Die Luther-Bibel – Wiege der Deutschen Bibeln

Mar­tin Luther über­set­zte die Bibel in ein­er Zeit, als immer noch die Mei­n­ung herrschte, die Bibel sei nichts für den “nor­malen Mann”. Es gab zwar schon andere deutsche Über­set­zun­gen, diese waren aber alles Wort-für-Wort–Übersetzungen aus der lateinis­chen Vulgata.

Lucas_Cranach_d.Ä._-_Martin_Luther,_1528_(Veste_Coburg)
Luthers Argu­men­ta­tion für eine freie Übersetzung

Luther wollte aber die Bibel dem Volk öff­nen und hielt nichts von den Wort-für-Wort-Über­set­zun­gen. Er schrieb:

man muss nicht die Buch­staben in der lateinis­chen Sprache fra­gen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, son­dern man muss die Mut­ter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt
drum fra­gen und densel­bi­gen auf das Maul sehen, wie sie reden, und dar­nach dol­metschen; da ver­ste­hen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet.

Er wurde scharf ange­grif­f­en – vor allem von der katholis­chen Kirche –, da er sich von der wörtlichen Über­set­zung dis­tanzierte und Redewen­dun­gen ins Deutsche übertrug. Luther schoss zurück: in seinem Sende­brief vom Dol­metschen nen­nt er seine Geg­n­er „Buchta­bilis­ten” und vertei­digte seine Art zu Übersetzen.

An was störten sich die Buch­sta­bilis­ten? An dem, dass Luther so über­set­zte: statt „Gegrüßet seist du, Maria voll Gnaden” schrieb er „Gegrüßet seist du, Maria du Hold­selige” (Lk 1:28), denn:

welch­er Deutsch­er ver­ste­het, was da heißt: voll Gnaden? Er muss denken an ein Fass voll Bier oder Beu­tel voll Geldes; darum hab ich’s verdeutscht: Du Holdselige

Anstatt „Aus dem Über­fluss des Herzens redet der Mund” über­set­zte er „Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über” (Mt. 12:34). Denn:

Was ist Über­fluss des Herzen für ein Ding? Das kann kein Deutsch­er sagen, es sein denn, er wollte sagen, es bedeute, daß ein­er ein allzu groß Herz habe oder zuviel Herz habe; wiewohl das auch noch nicht recht ist, denn Über­fluss des Herzens ist kein Deutsch, so wenig als das Deutsch ist: Über­fluss des Haus­es, Über­fluss des Kachelofens

Die Diskus­sion, ob die Bibel möglichst wörtlich oder möglichst ver­ständlich über­set­zt wer­den soll, ist span­nend und wird auch heute noch geführt, allerd­ings häu­fig viel zu erbit­tert: Im Netz tum­meln sich end­lose Schimpfti­raden gegen freie Über­set­zun­gen: Den freien Über­set­zun­gen wird vorge­wor­fen, das Wort Gottes so zu ver­drehen, dass es die eigene Ansicht­en unter­stütze. Iro­nis­cher­weise wer­den diese Argu­mente von Befür­wortern der alten Luther benutzt; ger­ade die Bibel, welche zu ihrer Zeit als “freie Über­set­zung” galt.

Dabei geht es doch darum, das Wort Gottes den Men­schen näher zu brin­gen. Und da ist es doch klasse, dass wir im deutschen Raum so viele ver­schiedene Über­set­zun­gen haben. Manche bevorzu­gen die Neue Gen­fer Über­set­zung, andere bevorzu­gen die Elber­felder. Geht doch!

die-bibel-nach-der-ubersetzung-martin-luthers
Das “Luther-Deutsch”

Doch zurück zu Luther: Als ich vor knapp 20 Jahren Christ wurde, kan­nte ich die Bibel noch gar nicht. Für mein per­sön­lich­es Bibel­studi­um bekam ich eine Luther-Bibel geschenkt. Ich erin­nere mich noch, wie ich jeden Mor­gen in dieser Bibel las und dabei nicht nur der Inhalt neu war, son­dern auch die Sprache: Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über (ste­ht immer noch in der Ver­sion von 1984!); das ver­stand ich zwar, ver­mit­telte aber, dass Chris­ten­tum etwas antiquiertes war. Nach einiger Zeit gewöh­nte ich mich daran und dachte: „Nun­ja, das ist halt, wie Gott spricht”.

Was heute etwas antiquiert klingt, war zu Luthers Zeit höchst aktuell: Luther hat “dem Volk auf’s Maul geschaut”: Statt die lateinis­chen oder griechis­chen Wörter direkt zu über­tra­gen, hat er Wörter aus der
Umgangssprache sein­er Zeit genom­men und diese benutzt, um den Text zu erk­lären. Dabei hat er einige Wörter erfun­den oder zumin­d­est geprägt und hat so sog­ar das “Hochdeutsch” (näm­lich dem Deutsch in der Region Luthers) zum Stan­dard-Deutsch erhoben.

Ein paar Beispiele:

  1. Das Scher­flein der Witwe (Lk. 21:2): Ein Scherf war eine geringe Kupfer­münze in sein­er Region zur Zeit von Luther, nicht etwa eine Geld­münze zur Zeit des neuen Testaments.
  2. Das Licht unter den Schef­fel stellen (Mt. 5:15). Schef­fel war nicht etwa eine Mas­sein­heit der Zeit Jesu’ son­dern diese wurde ab dem Mit­te­lal­ter benutzt.
  3. Götze (z.B. Apg 15:20) Das griechis­che Wort ist εἴδωλον (eidōlon) und wörtlich über­set­zt wäre es “Idol”, Luther hat hier das mit­tel­hochdeutsche Wort “Götze” genom­men, das zu dieser Zeit ein Wort für Heili­gen­bilder war (auch die der katholis­chen Kirche!).
  4. Magd (z.B. Lk 1:48) oder Knecht (z.B. Lk 7:2): Das griechis­che Wort kommt von odδοῦλος (dou­los) und beze­ich­net ein Sklave oder ein Bedi­en­steter. Zu Luthers Zeit sagte man dem eben Knecht oder Magd.

Span­nend ist nun, dass Scher­flein, Schef­fel und Götze alles Wörter sind, welche wir heute nur noch aus der Bibel ken­nen; zur Zeit Luthers aber waren es Wörter der Umgangssprache. Das wären eigentlich die
Wörter, welche von mod­er­nen Über­set­zun­gen erset­zt wer­den müssten.

Eige­nar­tig ist, dass alle pop­ulären deutschen Bibel-Über­set­zun­gen (Luther, Elber­felder, Schlachter und die Zürcher-Bibel) noch immer Licht unter den Schef­fel haben, obwohl es dieses Maß längst nicht
mehr gibt. Eben­so ver­hält es sich mit Knecht oder Magd. Heute wären dies Bedi­en­stete oder Mitarbeiter.

Dies zeigt, was für einen enormer Ein­fluss die Luther-Bibel auf alle deutschen Bibel-Über­set­zun­gen hat­te und auch heute noch verübt. Sie war und ist die pop­ulärste aller deutschen Bibeln. Die Luther-Bibel lag ein­mal in jedem 5. deutschen Haushalt! Nun wagt es keine der namhaften Über­set­zun­gen, sich vom “Mit­te­lal­ter-Vok­ab­u­lar” von Luther zu lösen.

Das Prob­lem ist näm­lich, dass sich die Kirche so an die Über­set­zung gewöh­nte, dass neuere Über­set­zun­gen abgelehnt wur­den, welche eben diese Wörter durch neuere Begriffe erset­zen wollten.
So z.B. die Revi­sion der Luther­bibel von 1975: aus Schef­fel wurde Eimer und prompt wurde die Über­set­zung abgelehnt! Die Revi­sion wurde verspot­tet und kriegte den Über­na­men “Eimertes­ta­ment”. Die Men­schen hät­ten sich zu sehr an die Wörter gewöhnt.

Die neueste Revi­sion der Luther-Bibel (1984), machte also die Vorschläge von 1975 rück­gängig und nahm nur dort neueres Vok­ab­u­lar, wo die Verse nicht allzu bekan­nt waren.

Anmerkun­gen: Mis­chung zwis­chen lib­er­al und fundamentalistisch

Der Aus­druck “Sola Scrip­tura” geht auf Luther zurück, der Papst Leo 1520 auf­forderte die Bibel als ulti­ma­tive Autorität anzuerken­nen. So gese­hen war Luther fun­da­men­tal­is­tisch. Die heutige evan­ge­lis­che Kirche hat größ­ten­teils eine lib­eralere Auf­fas­sung der Bibel. Die Kom­mentare zum Text sind rel­a­tiv neu­tral aus­ge­fall­en. Die Geschichte von Jona wir kom­men­tiert mit “im alttes­ta­mentlichen Jonabuch wird erzählt…”. Es scheint also, als woll­ten die Schreiber auch in den Anmerkun­gen Luther treu bleiben.

Faz­it

Die Luther-Bibel ist die “Mut­ter aller deutschen Bibeln”. Sie war die erste Über­set­zung, welche große Ver­bre­itung fand, und noch heute ist der Ein­fluss auf alle namhaften deutschen Über­set­zun­gen enorm. Wer im deutschen Raum Bibel liest, kommt nicht um die Luther-Bibel herum.

Die Luther­bibel darf in kein­er guten Samm­lung fehlen. Erwer­ben Sie sie jet­zt auf logos​.com!


Das Wort Gottes nicht nur lesen, son­dern auch bewun­dern. Das ver­sucht Philipp Keller selb­st zu tun und andere dazu zu motivieren. Er ist Wor­ship-Leit­er und blog­gt pri­vat. Auf Twit­ter ist er erre­ich­bar unter @philippkellr

Teilen
Von
Philipp Keller

Das Wort Gottes nicht nur lesen, sondern auch bewundern. Das versucht Philipp selbst zu tun und andere dazu zu motivieren. Er ist Worship-Leiter und bloggt privat. Auf Twitter ist er erreichbar unter @philippkellr

Alle Artikel
Eine Antwort schreiben

1 Kommentar