Gute Nachricht Bibel – eine umfangreiche Textanalyse

Von Philipp Keller

Bibel, Bibelübersetzung, GNB, Gute Nachricht Bibel, Rezension, Test, Textkritik


Wir haben die Gute Nach­richt Bibel einem inten­si­ven Test unterzogen.

Wie schon bei der Men­ge-Bibel haben Ben­ja­min Mis­ja und Phil­ipp Kel­ler die Gute Nach­richt Bibel einem Elch-Test unter­zo­gen. Ben­ja­min Mis­ja hat als Über­set­zer bei der Offe­nen Bibel auch prak­ti­sche Erfah­rung im Bibel­über­set­zen. Phil­ipp Kel­ler beschäf­tigt sich inten­siv mit Bibel­über­set­zun­gen und hat dabei schon vie­le sprach­lich geprüft.

Seit der 1997er-Revi­si­on wirbt die deut­sche Bibel­ge­sell­schaft damit, dass die Gute Nach­richt Bibel (GNB) die zuver­läs­sigs­te der kom­mu­ni­ka­ti­ven deut­schen Über­set­zun­gen sei. Das ist natür­lich eine muti­ge Behaup­tung, wel­che wir hier nun tes­ten wollen.

Unse­re Ana­ly­se befasst sich schwer­punkt­mä­ßig mit dem Mat­thä­us- und Mar­kus­evan­ge­li­um. Für unse­re Ana­ly­se haben wir ein paar schwie­rig zu über­set­zen­de Stel­len genom­men. Die­se sind nicht wirk­lich reprä­sen­ta­tiv, denn der Groß­teil der Schrift­stel­len ist rela­tiv unkom­pli­ziert in der Über­set­zung. Die Ana­ly­se haben wir ein­ge­teilt in “1. Über­tra­gen von Aus­drü­cken” und “2. Fass­bar machen kom­pli­zier­ter Passagen”:

Wie die GNB Altertümliches in die Moderne überträgt

Wie in jeder Spra­che gibt es auch in den Spra­chen der Bibel Wör­ter und Wen­dun­gen, die man auf Deutsch nicht ein­fach genau­so sagen kann. Sei es, dass die Spra­che ein­fach anders funk­tio­niert als das Deut­sche, oder dass uns zum Ver­ständ­nis not­wen­di­ges Hin­ter­grund­wis­sen fehlt – den Lesern wür­de der Sinn ent­ge­hen, wenn man sie ein­fach eins zu eins wie­der­gä­be. Kurz vor­ne­weg: Die Gute Nach­richt Bibel als “dyna­misch-äqui­va­len­te” Über­set­zung hat zu die­sen Aus­drü­cken deut­sche Pen­dants gefun­den, wel­che eigent­lich durch­gän­gig sehr tref­fend sind.

Eine gelungene Abwechslung zu “siehe” und “wahrlich”


Bibli­sche Wort­stu­die zu ἰδού: häu­figs­te Über­set­zun­gen in der ESV

Das Wort “ἰδού” (Luther: ‘sie­he’) ist ein häu­fi­ges Wort. Im gan­zen Neu­en Tes­ta­ment kommt es 187 Mal vor. Manch­mal ist jedoch “sie­he” nicht sehr tref­fend, z. B. in Mk 10,28: “Da fing Petrus an und sag­te zu ihm: Sie­he, wir haben alles ver­las­sen und sind dir nach­ge­folgt”. Das deut­sche Wort “sie­he” deu­tet an, dass etwas mit den Augen wahr­nehm­bar ist. Die Bedeu­tung im Grie­chi­schen ist jedoch all­ge­mei­ner: Es hat die Funk­ti­on, die Auf­merk­sam­keit auf das Fol­gen­de zu len­ken. Die­se Funk­ti­on kann man nicht mit dem deut­schen “sie­he”, son­dern nur mit einer sinn­ge­mä­ßen Wie­der­ga­be errei­chen (Quel­le: Run­ge, Dis­cour­se Grammar, 5.4.2)

Eben­so häu­fig ist das “ἀμήν” (Luther: ‘wahr­lich’). Aus dem zeit­ge­nös­si­schen Juden­tum wie aus dem frü­hen Chris­ten­tum ist es als lit­ur­gi­sche Bekräf­ti­gungs­for­mel bekannt. Da wur­de es aller­dings immer am Ende der frag­li­chen Aus­sa­ge benutzt – ähn­lich wie wir ja auch heu­te beim Beten “Amen” sagen.

Nun betont aber Jesus eini­ge sei­ner Aus­sa­gen, indem er sie mit “amen” beginnt. Es soll kein Zwei­fel an der Zuver­läs­sig­keit des Gesag­ten auf­kom­men. Wört­lich über­set­zen kann man so ein Wört­chen kaum. Wenn “amen” ein Gebet abschließt, könn­te man das auf Deutsch natür­lich mit “Amen” respek­ti­ve “so sei es” wie­der­ge­ben, aber so über­setzt nicht ein­mal die Elber­fel­der-Bibel. Luthers Über­set­zung ‘wahr­lich’ fol­gen bis heu­te die meis­ten deut­schen Über­set­zun­gen. Die Über­set­zung der Guten Nach­richt: “Ich ver­si­che­re Euch” ist für den heu­ti­gen Leser ver­ständ­li­cher. Hier ein Bei­spiel aus Mk 10,28–29:

Gute Nach­richt Bibel Luther
28: Da sag­te Petrus zu Jesus: »Du weißt, wir haben alles ste­hen und lie­gen las­sen und sind dir gefolgt.« 28: Da fing Petrus an und sag­te zu ihm: Sie­he, wir haben alles ver­las­sen und sind dir nachgefolgt.
29: Jesus ant­wor­te­te: »Ich ver­si­che­re euch: Nie­mand bleibt unbe­lohnt, der um meinetwillen …« 29: Jesus sprach: Wahr­lich, ich sage euch: Es ist nie­mand, der Haus oder Brü­der oder Schwestern…

Unser Befund: zeit­ge­mäß und genau

Woher kommt das Kissen im Boot in Mk 4,38?

Als die Jün­ger auf dem See waren und ein Sturm auf­zog, schlief Jesus auf einem Kis­sen (Grie­chisch: προσκεφάλαιον). Dies wird in allen wört­li­chen Über­set­zun­gen mit “Kis­sen” über­setzt. Beim schnel­len Lesen könn­te man schlicht anneh­men, dass es sich dabei um ein Kopf­kis­sen han­del­te. Da stellt sich aber die Fra­ge: Wie­so führt ein Fischer­boot ein Schlaf­kis­sen mit? Hat­te es etwa auf einem Fischer­boot eine Schlaf­ge­le­gen­heit? Wohl kaum.

Es ist aller­dings bekannt, dass eini­ge Fischer­boo­te damals ein Sitz­kis­sen zum Kom­fort von Pas­sa­gie­ren oder Rude­rern an Bord führ­ten (Gue­lich 1989). Daher über­setzt die Gute Nach­richt Bibel hier “Sitz­kis­sen”. Das zeigt, dass für die­se Über­set­zung auch Infor­ma­tio­nen zur israe­li­schen Kul­tur zur Zeit Roms her­an­ge­zo­gen wur­den, um den Text für uns zugäng­li­cher zu machen.

Gute Nach­richt Bibel Luther
Jesus aber lag hin­ten im Boot auf dem Sitz­kis­sen und schlief. Und er war hin­ten im Boot und schlief auf einem Kis­sen.

Unser Befund: ver­ständ­lich, wenn auch nicht wörtlich

Was heißt: “Das Salz des Könighauses essen” in Esra 4,14?

In die Kate­go­rie “für den heu­ti­gen Leser ver­ständ­lich machen” fällt auch die Über­set­zung einer Wen­dung in Esra 4,14. Die Israe­li­ten mach­ten sich nach der baby­lo­ni­schen Gefan­gen­schaft dar­an, Jeru­sa­lem und den Tem­pel wie­der auf­zu­bau­en. Geg­ner die­ses Vor­ha­bens schick­ten einen Brief nach Baby­lon, um beim König einen Stopp der Bau­ar­bei­ten zu erwir­ken. Im Brief muss­ten sie dem König bewei­sen, dass sie auf sei­ner Sei­te stün­den. Dies taten sie mit den Wor­ten “weil wir aber das Salz des Königs­hau­ses essen”. Die­se Rede­wen­dung ist heu­te nicht mehr ver­ständ­lich. Ein Griff zu den Kom­men­ta­ren (Ryle 1901, 59f.; Loken 2011, 4:14) erläu­tert die Bedeu­tung: Der Aus­druck “das Salz des Königs­hau­ses essen” bedeu­tet wahr­schein­lich, dass sie durch den Palast die Unter­halts­leis­tun­gen erhiel­ten. Da sie vom König abhän­gig waren, woll­ten sie ihm auch nicht die Treue bre­chen. Daher über­setzt die Gute Nach­richt Bibel tref­fend: “Wir haben dem König Treue geschwo­ren”, und fügt fol­gen­de Fuß­no­te an:

Wört­lich: Wir haben das Salz des Palas­tes geges­sen. Durch Essen von Salz bekräf­tig­te man einen Ver­trag oder ein Bündnis.

Gute Nach­richt Bibel Luther
Wir haben dem König Treue geschwo­ren und kön­nen nicht taten­los zuse­hen, wenn sei­ne Rech­te ange­tas­tet wer­den. Dar­um schi­cken wir die­se Meldung. Weil wir aber das Salz des Königs­hau­ses essen und die Schmach des Königs nicht län­ger sehen wol­len, dar­um schi­cken wir hin und las­sen es den König wissen.

Unser Befund: Die Wie­der­ga­be der Rede­wen­dung nach ihrer wahr­schein­li­chen Bedeu­tung ist zwar Inter­pre­ta­ti­on, aber verständlicher.

Wie viele Tage vergehen bis zur Reinigung? (Lk 2,22)

Ein wei­te­res Bei­spiel, wo die Gute Nach­richt Bibel eine impli­zi­te Aus­sa­ge expli­zit macht, ist Lukas 2,22. Hier wird berich­tet, wie Josef und Maria Jesus nach sei­ner Geburt in den Tem­pel brach­ten, um das not­wen­di­ge Opfer dar­zu­brin­gen. Aus Levi­ti­kus 12,2–4 kann man ent­neh­men, dass die Zeit ab Geburt bis zum Opfer 40 Tage dau­er­te. Den Juden zur Zeit Jesu wäre das bekannt gewe­sen, dem heu­ti­gen Leser aber nicht mehr. Daher haben die Über­set­zer der GNB befun­den, die­se Infor­ma­ti­on in den Text ein­flie­ßen zu lassen.

Gute Nach­richt Bibel Luther
Vier­zig Tage nach der Geburt war die Zeit der Unrein­heit für Mut­ter und Kind vor­über, die im Gesetz Moses fest­ge­legt ist. Da brach­ten die Eltern das Kind in den Tem­pel nach Jeru­sa­lem, um es Gott zu weihen. Und als die Tage ihrer Rei­ni­gung nach dem Gesetz des Mose um waren, brach­ten sie ihn nach Jeru­sa­lem, um ihn dem Herrn darzustellen,

Unser Befund: pas­send für eine Lese­bi­bel, unpas­send für Studienzwecke

Wie die GNB komplizierte Passagen fassbar macht

Kom­men wir nun zu eini­gen Stel­len, wo zwar die blo­ße Über­set­zung rela­tiv unkom­pli­ziert, aber dann die Bedeu­tung doch schwer zu ver­ste­hen ist. Wört­li­che Über­set­zun­gen las­sen sol­che Stel­len ein­fach ste­hen und der Leser müss­te zu Hilfs­mit­teln grei­fen, um die Stel­le zu ver­ste­hen. Ein durch­schnitt­li­cher Leser wird über sol­che Stel­len hin­weg­le­sen und sie unver­stan­den hin­ter sich las­sen. Die Gute Nach­richt Bibel ver­sucht da dem Leser den Sinn zu erläutern.

Was bedeutet “Reich Gottes”?


Recher­che zur Phra­se βασιλεία τῶν οὐρανῶν

Der Begriff vom “Reich Got­tes” (Grie­chisch: βασιλεία τοῦ θεοῦ) oder des “Him­mel­reichs” (Grie­chisch: βασιλεία τῶν οὐρανῶν) ist nicht ein­fach zu ver­ste­hen. Vie­le neh­men zu Anfang ihres Bibel­stu­di­ums an, dass damit der Him­mel als etwas Zukünf­ti­ges oder Jen­sei­ti­ges gemeint ist. Das macht aber an eini­gen Stel­len kei­nen Sinn wie bei Mk 1,15 “die Zeit ist erfüllt und das Him­mel­reich ist herbeigekommen”.

Das “Reich Got­tes” ist ein ziem­lich kom­pli­zier­tes Kon­zept, das auch heu­te noch beforscht wird. Luther, Men­ge, Schlach­ter, die Zür­cher, Ein­heits­über­set­zung, auch die NGÜ über­set­zen die­se Wen­dung stets mit “Reich Got­tes”. Die Gute Nach­richt nimmt die Her­aus­for­de­rung an, lässt die bis­he­ri­gen Erkennt­nis­se ein­flie­ßen und schält die wahr­schein­lichs­te Bedeu­tung her­aus. Uns­re Ana­ly­se des Mat­thä­us­evan­ge­li­ums hat erge­ben, dass die GNB vier ver­schie­de­ne Über­set­zun­gen wählt und je nach Kon­text ein­setzt, wo Luther “Him­mel­reich” hat. Hier eine Zusam­men­stel­lung und der Ver­gleich zu der Luther­über­set­zung: (Details: Alle Stel­len in Mat­thä­us auf­ge­schlüs­selt nach Über­set­zung)

Über­set­zung Ver­se mit die­ser Übersetzung Über­set­zung GNB Über­set­zung Luther
Got­tes neue Welt 20 Mt.5,3: Freu­en dür­fen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwar­ten – mit Gott wer­den sie leben in sei­ner neu­en Welt. Selig sind, die da geist­lich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Herr­schaft aufrichten 13 Mt 3,2: Ändert euer Leben! Gott wird jetzt sei­ne Herr­schaft auf­rich­ten und sein Werk vollenden! Tut Buße, denn das Him­mel­reich ist nahe herbeigekommen!
Werk voll­endet 3 Mt 25,1: Wenn Gott sein Werk voll­endet, wird es zuge­hen wie in der fol­gen­den Geschich­te: Zehn Braut­jung­fern gin­gen mit ihren Lam­pen hin­aus, dem Bräu­ti­gam ent­ge­gen, um ihn zu empfangen. Dann wird das Him­mel­reich glei­chen zehn Jungfrauen …
Got­tes Herrschaft 2 Mt 21,43: Dar­um sage ich euch: Das Vor­recht, Got­tes Volk unter Got­tes Herr­schaft zu sein, wird euch entzogen. Dar­um sage ich euch: Das Reich Got­tes wird von euch genommen.

Wir ver­mu­ten, dass der durch­schnitt­li­che Luther-Leser die­se Ver­se nicht ganz nach­voll­zie­hen kann. Die meis­ten Chris­ten wis­sen, dass Jesus oft vom “Reich Got­tes” sprach. Aber was er damit genau mein­te, das wis­sen wir nicht so genau. Die Bei­spie­le in der Tabel­le zei­gen, dass es der Guten Nach­richt gelingt, dem Leser die ver­mu­te­te Bedeu­tung zu kommunizieren.

Dabei muss die GNB als freie Über­set­zung die Stel­len inter­pre­tie­ren: Geht es um etwas, was schon da ist oder unmit­tel­bar bevor­steht? Dann über­setzt sie mit “Gott rich­tet sei­ne Herr­schaft auf”. Geht es im Kon­text um etwas Zukünf­ti­ges? Dann wählt sie “Got­tes neue Welt”.

An zwei Stel­len in Mat­thä­us ist die Inter­pre­ta­ti­on etwas über­ra­schend. Eine davon ist Mt.13,44, der Schatz im Acker: Die Über­set­zung der GNB:

Gute Nach­richt Bibel
Die neue Welt Got­tes ist mit einem Schatz zu ver­glei­chen, der in einem Acker ver­gra­ben war: Ein Mensch fand ihn und deck­te ihn schnell wie­der zu. In sei­ner Freu­de ver­kauf­te er alles, was er hat­te, und kauf­te dafür den Acker mit dem Schatz.

GNB über­setzt hier “Him­mel­reich” mit “neue Welt”. Es scheint aber, dass der Schatz in die­ser Geschich­te etwas beschreibt, das schon auf die­ser Welt erreich­bar ist. Als Über­set­zung hät­ten wir daher den Satz so ange­fan­gen: “Wenn Gott sei­ne Herr­schaft auf­rich­tet, ver­hält es sich wie bei bei einem Schatz, der ver­gra­ben war: …”

Bei allen ande­ren Stel­len wirkt die Inter­pre­ta­ti­on gelun­gen, zudem führt die Gute Nach­richt Bibel kon­se­quent in den Fuß­no­ten die wört­li­che Über­set­zung an.

Unser Befund: auf­wen­di­ge aber auch recht sub­jek­ti­ve Lösung. Viel ver­ständ­li­cher als wört­li­che Über­set­zun­gen, recht zuver­läs­sig

Wer sind die Gewalttätigen in Mt 11,12?

Eine schwie­rig zu ver­ste­hen­de Stel­le ist Mat­thä­us 11,12. Hier der Ver­gleich zwi­schen der Guten Nach­richt und der Lutherübersetzung:

Gute Nach­richt Bibel Luther
Als der Täu­fer Johan­nes auf­trat, hat Gott ange­fan­gen, sei­ne Herr­schaft auf­zu­rich­ten; aber bis heu­te stel­len sich ihr Fein­de in den Weg. Sie hin­dern ande­re mit Gewalt dar­an, sich die­ser Herr­schaft zu unterstellen. Aber von den Tagen Johan­nes des Täu­fers bis heu­te lei­det das Him­mel­reich Gewalt, und die Gewalt­tä­ti­gen rei­ßen es an sich.

Die zwei gän­gigs­ten Inter­pre­ta­tio­nen die­ses Ver­ses sind:

  1. Die Gewalt­tä­ti­gen sind die Fein­de des Evan­ge­li­ums. Ver­mut­lich sind damit die Pha­ri­sä­er gemeint: Sie ver­lach­ten Johan­nes (V.18) und nutz­ten ihre Stel­lung in der Gesell­schaft (Gewalt), um ande­ren den Weg ins Reich Got­tes zu versperren.
  2. Die Gewalt­tä­ti­gen sind die, wel­che ins Reich Got­tes kom­men wol­len. Die Pha­ri­sä­er ste­hen vor dem Reich Got­tes und alle, die hin­ein­kom­men wol­len, müs­sen es sich mit Gewalt nehmen.

Bei­de Inter­pre­ta­tio­nen haben ihre Tücken: Sind die Gewalt­tä­ti­gen die Pha­ri­sä­er, wie kön­nen sie das Reich Got­tes an sich rei­ßen? Sind es aber die Gläu­bi­gen, so ist die gewähl­te Spra­che sehr unge­wöhn­lich, denn “Gewalt” wird gewöhn­lich nega­tiv benutzt.

Die meis­ten Aus­le­ger fol­gen Opti­on 1, und so wähl­te auch die Gute Nach­richt Bibel die­se Inter­pre­ta­ti­on. Etwas scha­de ist, dass die alter­na­ti­ve Deu­tung nicht in einer Fuß­no­te erwähnt wird.

Unser Befund: Man hat die exege­ti­sche For­schung berück­sich­tigt, die alter­na­ti­ve Über­set­zung soll­te aber in einer Fuß­no­te erwähnt sein.

Fasten: nur am Karfreitag oder immer freitags? Mk 2,20

Bei Mar­kus 2,20 geht die Fra­ge der Pha­ri­sä­er vor­aus, wie­so denn die Jün­ger nicht regel­mä­ßig fas­ten, so wie es die Pha­ri­sä­er tun. Jesu’ Antwort:

Gute Nach­richt Bibel Luther
Die Zeit kommt früh genug, dass der Bräu­ti­gam ihnen ent­ris­sen wird; dann wer­den sie fas­ten, immer an jenem Tag. Es wird aber die Zeit kom­men, dass der Bräu­ti­gam von ihnen genom­men wird; dann wer­den sie fas­ten, an jenem Tage.

Obwohl die Stel­le eigent­lich gut ver­ständ­lich ist und kei­ne Inter­pre­ta­ti­on erfor­dert, inter­pre­tiert die GNB das christ­li­che Kart­frei­tags­fas­ten in Jesu Aus­sa­ge hin­ein: Das “immer” ist ein Zusatz, wel­che im grie­chi­schen Ori­gi­nal nicht ent­hal­ten ist. Wir den­ken, der Hin­ter­grund war, dass man ange­nom­men hat, dass der Text hier die Fas­ten­tra­di­ti­on hier schon ent­hält. Das ist nicht undenk­bar, aber auf­grund der Text­grund­la­ge doch etwas weit her­ge­holt. Immer­hin fügt die Gute Nach­richt Bibel fol­gen­de Fuß­no­te ein:

Immer ist ver­deut­li­chen­der Zusatz. Gedacht ist wahr­schein­lich an ein regel­mä­ßi­ges Fas­ten am Kar­frei­tag oder wöchent­lich jeweils am Frei­tag als dem Todes­tag von Jesus.

Unser Befund die­ses Ver­ses: Etwas weit her­ge­holt, in der Fuß­no­te wird erwähnt, dass der Zusatz nicht im Ori­gi­nal ent­hal­ten ist.

Was bedeutet “ihnen zum Zeugnis” in Mk 1,44?

In Mar­kus 1,44 wird ein Aus­sät­zi­ger von Jesus geheilt, Jesus ver­bie­tet ihm aber, ande­ren davon zu erzäh­len. Statt­des­sen soll er zum Pries­ter gehen und das gefor­der­te Opfer dar­brin­gen, “ihnen zum Zeug­nis”. Die zwei gän­gi­gen Inter­pre­ta­tio­nen die­ser Phrase:

  1. Jesus woll­te den Pries­tern vor Augen füh­ren, dass die­ser Mann durch ihn geheilt wur­de, sodass sie zum Glau­ben an ihn kom­men (Pesch 1976)
  2. Jesus wuss­te, die Leu­te wür­den dem Mann nicht glau­ben, und woll­te daher, dass die Pries­ter die Hei­lung durch die Annah­me des Opfers attes­tie­ren, als “öffent­li­cher Beweis” (Fran­ce 2002)

Die GNB wählt eine drit­te Inter­pre­ta­ti­on: “ihnen zum Zeug­nis” kann auch mit “gegen sie zum Zeug­nis” über­setzt wer­den (so über­setzt auch die Ein­heits­über­set­zung). Wählt man die­se Opti­on, dann bezieht sich “gegen” ver­mut­lich auf etwas, was die Pha­ri­sä­er Jesus vor­ge­wor­fen haben, und zwar ver­mut­lich auf ihren Vor­wurf, er wür­de das mosai­sche Gesetz mit den Füs­sen tre­ten. Daher über­setzt die GNB so: “Die Ver­ant­wort­li­chen sol­len wis­sen, dass ich das Gesetz ernst neh­me”. Im Ver­gleich die Luther-Übersetzung:

Gute Nach­richt Bibel Luther
Sag ja nie­mand ein Wort davon, son­dern geh zum Pries­ter, lass dir dei­ne Hei­lung bestä­ti­gen und bring die Opfer, die Mose zur Wie­der­her­stel­lung der Rein­heit vor­ge­schrie­ben hat. Die Ver­ant­wort­li­chen sol­len wis­sen, dass ich das Gesetz ernst neh­me. Sieh zu, dass du nie­man­dem etwas sagst; son­dern geh hin und zei­ge dich dem Pries­ter und opfe­re für dei­ne Rei­ni­gung, was Mose gebo­ten hat, ihnen zum Zeug­nis.

Die GNB fügt fol­gen­de Fuß­no­te an:

Wört­lich: ihnen zur Bezeu­gung. Wer von Aus­satz gene­sen war, muss­te dies zunächst vom Pries­ter bestä­ti­gen las­sen (so ver­deut­licht die Über­set­zung; wört­lich nur ‚son­dern geh hin, zei­ge dich dem Pries­ter‘). »Rein« wur­de die geheil­te Per­son erst danach durch die ver­schie­de­nen Riten und Opfer, die in Lev. 14,1–32 beschrie­ben sind.

Unser Befund die­ses Ver­ses: Um ver­ständ­lich zu sein, hät­te die GNB hier nicht so frei über­set­zen müssen.

War Jesu’ innerlicher Seufzer in Mk 8,12 hörbar?

Mar­kus 8,12 ist tat­säch­lich schwer zu ver­ste­hen: Die Pha­ri­sä­er for­dern ein Zei­chen von Jesus, aber er ver­wehrt es ihnen. Dar­auf heißt es:

Gute Nach­richt Bibel Luther
Jesus stöhn­te und sag­te: »Wie­so ver­langt die­se Genera­ti­on einen Beweis? Und er seufz­te in sei­nem Geist und sprach: Was for­dert doch die­ses Geschlecht ein Zeichen?

In sei­nem Geist” (Grie­chisch: τῷ πνεύματι) heißt gewöhn­lich „inner­lich“ und könn­te bedeu­ten, dass der Seuf­zer ein stum­mer blieb (so z. B. Fran­ce, 312; NSS). Die Logik spricht jedoch eher für ein hör­ba­res Stöh­nen. Einen inner­li­chen Seuf­zer (den ja nur Jesus selbst mit­be­kom­men haben kann) müss­te man ja auf die leb­haf­te Fan­ta­sie des Evan­ge­lis­ten zurück­füh­ren! Aus lin­gu­is­ti­scher Sicht stellt sich die Fra­ge, war­um er eine unhör­ba­re Gemüts­er­re­gung mit einem Wort beschrei­ben soll­te, das sich auf einen hör­ba­ren Laut bezieht. Die Ein­heits­über­set­zung und die NGÜ über­set­zen „seufz­te tief”, die GNB lässt „in sei­nem Geist“ ganz weg und macht aus dem schwer zu deu­ten­den ”inner­li­chen Stöh­nen” ein Äußer­li­ches. Die­se Ent­schei­dung ist gut nachvollziehbar.

Unser Befund: Ist ver­ständ­lich und gibt die wahr­schein­lichs­te Bedeu­tung wieder.

Fazit

Die Gute Nach­richt Bibel ist für eine freie Über­set­zung recht genau. Bei unse­rem Test haben wir vor allem dar­auf geach­tet, wie die GNB mit ein­zel­nen schwer zu über­set­zen­den Wör­tern oder schwie­rig zu deu­ten­den For­mu­lie­run­gen umgeht. Die bespro­che­nen Stel­len sind daher auch nicht reprä­sen­ta­tiv für die gesam­te Über­set­zung. Von die­sen schwie­ri­gen Stel­len abge­se­hen wirkt die GNB von ihrer Art her sehr ver­traut und fühlt sich unter den deut­schen Bibel­über­set­zun­gen nicht wie ein Fremd­kör­per an.

Unser Fazit:

  1. Die Wie­der­ga­be des Urtexts in moder­nem Deutsch unter Ver­mei­dung christ­li­chen Voka­bu­lars ist sehr gelun­gen. Eini­ge Para­phra­sen (“Salz des Königs­hofs essen” wird zu “dem König Treue schwö­ren”) geben den Sinn des Urtexts bes­ser wie­der als wört­li­che Übersetzungen.
  2. Wo die GNB mit Inter­pre­ta­tio­nen arbei­tet, sind sie meist gut und beru­hen offen­sicht­lich auf soli­der Exege­se. An zwei Stel­len (die Fra­ge des Fas­tens und die Inter­pre­ta­ti­on von “ihnen zum Zeug­nis”) hät­ten wir selbst wohl anders übersetzt.

Wir emp­feh­len daher, theo­lo­gi­sche Erkennt­nis­se aus der GNB mit­hil­fe wört­li­chen Über­set­zun­gen zu prü­fen. Auch beim Lesen in wört­li­chen Über­set­zun­gen emp­fiehlt es sich nie, theo­lo­gi­sche Erkennt­nis­se auf nur einen Vers abzu­stüt­zen, son­dern es soll­ten noch ande­re Ver­se und auch Kom­men­ta­re zur Hand genom­men werden.

Da 25% der deutsch­spra­chi­gen Erwach­se­nen nur freie Bibel­über­set­zun­gen lesen kön­nen, hof­fen wir sehr, dass nie­mand aus einer Angst her­aus vor frei­en Über­set­zun­gen abra­tet. Wir kön­nen die Gute Nach­richt Bibel sehr zum Lesen emp­feh­len, einer­seits für Wenig-Leser, aber auch für sol­che, wel­che sich in der Bibel schon gut aus­ken­nen, aber unwis­send über eini­ge Stel­len hin­weg­ge­le­sen haben. Es kann gut sein, dass die­se mit­hil­fe der GNB zum ers­ten Mal ver­stan­den werden.

Die­ser Arti­kel ist der letz­te einer vier­tei­li­gen Rei­he über die Gute Nach­richt Bibel, die ande­re Tei­le waren diese:

  1. Wie­so freie Bibel­über­set­zun­gen belä­chelt wer­den, und was dar­an falsch ist.
  2. Wie es zur ers­ten frei­en deut­schen Über­set­zung kam – eine erstaun­li­che Geschichte.
  3. «Es ging dar­um, den ers­ten küh­nen Wurf zu bän­di­gen» – Inter­view mit Dr. Rolf Schä­fer über die Revi­si­on der Guten Nach­richt Bibel

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Über die Autoren:

Ben­ja­min Mis­ja ist Theo­lo­ge und deut­scher Pro­dukt­spe­zia­list bei Faith­li­fe. Pri­vat bloggt er auf http://​biblio​-blog​.de.

Das Wort Got­tes nicht nur lesen, son­dern auch bewun­dern. Das ver­sucht Phil­ipp Kel­ler selbst zu tun, und ande­re dazu zu moti­vie­ren. Er ist Wor­s­hip-Lei­ter und bloggt pri­vat. Auf Twit­ter ist er erreich­bar unter @philippkellr

Philipp Keller

Über den Autor

Das Wort Gottes nicht nur lesen, sondern auch bewundern. Das versucht Philipp selbst zu tun und andere dazu zu motivieren. Er ist Worship-Leiter und bloggt privat. Auf Twitter ist er erreichbar unter @philippkellr

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  1. Die „Gute Nach­richt Bibel in heu­ti­gem Deutsch” war mei­ne ers­te Bibel. Eine klei­ne grü­ne Taschen­aus­ga­be. Es folg­ten grö­ße­re Aus­ga­ben wie die Zür­cher und die Luther. Nun nahm ich sie wie­der Mal zur Hand, schlug Dani­el 8,13 auf und stau­ne „Bau­klöt­ze”, weil die­se Stel­le, so dar­ge­legt, den Grund­stein des adven­tis­ti­schen Glau­bens­ge­bäu­des hinwegfegt.

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