Welt war Men­ge äußerst erfolg­reich. Bis er 1899 bei der Vor­be­rei­tung einer Mor­gen­an­dacht merk­te, dass er die Bibel gar nicht wirk­lich kannte:

da trat mir die Erkennt­nis von mei­ner Unbe­kannt­schaft mit der Bibel in sol­cher Stär­ke vor die See­le, daß ich mich tief und auf­rich­tig zu schä­men begann und den fes­ten Ent­schluß faß­te, mich dem Stu­di­um der Bibel, und zwar zunächst des Neu­en Tes­ta­ments, mit aller Kraft zu wid­men [aus: »Wie ich zur Über­set­zung der Hei­li­gen Schrift gekom­men bin« im Anhang der Menge-Bibel]

Von da an hat­te es ihn “gepackt”. Auf sei­ner Suche nach Gott über­setz­te er das Neu­en Tes­ta­ment Stück für Stück: Zuerst die geschicht­li­chen Tei­le, dann die Brie­fe. Man­che Tei­le über­setz­te er sechs­mal: immer tie­fer grub er in die Schrift und ver­such­te das Gele­se­ne so gut als mög­lich in die deut­sche Spra­che zu über­tra­gen. Er ver­stand die Grat­wan­de­rung zwi­schen Ver­ständ­lich­keit und Zuver­läs­sig­keit. Sein Cre­do war:

nicht sowohl in ängst­li­cher Wei­se am Buch­sta­ben zu kle­ben, als viel­mehr sinn­ge­treu zu über­set­zen, ohne zu dem über­lie­fer­ten etwas hin­zu­zu­tun noch etwas davon weg­zu­las­sen [ebd.]

Ein hal­bes Jahr spä­ter bat er das Gym­na­si­um um eine vor­zei­ti­ge Ver­set­zung in den Ruhe­stand. Er woll­te sich ganz dem Über­set­zen wid­men. Nach­dem er sei­ne lau­fen­den Buch­pro­jek­te abge­schlos­sen hat­te, über­setz­te er in gut fünf Jah­ren das gesam­te Neue Tes­ta­ment. Er fand auch sofort einen Ver­le­ger. Für sei­ne Arbeit bekam er bes­te Rezen­sio­nen. Aber: Die Über­set­zung ver­kauf­te sich nicht. Doch Her­mann Men­ge gab nicht auf. Durch eine inne­re Stim­me getrie­ben, mach­te er sich auf, auch das Alte Tes­ta­ment zu über­set­zen. Obwohl er kei­ne Aus­sicht hat­te, für die kom­plet­te Bibel einen Ver­le­ger zu fin­den, arbei­te­te er zwölf Jah­re dar­an. Men­ge schreibt:

Ich darf mir mit gutem Gewis­sen das Zeug­nis aus­stel­len, daß ich zur Errei­chung mei­nes Zie­les kei­ne Mühe gescheut und kei­ne Zeit gespart habe. […]. [Ich] erleb­te das gera­de­zu wun­der­ba­re und nur durch Ein­wir­kung von oben her erklär­li­che Ergeb­nis, daß ich län­ger als zwölf Jah­re hin­durch bei Tag und bei Nacht der Über­tra­gung des Alten Tes­ta­ments oblag, und zwar so, daß ich der Außen­welt im Innern abge­stor­ben war und das Inter­es­se für die Beschäf­ti­gun­gen, die mich vordemgeistig gefes­selt hat­ten, unauf­halt­sam schwin­den fühl­te. [ebd.]

Doch was mach­te er nach den 12 Jah­ren? Er ver­schloss die voll­ende­te Über­set­zung in sei­nen Schreib­tisch! Er ver­such­te gar nicht erst, einen Ver­le­ger zu fin­den! Eini­ge Zeit spä­ter las er in einen Arti­kel von Pfar­rer Gau­ger, der die Elber­fel­der-Über­set­zung scharf kri­ti­sier­te. Men­ge war empört, denn er kann­te die Elber­fel­der-Über­set­zung als sehr genaue, gelun­ge­ne Über­set­zung. Er schrieb Gau­ger einen empör­ten Brief, wo er anführ­te, dass er sehr wohl etwas vom Bibel­über­set­zen ver­ste­he, denn er habe die Bibel selbst über­setzt. Gau­ger, der Men­ges Über­set­zung des Neu­en Tes­ta­ments kann­te, war sofort Feu­er und Flam­me und orga­ni­sier­te den Druck der gan­zen Men­ge-Bibel. Als sich der Druck ver­zö­ger­te, kam Gau­ger sel­ber für die Druck-Kos­ten auf. 1926 kam dann die gesam­te Men­ge-Bibel her­aus und ver­kauf­te sich 100’000 Mal innert 3 Jah­ren. Ein beacht­li­cher Erfolg! Den Rest sei­nes Lebens ver­brach­te Men­ge damit, sei­ne Über­set­zung zu kor­ri­gie­ren. Er konn­te es nicht ertra­gen, dass sei­ne Bibel Feh­ler ent­hielt, wel­che den Leser ein fal­sches Bild von Gott ver­mit­teln könn­ten. So lan­ge es sei­ne Augen zulie­ßen, kor­ri­gier­te er sei­ne Bibel, jeden Tag. Men­ge starb 1939 im Alter von 99 Jahren.

Wie Menge dazu kam, die Bibel zu übersetzen

Aber wie­so bloß hat­te sich Men­ge die Mühe genom­men, wenn er doch kei­ne Aus­sicht auf eine Ver­öf­fent­li­chung hat­te? Er, der es gewohnt war, sei­ne Wer­ke zur Alt­phi­lo­lo­gie zu publi­zie­ren – hät­te er nicht wenigs­tens ver­su­chen kön­nen, sein Werk dru­cken zu las­sen? Im Gegen­satz zu Men­ge hat­te z.B. Luther die Bibel dar­um über­setzt, weil das “nor­ma­le Volk” die dama­li­gen Bibel­über­set­zun­gen nicht ver­stand. Er woll­te die Bibel unters Volk brin­gen. Er glaub­te an “sola scrip­tu­ra” – die Schrift als end­gül­ti­ge Richt­schnur; und da war sei­ne Bibel ein Mit­tel zum Zweck. Men­ge aber über­setz­te die Bibel in der Absicht, Gott zu fin­den. Und Gott ließ sich fin­den: all­mäh­lich öff­ne­te der Geist Got­tes ihm die Geheim­nis­se der Schrift. Und in die­sem Pro­zess ent­stand eine gan­ze Über­set­zung. Die Über­set­zung ist sozu­sa­gen das Ergeb­nis von 17 Jah­ren unun­ter­bro­che­ner stil­ler Zeit. Es ist die Freu­de über die Schrift, Teil von Men­ges Anbe­tung. Und das, den­ke ich, macht die­se Über­set­zung so ein­zig­ar­tig. Im nächs­ten Bei­trag wer­den Ben­ja­min Mis­ja und ich die Men­ge-Bibel einem Elch­test unter­zie­hen und im letz­ten Bei­trag wer­de ich wei­te­re Vor­zü­ge der Men­ge-Bibel beschrei­ben.

Zur Men­ge Bibel im Shop.

Philipp Keller

Über den Autor

Das Wort Gottes nicht nur lesen, sondern auch bewundern. Das versucht Philipp selbst zu tun und andere dazu zu motivieren. Er ist Worship-Leiter und bloggt privat. Auf Twitter ist er erreichbar unter @philippkellr

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  1. I am glad to see that Logos is final­ly doing more with Ger­man works, but Ger­man Bible texts is pro­bab­ly the least important of them. Any Ame­ri­can who took the time to learn Ger­man to read theo­lo­gy pro­bab­ly alrea­dy reads the Bible in Hebrew and Greek. He wants to have avail­ab­le the count­less excel­lent Ger­man Bibli­cal and theo­lo­gi­cal works that will never be trans­la­ted into Eng­lish. The trick is get­ting them publis­hed. I sug­gested, for examp­le, put­ting the Ger­man Keil and Deli­txsch tit­les with the clas­sic com­men­ta­ry upgrades as they would be publis­hed a lot soo­ner than ent­i­re works in German.

    1. With the­se Ger­man bibles (which have been avail­ab­le this ent­i­re time, by the way), Logos is tar­ge­ting not Ame­ri­can rea­ders, but the Ger­man mar­ket. I’m sure you can under­stand that Ger­man users will be inte­res­ted in a solid base of qua­li­ty trans­la­ti­ons befo­re secon­da­ry works. That said, Tho­mas is hard at work secu­ring all the rights to a who­le bunch of Ger­man secon­da­ry works that will be incredi­b­ly use­ful once publis­hed. It’s nice to hear that Ger­mans aren’t the only ones eager­ly anti­ci­pa­ting more works in German!

    2. Well, in Ger­man lan­guage, there’s not even one free­ly licen­sed modern trans­la­ti­on (with the „Offe­ne Bibel“ on its way). Most of the digi­tal Ger­man Bible texts could be con­si­de­red inac­cu­ra­te, only litt­le che­cking and digi­ta­liz­a­ti­on is going on. I collec­ted most of ori­gi­nal Keil&Delitzsch com­men­ta­ry books, the­re are also scans of them avail­ab­le. An Eng­lish trans­la­ti­on of them is cur­r­ent­ly in print, but as they’­re trans­la­ted, they’­re cer­tain­ly under new copy­right pro­tec­tion without free licensing.

  2. I pre­fer the Her­mann Men­ge Bible Trans­la­ti­on becau­se of its hones­ty. Whe­re a text could have an other mea­ning, Men­ge gives it. Whe­re some words in the Hebrew text at his time were blot­ched or unread­a­ble, Men­ge reports it in bot­tom notes.

    I find, that after the dead Sea Scrolls’ dis­co­very someo­ne should have revi­sed Menge’s Bible Trans­la­ti­on, for surely some of the form­er­ly unread­a­ble words can now be clarified!.

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